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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Selbst Stämme werden sterben
Eingestellt am 22. 04. 2019 14:47


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Toni Saller
Hobbydichter
Registriert: Jan 2017

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Gegen Ende 1983 und gegen Ende meiner Lizenziatsarbeit (1) entdeckte ich das Buch von Desmond Morris 'Das Spiel' (2). Ich fand darin die biologische Begründung für meine Hauptthese, die ich als Höhepunkt der Arbeit bei Ethnologie-Professor Lorenz Löffler vertreten wollte. Meine These lautet komprimiert: Fußballvereine sind wie Stammesgesellschaften organisiert und erscheinen dem Ethnologen und Anthropologen als eine Art Überbleibsel aus anderen Zeiten und kulturellen Lebensformen. Morris kam zu einer ähnlichen Einschätzung und begründete sie damit, dass Fußball und Fußballvereine den Jäger-und Sammlerinstinkt, den der Mensch immer noch hat, am idealsten inszeniere. Der Mensch sei genetisch ein Jäger und Sammler, auch nachdem sich seine soziale Organisation nach über 90 % seiner Geschichte von der daraufhin abgestimmten sozialen Organisation des Stammes auf dem Planeten grundlegend bis hin zu Nationalstaaten geändert hat.
Wie steht es 35 Jahre später um Morris und meine These, gibt es neue Erkenntnisse?


Ganz sicher die, dass die Entwicklung des Fußballs nicht von genetischen Bedingungen des Menschen getrieben ist, sondern nur noch vom scheinbar alles bestimmenden Treibstoff unserer Zivilisation, vom Kapital. Große Vereine sind kapitalistische Unternehmen, Spieler Investitionen, die global gehandelt werden und Titel die erwarteten Dividenden für arabische und russische Geldgeber. Dazu der Branchenverband, der zum mafiösen Korruptionsapparat mutierte und vom 10-Mann-Büro zu einem Milliardenunternehmen.

Mit ihrer Veränderung vom Verein zum kapitalistischen Unternehmen vollziehen Fußballklubs im Kleinen, was Gesellschaften während Jahrtausenden immer wieder versuchten, die Verwandlung von kalten zu heißen Kulturen. Ein Begriffspaar, das Lévi-Strauß in die Ethnologie einführte (3), um die Unterscheidung der zwei grundsätzlichsten Arten menschlichen Zusammenlebens zu bezeichnen. Historisch anzusiedeln beim Übergang der Jäger- und Sammlergesellschaften zu Ackerbau und Sesshaftigkeit. Stammesgesellschaften erscheinen kalt, weil sie sich gegenüber Wandel resistent zeigen, Geschichte gleichsam einfrieren wollen und so wie Uhren einen ewigen Kreislauf zu vollziehen scheinen. Heiße Kulturen machen Akkumulationen, Eroberungen, Wachstum und Investitionen zum Treibstoff und Antrieb einer vorwärtsreibenden Maschinerie. Lévi-Strauß vergleicht sie mit Dampfmaschinen in einem labilen Gleichgewicht, die wie diese leicht überhitzen und ausbrennen können. Ein Bild, das für unsere eigene Gesellschaft - man darf sie als abendländischen Kapitalismus bezeichnen – durch den Klimawandel zur beängstigenden Realität wurde.

Ein anderer, aktueller Anlass, den Begriff der heißen Kultur zu veranschaulichen ist die kürzlich erfolgte Aufforderung des mexikanischen Präsidenten Obrador an Spanien, sich nach 500 Jahren für die Conquista des Landes unter dem Kommando von Hernan Cortez zu entschuldigen. Die brutale Eroberung des riesigen Aztekenreiches durch ein paar hundert Spanier zeigte, wie anfällig eine heiße Kultur sein kann. Labil war vor allem das Herrschaftsgebilde über die eroberten Völker im Lande, die sich sofort mit den Spaniern als vermeintliche Befreier verbündeten. Sicher, die Spanier und die anderen europäischen Kolonialisten eroberten, vertrieben und zerstörten auch die Stammesgesellschaften auf den beiden amerikanischen Kontinenten, diese jedoch vor allem durch 'reine' Gewalt.

