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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Sektor Z
Eingestellt am 25. 10. 2015 13:42


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CPMan
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SEKTOR Z

Ich war siebzehn, es war ein warmer Vorsommertag in BrĂŒssel, und ich trug meine neue, neonfarbene Sommerjacke. Neonfarbene Sommerjacken waren damals sehr in Mode, aber das ist eigentlich bedeutungslos. Es ist bedeutungslos, weil ich mit meiner Neonjacke eingekeilt war in einem Pulk von Menschen, die auf mich einzudrĂ€ngen schienen. Obwohl ich genau weiß, dass ich mich kaum vom Fleck rĂŒhrte, spĂŒrte ich eine unheimliche Bewegung, die meinen Körper durchströmte. So, glaubte ich, muss sich ElektrizitĂ€t anfĂŒhlen. Dieses unsichtbare Erlebnis von Kraft, die auf einen einwirkt, und die einen lĂ€hmt, dergestalt, dass man ihr willenlos ausgeliefert ist. Dergestalt, dass sie die Körperfunktionen einschrĂ€nkt. Durch die Kraft, die auf mich einwirkte, konnte ich nicht wirklich sehen, nicht wirklich fĂŒhlen, nicht wirklich sprechen, nicht einmal wirklich denken. Ich habe eine vage Erinnerung an den Stoff der Jacken, Pullover und T-Shirts, die mir im Gesicht hingen. Ich habe eine vage Erinnerung an den Körperschweiß der Massen, die auf mich eindrĂ€ngten. Ich muss diesen Schweiß unwillkĂŒrlich eingesogen haben, und ich glaube, dass der Geruch von diesem Schweiß mit das Nachhaltigste ist, was ich von diesem Tag noch weiß. Denn an das Geschrei, das ich auf der Videoaufzeichnung zu hören bekam, kann ich mich nicht erinnern. Auch nicht an den berstenden Knall der Mauer, die plötzlich einstĂŒrzte. Nein, daran habe ich keine Erinnerung. Ich habe eine Erinnerung an das GefĂŒhl, das die auf mich eindringenden Massen erzeugten, eine Erinnerung an meine Arme und Ellenbogen, wie sie versuchten, die fleischlichen Körper von mir weg zu drĂ€ngen, und eine Erinnerung an den Moment, als mir der Boden unter den FĂŒĂŸen weg gerissen wurde. Aber ich habe keine Erinnerung an die GerĂ€uschkulisse, die die mich zerquetschenden Massen erzeugten. FĂŒr mich ist und bleibt die ganze Erfahrung nur ein Sammelsurium verschiedener Bilder. Bilder ohne Ton. Leise, fast in aller Stille, wurde ich zermahlen.

Mein Vater hatte mich eingeladen. Seit er sich von meiner Mutter getrennt hatte, unternahmen wir immer seltener etwas zusammen, und einzig und allein unsere gemeinsame Leidenschaft, Fußball, vermochte uns noch aneinander zu binden. Und so sahen wir uns manchmal die Spiele vom FC BrĂŒssel an, doch eigentlich mit keiner ĂŒbermĂ€ĂŸigen Begeisterung, denn wir beide wussten, dass Belgien nicht die Fußballnation schlechthin war. Die belgischen Vereine (bis auf den R. AEC Mons natĂŒrlich) spielten anstĂ€ndigen Fußball, aber wer sich fĂŒr Fußball interessiert, und einmal live mitbekommen hatte, mit welch spielerischer Raffinesse die europĂ€ischen Spitzenvereine spielen, der konnte fĂŒr die belgischen Topvereine nur ein mĂŒdes LĂ€cheln ĂŒbrig haben. Gott sei Dank jedoch war das BrĂŒsseler Heysel Stadion des Öfteren Austragungsort fĂŒr internationale Turniere, und in jenem Jahr, 1985, fanden in BrĂŒssel einige Spiele fĂŒr den Europacup der Landesmeister statt. Vier Wochen vor dem Finale, bei dem der Juventus Turin gegen den FC Liverpool antreten sollte, rief mein Vater mich also an, und erzĂ€hlte mir, nicht ohne Stolz, dass er Karten fĂŒr das Spiel gĂŒnstig bekommen hĂ€tte. Ich weiß noch, dass ich fast einen Luftsprung gemacht hĂ€tte, allerdings weniger angesichts der Tatsache, dass ich bald wieder etwas mit meinem leiblichen Vater unternehmen wĂŒrde, als vielmehr deswegen, weil ich ein Fußballspiel der besten Sorte zu sehen bekommen wĂŒrde.

Ich fieberte in der Zeit danach dem Spiel entgegen. In meiner Klasse erzĂ€hlte ich den Kumpels von den Karten fĂŒr das Spiel am 29. Mai. Ich prahlte mit den Karten, erzĂ€hlte von meiner Fußballbegeisterung und tauschte mich mit denen, die auch Fußballfans waren, darĂŒber aus, welcher Verein der Beste der Welt sei, und wer wohl im nĂ€chsten Jahr in Mexiko die Weltmeisterschaft gewinnen wĂŒrde. Ich lehnte mich ein bisschen weit aus dem Fenster, als ich behauptete, dass Hugo SĂĄnchez von Real Madrid aufgrund seiner TorgefĂ€hrlichkeit sein mexikanisches Heimatland ganz allein zum Sieg fĂŒhren könnte. Ich glaubte, der Heimvorteil in Mexiko wĂŒrde ihn dermaßen anspornen, dass er zu ungeahnten Höhen aufsteigen wĂŒrde.
„Sanchez? Nie im Leben!“, meinte einer meiner Klassenkameraden. „Maradona, der ist so einer, der kann alleine ein Spiel entscheiden, aber Sanchez doch nicht“.
Wir diskutierten eine Weile hin und her, ein anderer Klassenkamerad warf Gary Lineker in die Diskussion, von dem ich bis dahin noch nicht viel gehört hatte, und schließlich kamen wir alle zu dem Schluss, dass die Weltmeisterschaft im folgenden Jahr auf jeden Fall ein sehr spannendes Turnier werden wĂŒrde. Als ich von der Schule nach Hause lief, fiel mir ein, dass niemand einen anderen heißen Favoriten fĂŒr die Weltmeisterschaft erwĂ€hnt hatte. Immerhin hatte diese Spitzenmannschaft es in Spanien 1982 bis ins Finale geschafft, und war nur den starken Italienern unterlegen gewesen.

