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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seit du fort bist ...
Eingestellt am 06. 10. 2002 20:36


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Katjuscha
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Registriert: Mar 2002

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Lieber Papa,
seit du fort bist, ist nichts mehr so wie es einmal war. Sogar der Himmel scheint in einem anderen Blau als vorher. Er ist eher abwaschwasserfarben. Seit Du fort bist, h├Ârt man hier nur noch ged├Ąmpfte Stimmen. Mama hat Ringe unter den Augen und Michi sitzt schon seit Stunden in seinem Zimmer und zerkratzt mit seinen Stiften die Schreibtischplatte. Niemand will glauben, was passiert ist. Michi fragt immer wieder: „Stimmt’s er ist nur auf Dienstreise und kommt bald wieder, stimmt’s!“ Am liebsten w├╝rde ich dann nicken, aber ich kann es nicht.
Die einzige, die hier zu leben scheint, ist Oma. Vorhin war sie einkaufen, damit wieder etwas im K├╝hlschrank ist, aber wir haben sowieso keinen gro├čen Hunger. Es ist so still in der Wohnung, dass ich Angst habe. Dann laufe ich zu Mama ins Wohnzimmer und setze mich neben sie, damit ich sie atmen h├Âren kann. Allein sein ist schrecklich.
Gestern Nacht hat Michi wieder geschrien. Ich habe ihn getr├Âstet und wir sind zu Mama gegangen und haben uns zu ihr ins Bett gelegt. Zu dritt haben wir es geschafft, wenigstens ein paar Stunden zu schlafen.
Am schlimmsten ist es morgens, wenn ich aufwache. Dann vergesse ich einige Sekunden, was passiert ist. Um so schlimmer wird es dann, wenn mir wieder bewusst wird, dass du nie wieder kommen wirst. Vor allem Michi hat es schwer. Er stellt noch immer jeden Morgen vier Teller auf den Tisch. Dann ├╝berlegt er und meint: „Wir lassen den Teller lieber stehen, vielleicht kommt Papa ja noch.“ Da m├╝ssen wir dann wieder weinen und keiner hat mehr Appetit.
Heute morgen kam Michi in mein Zimmer gest├╝rzt und schrie: „Papa ist da, Papa ist da! Das Auto steht unten!“ Ich rannte zum Fenster, vielleicht hatte ich das alles nur getr├Ąumt und du st├Ąndest jetzt wirklich da unten und winktest uns fr├Âhlich zu. Aber es war nur das Auto von Herrn Paschulke von gegen├╝ber. Wei├čt du, der, der dir immer den Parkplatz wegnimmt.
Vorhin musste ich kurz ├╝ber einen Witz im Radio lachen, aber ich bekam gleich einen Schreck und f├╝hlte mich schuldig. Doch wahrscheinlich willst du gar nicht, dass wir traurig sind. Doch es ist so schwer an etwas anderes zu denken.
Oma hat gesagt, dass sie Michi f├╝r ein paar Tage mit zu sich nehmen will, damit er aus der Traurigkeit herauskommt. Aber er wollte lieber bei Mama und mir bleiben, obwohl er sonst so gern zu Oma geht. Oma ist stark. Sie ist auch traurig, aber sie lebt weiter. Wenn Oma da ist, f├╝hle ich ihre St├Ąrke und wei├č, da├č es weiter gehen muss.
Manchmal will ich schreien und alles zerschlagen, weil ich so w├╝tend bin, weil ich Angst habe, weil ich traurig bin, weil du fort bist. Oma gibt mir dann ein Kissen und sagt, ich solle da so lange hineinbr├╝llen wie ich m├Âchte. Wenn ich dann nicht mehr kann, falle ich schlapp auf mein Bett und muss wieder weinen, aber ich f├╝hle mich besser danach. Eigentlich kann man es gar nicht mehr weinen nennen, denn meine Tr├Ąnen sind l├Ąngst verbraucht.
Vorhin war Suse da. Wir haben gemeinsam geweint. Sie ist meine beste Freundin. Wir haben zusammen mit Mama und Michi Canaster gespielt. Michi konnte sich sogar ein wenig freuen, weil er gewonnen hat. Ein bisschen war es dann wie fr├╝her. Wir waren Suse sehr dankbar f├╝r den Abend. Morgen nach der Schule m├Âchte sie wieder kommen.
In die Schule kann ich noch nicht gehen. Michi hat gesagt, er wolle erst wieder in den Kindergarten gehen, wenn du wieder kommst. Mama hat ihn angeschrien bis wir alle wieder weinen mussten. Dann hassen wir gemeinsam den betrunkenen Kerl, der daran schuld ist, da├č du von deiner Dienstreise nicht mehr zur├╝ck gekommen bist. Ich m├Âchte gar nicht wissen, wer er ist. Er hat den Unfall ├╝berlebt. Daf├╝r hasse ich ihn. Doch wahrscheinlich ist es b├Âse, so zu denken, denn auch er hat bestimmt eine Familie, die froh ist, dass nicht er derjenige ist, der die Br├╝cke hinunter gest├╝rzt ist. Wir hassen die Br├╝cke. Wenn die nicht gewesen w├Ąre, w├Ąrst du vielleicht noch bei uns. Ich hasse dieses „was w├Ąre, wenn ...“. Ich will, dass du zur├╝ck kommst, weil wir dich so wahnsinnig vermissen, aber man kann die Zeit nicht zur├╝ckstellen. Mir ist bewusst geworden, dass das Leben auch ohne dich weiter gehen muss. Was bleibt ist eine Erinnerung.

In Liebe, deine Tina!

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Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist wirklich ein Mensch. (Erich K├Ąstner)

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