Dass Ethnologie, die sich universitär mit Stammesgesellschaften beschäftigt - im Gegensatz zur Soziologie, die 'heiße' Kulturen zum Forschungsgegenstand hat – traditionell die Verwandtschaftsethnologie ihr Hauptfach nennt, birgt bereits eine wichtige Erkenntnis in sich: Stammesgesellschaft kennen komplexe Verwandtschaftssysteme, hingegen einfache ökonomische Strukturen, bei heißen Gesellschaften ist es genau umgekehrt. Der Unterschied der beiden Gesellschaftstypen veranschaulicht wohl am besten ihre unterschiedliche Art, zu wirtschaften. Während wir auf Gedeih und Verderb von ökonomischem Wachstum abhängig sind - Stagnation wäre der Tod - so kennen nordamerikanische Stämme als Beispiel eine Institution namens Potlatch, entstandenen Surplus in einem sich zyklisch wiederholenden zeremoniell vernichtet.(4)

Intuitiv werden wir dieser ethnologischen Erkenntnis beim Versuch zuzustimmen, sie auf Fußball in unserer eigenen Kultur zu übertragen. Der Einbruch der kapitalistischen Ökonomie in die Vereine macht diese zunehmend abhängiger von Erfolg und damit labiler in ihrer Existenz. Große Vereine finanzieren sich nicht mehr durch Mitgliederbeiträge, sondern sind Aktiengesellschaften und werden von internationalen Investoren übernommen. Der heute 91-jährige Desmond Morris könnte entgegnen: Aber der Fußball auf dem Feld ist immer noch derselbe! Oder beinahe derselbe, abgesehen von den wenigen neu eingeführten Regeln, von denen die Rückpassregel (Bei Rückpassspiel zum Torhüter darf dieser den Ball nicht mit den Händen aufnehmen) das Spiel am wesentlichsten beeinflusste. Vielleicht neben der Änderung, dass mit mehr als nur einem verfügbaren Ball das Spiel nicht mehr verzögert werden kann. Durch beides wurde es extrem schneller und athletischer. Seine These sieht Morris allein belegt durch den Ball als Waffe, das Tor als Beute und die Mannschaft als jagende Horde, dazu die bemalten, singenden und Furcht einflößenden Fans, die die Jagd ihrer Mannschaft als sich zyklisches Ritual inszenieren. Der Anthropologe abstrahierte seine These schon immer vom sozialen und ökonomischen Wandel.

Einer neuer Bestseller befeuert Morris Position ungewollt und liefert ihm auch aus der historisch ethnologischen Ecke Argumente. Es ist Hararis 'Eine kurze Geschichte der Menschheit', in der bestätigt wird, dass der Homo sapiens 95 % seiner Zeit als Jäger und Sammler verbracht hat, und darum nach wie vor genetisch darauf programmiert sei (5).
Menschen wie Affen seien biologisch konditioniert auf Gruppen von 150 Leuten, eine Zahl, die es gerade noch erlaube, sich gegenseitig zu kennen, was wiederum den für das Überleben nötige soziale Zusammenhalt ermögliche. Was wiederum die ethnologische These bestätigen würde, dass Stammesgesellschaften stabile, kleine, und ihre Größe kontrollierende Gemeinschaften sind. Dann wir auch wieder nahe bei meiner These von den kleinen Amateur-Fußballvereinen, die wie Stämme Stabilität einer unsicheren Entwicklung vorziehen. Entgegen den großen Vereinen zum Beispiel achten sie darauf, dass kein Geld in den Verein fließt. Allenfalls bekommt der Trainer, vielfach der einzige 'Auswärtige' und 'Vereinsfremde' eine unwesentliche Spesenentschädigung, aber das war es dann auch schon. Geld bringt Ungleichheit und das gefährdet unmittelbar den sozialen Zusammenhalt.

Wie wichtig dieser Zusammenhalt in einem Verein ist, weiß jeder, der selber Mitglied war. Mir jedenfalls wurde es schmerzlich bewusst, als ich wegen einer schweren Knieverletzung das Fußballspielen aufgeben musste und daraufhin den Verein verließ: Nur das aktive Mitglied ist ein Mensch, so kam es mir vor, als sich niemand mehr für mich interessierte. Im Verein gibt es nicht ein Recht auf Integration, sondern eine Pflicht.

