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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sekundendenken
Eingestellt am 24. 02. 2012 20:27


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hobbyschreiber
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Sekundendenken

Das kleine MĂ€dchen im Sandkasten baut eine schiefe Burg. UnablĂ€ssig stapelt es Sand, hĂ€uft und grĂ€bt. Es hantiert mit einer winzigen, rosafarbenen Schaufel, die seine BemĂŒhungen wie ein ErbsenzĂ€hlen aussehen lĂ€sst. Noch ist es munter bei der Sache. Doch bald gehen neidische Blicke zum Spielpartner hinĂŒber. Der Junge, ein flĂŒchtiger Sandkastenfreund ist Besitzer eines blauen Eimers. Er fĂŒllt ihn mit einem Spaten aus Plastik, der fast so groß ist wie er selbst. Die Kinder spielen nicht zusammen. In diesem Alter ist jeder kleine Mensch zu allererst doch nur fĂŒr sich. So wie das MĂ€dchen fĂŒr seine Burg. Es möchte die Hilfe des Jungen nicht, wohl aber dessen Werkzeug, legt langsam das rosa Schippchen zu Seite und neigt kokett den Kopf. Beobachtet das Objekt seiner Begierde aus sehnsuchtsvollen Augen. Die Mutter hatÂŽs auch gesehen. „Nein, Emily, das ist nicht Deine Schippe“, greift sie der nĂ€chsten Handlung vor. Doch wenn sich die trotzige Seele eines Gedankens bedient hat, sind gut gemeinte Worte wie Seifenblasen im Wind. Mit festen, tollpatschigen Schritten stampft der Rebell in Richtung Beute, streckt die speckigen Ärmchen aus, plĂ€rrt: „Haben wollen!“, die sanften ZĂŒge zu einer grimmigen Maske verzerrt. „Hier, Emily, hier ist Deine Schippe!“ Die Mutter schwenkt das blinkende Kleinod in der Hand, aber erntet nichts als Ignoranz. Wie viel verlockender sind doch die Sachen, die einem nicht gehören. Schon hat der Spross die HĂ€nde am Plastikstiel, zerrt ohne Vorwarnung an des Jungens Hosen. Eine Sekunde verging, vom ersten Fassen des Entschlusses zur AusfĂŒhrung der Tat. Eine nĂ€chste Sekunde, in der die Mutter nach vorne hechtet, grĂ¶ĂŸeres Übel abzuwehren. Doch kommt sie zu spĂ€t. Die Gegenwehr des Jungen wird infantil zurĂŒckgeschlagen, das breite Ende des Spatens landet mit Wucht auf dessen Kopf. Mit hohem Geschrei triumphiert die neue Besitzerin. Nun kommt die Mutter des Buben hinzu. Sie weitet den Streit auf die Erwachsenen aus. „Nehmen Sie ihr unmögliches Kind doch nur weg. Immer macht es nur Ärger“, ruft sie aus, den eigenen Nachwuchs in die Arme nehmend. Die Mutter des Rowdys steht schuldvoll da, mit hĂ€ngenden Schultern, dreht sich dem Trotzkopf zu und greift nach dem Diebesgut. „Emily, gib her! Das gehört Dir nicht!“ Das MĂ€dchen sieht das ganz anders. Es ballt die kleinen FĂ€uste um das Plastik, steht wie ein Fels in der Brandung und hebt zum ohrenbetĂ€ubenden BrĂŒllen an, als die Mutter ihre Überlegenheit ausnutzt, um dem Kind die Schaufel abzujagen. In der nĂ€chsten Sekunde rennt das ungestĂŒme Ding der Mutter, Kopf voran, die Beine ein, wie ein Jungstier. Die muss nun zu hĂ€rteren Mitteln greifen, packt das Kind, hebt es in den Wagen, schnallt den Gurt wie in einer Anstalt fest. Doch der Mund lĂ€sst sich nicht fesseln. Das Keifen und Kreischen hĂ€lt an, dröhnt ĂŒber den Spielplatz, den die Mutter unter stechenden Blicken verlĂ€sst. Erst als das Kind eine neu erworbene Schippe, gekauft unter Zugzwang an der Ecke, in den HĂ€nden hat, gibt die Sirene Ruhe.