Es kam der 29. Mai. Mein Vater holte mich zuhause ab. Er sprach fĂŒr ein paar Minuten mit meiner Mutter, mein Stiefvater war nicht da, dann kam er zu mir ins Zimmer. Ich begrĂŒĂŸte ihn per Handschlag, eine Geste, die wohl als Zeichen unserer zunehmenden Entfremdung gedeutet werden könnte, und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Ich hatte meine Hausaufgaben noch nicht ganz fertig, fĂŒr Mathe musste ich noch eine Kurvendiskussion machen, und so setzte sich mein Vater auf die Bettkante. Er nahm meinen Fußball in die Hand, weil er immer gerne etwas in den HĂ€nden hielt (Genau mit diesem Satz hatte meine Mutter damals auch sein Fremdgehen kommentiert), und fing nach einer kurzen, leicht beklemmenden Pause ein wenig zu schwadronieren an.
„Das wird ein tolles Spiel, mein Sohn“, sagte er. „Warst du schon mal im Heysel Stadion?“
Ich nickte.
„NatĂŒrlich! Die AtmosphĂ€re ist großartig da, findest du nicht?“
Ich nickte noch mal.
„Wenn das Stadion ausverkauft ist, passen da fast 70.000 Menschen hinein. 70.000!! Ich meine, das ist eine ganze Kleinstadt, die da auf relativ wenigen Quadratmetern Platz findet. Und wenn die Fans singen, und wenn es dunkel wird, und das Flutlicht eingeschaltet ist, das ist eine richtige Show. Ich habe, warte mal, ja, vor elf Jahren, da war ich gerade 30 geworden, da war ich schon mal beim Finale zum Europapokal der Landesmeister gewesen. Das war `74. Da hat Bayern MĂŒnchen Atletico Madrid einfach vom Platz gefegt. Das hĂ€ttest du sehen mĂŒssen, mein Junge, das war ein Spiel. Ein Kollege von mir hatte mir die Karten zum Dreißigsten geschenkt, und wir sind dann zusammen hingegangen. Die haben toll gespielt, die Bayern. Und dann waren sie fĂŒr drei Jahre unschlagbar. Das hatte vorher nur Real Madrid geschafft. Oder? Warte mal, nein, ich glaube Ajax Amsterdam war auch dreimal hintereinander Sieger. Na ja, ist ja auch egal, die Hauptsache ist, dass wir beiden MĂ€nner heute abend mal unter uns sind! Keine Weiber, nur du und ich! Ist doch toll, oder?“
Ich klappte das Matheheft zu, drehte mich zu meinem Vater um, und nickte etwas abwesend. „Ja, is’ toll“, murmelte ich leise, dann holte ich meine neue Neonjacke aus dem Kleiderschrank. Als ich sie anhatte, fĂŒhlte ich mich wohl, und das eher sinnfreie GeschwĂ€tz meines Vaters machte mir plötzlich nicht mehr so viel aus. Ich lĂ€chelte ihn an, denn immerhin verdankte ich ihm die Einladung zu einem außergewöhnlichen Fußballabend, und nur weil er manchmal einfach so daherlaberte, dachte ich, hatte ich noch keinen Grund auf ihn wĂŒtend zu sein. Ich glaube, ein Hauptgrund, warum ich meinen Vater nicht mochte, war der, dass meine Mutter immer ziemlich schlecht ĂŒber ihn redete. Und die manchmal fast selbsterniedrigende Art, mit der er sich um mich bemĂŒhte, machte die Sache eher schlimmer als besser. Aber, wie gesagt, an diesem Abend nahm ich mir vor, den familiĂ€ren Missmut einfach beiseite zu schieben, und zwei europĂ€ische Spitzenvereine bei einem Finale zu genießen.

Wir fuhren in die Altstadt, und genehmigten uns an diesem sonnigen Tag in einem der EiscafĂ©s unweit des Grand’ Place oder Grote Markt, wie die Flamen sagen, jeder ein Spaghetti Eis. Wir setzten uns nach draußen, unter einen der Sonnenschirme, und schwiegen grĂ¶ĂŸtenteils, wĂ€hrend wir geruhsam das Eis aßen. Ich merkte meinem Vater in solchen Momenten immer an, dass er etwas sagen wollte, offensichtlich, weil er glaubte, durch ein GesprĂ€ch wĂŒrde sich die AtmosphĂ€re zwischen uns etwas auflockern. Aber eigentlich war ich schon zu der Zeit jemand, der Stille auch im Beisammensein mit anderen ganz gut genießen konnte und nicht immer den Zwang verspĂŒrte, großartig Konversation zu betreiben.
„Guck mal!“, sagte mein Vater schließlich, und zeigte mit seinem kleinen Löffel auf eine Gruppe von Fußballfans. Es waren, wie sich an den Trikots unschwer erkennen ließ, Fans von Juventus Turin. Sie hatten lustige StrohhĂŒte auf, waren offensichtlich schon ein wenig angetrunken, und sangen irgendein italienisches Volkslied. Entgegen dem ĂŒblichen Klischee, sahen sie aber nicht wie typische Fußballfans aus, sondern eher wie eine Gruppe fahrender Musikanten, fast so, wie man sich Troubadoure oder MinnesĂ€nger vorstellte. Auch grölten sie das Lied nicht, sondern sangen es in bemĂŒht weichen Tönen, die die Schönheit des Liedes eigentlich recht gut zur Geltung brachten. Einer der Italiener nahm spaßeshalber seinen Hut ab, und legte ihn vor sich und seinen Freunden auf den Boden. Wir und die anderen Leute um uns herum, die ebenfalls Eis aßen, schauten dem Schauspiel belustigt zu. Zwei Tische weiter von uns saß eine Gruppe von englischen Fußballfans, die ebenfalls ganz vergnĂŒgt auf die Italiener starrten. Ein EnglĂ€nder aus der Gruppe stand auf, ging zu den Italienern und warf ihnen im gespielten Großmut ein GeldstĂŒck in den Hut. Wahrscheinlich, um kein MissverstĂ€ndnis aufkommen zu lassen, grinste er noch im selben Moment, als das GeldstĂŒck in den Hut fiel, die Italiener entschuldigend an und sagte etwas wie I’m only kidding oder so. Die Italiener, auch ganz friedfertig, lachten ihn ebenfalls an, und zum Zeichen des guten Willens bat der EnglĂ€nder einen am nĂ€chstgelegenen Tisch sitzenden Mann, ein Photo von ihm und den Italienern zu machen. Sie stellten sich zusammen, umarmten einander und lachten erst in die Sonne und dann in die Kamera, die der Mann auf sie richtete. Es machte einmal Klick, dann lösten die Italiener und der EnglĂ€nder sich aus der Umarmung. Der Mann gab dem EnglĂ€nder die Kamera zurĂŒck, der EnglĂ€nder schĂŒttelte jedem der Italiener die Hand und ging dann zurĂŒck an seinen Tisch, zurĂŒck zu seinen Freunden. Sie klopften ihm auf die Schulter, und ironisch meinten sie, dass er jetzt sicher bald den Friedensnobelpreis verliehen bekommen wĂŒrde, weil er sich gegenĂŒber seinen sportlichen Feinden so friedfertig verhalten hatte. Ich musste lachen, weil ich die Idee ziemlich witzig fand. Überhaupt war ich vom britischen Humor sehr angetan, im Englischunterricht guckten wir öfter Folgen von Fawlty Towers, und ich mochte den wĂŒrzigen, satirischen Witz von Basil, dem Hauptdarsteller der Serie.

