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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Selbstauflösung
Eingestellt am 07. 01. 2002 00:06


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MarkusBoehme
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 3
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Selbstauflösung

Ich beginne, mich aufzulösen.
Vor wenigen Minuten hat der Prozess eingesetzt und er wird nur noch wenige Minuten andauern. Solange ich noch bin. Dann werde ich gewesen sein. Dann wird es aufgehoben sein, dieses barbarische Urteil, von grausamen Göttern über mich verhängt. Wenn das Fleisch vergangen ist, wenn es sich wieder in seine Bestandteile aufgelöst hat, dann werde ich frei sein. Schon kann ich den Tisch sehen, wenn ich auf meine Hand schaue. Zwar nur verschwommen, wie durch eine Milchglasscheibe, aber ich kann ihn sehen. Und kaum noch fühlen. Jetzt, in diesem Zustand, kommt mir mein Körper noch fremder und unrealer vor, als er es bisher schon tat. Als mein Körper noch mein Sein bestimmte.
Es mussten so viele Jahre ins Land gehen bis zu diesem Augenblick. Jahre der Verzweiflung, der Erniedrigung, der Schande. Der Erkenntnis. Für diese Augenblicke der Erkenntnis hat sich das Leben gelohnt. Für den Augenblick meines Todes. Vor 6 Stunden habe ich beschlossen, diese Welt hinter mir zu lassen. Ich war soweit. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich diese Zeit, die ich auf Erden weilen musste, weise genutzt habe. Ich habe nachgedacht. Ich wüsste von niemandem sonst, der sein Leben einsetzt, um zu denken. Momente vielleicht, vielleicht sogar einige dieser Momente, um über etwas wirklich wichtiges nachzudenken. Aber das ganze Leben? Leider habe ich nie so jemanden getroffen. Ich habe aber auch nur kurz gesucht.. Mein Hauptinteresse galt nur mir selbst. Nur so konnte ich zu diesem Punkt gelangen, an dem ich nun stehe.
Jetzt kann ich schon spüren, wie meine Kleidungsstücke einsinken. Wie sie den Platz erobern, den vormals mein Körper innehatte. Millimeter um Millimeter schieben sie sich voran, bis sie schließlich in sich zusammenfalle. Das allerdings werde ich nicht mehr erleben. Vielleicht den kurzen Augenblick, den sie in der Luft hängen, bar der Stütze, die sie einst hielt. Doch den Moment, wenn mein Hemd auf den Sessel niederfällt, die Hose auf den Boden und die leeren Schuhe hinunterrutscht, den werde ich wohl nicht mehr erleben.
Bilder vergangener Tage ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Einer wie der andere. Im Kern zumindest. Ich schaue nicht länger hin. Wozu auch, ich habe dieses Leben schließlich gelebt. Jede Sekunde davon. Jeden Atemzug. Wieso soll ich es mir nun noch einmal anschauen? Ich schaue lieber auf die wenigen Dinge, die ich missen werde. Die ich nicht mitnehmen kann, dahin, wo ich gehe. Ich habe meine Schätze vor mir auf dem Tisch niedergelegt. Auf ihnen soll der letzte Blick aus meinen Augen ruhen. Es sind allesamt persönliche Gegenstände, ohne objektiven Wert. Sachen, die sich in den Jahren angesammelt haben. Zur Hälfte kleine Geschenke. Das ist das Beste an ihnen. Ihr Wert liegt in meinen Erinnerungen. Sie werden bei mir sein, wenn ich mich erinnere.
Nun dürfte es in der Tat nicht mehr lange dauern. Nicht einmal meinen Herzschlag kann ich mehr spüren. Das dumpfe Pochen in den Ohren, welches mich mein ganzes Leben unmerklich begleitet hat, ist verschwunden. Hat sich aufgelöst. Erst jetzt, in seiner Abwesenheit, bemerke ich dessen Präsenz. Der leichte Druck, den das Blut immer von innen auf meinen Körper ausgeübt hatte. Der Rhythmus des Fließens, der mir den Takt für das Leben vorgab. Verschwunden. Ich wusste, dass ich in den letzten Sekunden wehmütig werden würde. So sehr ich das Leben verachtet habe, das Loslassen fällt doch ungeheuer schwer. Warum ist das so?
Ich hebe Vorbereitungen getroffen. Ich will erhaben, aufgerichtet, diese Welt verlassen. Nicht verbittert, nicht traurig. Und schon gar nicht unentschlossen.
So drücke ich mit der letzten mir verbleibenden Kraft die Play-Taste der Fernbedienung in meiner Hand. Es gibt weniges von dieser Welt, das diese überwindet, Großes ahnen lässt. Das die Substanz berührt und sie auf ihre Grenzen verweißt.
Musik. Musik durchbricht Raum und Zeit. Körper und Form. Musik ist in Melodie gefasster Geist. Für sie gibt es kein Leben, kein Sterben. Ich habe mir vorgenommen, diese Welt stolz zu verlassen. Ich will, dass mich ein Hauch Göttlichkeit umweht, wenn ich gehe. Ich habe die Musik dazu. Machtvolle, erhabene Klänge. Voll Wut, voll Hass, voll Raserei. Ohne animalisch zu werden. Wie die Laune eines gewaltigen Gottes. Der verachtet. Der so stark verachtet, dass es ihn nicht mehr tangiert, sodass er nicht von sich selbst gefangen genommen wird, sondern beständig erhebt. Und ich werde Teil davon, sobald die ersten Noten Emperors ertönen. Zwischen der Musik und mir flicht sich ein Band ausdruckslosem Verstehens. Überbegrifflich. Übermenschlich.
So verlasse ich das Sein, diese erdgebundene Existenz, die in erster Linie Mangel bedeutet. Diesmal auf ewig. Ich verlasse mein Heim, mein Land, diese Erde. Ich verlasse meinen Körper. Nur noch in meinem Geiste hallt die übermächtige Musik. Weißt mir den Weg, den ich zu beschreiten habe und nun, endlich, auch zu beschreiten vermag. In die Ewigkeit.

ENDE

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niclas van schuir
Guest
Registriert: Not Yet

Ist Leben so etwas Sinnloses? Schreck fährt in mich beim Lesen, Trostlosigkeit verbreitet sich.
Jeder Leser sollte dem Autor ein bisschen Freude schenken. Vielleicht hilft's.
Niclas

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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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ja,

trostlos bis auf den schluß. da wird schließlich der weg geweißt, das bringt doch ein wenig licht . . . lg
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Old Icke

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