Es ist nur eine Sekunde der Angst, eine kurze Sekunde, eine schnelle Entscheidung und ein flinker Handschlag, dann ist die CD unter der Jacke verschwunden. Das MĂ€dchen sieht sich im Laden um. Niemand hat etwas gesehen. Der Mann dort vor dem Regal mit den Kopfhörern liest die RĂŒckseite einer Verpackung. Die Frau mit den beiden Kindern beansprucht die Aufmerksamkeit der Servicekraft. Die Beine des MĂ€dchens schlurfen zum Ausgang. An einer Kiste mit DVDs bleibt sie stehen. Noch ist da Platz unter ihrer Jacke, doch draußen warten die jugendlichen Freunde. Zu viele Sekunden sind schon vergangen, vom Betreten des Ladens, bis zum Raub der CD. Erst vorgestern hat sie die Mutter bestohlen, hat ohne Gewissen das Portemonnaie geöffnet, einen FĂŒnfer daraus hervorgeholt. Die Mutter wĂŒrde nichts vermissen. Nie hatte sie Zeit, versuchte mit Geld die Liebe zu ersetzen. Das MĂ€dchen hatte schon lange den Respekt verloren. Es nutzte die SchuldgefĂŒhle der Mutter, die alles geschehen ließ. Nur selten noch stritten die Beiden, lebten unter einem Dach, ohne ein Miteinander. Die Mutter war hilflos, das MĂ€dchen haltlos, es dachte nicht an Konsequenzen, nur in Sekunden.
Da draußen vor den Schaufensterscheiben wartete ihre Familie. Der coole Joe, nie zu Gast in der Schule, der mit den meisten Geschichten. Die Freundin Arie, trug den kĂŒrzesten Rock, die lĂ€ngsten FingernĂ€gel. Der dicke Torben, den sie nur respektierten, weil sein Vater Leiter eines Unternehmens war und Torben stets Bier spendieren konnte. Das MĂ€dchen schleicht leise aus dem Laden, fĂ€llt Joe wie einem Bruder in die Arme, schwenkt die CD mit gewinnendem Grinsen. Es gibt einen High-Five, lautes GelĂ€chter. Eine Sekunde bringt Anerkennung. Das MĂ€dchen flucht auf die Mutter. Sie ist es doch, die sie zum Diebstahl zwingt.
Ein kleiner Funken Erkennen mischt sich in ihre Gedanken, eine Sekunde der Bedacht, doch bevor es sich ihrer bemÀchtigen kann, zieht die Familie weiter.



Von einem Moment auf den anderen greift das MĂ€dchen zum Strohhalm, zieht das Pulver geschickt in die Nase. Der grobe Kerl neben ihr nickt und trinkt einen Schluck aus der Flasche. Sein tĂ€towierter Arm legt sich ĂŒber ihre Schulter, verlangt gierig nach einem Kuss. Noch brennt der Schnee in ihren SchleimhĂ€uten. Sie hustet, wendet sich ab, spuckt ein paar FĂ€den. Ihr Gastgeber schiebt das Buffet auf dem Spiegel zusammen. Gewissenhaft, fast andĂ€chtig zieht er die Karte durch Daumen und Zeigefinger und hĂ€lt ihr dann diese Kostprobe unter die Nase. Wenn das MĂ€dchen sich weiter an den Gaben laben will, muss es das Geschenk annehmen. Der betĂ€ubte, schummrige Zustand macht es ihr leichter, den Finger abzulecken. Doch nach dem Finger kommt der Rest. Der schwere, schwitzende Körper, der sich auf sie legt. Die groben HĂ€nde, die fordern und fordern und keine Ruhe geben. Das MĂ€dchen verliert sich im Glauben an eine Liebe, die es nicht kennt. Am Anfang glaubte es wirklich an diese. Dachte der Zuspruch, das BemĂŒhen um ihre Person wĂ€ren ehrlich und von wahren GefĂŒhlen getragen. Jetzt weiß es um die Nutznießerschaft, nichts als Geben und Nehmen, keine Geborgenheit, kein selbstloses FĂŒhlen. Doch eben auch von beiden Seiten. „Dieser Mann ist nicht gut fĂŒr Dich! Ich verbiete Dir den Umgang mit ihm!“, hatte die Mutter gesagt. Ihr Wort war unbedeutend in den Ohren des MĂ€dchens. Die Mutter an sich hatte ihre Bedeutung verloren, schon lange bevor sich das MĂ€dchen der fehlenden Liebe zugewandt hatte. Sie verstand das Interesse als Herrschsucht, das Handeln als Kontrolle. Wort um Wort, Tat um Tat hatte sich der Wirbel aus Ablehnung, starren Fronten und Engstirnigkeit zu einem Sturm geformt, der die letzten Mauern der Beziehung mit sich nahm. Das MĂ€dchen wollte nichts als ausbrechen aus dem sterilen GefĂ€ngnis und saß nun im selbst gewĂ€hlten Kerker. Seit Tagen schon war es nicht mehr zu Hause gewesen, die Anrufe der Mutter verstummten im Rucksack, der Klassenraum schon seit Wochen ihrer Anwesenheit enthoben.
Ihr Gönner ist fertig. Das MĂ€dchen wartet vergeblich auf eine Geste der Verbundenheit. Der Mann erhebt sich ohne Worte, zieht seine Hose hoch und schnallt den GĂŒrtel fest. Er nimmt einen Strohhalm seiner weißen Ware, danach einen krĂ€ftigen Schluck vom Bier. „Du musst dann jetzt gehen, Emily. Martens kommt nachher. Ich muss noch wiegen und teilen. Bei den GeschĂ€ften kann ich Dich hier nicht gebrauchen.“ Das MĂ€dchen zieht die TrĂ€ger ihres BHs ĂŒber die Schultern, rollt das enge T-Shirt nach unten. „Wo soll ich denn hin, Patrick?“, fragt sie bestĂŒrzt. Die letzten Tage hat sie keinen Fuß vor die TĂŒr gesetzt. Nur in der DĂ€mmerung gelegen, geschnieft und getrunken, war ihm zu gefallen gewesen. Sie war mĂŒde, ĂŒberreizt und zermartert. Die Welt draußen erschien ihr jetzt unwirklich und fremd. Sie legt sich die Decke um die Schultern. „Kann ich heut Abend wieder kommen?“
„Nein, heute geht nicht. Ich treff mich mit den alten Leuten, oben am KlĂ€rwerk. Wir wollen einen drauf machen. Ohne Weiber verstehst Du, ein MĂ€nnerabend. Geh doch nach Hause. Du mĂŒsstest sowieso langsam mal Deine Klamotten wechseln. Die riechen irgendwie nicht mehr so toll“, erwidert er und schenkt ihr ein gleichgĂŒltiges Grinsen.
„Kannst Du mir was mitgeben? Ich hab nichts mehr, nicht mal Zigaretten.“
Der Mann greift in die Hosentasche, holt einen zerknĂŒllten Schein hervor, drĂŒckt ihn dem MĂ€dchen in die HandflĂ€che. „Hier! Mehr hab ich jetz nich da. Martens bringt mir erst nachher was. Damit wirst Du doch erst mal auskommen.“ Die Bitterkeit der Situation drĂ€ngt sich in das FĂŒhlen des MĂ€dchens. Sie spĂŒrt trotz ihres betĂ€ubten Zustands, dass sie ausgenutzt und abgeschoben wird. Langsam lĂ€sst sie die Decke fallen, schlĂŒpft in die Turnschuhe und geht in den Flur, um sich die Jacke ĂŒberzuwerfen. „Ich ruf Dich an!“, hört sie noch, bevor die TĂŒr hinter ihr ins Schloss fĂ€llt. Nun steht sie auf der Straße. Das Treiben, die Menschen und GerĂ€usche kreisen um ihren Kopf, wie ein tosender Strudel. Sie muss in die Ruhe und Abgeschiedenheit einer Wohnung und so sehr es ihr auch zuwider ist, tragen die Beine sie nach Hause.

