Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5663
Themen:   98057
Momentan online:
424 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Selbstsicherheit und Selbstvertrauen: Kulturelle Praktik oder psychische Eigenart?
Eingestellt am 20. 02. 2015 22:35


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wasted
Hobbydichter
Registriert: Jun 2012

Werke: 3
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wasted eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Selbstsicherheit und Selbstvertrauen: Kulturelle Praktik oder psychische Eigenart?

Selbstvertrauen ist eine der positiven Eigenschaften, die wir im Alltag insbesondere Individuen zuschreiben und dabei weniger als erlernten Prozess, sondern mehr als psychische Eigenart eines Bewusstseins ansehen. Selbstvertrauen hat man, oder hat man nicht, und selbst wenn es erlernt worden ist, dann sieht man die Entstehung dieses Charaktermerkmals mehr als einen individuellen Entwicklungsprozess und nicht als eine kollektive Leistung an, die in zwischenmenschlichen Beziehungen entsteht und dort auch aufrecht erhalten werden muss. Dieses Selbstvertrauen äußert sich in unseren sozialen Handlungen als Selbstsicherheit: Da der Akteur von seinen Eigenschaften weiß, kann er mit seinen Fähigkeiten sicher umgehen. In diesem Essay möchte ich dieser Haltung auf den Grund gehen – kann Selbstvertrauen als eine persönliche Eigenschaft angesehen werden, welche uns selbstsicher erscheinen lässt, oder als kulturelle Praktik, die in zwischenmenschlichen Beziehungen auftritt?

Zunächst ist es verständlich, dass sich Akteure mit ihrem Selbstvertrauen identifizieren können. In unserer Gesellschaft wird das Selbstvertrauen in aller Regel als positive Eigenschaft angesehen, die den Einzelnen, sofern es nicht als übertriebene Selbstüberschätzung oder Arroganz auftritt, zu zielgerichteten Leistungen und einem glücklichen Leben befähigt. Die psychische Eigenschaft Selbstvertrauen spielt in einer soziologischen Untersuchung zunächst jedoch keine große Rolle, da das Bewusstsein innerhalb einer sozialen Situation verschlossen bleibt (vgl. Luhmann 1995, S. 115f). Vor dem Hintergrund, dass Akteure so handeln, wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen werden möchten (Goffman 2003, S. 7-10), gewinnt das Selbstvertrauen jedoch eine soziale Dimension. Selbst wenn sich ein Akteur für selbstbewusst hält, so muss dieser Eindruck in einer sozialen Situation erschaffen werden.

Diese Betrachtungsweise lässt sich gut mit der Rollentheorie von Goffman verbinden. Die Rolle beschreibt hier ein vorausgehendes Verhaltensmuster, welches die Akteure zu Beginn ihrer Darstellung auswählen und während einer Situation vorspielen (Goffman 2003, S.18). Zur Unterstützung der Rolle dient eine Fassade, welche die Gestik, Klasse, Alter und Sprechweise beinhaltet (Goffman 2003, S. 23-27). Die Selbstsicherheit kann demnach als eine Ausdrucksweise (Fassade) angesehen werden, die in eine soziale Rolle eingebettet ist. Wenn ich also von Selbstsicherheit spreche, dann meine ich damit nicht das wirkliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sondern eine situative Praktik, die von Akteuren benutzt wird, um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten darzustellen.

Wie kommen die Akteure allerdings zu dem Wissen über die situative Praktik? Naheliegend ist, dass die Akteure gelernt oder Wissen darüber haben, wie sie sich in einer bestimmten Situation zu verhalten haben. Das Wissen aus einer ähnlichen Situation kann auf die gegenwärtige Situation übertragen werden. Außerdem ist davon auszugehen, dass wir eine bestimmte Fassade auf mehrere Rollen anwenden können (Goffman 2003, S. 27). Das Wissen alleine ist für die Selbstsicherheit allerdings nicht ausreichend. Ein Arbeitnehmer weiß theoretisch bereits, was er während des Bewerbungsgesprächs vermeiden muss, um nicht nervös aufzutreten. Außerdem weiß er, dass übermäßige Nervosität als mangelndes Selbstvertrauen gedeutet werden kann. Bei seinem ersten Bewerbungsgespräch wird er vermutlich trotzdem etwas unsicher erscheinen, da er mit dem Umfeld und mit der Rolle noch keine praktischen Erfahrungen gesammelt hat. Daran knüpft an, dass er die Diskrepanzen zwischen der Selbstdarstellung und der Fremdwahrnehmung in der impliziten oder expliziten Ausdrucksweise des Arbeitgebers nur in der Situation selbst entdecken kann.