Gegen achtzehn Uhr machten wir uns dann auf zum Stadion. Wir fuhren etwa zwanzig Minuten. Am Stadion angekommen, fand mein Vater bald einen Parkplatz. Wir stiegen aus und fĂ€delten uns kurz darauf in die immer dichter werdende Masse von Fußballfans ein, die auf die EingĂ€nge zuströmten. In dem GedrĂ€nge trafen wir auf einen Arbeitskollegen meines Vaters. Der erzĂ€hlte uns von einer unschönen Begegnung zwischen einem englischen und italienischen Fan, die sich anscheinend irgendwo in der Innenstadt geprĂŒgelt hatten. Mein Vater meinte, dass es immer ein paar Unverbesserliche gĂ€be, die sich nicht benehmen könnten, und bei dem warmen Wetter kĂŒhlten solche Hitzköpfe natĂŒrlich nicht ab. Der Arbeitskollege lachte aufgrund des eher lauen Wortspiels meines Vaters, und wĂŒnschte uns dann, weil er sich noch etwas zu essen holen wollte, einen schönen Abend.
Bald wurden wir von Ordnern, die uns, wahrscheinlich weil sie uns sofort als Belgier erkannten, auf Französisch ansprachen, in die fĂŒr uns richtige Schlange dirigiert. Ein kleines Aufgebot an Polizisten und Ordnern, die demonstrativ herumstanden, taxierte die englischen und italienischen Fans mit prĂŒfenden Blicken, holte hier und da welche heraus und filzte sie. Wir wurden, wahrscheinlich aufgrund unseres harmlosen und neutralen Aussehens eher durchgewinkt als kontrolliert. Man ließ uns bis zur Kasse passieren, mein Vater zeigte die Tickets, dann warf eine Ordnerin noch einen Blick in meinen Rucksack, sah aber nichts Verbotenes und wĂŒnschte uns ein schönes Fußballspiel. Wir liefen in die Katakomben des Stadions hinein, und suchten nach dem Aufgang zu unserem Sektor, Sektor Z. Ein im Gang stehender Helfer wies uns auf FlĂ€misch in die richtige Richtung, und ein paar Sekunden spĂ€ter stiegen wir die Treppe hinauf, die uns in die Arena fĂŒhrte. Ich weiß noch genau, wie sich mit dem Erklimmen der Treppe StĂŒck fĂŒr StĂŒck die gewaltige Arena vor meinen Augen auftat, dieses riesige, von unzĂ€hligen Stimmen erfĂŒllte, den Atem raubende Oval. Die Flutlichter waren schon eingeschaltet, obwohl es draußen noch hell war, und das gleißende Licht sĂ€ttigte die sich langsam fĂŒllende Arena mit ihrem Strahl bis in die hintersten Ecken des Spielfeldes. Das Meer aus einheimischen und fremden Stimmen wurde immer grĂ¶ĂŸer, einzelne Fanblocks begannen die Lieder ihrer jeweiligen Vereine zu intonieren, und es wĂ€re nicht vermessen, die ganze AtmosphĂ€re im Stadion als elektrisch aufgeladen zu beschreiben.

Man musste auch nicht besonders aufmerksam sein, um das Sicherheitssystem der Ordner, in Bezug auf die Blockverteilung, zu durchschauen. Wenn man sich das Stadion als ein Oval vorstellt, dann war die obere Kurve des Ovals mit italienischen Fans bestĂŒckt, wĂ€hrend der untere Teil des Ovals mit englischen Fans ausgefĂŒllt war. Wir, also die Belgier, saßen jeweils an den Nahtstellen zwischen den englischen und italienischen Fanblocks, also in der Mitte des Ovals. Der Sektor Z, in dem wir saßen, fungierte als Puffer. Wir waren dazu auserkoren, die englischen und italienischen Fans auf Distanz zu halten, andernfalls wĂ€ren die Italiener und EnglĂ€nder nur durch einen dĂŒnnen Maschendrahtzaun voneinander getrennt gewesen.
Mein Vater und ich saßen relativ nahe am rechten Rand des Sektors Z, und so hatten wir eine gute Aussicht auf die englischen Fans im Sektor neben uns. Ich erkannte, dass die englischen Fans zumeist junge MĂ€nner zwischen zwanzig und fĂŒnfundzwanzig waren, die meisten mit kurz geschorenen Haaren und etwas dumpf dreinblickenden Augen. Es gab aber auch Fans, die dem Klischee nicht so sehr entsprachen, die lange Haare hatten und auch noch recht nĂŒchtern wirkten. Aber das Gros bildeten dennoch die bedrohlich wirkenden Bulldoggen, die, eine Dose Bier am Hals, laut herum grölten. Ich war froh ĂŒber den Zaun, der uns von diesen Fans trennte. Ich war froh, dass es einen Zaun gab, der erkennen ließ, dass wir andere Fans waren als die links oder rechts von uns.

Doch von einer Minute auf die andere Ă€nderte sich das alles. WĂ€hrend ich eine Minute zuvor um mich herum nur französisch und flĂ€misch sprechende Menschen bemerkt hatte, waren in der nĂ€chsten Minute plötzlich italienische Stimmen zu hören. Eine Gruppe von etwa zwanzig jungen Italienern stellte sich in unmittelbarer NĂ€he zu uns hin. Eine riesige Flagge von Juventus Turin schwebte plötzlich ĂŒber meinem Kopf, ich witterte den Geruch von Alkohol in der Luft, und ein italienisches Schlachtenlied dröhnte in meinen Ohren. Mehr noch als ich, fĂŒhlten die EnglĂ€nder jenseits des Zauns sich durch die italienischen Fans provoziert, und sehr bald schon schrieen die EnglĂ€nder und die Italiener sich ĂŒber den Zaun wĂŒste Beschimpfungen zu. Wankers riefen die einen, Stronzo die anderen. Dazu noch jede Menge anderer UnflĂ€tigkeiten, die ich nicht zu ĂŒbersetzen wusste. Mein Vater, beunruhigt durch die sich zunehmend aufgeladene Stimmung, zog mich am Ärmel meiner Neonjacke weg, und sein beunruhigtes Gesicht bedeutete mir, mich seinem Willen zu fĂŒgen. Auch ein paar der anderen Belgier versuchten sich durch die immer dichter beieinander stehenden Menschen zu drĂ€ngen, um einen luftigeren und weniger turbulenten Platz zu finden. Allerdings verstĂ€rkten wir mit unserem BemĂŒhen, aus der Gefahrenzone zu gehen, noch das GedrĂ€nge und Geschubse, das ohnehin schon im ganzen Sektor vonstatten ging. Ich merkte, dass manche der im GedrĂ€nge stehenden MĂ€nner mir absichtlich den Ellenbogen ins Gesicht drĂŒckten, um ihrem Missmut, den meine Suche nach einem besseren Platz bei ihnen auslöste, zum Ausdruck zu verhelfen. Mehr und mehr begann ich mich wie ein Spielball zu fĂŒhlen, der nichts weiter tun konnte, als sich den Strömungen auszuliefern, die in dem GedrĂ€nge herrschten. Die Bewegungen meiner Beine und Arme wussten den Bewegungen, die durch die Masse ausgelöst wurden, nichts entgegenzusetzen. Mehr und mehr begann ich in der Masse dahin zu treiben, und der einzige Kontakt zu meinem Vater bestand in der Hand, die meine fest umschlossen hielt, zu der aber kein Körper und schon gar kein Gesicht mehr gehörte. Ich sah die Hand meines Vaters, die zwischen den Leibern der Fans hervorlugte, und meine Hand hielt. Meinen Vater aber sah ich nicht.