Die Radikalität, mit der Stämme zwischen innen und außen unterscheiden, kommt bereits in vielen Stammesnamen zum Ausdruck: "Über die ganze Welt sind Stammesbezeichnungen verbreitet, die 'Menschen' bedeuten. Es handelt sich bei diesem universalen Zug einfach um die ethnozentrische Selbstbenennung: Anderen Stämmen gegenüber bezeichnet sich ein Stamm einfach als 'die (richtigen) Menschen'." (6) Am meisten ist der Verein also ein Stamm, weil der diejenigen als Menschen und Individuen akzeptiert sind, die 'drin' sind. Ein Bild, das mir dazu letzthin einfiel: Der Verein ist wie ein Planetensystem, als Mitglied bleibt man gefangen mit einer Art Gravitationskraft und muss unweigerlich und endlos um den harten Kern kreisen. Dieser harte Kern ist nicht unbedingt der Vorstand, es sind meist 'legendäre', treue und immer präsente Mitglieder, die zumeist wie Häuptlinge und Schamanen wie niemand sonst den Klub repräsentieren und wie diese ihn mit Geschichten und Mythen am Leben erhalten. Mitglied ist man meist lebenslänglich, Fluktuation kennt man nicht wie im Berufsleben. Bei den Junioren erlebt man die Initiation und durchläuft die Lebensetappen in den dafür vorgesehenen Altersklassen.

Wenn der Verein eine genetische Implikation wäre, die die Popularität von einer populären Sportart wie Fußball erklären kann, so könnte man umgekehrt als Widerlegung dieser These fragen: Wie ist es möglich, dass Menschen nicht Fußball spielen oder schauen und sich auch sonst wie in keinen Vereinen organisieren? Harari gibt eine Antwort: Große Gesellschaften wurden durch die kognitive Revolution möglich. Der Mensch hat sich durch seinen Verstand aus der Knechtschaft seiner Gene befreit. Der Verein würde so zu einem Überbleibsel, der immer mehr verschwindet. Wir könnten den sich so auftuenden Widerspruch mit großzügiger Kreativität so umschreiben: Der Verein ist unserer genetischen Nostalgie geschuldet.

Umgekehrt könnte man Stammesverhalten genauso gut in der Finanzwelt nachweisen: Die Jagd nach Geld, die Gier nach mehr, das Verschlingen seines Konkurrenten, das alles beschreibt einen Jäger vielleicht noch besser wie ein Fußballspiel. Tatsächlich sind wir ab und zu auch da bereit, Biologie als Verhaltenserklärung beizuziehen, wenn wir sagen: Der Mensch ist halt so, du würdest dich auch bedienen, wenn du könntest, Gier ist menschlich und es ist nur natürlich, immer mehr zu wollen. Wenn wir diesen Gedanken weiterspinnen, kommen wir unweigerlich zum Schluss, dass Stammesgesellschaften, die genau diese für den 'Überlebenskampf angeborenen Charakterzüge' kontrollieren, die vielleicht kognitiveren Gebilde sind wie unsere Gesellschaftsform.

Selbst Profi-Vereine wehren sich immer noch tapfer gegen die vollkommene Vereinnahmung durch den Konzerngedanken Sagen sie einmal einem FCZ-ler (FC Zürich), dass man nun endlich mit dem kriselnden Grasshoppers Klub (Zürich) fusionieren sollte. Sie sollten sich allerdings vorher nach einem Fluchtweg umgesehen haben. Immerhin gibt es bei den Fans noch so etwas wie Clan Zugehörigkeit, die einem wie eine Religion in die Wiege gelegt worden ist. Das Vereinswesen wehrt sich aber vor allem von unten, mit den nach wie vor zahlreichen Amateurvereinen, die jahrzehntelang in gleicher Größe, mit gleichem Budget in den gleichen unteren Ligen ihr Dasein fristen. Sie sind die eigentliche Substanz, die mehr wie der ganz große Ruhm zusammengekaufter Mannschaften Identifikation und Integration ermöglichen, die mehr noch wie national wie alles Business ja auch, immer lokal stattfindet.