In einem professionellem Umfeld wird die Selbstsicherheit als kulturelle Praktik am deutlichsten: Hier werden die meisten Akteure versuchen, ein gewisses Maß an Selbstsicherheit auszustrahlen und das unabhängig davon, ob sie wirklich selbstbewusst sind oder nicht. Im Beruf wird das Selbstvertrauen mit Kompetenz, Offenheit und Souveränität verbunden (und umgekehrt). Einen stotternden und hektischen Arzt werden wir nur einmal besuchen, ein zitternder Chirurg wird im Vorfeld nicht eingestellt. Der Akteur verspricht sich durch seine Darstellung Vorteile, oder eine selbstsichere Fassade wird für die Rolle sogar vorausgesetzt. Aus diesem Grund können auch sonst eher unsichere Akteure in ihrem Arbeitsumfeld selbstsicher Auftreten – während sie in ihrem persönlichen Umfeld weniger Wert auf ihre Fassade legen, so ist diese innerhalb ihres Berufes notwendig. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass sie die Fassade ihres Berufes auch auf andere Felder ausbreiten, wenn sie sich lange genug damit identifizieren konnten.

Damit kommen wir zu meinem letzten Punkt. Im Alltagsverständnis wird Selbstvertrauen mit Selbstsicherheit gleichgesetzt: Wenn jemand selbstsicher auftritt, so verfügt er auch über Selbstvertrauen. In Wirklichkeit können aber die meisten Akteure Selbstsicherheit ausstrahlen, unabhängig von ihrem Selbstvertrauen. Doch beide Dinge sind auch nicht gänzlich unabhängig voneinander, denn wenn sich ein Individuum Selbstsicherheit aneignet, so wird er diese Darstellungsweise gegebenenfalls auch in andere Rollen integrieren. Die Fassade (Selbstsicherheit) wird irgendwann Teil der Rolle und am Ende Teil der Person (vgl. Goffman 2003, S. 21). Man könnte auch sagen: Bevor wir selbstsicher sind, spielen wir Selbstsicherheit. Wenn wir dieses Verhalten dann so sehr verinnerlicht haben, dass wir es nicht mehr spielen müssen, sondern sind, könnte man in der Gesamtheit der Fähigkeiten von einem psychischen Selbstvertrauen sprechen: Ich weiß, dass ich ein guter Arzt bin, ich weiß aber auch, dass ich kein guter Musiker bin. Dabei müssen wir allerdings auch beachten, dass unser Selbstvertrauen nicht nur die Reflexion mit uns selbst, sondern auch die Reflexion mit unserer Umwelt beinhaltet. Sie ist daher fehlerbehaftet - die Übereinstimmung der Fremdwahrnehmung mit der Selbstdarstellung muss nicht die realen Fähigkeiten widerspiegeln. Durch Verzerrungen und Zuschreibungen kann das Subjekt durch die Fremdwahrnehmung sogar getäuscht werden. Ein sehr gutes Beispiel hierfür haben Claude M. Steele und Joshua Aronson in einer Studie über die geistigen Leistung von Afroamerikanern präsentiert. Sie sind der Meinung, dass ein Vorurteil gegenüber eine Gruppe, die Leistung der Akteure innerhalb der Gruppe verschlechtern kann (vgl. Aronson/Steele 1995, S. 808-810). Alleine durch das Klischee werden sie in ihren Fähigkeiten negativ beeinflusst, die Fremdwahrnehmung verzerrt in diesem Fall die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten. Auch wenn sich dieses Vorurteil gegenüber eine Gruppe von Menschen richtet, so ist davon auszugehen, dass eine individuelle Zuschreibung einen ähnlichen Effekt auf das Selbstvertrauen haben kann.

