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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Selbstmordattentat
Eingestellt am 09. 04. 2001 19:56


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Kyra
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Selbstmordattentat

Mahmoud lag auf seinem schmalen Bett und sah sich immer wieder das kurze Video an. In seinem Zimmer war es k├╝hl und d├Ąmmrig, durch das winzige Fenster drang ged├Ąmpft der L├Ąrm der sommerlichen Strasse, das dr├Âhnen der Busse, das Hupen, das Aufheulen der Mopeds, die quietschenden Bremsen und ein leises Stimmgewirr. W├Ąhrend das Video wieder zur├╝ckspulte, schloss Mahmoud die Augen und versuchte sich vorzustellen, was ihn nach seinem Tod erwartete. Er war gl├Ąubig, aber ihm war klar, dass keine Vorstellung eines Menschen die Herrlichkeit des Paradieses begreifen konnte. Trotzdem verfiel er immer wieder der Versuchung, aus seinen irdischen Bed├╝rfnissen heraus ein Paradies auszustatten. L├Ąchelnd schlug er die Augen auf, als das Video stoppte. Nur noch einmal wollte er sehen, wie gefasst und bescheiden er sich zu dem Attentat bekannte. Das Attentat sollte morgen fr├╝h stattfinden, am Busbahnhof im anderen Teil der Stadt. Mahmoud lie├č das Band noch einmal laufen. Letzte Woche hat er es bei einem Freund aufgenommen. Wer es jetzt sah, k├Ąme nie auf den Gedanken, dass sie fast zwei Stunden gebraucht hatten um diese wenigen Minuten aufzunehmen. Sein Freund war so alt wie er, fast zwanzig. Bei der Aufnahme ist Mahmoud immer wieder in fast hysterisches Lachen ausgebrochen, als er von seinem freiwilligen Tod f├╝r sein Volk sprach. Auch beim Abschied an seine Familie musste er immer wieder neu ansetzten, beim Dank an die Eltern, sogar beim Gedenken an den j├╝ngeren Bruder, den eine verirrte Kugel traf als er auf dem Weg zur Schule war.
Bei der letzten Aufnahme, die sie dann genommen hatten, f├╝hlte er sich ersch├Âpft und leer von der ├╝berdrehten Stimmung. So wirkte er w├Ąhrend der kurzen Ansprache, die er vor den Revolutionsfahnen hielt gefasst und ernst. Selbst der Aufruf zum Widerstand, den er am Ende der Rede leidenschaftlich herausschrie, wirkte nicht ├╝bertrieben.
Nachdem das Band abgelaufen war, starrte Mahmoud noch einige Minuten auf den leeren Bildschirm. Morgen um diese Zeit w├╝rde er nicht mehr leben. Der Gedanke ├Ąngstigte ihn nicht, er hatte sich lange auf diesen Schritt vorbereitet und in seinem Herz war kein Z├Âgern, keine Angst und kein Mitleid. Weder Mitleid mit sich selber, noch mit den zuf├Ąlligen Opfern, die er morgen mit in den Tod rei├čen w├╝rde. Mahmoud war kein grausamer Mensch, er respektierte das Leben und in einer normalen Situation, w├Ąre er nie eines Mordes f├Ąhig gewesen. Nur ist im B├╝rgerkrieg nichts normal, er und seine Eltern waren in ihn hineingeboren worden. Wenn er andere t├Âtete, meinte er sie nicht pers├Ânlich, sie waren nur Teil eines verhassten, feindlichen Systems, was seinem Bruder und vielen anderen Mitgliedern seiner Familie das Leben gekostet hat. So wie er selbst seinen eigenen Tod nicht pers├Ânlich nahm, es war ein selbstverst├Ąndliches Opfer was der seinem Volk brachte. Was war er denn, nur ein Hautschuppen am Leib seines Volkes. Seine Sorge galt