UngefĂ€hr zu diesem Zeitpunkt mĂŒssen auch die Hundertschaften an Hooligans, die sich draußen vor den Zugangskontrollen dazu entschlossen hatten, einen Sturm auf das Stadion zu wagen, losgerannt sein. Sie hatten den Sektor Z als den am wenigsten bewachten Zugang erkannt, sich dann mehr oder weniger zusammengerottet, und waren mit kriegsĂ€hnlichem Geschrei einfach in die Arena gerannt. NatĂŒrlich war dies als Lausbubenstreich intendiert, denn die Hooligans draußen konnten ja nicht ahnen, wie eng es drinnen schon war. Und auch ich wusste im Stadion nichts von den Ereignissen, die sich draußen zutrugen. Ich hatte schon lĂ€ngst den Überblick verloren, und reagierte nur noch grobmotorisch auf die Reize, die mein Körper empfing. Jetzt, wo ich mich zu erinnern versuche, meine ich doch, mich an einen gewaltigen LĂ€rm erinnern zu können, der von links, aus der Richtung der EingĂ€nge, kam. Jedenfalls spĂŒrte ich eine große Druckwelle aus dieser Richtung auf meinen Körper einwirken. Wirklich wie in einem gewaltigen Sturm wurde ich fortgeschwemmt, so stark, dass ich die Hand meines Vaters loslassen musste. Es gab nicht einmal einen eigentlichen Zusammenstoß von Massen, es gab nur dieses DrĂ€ngen, DrĂŒcken und Schlagen. PanikerfĂŒllte Gesichter starrten mich an, und ein unerbittlicher Kampf um Quadratzentimeter setzte ein. Ich selbst konnte nichts tun. Ich konnte mich nur treiben lassen, in der Hoffnung, nicht in der Menge zu ertrinken.
Die anfĂ€ngliche Reaktion auf die Angst vor der Implosion ließ sehr bald nach. Ich fand mich versetzt in einen Zustand, der stĂ€ndig zwischen adrenaliner Panik und selbstmörderischer GleichgĂŒltigkeit hin- und her lavierte. In der Masse eingequetscht, erkannte ich meine Machtlosigkeit, und wĂ€hrend die eine HĂ€lfte meines Gehirns mich dazu antrieb, ums Überleben zu kĂ€mpfen, bat mich die andere HĂ€lfte darum, mich in mein Schicksal zu ergeben, und geschehen zu lassen. Aber irgendwann schaltete sich aufgrund des immensen Drucks mein Denken ganz aus, und ich war nur noch ein StĂŒck Treibholz, mit dem das Meer der Menschen sein lustiges Spiel trieb. Einen eigenen Willen hatte ich nicht mehr, denn der eigene Wille ist in der Masse zur totalen Bedeutungslosigkeit verdammt. Ich fĂŒhlte nicht mehr wie ein selbstĂ€ndiger Mensch, sondern wie ein chemisches Element, das gerade eine Verbindung eingeht, in der es seinen ursprĂŒnglichen Charakter fĂŒr immer und ewig einbĂŒĂŸt. Ich war von Fleisch umzingelt, dass nur noch Fleisch war. Ich war von Fleisch umzingelt, dass den niederen animalischen Instinkten gehorchte, von Fleisch, das Fleisch war, und nicht Mensch. Ich erkannte keine HĂ€nde, Arme, Gesichter, HĂ€lse, keine Gliedmaßen mehr. Da war nur noch diese Masse aus Fleisch, die mich wie ein Berg aus Knete ĂŒberkam, und mich aufzunehmen versuchte.

Das GefĂŒhl, das man als Mensch in der Masse hat, ist ein sehr grauenvolles. Auch jetzt, wenn ich an die Zeit denke, wĂ€hrend der ich in dieser Masse im Heysel Stadion steckte, dann wird mir dieses GefĂŒhl wieder bewusst. Es kommt wieder hoch, und es lĂ€sst mich manchmal noch fast ohnmĂ€chtig werden. Dieses GefĂŒhl der Bedeutungslosigkeit, womit nicht nur die Bedeutungslosigkeit der Dinge, die man tut, sondern auch die Bedeutungslosigkeit meiner gesamten Existenz gemeint ist. Dieses niedere Wesen, das ich im Heysel Stadion war, reagierte nur noch auf Impulse. Dieses Wesen dachte nicht mehr rational nach, sondern kannte nur noch die Logik eines Pawlowschen Hundes. Wenn man mich schubste, wich ich zurĂŒck, wenn der Druck von rechts kam, wich ich nach links aus, und wenn mein Arm zwischen zwei Körpern eingeklemmt war, dann versuchte ich ihn zu befreien. Das Problem einer solchen Logik ist nur, dass sie genau das falsche Verhalten auslöst. Denn wenn man es einmal recht bedenkt, dann hĂ€tten alle Menschen im Stadion gut daran getan, nicht zu drĂ€ngen. Wenn alle MĂ€nner im Stadion auf ein Signal hin plötzlich stehen geblieben wĂ€ren, dann, und davon bin ich fest ĂŒberzeugt, hĂ€tte es keine Toten gegeben. Stellen sie sich das so vor: In einen Raum mit einem Schachbrettmuster passen genau vierundsechzig Menschen. Wenn alle Personen in diesem Raum still und stumm auf ihrem Feld verharren, dann passiert nichts. Wenn aber eine Flanke des Raums plötzlich beginnt, die anderen Menschen zu schubsen, dann entlĂ€dt sich die ganze Energie des Schubsens dominoartig auf alle vierundsechzig Personen im Raum. Plötzlich wird den an den WĂ€nden stehenden Personen die Macht der anderen Personen, die sie gegen die WĂ€nde drĂŒcken, bewusst, und genau in diesem Moment setzt der Verstand aus, und die Panik setzt ein. Durch die Bewegung entsteht eine Massenpanik, und die Massenpanik mĂŒndet zweifellos in den Tod einzelner Menschen. Im Grunde reagierten wir im Heysel Stadion genauso intelligent wie ein Schaf, das man in die Ecke drĂ€ngt. Wir versuchten verzweifelt auszubrechen, und wir sahen weder links noch rechts von uns. Wir wollten nur fliehen, und die Unmöglichkeit der Flucht verstĂ€rkte diesen Willen zur Flucht nur noch. Wir bekamen auf einmal Angst vor dem Tod, und gerade diese Angst vor dem Tod trieb uns in ihn hinein. Wer kann, ganz ernsthaft, wer kann nach einer solchen Begebenheit wie der Begebenheit im Heysel Stadion am 29. Mai 1985 noch aufrichtig behaupten, der Mensch sei eine höhere Spezies, eine den Tieren erhabene Art, die aufgrund ihrer Logik Dinge vollbringt, zu denen Tiere nicht fĂ€hig sind. Wer kann das behaupten, ernsthaft behaupten, nachdem er die Videoaufzeichnung gesehen hat. Wer kann dieser dumpfen, blinden einfĂ€ltigen Masse, die sich selbst zu Tode quetscht, noch einen Funken Verstand zusprechen. Ich kann es nicht.