Was sich seit den frühen 80er Jahren auch noch geändert hat: Die Genforschung ist entstanden. Desmond Morris kann also getrost darauf warten, dass diese das sogenannte Jäger- und Sammlergen entdeckt. Fußballgegner wiederum können darauf hoffen, dass die Genmanipulation dieses dann ins Visier nimmt und so zurechtstutzt, dass man unliebsame Manchester United Fans verhindern kann.

Fußball selber, so wie er heute auf dem Globus gespielt wird, ist eine Reliquie aus dem 19. Jahrhundert: einerseits die Sportart mit ihren Regeln, die an den englischen Public Schools von Rugby und Eton in seiner modernen Form festgeschrieben wurden, andererseits das Vereinswesen, das als private Initiative so wie der Staat mit der Schule und dem Bildungssystem auf die Verelendung der Industrialisierung reagiert hatte. Diese Überlegung lässt mich an den ersten, nicht spekulativen Teil meiner Lizenziatsarbeit über Fußball erinnern, die simple Geschichte vom Fußball als Volksspiel aus dem Mittelalter, das von der Obrigkeit bekämpft und verboten wurde, weil es durch seine Rohheit und den Versuch, damit lokale Konflikte zu lösen, das Gewaltmonopol des Adels infrage stellte. Und wie es dann vom Bürgertum zu Beginn der Industrialisierung als pädagogisches Instrument zivilisiert wurde, seiner allzu offenen Brutalität beraubt und die Jugend zu fair spielenden Teilnehmern der Gesellschaft ermuntern sollte. Die Geschichte ist das Einzige, an was wir uns halten können, halten sollten.

Eva Illouz, die bekannte Soziologin, sagte unlängst in einer Sternstunde (7), dass die Familie das einzige Überbleibsel aus früheren Gesellschaften in unserer kapitalistischen Welt sei, die ansonsten alles zum Markt gemacht habe. Die Familie sei noch der einzige Bereich, den wir nicht selber frei wählen könnten. Diese Bemerkung verweist zurück zu den Volksspielen in Schottland und England des ausgehenden Mittelalters. Damals konnte man den Verein, in dem man spielen wollte, auch nicht frei wählen, er wurde durch die Dorfzugehörigkeit automatisch bestimmt. Vielleicht ist der Verein so eine Art Zwischending zwischen Familie und Gesellschaft geworden. Theoretisch frei wählbar, ist es doch familiär und sozial vorbestimmt, welche Klubfarben wir tragen werden. In Albisrieden (Vorstadtquartier in Zürich), wo ich aufgewachsen bin, waren wir beinahe alle für den FC Zürich. Der Fußball, so eine Art Zwischending zwischen biologischer und sozialer Determination.

Der Titel meiner Überlegungen verweist auch auf die Zeit, als ich meine Lizenziatsarbeit geschrieben habe. Auf etlichen Hauswänden war damals zu lesen: Nur Stämme werden überleben. Ich wollte ihn in Erinnerung an diese Weisheit aus den 80er-Unruhen auch so setzen, kam dann nach einer Diskussion mit einem renommierten Journalisten und Fußballexperten über das Thema zu dieser so pessimistischen Umdrehung.

1) Toni Saller, Immer am Ball, Eine ethnologische Untersuchung eines Freizeit-Fußballvereins mit einer Geschichte des Fußballs, Lizenziatsarbeit am Ethnologischen Seminar Universität Zürich, 1984

2) Desmond Morris, Das Spiel, Faszination und Ritual des Fußballs, Knaur, München/Zürich 1981

3) nachzulesen in; Claude Lévi-Strauss, “Primitive“ und “Zivilisierte“, Nach Gesprächen aufgezeichnet von G. Charbonnier, Arche Verlag, Zürich 1972

4) Franz Boas, "The Indians of British Columbia," in: The Popular Science Monthly, März 1888

5) Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, Deutsche Verlagsanstalt, München, 2013

6) aus: Johannes Hoops, ‎Heinrich Beck, ‎Germanic Antiquities, 2005

7) Sternstunde Philosophie, Schweizer Fernsehen SRF, Sendung vom 17.3.2019

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Schreibbüro Toni Saller

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