ausschlie├člich seiner Familie, seine beiden Schwestern waren aus dem Haus, sie hatten schon selber Kinder. Sein j├╝ngerer Bruder starb vor sieben Jahren, seine Mutter hat um ihr j├╝ngstes Kind ein Jahr getrauert. Dann noch ein Jahr, schlie├člich hatte sie vergessen ihre Trauer zu beenden. Sie trug sie als einen Schutz gegen immer neues Ungl├╝ck, gegen ein ungewisses Geschick. Seiner Mutter konnte nichts mehr passieren, die Trauer gab ihr Zuflucht. Mahmouds Vater hatte sich dem Schicksal ergeben. Er hatte aufgeh├Ârt zu k├Ąmpfen, er ging seiner Arbeit als Arzt nach und verschloss vor der Welt die Augen. Er half, wo er helfen konnte, wollte aber kein Wort ├╝ber Politik sprechen. Schon mit zehn, drei Jahre bevor sein Bruder erschossen wurde hatte Mahmoud beschlossen sich dem aktiven Widerstand anzuschlie├čen. Als sein Bruder aber starb, wurde der Beschluss zu einem Gesetzt dem er all sein Handeln unterordnete. Mit sechzehn wurde er, noch ein Sch├╝ler, in einer Widerstandsgruppe fest aufgenommen. Nach dem Abitur begann er Medizin zu studieren, obwohl ihm damals schon l├Ąngst klar war, dass er den Beruf des Arztes nie aus├╝ben w├╝rde. Die Entscheidung ein Selbstmordattentat zu ver├╝ben, fasste er mit siebzehn. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt grade von seiner Freundin getrennt und seine zweite Schwester heiratete. Damit war er von allen Verpflichtungen befreit. Seitdem hatte er kein M├Ądchen mehr gehabt, es gab einige fl├╝chtige Bekanntschaften, aber immer wenn eine Beziehung enger zu werden drohte, zog er sich zur├╝ck.
Er machte sein Studium ordentlich um seinen Eltern keinen Kummer zu machen und verbrachte seine Freizeit mit den Kameraden aus seiner Gruppe. Es gab immer wieder Zusammenst├Â├če mit dem Feind, seit Jahren schon besa├č er eine Waffe. Trotzdem beschr├Ąnkten sich die meisten Auseinandersetzungen auf das Werfen von Steinen und Brands├Ątzen, den w├Ąre er auf der Strasse mit einer Waffe gefasst worden, h├Ątte er Jahre im Gef├Ąngnis verbringen m├╝ssen. Sein Volk war schw├Ącher als die Unterdr├╝cker, sein Volk wurde im eigenen Land nur geduldet. Alleine der Kampfgeist und die grenzenlose Bereitschaft sich zu opfern, k├Ânnte seinem Volk den Sieg bringen. Als er das verstanden hatte, stand f├╝r Mahmoud fest, dass er sein kleines Leben f├╝r sein Volk opfern w├╝rde. Mahmoud war nicht eitel, es ging ihm nicht um Ruhm und Ehre, er sah es als seine Pflicht an.
Als seine Mutter ihn zum Abendessen rief, war er fast eingeschlafen. W├Ąhrend des Essens versuchte er das Bild seiner Eltern, wie sie still und freudlos bei der Mahlzeit sa├čen, fest in sein Herz einzupr├Ągen. F├╝r sie tat er es, f├╝r seine Schwestern, deren Kinder und seinen toten Bruder. Er f├╝hlte sich ruhig und stark.
Sp├Ąter, als alle schon im Bett lagen, sah er sich das Video noch einmal an. Der Ton war abgestellt und er fl├╝sterte in der Dunkelheit die Worte, die er inzwischen auswendig kannte.
Mahmoud verbrachte die Nacht in traumlosem Schlaf und wachte erfrischt vom summen seines Weckers auf. Sorgf├Ąltig zog er sich an, den G├╝rtel mit der Bombe befestigte er mit Heftpflaster so eng wie m├Âglich am K├Ârper. Er trug ein weites, dickes Hemd dar├╝ber. Da seine Hose ebenfalls sehr locker sa├č