Der Moment, in dem ich den Boden unter den FĂŒĂŸen verlor, ging mit einem gewaltigen Knall einher. Ich selbst habe keine Erinnerung an diesen berstenden Knall, ich erinnere mich nur noch an das GefĂŒhl des Fallens. Eine der Mauern, die unser Gewicht tragen sollte, stĂŒrzte ein. Das massive Gewicht der gewaltigen Masse ließ die Stahlstreben, die in die Mauer eingearbeitet waren, wie Streichhölzer zusammenknicken. Das Podium, auf dem wir standen, knickte ein und verwandelte sich in eine ĂŒberdimensionale Rutsche. Wir purzelten hinunter, aufeinander, und mit dem Gewicht unser fallenden Körper erschlugen wir die Körper unter uns. Die sich horizontal drĂ€ngende Masse war vertikal in einen Abgrund gefallen, und in steilem Fall stĂŒrzten Menschen auf Menschen. Ich meine mich zu erinnern, wie mein Fall von etwas Fleischigem abgebremst wurde, etwas leblos Fleischigem. Im Grunde spĂŒrte ich keinen harten Aufprall, sondern nur den weichen, abgebremsten Fall. Und wenn ich es genau bedenke, dann rettete mir dieser Sturz auf die schon zum Tode verdammten Körper das Leben. Durch einen Wink des Schicksals hatte ich Oberwasser im Meer der Menschen. Ich trieb oben an der OberflĂ€che, und so konnte ich Luft holen, doch die unter mir treibenden Massen erstickten qualvoll. Ebenso der unter mir treibende Vater.
Mit dem EinstĂŒrzen der Mauer endete die Tragödie. Das, was nachgeben konnte, hatte nachgegeben, und uns ĂŒber die weiteren FlĂ€chen ausgespĂŒlt. Wie bei einem Dammbruch waren wir in die angrenzenden Fanblöcke gespĂŒlt worden, und da lagen wir dann. Ich hatte unterwegs das Bewusstsein verloren, und so hörte ich die herannahenden Sirenen der Ambulanzen und Polizeiwagen nicht. Ebenso wenig hörte ich das Ächzen und Stöhnen, das Wehklagen der Masse, die ĂŒberlebt hatte. Auch das Geschrei der Italiener, die in der Masse umher krochen, und auf der Suche nach ihren Freunden, BrĂŒdern und VĂ€tern auf leblose Leiber stießen, hörte ich nicht. Ich hatte kein Gehör fĂŒr die Menschen, die in den anderen Fanblöcken fassungslos mit ansehen mussten, wie sich unser Sektor in einen Kriegsschauplatz verwandelte. Ich hatte keine Ahnung von den Spielern, die in der Umkleidekabine Wind von den Ereignissen im Sektor Z bekommen hatten, oder von dem FIAT Chef Agnelli, der in einer schicken Limousine vor die Arena gefahren kam, und wieder abfuhr, als er hörte, dass es Tote gegeben hatte. Ich war von meinem Platz im Sektor Z in die Ohnmacht gefallen, ich war mitten in die Vorhölle gefallen, in das Fegefeuer der Ohnmacht, und ich erwachte erst sieben Stunden spĂ€ter in einem mit weißen Laken bespannten Bett im BrĂŒsseler Krankenhaus. Ich war innerhalb weniger Stunden von einem unbekĂŒmmerten Leben in ein Leben aus Angst, Depression und traumatischen ZustĂ€nden gefallen. Und selbst jetzt, zehn Jahre nach der Tragödie, arbeite ich noch an der Aufgabe, in einen Raum zu gehen, in dem sich mehrere Menschen versammeln.