Ich komme zu dem Schluss, dass weder Selbstvertrauen noch Selbstsicherheit eine komplett individuelle Angelegenheit ist. Man konnte feststellen, dass hinter der selbstsicheren Darstellung des Individuums nicht unbedingt Selbstvertrauen stecken muss. Selbst wenn ein Individuum selbstsicher ist, so stellt die Tatsache, dass er diesen Aspekt in der jeweiligen Rolle hervorbringt, ein Selektionsprozess dar. Diese Selektion ist davon abhängig, wie er sich in der jeweiligen sozialen Situation präsentieren möchte (oder muss), wodurch er die Situation wiederum modelliert.
Die Grenze zwischen individuelle Eigenschaft und kulturelle Praktik scheint fließend zu sein. Trotzdem gibt es auch einige Beschränkungen, auf die ich kurz eingehen möchte. Ich vertrete in diesem Essay nicht die These, Selbstvertrauen könne nur durch soziale Beziehungen entstehen. Andere Faktoren wie zum Beispiel die Genetik oder Lebensumstände spielen sicherlich auch eine Rolle. Es scheint jedoch so, als ob die Fremdwahrnehmung und gelungene Selbstdarstellung bei einem gesunden Selbstvertrauen mit einzubeziehen ist. Weitere Überlegungen zu diesem Thema könnten andere Sozialpsychologische Beiträge wie zum Beispiel von George Herbert Mead beinhalten: Inwiefern wirkt sich die Annahme und Ablehnung von signifikanten Anderen auf das kindliche Spiel und auf das Selbstvertrauen/Selbstsicherheit der Kinder aus?


Literaturverweise:
Aronson, Joshua und Claude M. Steele 1995: Stereotype Threat and the Intellectual Test Performance of African Americans. S. 797-810 in: Journal of Personality and Social Psychology 69 (5).

Goffman, Erving 2003: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, S.5-30 in ders., MĂĽnchen: Piper Verlag.

Luhmann, Niklas 1995: Was ist Kommunikation? S. 115f in ders., Soziologische Aufklärung, Band 6. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6456
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mein Ersteindruck war: Der Text ist schwierig zu lesen. Nicht, weil er kompliziert formuliert ist, sondern weil er "staubt". Nein im Ernst: Das Ganze ist ein interessantes Thema, aber selbst unter der Annahme, dass das hier ein Fachtext sein soll (fĂĽrs Studium?), vermisse ich ein gewisses emotionales Engagement des Schreibers.
Es klingt auf den ersten Blick alles sauber durchgestylt, aber weil es nicht den geringsten "Anturn-Faktor" hat, hat wohl bislang keiner einen zweiten Blick auf den Text geworfen. Das erklärt wohl auch, warum sich noch niemand dazu geäußert hat.

Ich versuche mal einen zweiten Blick:


quote:
Selbstvertrauen ist eine der positiven Eigenschaften, die wir im Alltag insbesondere Individuen zuschreiben und dabei weniger als erlernten Prozess, sondern mehr als psychische Eigenart eines Bewusstseins ansehen. Selbstvertrauen hat man, oder hat man nicht, und selbst wenn es erlernt worden ist, dann sieht man die Entstehung dieses Charaktermerkmals mehr als einen individuellen Entwicklungsprozess und nicht als eine kollektive Leistung an, die in zwischenmenschlichen Beziehungen entsteht und dort auch aufrecht erhalten werden muss. Dieses Selbstvertrauen äußert sich in unseren sozialen Handlungen als Selbstsicherheit: Da der Akteur von seinen Eigenschaften weiß, kann er mit seinen Fähigkeiten sicher umgehen. In diesem Essay möchte ich dieser Haltung auf den Grund gehen – kann Selbstvertrauen als eine persönliche Eigenschaft angesehen werden, welche uns selbstsicher erscheinen lässt, oder als kulturelle Praktik, die in zwischenmenschlichen Beziehungen auftritt?

Mir erscheint dieser Einsteig – gemessen an der Gesamtlänge des Aufsatzes – zu breitgeräumt. Man darf hier zuspitzen – das mit dem "auch erlernt gilt es als Charaktermerkmal" geht wahrscheinlich für eine Einleitung schon zu weit.
Ich hielte es auch fĂĽr gĂĽnstiger, hier mit einer Art (Kurz-)Definition der beiden Worte zu beginnen, damit der Untersuchungsgegenstand klar umrissen ist. FĂĽr Selbstsicherheit hast du das gewissermaĂźen schon gemacht.
"kann man"? Die Frage kann ich auch ohne Essay beantworten: Klar kann man es so sehen – das eine und das andere. Man kann Selbstvertrauen auch als Geschenk Gottes sehen oder als Fehleinschätzung durch andere oder als Erfindung der Psychologen oder als Esotherikgeschwafel oder … Ich meine. Können kann man in dem Zusammenhang alles – die Frage ist doch eher es so oder so ist. Oder?