d├╝rfte der Wulst um seinen Bauch keinem auffallen. Er war sehr fr├╝h aufgestanden, damit der den Busbahnhof erreichte, wenn die Schulbusse abfuhren. Es tat ihm leid, dass er Kinder t├Âten w├╝rde, aber sie w├╝rden, genau wie er, ins Paradies eingehen. Schlie├člich waren sie unschuldig an der Politik ihrer Eltern. Auf der anderen Seite war es gut Kinder in den Tod mitzunehmen, ihre Eltern w├╝rden sich vielleicht noch eines besseren besinnen, und Mahmouds Volk besser behandeln. Vielleicht w├╝rden sie die Verzweiflung erkennen, die einen erwachsenen Mann dazu treibt, Kinder zu t├Âten.
Im Flur traf er seine Mutter, die ihn erstaunt ansah, weil er so fr├╝h das Haus verlassen wollte. Gerne h├Ątte er sie zum Abschied umarmt, aber das w├Ąre zu auff├Ąllig gewesen. M├╝tter kennen ihre S├Âhne. So winkte er ihr nur zu als er die T├╝r hinter sich ins Schloss zog.
Um einen gesch├Ąftigen Eindruck zu erwecken, hatte er eine Aktentasche mitgenommen und seine Brille aufgesetzt. Als er sich dem Schlagbaum am Ende seines Wohnviertels n├Ąherte, begann er tief auszuatmen. Das hatte er beim Sport gelernt, es kam auf das Ausatmen an, einzuatmen war ein Reflex. Ruhig trat er dem Soldaten entgegen und ├Âffnete seine Aktentasche. Wenn sie ihn jetzt entdecken w├╝rden, k├Ânnte er wahrscheinlich noch einige Meter laufen und die Bombe z├╝nden. Damit w├╝rde er vier oder f├╝nf Soldaten t├Âten, aber bestimmt auch jemanden aus seinem Volk. Politisch w├Ąre es allerdings nicht so wirkungsvoll, Soldaten wissen dass sie sterben k├Ânne, ihre Eltern wissen es. Der Schock ist viel geringer, als bei einem Bus voller Schulkinder in ihren h├╝bschen Uniformen. Der Soldat unterhielt sich mit einem Kollegen und winkte ihn einfach durch.
Mahmoud fing vor Erleichterung an zu summen, wenn er sich nicht den Fu├č brach, w├╝rde er es schaffen. Er l├Ąchelte bei dem Gedanken sich jetzt den Fu├č zu brechen. Er hatte das Haus ohne Fr├╝hst├╝ck verlassen, als sein Magen anfing zu knurren, sagte er sich l├Ąchelnd, dass in einer halben Stunde ihm alle Erquickungen des Paradieses offen st├╝nden. Mahmoud l├Ąchelte noch immer als er zum Busbahnhof kam.
Der Rest ging schnell. Er entdeckte einen Bus der schon fast voll war. Alles kleine M├Ądchen in Uniform. Die Bust├╝ren waren geschlossen, wenn ein M├Ądchen an die T├╝r trat, ├Âffnete die sich mit einem Seufzen. Er passte einen Augenblick ab, als ein M├Ądchen einstieg und dr├Ąngte sie hinter ihre in den Bus. Der Fahrer sprang auf um ihn zur├╝ckzusto├čen, aber er war schon oben und klammerte sich an die Haltestange und schwang an ihr in den Gang des Busses. ├ťber ein duzend erschreckter, dunkler Augenpaare waren auf ihn gerichtet, als er sein Hemd ├Âffnete und den Z├╝nder dr├╝ckte. In dieser Sekunde bemerkte er noch, wie ein M├Ądchen den F├╝ller fallen lie├č, sie war grade dabei gewesen von ihrer Nachbarin abzuschreiben. Das brauchst du nicht mehr war sein letzter Gedanke. Das letzte Bild, was sich bis in die Unendlichkeit in Mahmouds Kopf brannte, zeigte den Hund dem er als Junge mit einem Steinwurf das Auge ausgeschlagen hatte. Der Hund drehte sich qualvoll jaulend und wimmernd im Kreis.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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7 von 10 Punkten