In der Zeit, in der ich ins Krankenhaus gefahren wurde, erkannten die Verantwortlichen mehr und mehr das Ausmaß der ganzen Tragödie. Neununddreißig leblose Körper, die zwischen leeren Bierdosen, umgefallenen Gittersperren, zerfetzten T-Shirts, herumliegenden Hemden und wild umherflatternden Stadionzeitungen verstreut lagen, mussten mit einem weißen Tuch bedeckt werden. Vierhundert weitere Verletzte lagen mit SchĂŒrfwunden, Prellungen, Platzwunden und GehirnerschĂŒtterungen auf den kaputten Teilen der Mauer. Manche hatten sich bis zum Rasen geschleppt und waren dort mit inneren Blutungen zusammengebrochen. Die herbeieilenden Helfer, die orientierungslos umhersuchenden Ordner und nicht wenige Journalisten suchten nach den Schwerverletzten, die einen, um zu helfen, die anderen, um zu sehen und zu fotografieren. Der englische Sportkommentator Jerry Toben gab inmitten des TrĂŒmmerfeldes ein Interview. Er sagte, dass er unmittelbar nach den Ereignissen runter gegangen wĂ€re, und gesehen habe, wie junge Menschen – ganz junge Menschen – hinausgetragen wurden. Er hĂ€tte sich zuerst kein Bild von der Lage machen können, dann aber habe er gesehen, wie ein SanitĂ€ter ein weißes Laken ĂŒber einen etwa vierzigjĂ€hrigen Mann mit einer dunkelbraunen Lederjacke ausgebreitet hĂ€tte. Daraufhin aber seien Verantwortliche der UEFA zu ihm gekommen, und hĂ€tten ihn aufgefordert, sich wieder zurĂŒck in seine Kabine zu begeben, damit das Spiel dennoch angepfiffen werden könne. Nach eigener Aussage habe Toben das fĂŒr einen Witz gehalten. Keine fĂŒnf Minuten spĂ€ter war Toben aber dann wirklich zurĂŒck in die Kabine gegangen, und hatte sich von der erhöhten Warte die AufrĂ€umarbeiten angesehen. Mit emsiger Geschwindigkeit mĂŒssen die Organisatoren des Turniers den Platz gesĂ€ubert haben, denn keine fĂŒnfundachtzig Minuten nach der Katastrophe war die Unfallstelle gerĂ€umt. Die SanitĂ€ter hatten alle neununddreißig Todesopfer – darunter zweiunddreißig Italiener – und die Verletzten in die umliegenden KrankenhĂ€user gebracht. Der Mann mit der dunkelbraunen Lederjacke wurde nach Feststellen des Exitus ins Leichenschauhaus gebracht. Man untersuchte die Prellungen und Verstauchungen des geschundenen Körpers, dann aber wurde er eingefroren. Die vom Blut leicht verschmutzte Kleidung hatte man ihm abgenommen und in einen Plastiksack verstaut. Gegen 22:30 Uhr waren die FormalitĂ€ten bezĂŒglich dieses einzelnen Toten erledigt. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater offiziell fĂŒr tot erklĂ€rt worden. Mir selbst brachte man die Nachricht erst am nĂ€chsten Morgen möglichst schonend bei. HĂ€tten die Ärzte nicht befĂŒrchtet, dass ein Journalist mir die Mitteilung machen könnte, hĂ€tten sie wohl noch lĂ€nger gewartet. Meine Mutter kam und weinte. Ich weiß nicht, ob sie ĂŒber mich oder ĂŒber den Tod meines Vaters weinte.

Nachdem die neununddreißig Leichen und die vierhundert Verletzten in die umliegenden Kranken- und LeichenhĂ€user transportiert worden waren, nachdem man den Sektor Z mit einem Absperrband markiert hatte, nachdem man die verbleibende Menge in den anderen Blöcken des Stadions ĂŒber Lautsprecher zur Besonnenheit aufgerufen hatte, und nachdem die Verantwortlichen des Turniers ungefĂ€hr zwanzig Minuten auf die Spieler der beiden Mannschaften eingeredet hatten, wurde das Spiel allen Zweifeln zum Trotz dennoch angepfiffen. Mit fĂŒnfundachtzigminĂŒtiger VerspĂ€tung pfiff der Schiedsrichter in seine Trillerpfeife, und die Spieler begannen mit dem Spiel. Innerhalb von zehn Minuten vergaßen sie die Tragödie, die sich anderthalb Stunden zuvor im Sektor Z zugetragen hatte. Sie vergaßen die neununddreißig Leichen, die vierhundert Verletzten, von denen einige sich gerade in schmerzhaften KrĂ€mpfen in den Krankenbetten der HospitĂ€ler wanden, und versuchten, den Ball ins gegnerische Tor zu bugsieren. Kein einziger Spieler, kein einziger Verantwortlicher des Turniers, keiner der Zuschauer kam auf die Idee, dass es vielleicht respektlos gegenĂŒber den Toten sein könnte, wenn man so tue, als sei nichts gewesen. Keiner schien einen Gedanken daran zu verschwenden, dass fast vierzig VĂ€ter und Söhne an diesem lauen Sommerabend aufgrund einer schicksalhaften FĂŒgung ihr Leben verloren hatten, dass ich meinen Vater verloren und mich selbst schwer verletzt hatte. Niemand schien die AbsurditĂ€t, mit der dieses Fußballspiel ausgetragen wurde, zu bemerken.
Die Partie endete mit einem 1:0 fĂŒr den Juventus Turin. Der Schweizer Schiedsrichter pfiff ein Foul gegen Boniek, zwei Meter vor dem Strafraum, und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Michel Platini verwandelte den Elfmeter und lief dann jubelnd ĂŒber den Platz. Nach dem Spiel stand der Juventus Turin zum ersten Mal in der Geschichte des Europapokals als Sieger fest. Als das Spiel abgepfiffen wurde, kam ein Journalist auf Michel Platini zu, und fragte diesen, wie er seinen Siegtreffer angesichts der Tragödie vor dem Spiel bewerte. Platini schaute den Journalisten zuerst ein wenig ungehalten an, dann setzte er eine gravitĂ€tische Miene auf, guckte ein wenig finster und durchaus auch betroffen in das Gesicht des Journalisten und sagte: „ Wenn im Zirkus der SeiltĂ€nzer abstĂŒrzt, dann wird er hinausgetragen, und die Clowns kommen herein. Es ist traurig, aber die Show muss weitergehen“.

NatĂŒrlich schlug die Tragödie hohe Wellen in den nationalen wie internationalen Medien. Die französische Zeitung L’Equipe betitelte ihre Ausgabe mit der Überschrift Der ermordete Fußball. Manche Zeitungen forderten Juventus Turin dazu auf, die TrophĂ€e zurĂŒckzugeben, weil sie blutig sei. Eine Vereinigung der Opferangehörigen wurde gegrĂŒndet, und ihr Leiter, Otello Lorentini, klagte gegen die Uefa, gegen die belgische Regierung und gegen die BrĂŒsseler Polizei. Bei den Verhandlungen wurden vierzehn englische Hooligans, der Polizeichef von BrĂŒssel, der belgische VerbandsprĂ€sident und der SekretĂ€r der Uefa verurteilt. Alle erhielten jedoch nur eine Strafe auf BewĂ€hrung, keiner ging fĂŒr seine begangenen Taten oder deren Unterlassung ins GefĂ€ngnis. Der FC Liverpool, dem man eine gewisse Verantwortung fĂŒr seine Fans auferlegte, wurde zusammen mit allen anderen englischen Vereinen fĂŒr fĂŒnf Jahre von internationalen Fußballspielen ausgeschlossen. Und dieses Jahr wird das Heysel Stadion, nachdem man es fast zwei ganze Jahre lang zu einer Multifunktionsarena umgebaut hat, in König-Baudouin-Stadion umbenannt. Das liegt vor allem daran, dass der Name Heysel, dem in den letzten Jahren das Stigma des Bösen anhaftete, nicht mehr tragbar ist fĂŒr einen Ort, an dem junge und alte Menschen sich fröhlich und beglĂŒckt an den sportlichen Leistungen nationaler wie internationaler Fußballer ergötzen wollen. Wenn man die Leute nicht in die Hölle locken kann, tut man gut daran, sie Paradies zu nennen.
Ein paar Tage nach der Katastrophe bekam ich Unmengen von Briefen und BlumenstrĂ€ußen. In einem der Briefe schrieb mir eine Mutter, die gerade ihren Sohn verloren hatte, wie entsetzlich sie die ganze Geschichte fĂ€nde, und wie sehr sie hoffe, dass ich mit den Jahren ĂŒber diese traumatischen Erlebnisse hinwegkĂ€me. Wortwörtlich schrieb sie: „Ich kann meinen Sohn nicht vergessen, er ist in meinem Organismus. Er ist wie ein Virus, der sich irgendwo in meinem Körper eingenistet hat, und nach Belieben ĂŒber meinen gesundheitlichen Zustand verfĂŒgen kann. Ich hoffe fĂŒr dich, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass du deinen Vater so in deinem GedĂ€chtnis behĂ€ltst, dass du ihn nicht vergisst, aber dass du ebenso vergessen kannst, wie du ihn verloren hast. Ich hoffe, dass die Erinnerung an deinen Vater dich nicht zerstören wird, so wie die Erinnerung an meinen Sohn mich zerstört“. Ich fand diesen Brief sehr ehrlich, aber irgendwie konnte ich mit dem Gesagten nichts anfangen. Ich spĂŒrte so kurz nach der Katastrophe keinen Schmerz. Ich vermisste meinen Vater nicht einmal. Ich konnte ihn nicht vermissen, weil die letzte Begegnung mit ihm noch so prĂ€sent war. Ich hatte das Sterben meines Vaters nicht mit angesehen, und so unterschied sich das Wegbleiben meines Vaters nicht großartig von dem Wegbleiben, das ich vorher aufgrund der Scheidung schon gewohnt war. Ich glaubte, zwei, drei Tage nach dem UnglĂŒck, dass mein Vater nur wieder weg war. In zwei, drei Wochen wĂŒrde er mich sicher wieder anrufen, um zu fragen, ob wir etwas unternehmen sollten.