quote:
Zunächst ist es verständlich, dass sich Akteure mit ihrem Selbstvertrauen identifizieren können.
Dieser Behauptung kann ich an drei Stellen nicht folgen: Wieso "ist es verständlich" (für wen und warum?), welche Akteure (die, die das SV haben, die es sehen, die es ausbaden müssen?) und was meinst du mit "mit dem SV identifizieren" (so wie „Herr X sieht sich als das personifizierte SV“?).
Davon abgesehen: Was bedeutet es fĂĽr das Thema, dass man es kann? Man kann sein SV auch leugnen (klingt komisch, ist aber so; man kann Dinge selbstvertrauend tun, ohne dass einem dieses Vertrauen bewusst ist) oder man kann ein SV annehmen, das man gar nicht hat. Und? Was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Thema?

quote:
In unserer Gesellschaft wird das Selbstvertrauen in aller Regel als positive Eigenschaft angesehen, die den Einzelnen, sofern es nicht als übertriebene Selbstüberschätzung oder Arroganz auftritt, zu zielgerichteten Leistungen und einem glücklichen Leben befähigt.
Ok, das wäre aus meiner Sicht ein brauchbarer erster Satz nach der Einleitung. Vielleicht etwas zu lang, weil er schon wieder versucht, die Hauptaussage sofort selbst wieder zu relativieren, aber nun ja.
Ich glaube, das ist nicht exakt sortiert: SV wird als positive Eigenschaft gesehen, soweit sie nicht überspitzt (Selbstüberschätzung / Arroganz) auftritt. Aber auch in dieser Form wird sie doch als Eigenschaft angesehen, die zu zielgerichteten Leistungen befähigt (beim Glücklichwerden scheiden sich die Geister sicher). Oder?

quote:
Die psychische Eigenschaft Selbstvertrauen spielt in einer soziologischen Untersuchung zunächst jedoch keine große Rolle, da das Bewusstsein innerhalb einer sozialen Situation verschlossen bleibt (vgl. Luhmann 1995, S. 115f).
Ok, das versteh ich jetzt ĂĽberhaupt nicht, das ist wohl ein Satz nur fĂĽr Fachleute.
Meine Fragen wären: Gibt es auch andere SV-Versionen, die nicht psychische (sondern z. B. physische) Eigenschaft sind? Wieso zunächst – an welchem Beginn, bis wann? Wieso "jedoch"? Und warum sollte das Bewusstsein in einer sozialen Situation verschlossen bleiben – das hieße ja, man hätte nur Zugang, wenn man als Einsiedler auf einer Insel lebte?

quote:
Vor dem Hintergrund, dass Akteure so handeln, wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen werden möchten (Goffman 2003, S. 7-10), gewinnt das Selbstvertrauen jedoch eine soziale Dimension.
Das verstehe ich völlig - bis auf das jedoch. Nirgends vorher ist die Rede davon, dass das SV keine soziale Dimension hätte. Und was das mit dem angeblich verschlossenen Bewusstsein zu tun hat, verstehe ich auch überhaupt nicht. Oder mit dem Ausblenden(?) von SV am Anfang soziologischer Untersuchungen.

quote:
Selbst wenn sich ein Akteur für selbstbewusst hält, so muss dieser Eindruck in einer sozialen Situation erschaffen werden.

Wieso muss es das? Versteh mich nicht falsch: Ich ahne, worauf das hinausläuft, aber weder ist das zwingend (Warum kann sich der Einsiedler nicht für selbstbewusst halten?) noch innerhalb des Texte hergeleitet. Und das – dieses "ist SV individuelle Gabe oder sozialer Aspekt?" – ist doch das Thema des Aufsatzes. Statt das Thema zu ergründen, stellst du hier einfach eine Antwort hin. Dass du diese Behauptung im Folgenden mit etwas "verbindest" ändert daran nichts. Für mich jedenfalls.
Ist "selbstbewusst" nicht eine ganz andere Kategorie? Umgangssprachlich kaum, aber fachlich schon, oder? Fachlich ist Selbstbewusstsein "nur" die Grundlage dafür, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit entwickeln zu können; man kann z. B. sich auch seiner selbst bezüglich all seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten bewusst sein. Oder?

quote:
Diese Betrachtungsweise lässt sich gut mit der Rollentheorie von Goffman verbinden. Die Rolle beschreibt hier ein vorausgehendes Verhaltensmuster, welches die Akteure zu Beginn ihrer Darstellung auswählen und während einer Situation vorspielen (Goffman 2003, S.18). Zur Unterstützung der Rolle dient eine Fassade, welche die Gestik, Klasse, Alter und Sprechweise beinhaltet (Goffman 2003, S. 23-27). Die Selbstsicherheit kann demnach als eine Ausdrucksweise (Fassade) angesehen werden, die in eine soziale Rolle eingebettet ist. Wenn ich also von Selbstsicherheit spreche, dann meine ich damit nicht das wirkliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sondern eine situative Praktik, die von Akteuren benutzt wird, um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten darzustellen.