Das Thema ist wirklich kein ganz leichtes. Im B├╝rgerkrieg gelten andere Gesetze, Krieg ver├Ąndert die Menschen, das alles mag sein, und obwohl es auf gar keinen Fall eine Entschuldigung sein darf und kann, ist es mitunter eine Erkl├Ąrung. Ich kann Mahmoud nicht begreifen, weder das bewu├čte Ermorden von Kindern, obwohl du seine Logik erschreckend verst├Ąndlich aufzeigst, noch wie man Steine auf einen armen Hund werfen kann.

Du verarbeitest jedenfalls Mahmouds Standpunkt sehr klar und nachvollziehbar, machst ihn menschlich, aber, und damit komme ich zur ÔÇ×handwerklichenÔÇť Kritik, du vollziehst einen Perspektivenwechsel, der dem Leser den Protagonisten im gesamten Mittelteil entr├╝ckt. W├Ąhrend du zun├Ąchst (und am Ende, also ab dem Abendessen wieder) aus Mahmouds Perspektive erz├Ąhlst und dadurch seine Anschauungen und Erlebnisse sehr eng an den Leser bringst, gleitest du dann in einen auktorialen ÔÇ×BeschreibungsstilÔÇť ab: Mahmouds Familie und ihre Geschichte werden vorgestellt, sein Werdegang dargestellt, aber nicht in der Gedankenwelt und den Handlungen des Protagonisten, sondern als Vortrag der Autorin. Man springt aus dem Innenleben Mahmouds heraus und landet vor einem Fremden. Besser w├Ąre es, wenn du diese Erkenntnisse dem Leser so mitteilst, wie du es schon vorher getan hast: n├Ąmlich aus Mahmouds Sicht heraus. Dann m├╝ssen nicht alle Details, nicht jede Entwicklung nachvollzogen werden. Wenn du ihn z.B. zum Abschied durch sein Zimmer blicken l├Ą├čt, auf Fotos oder andere Erinnerungsst├╝cke lie├čen sich die Informationen behutsamer einbauen. Der Bruch, der so im Mittelteil entsteht, k├Ânnte aufgehoben und die Geschichte noch besser werden.

Nebenbei: ein Text ohne Tippfehler erfreut die Leserschaft nicht unerheblich, da man pl├Âtzlich nicht mehr im Leseflu├č gest├Ârt wird. Aber das wirklich nur nebenbei..
__________________
Andrea Rohmert

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
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Hallo Kolja,

ich glaube nicht, dass diese Thema so viel aufregung verursachen wird. Gewalt und Krieg sind "normaler". Ausserdem habe ich das nicht selber erlebt ;-))))))))))).
Bei dem "Heiklen Thema" habe ich wirklich versucht so behutsam wie m├Âglich eine positive und sehr pers├Ânliche ERinnerung aufzuschreiben und bin daf├╝r z.T. sehr an den Pranger gestellt worden. Aber dieses hier sieht man doch jeden Tag im Fensehn

Liebste Gr├╝├če

Kyra


Hallo Andrea,

ich habe diesen "Schritt zur├╝ck" eigentlich bewusst gemacht, weil ich die Einbindung des Lesers f├╝r stark genug halte. Dieser kurze Schritt zur├╝ck ist eine Atempause, so sehe ich das jedenfalls. Aber danke f├╝r Deine Kritik

Kyra



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innergetic
Guest
Registriert: Not Yet

Ambiguous

Du greifst ein hochpolitisches Thema auf. ich finde es gut, wie du dich wieder einmal in jemanden hineinversetzt und versuchst, Logik im Wahnsinn zu zeigen.
Der Titel verrr├Ąt das Ende. Aber nur wegen dem titel habe ich die Story geklickt.
Rechtschreibfehler, well, nobody's perfeckd.
8von10

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