Aber mit der Beerdigung meines Vaters begann die Bewusstwerdung. Jetzt konnte ich nicht mehr leugnen, dass mein Vater gestorben war, denn in der Kapelle war er fĂŒr alle Trauernden sichtbar aufgebahrt. Ein paar Journalisten waren gekommen, sie machten ein Photo, als ich am Sarg meines Vaters vorbeiging. Ich sah, wie die blauen Flecken in seinem Gesicht mit Schminke ĂŒbermalt worden waren, ich sah die zusammengenĂ€hte Lippe, und dachte augenblicklich an all die Menschen, die im Heysel Stadion auf diesem Gesicht herumgetrampelt waren. Ich sah das Gesicht meines Vaters, und empfand einen unbĂ€ndigen Hass auf die gemeine Masse. Einen unbĂ€ndigen Hass auf alle Menschen, auch auf die, die in der Kapelle versammelt waren. In meiner Wut wollte ich die Reporter zusammenschlagen, aber dieselbe unbĂ€ndige Wut lĂ€hmte mich, und ich konnte keinen Schritt mehr tun.

Zwei Jahre spĂ€ter war fĂŒr meine Mutter und meinen Stiefvater und insgeheim auch fĂŒr mich klar, dass ich professionelle Hilfe benötigte. Dass ich reden musste, worĂŒber ich schweigen wollte, und dass ich verstehen lernen musste, was ich nur fĂŒhlen konnte. Denn erst, wenn der Verstand das Chaos mit einem System versieht, kann man das Durcheinander entwirren, und StĂŒck fĂŒr StĂŒck analysieren. Meine Psychotherapeutin half mir dabei, die einzelnen Komponenten meines Traumas voneinander zu trennen, und separat zu behandeln: Die Beziehung zu meinem leiblichen Vater, die Beziehung zu meiner Mutter, zu meinem Stiefvater. Die abrupte Beendigung der Vater-Sohn Beziehung durch den Vorfall im Stadion, die Dinge, die ich meinem Vater nicht sagen konnte, weil sein Tod sich nicht angekĂŒndigt hatte, die Angst vor und der Hass auf die Menschen, die ich tagtĂ€glich in der FußgĂ€ngerzone oder der Schule oder in meinem Viertel sah, und die fĂŒr mich trotz ihrer individuellen GesichtzĂŒge, Marotten und Kleidung nur Teil der riesigen Masse Fleisch waren, die mir Böses wollte. Ich musste der Psychotherapeutin erklĂ€ren, dass sie in meinen Augen trotz ihrer Intelligenz, ihres besonderen Aussehens und der Zuneigung, die sie mir entgegenbrachte, nur ein Teil der Menge war, von der wiederum ein kleiner Teil im Heysel Stadion auf mir herumgetrampelt war. Ich musste ihr erklĂ€ren, dass ich der Menschheit zu entfliehen versuchte, dass ich nicht mehr Teil von ihr sein wollte, weil dies meiner Logik zufolge einem Freitod gleichkam. Nur, wenn ich es schaffe, sagte ich ihr, mich Tag um Tag ein wenig mehr von den typisch menschlichen Attributen zu entfernen, kann ich ein Wesen werden, dass nichts Menschliches mehr hat. Nur wenn ich auf die Dinge verzichte, die alle Menschen gemein haben, kann ich sicher sein, kein Partikel dieser mir verhassten Masse Mensch zu werden. Ich will, sagte ich ihr abschließend, nichts Menschliches mehr an mir entdecken. Ich will kein Mensch mehr sein.

Aber nicht zuletzt an der Psychotherapeutin und an der UndurchfĂŒhrbarkeit des Unternehmens scheiterte mein Projekt: Ich blieb ein Mensch. Ich musste also lernen, mich mit meinem Menschsein zu arrangieren, und mit der Masse ein Abmachung zu treffen, die mich mein Leben und die anderen Menschen ihr Leben ließ. Ich musste die EndgĂŒltigkeit geschlossener RĂ€ume akzeptieren und einsehen, dass ich mein Leben nur dann weiterfĂŒhren konnte, wenn ich auch wieder den Mut aufbrachte mich in einen ĂŒberfĂŒllten Raum zu wagen. Ich musste lernen, dass Massenpanik kein alltĂ€gliches, aus dem Nichts entstehendes PhĂ€nomen ist, sondern ein durch Zufall und Pech ausgelöster Impuls, der Menschen dazu bringt, den Kopf zu verlieren, und in der Selbstsucht zu versinken. Ich musste lernen, dass der Tod willkĂŒrlich handelt, und dass es keine geeigneten Mittel, bzw. Verhaltensweisen gibt, mit der man die WillkĂŒr des Todes Paroli bieten konnte. Wer Angst vorm Leben hat, so behauptete meine Psychotherapeutin, der hat auch Angst vorm Tod. Und wer Angst vorm Tod hat, der wird sein Leben wie ein wandelnder Toter fĂŒhren. Wer leben will, der muss die AllgegenwĂ€rtigkeit des Todes vergessen lernen. Denn wer beim Leben zu oft an den Tod denkt, der vergisst darĂŒber das Leben. Und ich wollte, trotz meiner Hilflosigkeit, leben. Ich wollte leben.