Wo passiert hier der Wechsel von SV zu Selbstsicherheit, so dass du dann letztere vom ersteren „wegdefinieren“ kannst?


quote:
… ein zitternder Chirurg wird … nicht eingestellt
.
Na das hat wohl vor allem andere Gründe …


quote:
Damit kommen wir zu meinem letzten Punkt. Im Alltagsverständnis … Musiker bin. Dabei müssen wir allerdings auch beachten, dass unser Selbstvertrauen nicht nur die Reflexion mit uns selbst, sondern auch die Reflexion mit unserer Umwelt beinhaltet. Sie ist daher fehlerbehaftet - die Übereinstimmung der Fremdwahrnehmung mit der Selbstdarstellung muss nicht die realen Fähigkeiten widerspiegeln. Durch Verzerrungen und Zuschreibungen kann das Subjekt durch die Fremdwahrnehmung sogar getäuscht werden. Ein sehr gutes Beispiel hierfür haben Claude M. Steele und Joshua Aronson in einer Studie über die geistigen Leistung von Afroamerikanern präsentiert. Sie sind der Meinung, dass ein Vorurteil gegenüber eine Gruppe, die Leistung der Akteure innerhalb der Gruppe verschlechtern kann (vgl. Aronson/Steele 1995, S. 808-810). Alleine durch das Klischee werden sie in ihren Fähigkeiten negativ beeinflusst, die Fremdwahrnehmung verzerrt in diesem Fall die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten. Auch wenn sich dieses Vorurteil gegenüber eine Gruppe von Menschen richtet, so ist davon auszugehen, dass eine individuelle Zuschreibung einen ähnlichen Effekt auf das Selbstvertrauen haben kann.

Der Absatz ist zu lang.
"Reflexion mit mir/dir/ihm"? Das ergibt semantisch keinen Sinn. Man über etwas reflektieren …
Auch "wenn sich dieses Vorurteil gegenüber eine Gruppe von Menschen richtet" ist semantisch falsch. Du meinst "gegen etwas/jemanden richten", geschrieben hast du: "das Vorurteil richtet sich (selbst hin) und das tut es, während gegenüber (auf der anderen Seite) eine Gruppe von Menschen ist“.
Beim Sprung zum Einfluss der Fremdwahrnehmung fehlt was. Du erzählst zwar Beweise (nennst Experimente), aber wie das (wahrscheinlich) funktioniert, sagst du nicht. Dabei hat du die Grundlagen dafür eben gelegt: Die Selbstsicherheit (die von außen bestätigt oder erschüttert wird) prägt das Selbstvertrauen – wenn man die Selbstsicherheit erschüttert, ist die Erschütterung des Selbstvertrauens logische Folge. Und umgekehrt, das fehlt wohl auch noch.

quote:
Ich vertrete in diesem Essay nicht die These, Selbstvertrauen könne nur durch soziale Beziehungen entstehen. Andere Faktoren wie zum Beispiel die Genetik oder Lebensumstände spielen sicherlich auch eine Rolle.
Ja wenn du nicht diese These im Essay vertrittst, warum steht dann nur diese These im Essay?? Das – ist es "angeboren" oder "sozial" – war doch die Hauptfrage! Das ist, als würdest du die Frage "Sind zum Einkochen Äpfel besser oder Birnen?" dadurch zu beantworten suchen, dass du die Einkoch-Werte von Äpfeln untersuchst und am Ende nur sagst "Aber Birnen sind auch nicht schlecht."