Die Mutter ist da. Ihre eingefallene Erscheinung tritt dem MĂ€dchen gegenĂŒber. Aus verschleierten Augen nimmt das MĂ€dchen war, wie alt und zerstört die Frau doch aussieht, von Arbeit und Kummer verlebt. Fast spĂŒrt das MĂ€dchen einen Anflug von Mitleid, den die Mutter mit bösen Worten zerstört.“ Wo warst Du die ganze Zeit? Ich habe ĂŒberall angerufen, bei Melle warst Du nicht. Die Schule hat sich schon wieder gemeldet. Wie kannst Du mich nur so behandeln, du undankbares Ding. Wie kannst Du meine FĂŒrsorge nur so mit FĂŒĂŸen treten.“ Das MĂ€dchen sagt nichts. Es ist zu mĂŒde fĂŒr Widerworte, zu leer und doch zu gefĂŒllt, um irgendetwas aufzunehmen. Es sehnt sich nach einem Bett und Stille, doch stattdessen bekommt es die Hand der Mutter, die sich mit ungeahnter Kraft auf der Wange niederschlĂ€gt. „Mir reicht es mit Dir, Emily! Jetzt hast du den Bogen ĂŒberspannt. Jetzt werde ich Maßnahmen ergreifen. Geh auf Dein Zimmer, sofort!“, schreit die dĂŒnne Stimme der verhĂ€rmten Frau. Das MĂ€dchen erzittert. Der Schmerz auf ihrer Wange ist nur ein kleiner Stich gegen die Wut und den Hass, die in ihm aufsteigen. Die Lippen beben. Die glanzlosen Augen fĂŒllen sich mit TrĂ€nen. Von einer Sekunde auf die andere dreht sich das MĂ€dchen um und geht aus der TĂŒr. Wortlos, das Kreischen der Mutter hinter sich lassend.

Der Wind greift die Haare des MĂ€dchens, spielt mit den fettigen StrĂ€hnen, bekommt sie kaum angehoben. Die Sonne versteckt sich hinter einer Wolke. Die FĂŒĂŸe des MĂ€dchens baumeln herunter. Es wirft einen langen, sehnsuchtsvollen Blick ĂŒber den Horizont. LĂ€chelt ein trauriges LĂ€cheln, die Augen trĂ€nen, der Wind nimmt ihr fast die Luft. Es dauert nur eine Sekunde, bis die Finger das kalte Metall des GelĂ€nders loslassen.


__________________
©D. Frank

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