Insgesamt brauchte ich drei Jahre, bis die Therapie einen gewissen Erfolg zeitigte. In diesen drei Jahren absolvierte ich unzĂ€hlige Übungen in geschlossenen RĂ€umen mit geschlossener Gesellschaft, auf öffentlichen Festen auf quadratisch abgesteckten MarkplĂ€tzen, auf dem GelĂ€nde einer Kirmes, auf einer Buchmesse (wo ich mich mit mehreren mir unbekannten Menschen in einem GedrĂ€nge um das Autogramm meines Lieblingsautors bemĂŒhte) und im Keller eines Weinguts anlĂ€sslich einer Weinprobe. Auf einige wenige dieser Übungen begleitete mich meine Psychotherapeutin, doch letztendlich musste ich es auch ohne sie wagen.
Jetzt betrachte ich mich als geheilt. Ich habe meinen Frieden mit der Masse gemacht, und betrachte mich selbst, wenn ich unter Leute gehe, als einer von vielen. Ich nehme mich selbst als Individuum war, das mit anderen Individuen interagiert, und dennoch durch diese Interaktion nichts von seinem eigenstĂ€ndigen Wert verliert. Ich empfinde zwar eine gewisse Verachtung fĂŒr die Masse, wenn ich zum Beispiel Aufzeichnungen von Parteitagen, Fußballspielen oder Konzertmitschnitten sehe, aber ich sehe diese Verachtung nicht mehr im Zusammenhang mit meinen eigenen schlechten Erfahrungen. Ich bin schon darauf aus, mich innerhalb dieser Gesellschaft als Individuum zu beweisen, und so gehöre ich konsequenterweise keinem Sportverein, keiner politischen Gruppierung und keinem Skatclub an, doch bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass da, wo zwei oder drei Leute zusammentreffen, nicht immer böse Energie entsteht. So ist der Geist der olympischen Spiele ein friedlicher Geist, und in den Demonstrationen gegen den Golfkrieg stehen Zehntausende von Menschen zusammen, um fĂŒr den Frieden zu demonstrieren. Nach den rechtsradikalen Ausschreitungen in Deutschland (in Rostock-Lichtenhagen zum Beispiel) haben Unmengen von Leuten in einer Lichterkette gezeigt, dass sie faschistische Gewalt nicht dulden. Gerade diese Beispiele zeigen mir, dass die Masse ebenso eine positive Kraft entwickeln kann, zu der ein Einzelner nicht fĂ€hig ist. In diesem Sinne wĂŒrde ich es mir zu einfach machen, wenn ich mich durch mein Trauma zu einer verallgemeinerten Ansicht bezĂŒglich der Masse verleiten ließe. Ich wĂ€re dann nicht besser als unser greiser Nachbar, der kĂŒrzlich von einem auslĂ€ndischen Jungen bestohlen wurde, und seitdem in GesprĂ€chen mit meiner Mutter energisch eine Abschiebung aller AuslĂ€nder befĂŒrwortet. Ich kann nicht pauschal alle Menschen verurteilen, die sich fĂŒr bestimmte Ziele zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, weil ich dann zwangsweise Organisationen wie das Rote Kreuz, MĂ©decins sans FrontiĂšres oder Greenpeace verurteilen mĂŒsste. Nur weil ich fĂŒr mich entschieden habe, immer ein grĂ¶ĂŸtmögliches Maß an IndividualitĂ€t zu erreichen, darf ich die Menschen nicht verurteilen, die sich in einer Gemeinschaft besser aufgehoben fĂŒhlen.

Die abschließende Mutprobe steht kurz bevor. Am nĂ€chsten Mittwoch habe ich einen Termin mit meiner Psychotherapeutin. Wir werden zur offiziellen Einweihung des König-Baudouin-Stadions gehen. Die belgische Nationalmannschaft wird gegen die deutsche Nationalmannschaft spielen. In die umgebaute Arena, in der mein Vater starb, passen nur noch 50.000 Menschen gegenĂŒber den 70.000 Menschen, die vorher darin Platz fanden. Aber ich bin dennoch ĂŒberaus nervös. Eine Woche lang sagte ich meiner Psychotherapeutin, ich sei noch nicht bereit, um wieder in das alte Heysel-Stadion zu gehen. Doch dann besann ich mich, und jetzt suche ich die Herausforderung. Ich muss und ich will mich der Masse stellen. Ich will im König-Baudouin-Stadion einen heilsamen Schock erfahren, der mich die traumatischen Komponenten meiner Vergangenheit vergessen lĂ€sst. Ich muss den Verlust meines Vaters, und die Erinnerung daran, endlich aus meinem System verbannen. Ich muss aufhören, die Bedeutung meines ganzen Lebens auf ein tragisches Ereignis zu reduzieren, und lernen, ein gewöhnliches Leben zu leben. Ich muss das Trauma in mir abtöten, zumindest in einem Maße, dass es nicht mehr die Kraft hat, mein Leben zu bestimmen. Ich darf mich nicht von diesen einem Schicksalsschlag regieren lassen.
Denn was ich will, ist das: Ich will ein gewöhnliches Leben. Ich will ein Mensch werden, der einen Beruf ergreifen kann, ich will jemand sein, der seine Konzentration auch noch auf andere Dinge als die eigene Vergangenheit anwenden kann. Ich will nicht mehr der introvertierte Sonderling sein, fĂŒr den mich viele halten, sondern ein extrovertierter AufklĂ€rer, der den Menschen mit seiner Geschichte auch als warnendes Beispiel dienen kann. Ich will den Menschen einen Weg zeigen, der ihnen klar macht, dass es in jedem Ich auch ein Wir gibt, ebenso wie es in jedem Wir auch ein Ich geben muss.


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Hyazinthe
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Hallo CPMan!

Wenn man einen Text von dir vor sich hat, darf man keine leichte Kost erwarten. Wie schon in ZONE A thematisierst du auch hier die (Un)Möglichkeit, in einer existentiellen Grenzsituation Mensch zu bleiben. Und wieder verlangst du dem Leser viel Geduld ab durch deine intensiven Beschreibungen der inneren ZustÀnde deines Protagonisten.
Obwohl ich deinen Schreibstil schĂ€tze und die Sprachgewaltigkeit, mit der du die schwierigsten seelischen Nuancen in Worte zu fassen verstehst, muss ich doch gestehen, dass mir die AusfĂŒhrlichkeit einige MĂŒhe bereitet hat. Ich glaube, KĂŒrzungen an der richtigen Stelle wĂŒrden dem Text guttun.

Mit freundlichem Gruß, Hyazinthe
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