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Wasted
Hobbydichter
Registriert: Jun 2012

Werke: 3
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wasted eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hey, danke schonmal für die ausführliche Antwort. Hatte mir etwas Zeit gelassen, möchte jetzt ebenfalls ausführlich antworten.

quote:
Mein Ersteindruck war: Der Text ist schwierig zu lesen. Nicht, weil er kompliziert formuliert ist, sondern weil er "staubt". Nein im Ernst: Das Ganze ist ein interessantes Thema, aber selbst unter der Annahme, dass das hier ein Fachtext sein soll (fĂĽrs Studium?), vermisse ich ein gewisses emotionales Engagement des Schreibers.
Es klingt auf den ersten Blick alles sauber durchgestylt, aber weil es nicht den geringsten "Anturn-Faktor" hat, hat wohl bislang keiner einen zweiten Blick auf den Text geworfen. Das erklärt wohl auch, warum sich noch niemand dazu geäußert hat.
Da ich den Text geschrieben habe, fällt es mir auch immer schwer, das zu beurteilen. Das Engagement war aufjedenfall gegeben - das Thema wurde aus reinem Interesse ausgesucht und nicht aus Gefälligkeit. Es würde vielleicht helfen, darauf zu achten, welche Texte für mich besonders interessant sind und daraus zu lernen.


quote:
Ich hielte es auch fĂĽr gĂĽnstiger, hier mit einer Art (Kurz-)Definition der beiden Worte zu beginnen, damit der Untersuchungsgegenstand klar umrissen ist. FĂĽr Selbstsicherheit hast du das gewissermaĂźen schon gemacht.
Beim Schreiben des Textes gab es Versionen, bei denen eine Definition beider Begrifflichkeiten, so wie ich sie hier verwende, geboten wurde (in ganz frĂĽhen, unfertigen Versionen rede ich sogar nur von Selbstvertrauen, und benutze den Begriff situativ als soziologischen und psychologischen Begriff). Ich habe dann letztendlich auf eine genaue Definition verzichtet, da ich der Meinung war, dass es aus dem Text ersichtlich ist und ich eine Definition nicht passend in die Einleitung verpacken konnte.

quote:
Dieser Behauptung kann ich an drei Stellen nicht folgen: Wieso "ist es verständlich" (für wen und warum?)
Für alle, die in einer Gesellschaft leben, in der diese Eigenschaft als positiv angesehen wird - damit auch für den Leser. (Für den Akteur selbst ist es natürlich auch verständlich, er würde es aber wahrscheinlich im Falle der eigenen Person nicht verständlich finden, sondern einfach nur gut).

quote:
und was meinst du mit "mit dem SV identifizieren" (so wie „Herr X sieht sich als das personifizierte SV“?).
Es ist als allgemeine Aussage gemeint. Es ist verständlich, dass sich Herr X (aber auch Herr Y usw.) mit seinem Selbstvertrauen identifizieren kann.

quote:
Davon abgesehen: Was bedeutet es fĂĽr das Thema, dass man es kann? Man kann sein SV auch leugnen (klingt komisch, ist aber so; man kann Dinge selbstvertrauend tun, ohne dass einem dieses Vertrauen bewusst ist) oder man kann ein SV annehmen, das man gar nicht hat. Und? Was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Thema?

Ich persönlich bin der Meinung, dass gerade in einem Essay nicht alles haarklein definiert und explizit genannt werden muss - sonst wäre der Text vermutlich noch staubiger . Durch den Zugang des Themas (Goffmans Theorie geht von der Selbstdarstellung des Autors aus), die Art und Weise, wie es ausgedrückt ist und den weiteren Textpassagen wird das meiner Meinung nach klar, gebe aber zu, dass ich mir beim Schreiben dieses Satzes vermutlich darüber auch gar nicht so viele Gedanken gemacht habe. Es ist aber auch kein Zufall, dass im nächsten Satz auf die gesellschaftliche Stellung des Selbstvertrauens eingegangen wird und im nächsten Abschnitt dann der Zugang. Ist wohl aber dadurch bedingt, dass dieser Text als Fachtext geschrieben wurde.

Ich fasse es kurz zusammen: Goffmans Theorie geht von der Selbstdarstellung der Individuen aus. Selbstvertrauen ist eine Eigenschaft, die in der Gesellschaft als positiv anngesehen wird und es fällt dem Individuum deshalb nicht schwer, diese Eigenschaft als erstrebenswert zu halten, da er sich durch die Darstellung Vorteile erwartet, sei es nun in Form von Bewunderung, Symphatien, oder auf dem Arbeitsmarkt. Es ist zwar prinzipiell richtig, dass man sein Selbstvertrauen leugnen kann, spielt aber wohl in den meisten Situationen keine Rolle (vielleicht bei Täuschung). Generell vertritt Goffman einen situativen Ansatz - so, wie wir handeln, ergibt sich aus der Situation und nicht primär durch den Menschen.

quote:
Aber auch in dieser Form wird sie doch als Eigenschaft angesehen, die zu zielgerichteten Leistungen befähigt (beim Glücklichwerden scheiden sich die Geister sicher). Oder?
Das ist richtig. Beim Akteur mit narzisstischen Tendenzen wird es aber nicht mehr positiv wahrgenommen.

quote:
Ok, das versteh ich jetzt ĂĽberhaupt nicht, das ist wohl ein Satz nur fĂĽr Fachleute.
Meine Fragen wären: Gibt es auch andere SV-Versionen, die nicht psychische (sondern z. B. physische) Eigenschaft sind? Wieso zunächst – an welchem Beginn, bis wann? Wieso "jedoch"? Und warum sollte das Bewusstsein in einer sozialen Situation verschlossen bleiben – das hieße ja, man hätte nur Zugang, wenn man als Einsiedler auf einer Insel lebte?
Ich beziehe mich hier auf Luhmann und seine Systemtheorie - die wahrscheinlich abstrakteste soziologische Theorie der Welt. Ich versuche es kurz zu erklären: Luhmann unterscheidet zwischen verschiedenen Systemen - in diesem Fall: Soziale Systeme / Kommunikationssysteme (soziale Interaktion) gegen psychische Systeme (Bewusstsein). Diese Systeme selbstreferentiell und damit operational geschlossen. Das heißt, dass sich die Systeme zwar beeinflussen können, aber unabhängig voneinander operieren und eigene Regelmäßigkeiten aufweisen. Trivial gesagt: Das, was ich tue bzw. sage, ist nicht dasselbe wie das, was ich denke. Ich kann zwar denken, dass ich Selbstvertrauen habe, aber in der sozialen Situation schreibt man mir das nur zu, wenn ich Selbstsicherheit ausstrahle. Du kannst mir ja nicht in den Kopf schauen, sondern nur das sehen, was ich tue und nur das hören, was ich sage (und nicht das, was ich denke).

Spannend ist das ganze deshalb, weil Goffman und Luhmann von ihren Ansätzen unterschiedlicher nicht sein könnten, sie aber zmd. an der Stelle ähnliches implizieren. Vermutlich hätte ich diesen Essay auch mit Luhmanns Ansatz schreiben können, wäre dann aber unnötig kompliziert geworden (so wie Luhmann selbst ).

Vielleicht wird vieles (auch davor) eindeutiger, wenn ich nochmal betone, dass sich die Soziologie immer mit dem Sozialen beschäftigt, wobei das Soziale eine kurze Begegnung im Fahrstuhl, aber auch die Gesellschaft sein kann. Der Einsiedler spielt zumindest in dieser Fragestellung keine Rolle. Dieser Text geht zwar eindeutig auch in eine sozialpsychologische (dort spielt der Einsiedler noch weniger eine Rolle) Richtung, setzt seinen Schwerpunkt aber auf die Soziologie und deren Theorien.

quote:
Das verstehe ich völlig - bis auf das jedoch. Nirgends vorher ist die Rede davon, dass das SV keine soziale Dimension hätte.
Ich beziehe das hierauf:
quote:
Die psychische Eigenschaft Selbstvertrauen spielt in einer soziologischen Untersuchung zunächst jedoch keine große Rolle, da das Bewusstsein innerhalb einer sozialen Situation verschlossen bleibt (vgl. Luhmann 1995, S. 115f)
Da ich "jedoch" aber schon im Satz davor benutzt habe, könnte ich es durchaus streichen oder ersetzen.

quote:
Wieso muss es das? Versteh mich nicht falsch: Ich ahne, worauf das hinausläuft, aber weder ist das zwingend (Warum kann sich der Einsiedler nicht für selbstbewusst halten?) noch innerhalb des Texte hergeleitet.
Es ist aus dem Selbstverständnis der Soziologie hergeleitet. Der Einsiedler interessiert an dieser Stelle nicht (wobei auch der Einsiedler wahrscheinlich in seinem früheren Leben an sozialen Interaktionen teilgenommen hat).

quote:
Statt das Thema zu ergründen, stellst du hier einfach eine Antwort hin. Dass du diese Behauptung im Folgenden mit etwas "verbindest" ändert daran nichts. Für mich jedenfalls.
Ist "selbstbewusst" nicht eine ganz andere Kategorie? Umgangssprachlich kaum, aber fachlich schon, oder? Fachlich ist Selbstbewusstsein "nur" die Grundlage dafür, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit entwickeln zu können; man kann z. B. sich auch seiner selbst bezüglich all seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten bewusst sein. Oder?
Ich habe an der Stelle selbstbewusst benutzt, da ich "selbstvertraut" nicht verwenden wollte. Ich habe das Bewusstsein über die Fähgikeiten mit dem Vertrauen in die Fähgikeiten gleichgesetzt, was sicherlich fachlich nicht 100% richtig wäre. Da müsste ich mir noch etwas überlegen.

Der Satz kann in gewisser Weise als analytischer Satz angesehen werden, der seine Richtigkeit alleine durch den Gehalt gewinnt (oder gewinnen soll) und mein Verständnis der Begriffe ergibt sich aus den Teilen davor. Es war aber nicht vorteilhaft, dass ich selbstbewusst benutzt habe - stiftet wohl weitere Verwirrung.

Um das nochmal klar zu definieren: SV ist für mich hier immer eine psychische Eigenschaft, SS eine soziale Darstellungsform. Wenn ich Selbstvertrauen ausdrücken möchte, dann muss ich das im Rahmen einer sozialen Situation hergestellt werden (über die SS). Ansonsten könnte ich nur behaupten, ich besäße Selbstvertrauen, wenn ich mich aber nicht dementsprechend verhalte, dann wird das von meiner sozialen Umwelt auch merkwürdig wahrgenommen. Wenn ich es nicht äußere, dann wird das zwar auch nicht merkwürdig wahrgenommen, man schreibt mir allerdings immer noch kein Selbstvertrauen zu. Und ich behaupte eben, dass diese Fremdzuschreibung letztendlich wieder einen Einfluss auf meine Selbstwahrnehmung hat.

quote:
Wo passiert hier der Wechsel von SV zu Selbstsicherheit, so dass du dann letztere vom ersteren „wegdefinieren“ kannst?
So ziemlich im kompletten Text davor. Im Grunde sage ich nichts "neues", wollte allerdings das mit dem Theoriegebäude von Goffman erklären, was die weitere Darstellung vereinfacht.

quote:
Der Absatz ist zu lang.
"Reflexion mit mir/dir/ihm"? Das ergibt semantisch keinen Sinn. Man über etwas reflektieren …
Auch "wenn sich dieses Vorurteil gegenüber eine Gruppe von Menschen richtet" ist semantisch falsch. Du meinst "gegen etwas/jemanden richten", geschrieben hast du: "das Vorurteil richtet sich (selbst hin) und das tut es, während gegenüber (auf der anderen Seite) eine Gruppe von Menschen ist“.
Sind auch die Sätze, bei denen ich mir am wenigsten sicher war. Das muss ich aufjedenfall nochmal ändern.

quote:
Dabei hat du die Grundlagen dafür eben gelegt: Die Selbstsicherheit (die von außen bestätigt oder erschüttert wird) prägt das Selbstvertrauen – wenn man die Selbstsicherheit erschüttert, ist die Erschütterung des Selbstvertrauens logische Folge. Und umgekehrt, das fehlt wohl auch noch.
Stimmt, das könnt ich noch allgemeiner formulieren.

quote:
Ja wenn du nicht diese These im Essay vertrittst, warum steht dann nur diese These im Essay?? Das – ist es "angeboren" oder "sozial" – war doch die Hauptfrage! Das ist, als würdest du die Frage "Sind zum Einkochen Äpfel besser oder Birnen?" dadurch zu beantworten suchen, dass du die Einkoch-Werte von Äpfeln untersuchst und am Ende nur sagst "Aber Birnen sind auch nicht schlecht."
Das stimmt so nicht. Du verneinst die These, die du mir selbst vorgeschlagen hast. Meine These war eben, dass es als soziale Praktik angesehen werden -kann-, womit ich impliziere, dass es auch andere Ansichtsweisen gibt. Diese Ansichtsweisen haben andere Denkvoraussetzungen als meine Ansichtsweisen, es hier aber komplett auszuschließen wäre meiner Meinung nach nicht nur undifferenziert, sondern ich würde mich als Fachidiot der Soziologie outen, der andere Herangehensweisen ablehnt, über die er gar keine Aussagen treffen kann. Es ist eben ein Teilaspekt, der sicherlich eine Rolle spielt, inwiefern das aber beispielsweise auch durch genetische Aspekte bedingt ist, weiß ich nicht.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung