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Leselupe.de > Humor und Satire
Selektissimus
Eingestellt am 24. 09. 2010 22:13


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Chrisch
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Registriert: Jan 2009

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Selektissimus

„Akum merkea istra, wecken mala sindra:“, sagt der Arzt und schaut mich dabei bedauernd an.
„Wie bitte?“ Woher kommt der Mann? Er sieht gar nicht wie ein AuslĂ€nder aus.

Dr. med. Hans Bierbrauer
Facharzt fĂŒr Hals- Nasen-Ohrenkrankheiten

verrĂ€t mir das Namensschild, das an seinem weißen Kittel sorgsam befestigt ist. Der gewaltige Bauch, der den Kittel glatt, wie gebĂŒgelt, gespannt hĂ€lt, lĂ€sst mich vermuten, dass sein Name fĂŒr ihn Gebot ist.
„Nasri pala kunto kelima und dann mĂŒsste es ihnen eigentlich besser gehen“
Ich bohre mit beiden Zeigefingern in meinen Ohren herum.
„Also bis nĂ€chste Woche; dann berichten sie mir, ob sie sich an das GerĂ€t gewöhnt haben.“, sagt ‘s und schiebt mich zur TĂŒr hinaus.
Der Herr Doktor hat es offensichtlich nicht verstanden. Durchs Ohrenbohren wird es auch nicht besser. Auf dem Krankenhausflur versuche ich es dennoch weiter, werde aber angerempelt von einem eiligen Patienten oder Angehörigen.
„Quarxi mastov, blundi Irkesi!”, schreit mich der Typ an.
Das ist bestimmt irgendeine Beleidigung, also frage ich nicht nach und wende mich nochmals der netten Krankenschwester am Empfangstresen zu.
„Dieser Doktor Bierbrauer hat mir gar nicht zugehört”, flĂŒstere ich, muss aber dann doch laut rufen, weil gerade einige Kinder herein strömen, die sich gleich durcheinanderfragend, nach ihrem Bruder erkundigen.
Als es wieder ruhiger wird, versuche ich ihr, wie schon vorhin, noch einmal zu erklÀren, dass mich der komische Umstand hÀufig plagt, mitten in SÀtzen plötzlich Worter nicht zu verstehe.
„Und der Herr Doktor Bierbrauer hat nichts gefunden?”, sie blickt mich zweifelnd an.
„Ne, der hat mir ein HörgerĂ€t verschrieben und mich gleich abgeschoben.”
Sie ĂŒberlegt einen Augenblick. Sieht wirklich sĂŒĂŸ aus, wie sie sich dabei auf die Lippen beißt und murmelt etwas wie: „kingste maturna sein. Sie können ja noch eine zweite Meinung einholen, als Privatpatient ist das kein Problem. Vielleicht der Doktor Nervinius.” Sie reicht mir eine Karte und beschreibt mir den Weg durch das Labyrinth des Krankenhauses.
„Nervinius, Namen gibt’s”, und gleichzeitig ĂŒberlege ich was wohl „maturna” heißen könnte. Zehn Minuten spĂ€ter stehe ich vor der TĂŒre eines Neurologen. Jetzt bekomme ich es doch mit der Angst zu tun; denn plötzlich scheint mir der Gedanke einen Tumor im Kopf zu haben, sehr wahrscheinlich zu sein. Mit meinen TrĂ€nen kĂ€mpfend, öffne ich tapfer die TĂŒr und werde gebeten Platz zu nehmen und ein paar Minuten zu warten. Der Herr Doktor operiere noch, wĂ€re aber bestimmt gleich fertig. Die beiden Empfangsschwestern schauen sich, nach meinen geschilderten Beschwerden, vielsagend an. „Bestimmt ein ulminares maturna”, meinte die eine. Sie denkt wohl ich höre nicht so gut, aber ich habe dieses Todesurteil sehr wohl vernommen. Ich setze mich, hole meinen Terminplaner hervor. Vielleicht rede ich nachher mit dem Bestatter, der sinnvoller Weise, neben der Klinik seine Residenz aufgeschlagen hat.
Ich stelle mir vor wie meine Kinder am Grab ihres Vaters stehen und stammeln wĂŒrden:  “Er war so voll cool als er letzte Woche erfuhr, dass er ein ulminares maturna hat”.
Ich versuche einen ersten Entwurf meines Testamentes: „Lieber Paul, liebe Paula, liebe Pauline! Es tut mir leid, dass ich euch schon so frĂŒh verlassen muss, aber ich bin so glĂŒcklich, dass ich vor euch aus dem Leben scheide. Sterben ist so schwer. Seid tapfer!”, hier muss ich vorerst aufhören, weil mich heftige WeinkrĂ€mpfe schĂŒtteln.
Dann ĂŒberlege ich und notiere meine Kontonummer mit Passwort und versuche eine Liste der Aufgaben zu erstellen, die ich schnellstens noch vor meinem Tod zu erledigen habe.
Irgendwie bin ich wohl doch vor Erschöpfung eingeschlafen, schrecke plötzlich hoch. Es ist dunkel geworden und das Neonlicht scheint kalt auf die blassen Schwestern. Drei Stunden sind vergangen. Ich trockne mir die Augen und frage nach.
„Nun sein sie mal nicht so ungeduldig. Der Doktor wird bestimmt gleich hier sein.” Ich drehe mich um und höre wie sie ein „Girni mangus”, zu ihrer Kollegin hinterher schiebt.
Das war sicherlich nichts Nettes, aber ich setze mich brav wieder auf meinen Platz. Eben in diesem Augenblick kommt der Doktor herein. Er ist ein kleines MĂ€nnchen mit Brille, redet kurz mit den Krankenschwestern und tritt dabei von einem Bein auf das andere, seine HĂ€nde bewegen sich unaufhörlich. So wendet er sich schließlich mir zu: „Ich habe nicht viel Zeit, kommen Sie doch herein.” Er schließt die TĂŒr hinter mir und setzt sich auf den Rand des Schreibtisches, der mit Stapeln von Akten ĂŒberfĂŒllt ist, wirft einige hinunter, die er auf allen Vieren versucht wieder auf zu sammeln.
„ErzĂ€hlen Sie schon mal. Ich höre ihnen zu”, erklingt es dumpf unter dem Tisch hervor.
Nach einiger Zeit, wieder mit einer Backe auf dem Schreibtisch angekommen, nickt er nachdenklich und murmelt:
„Das ist eindeutig ein Fall von Tinitus Selektissimus. Das habe ich einmal von einem alten Guru im Erzgebirge gehört. Der sagte: 'Hören kann jeder, der nicht krank ist, aber die Worte kommen herein und verwandeln sich in Worte von Silvana, der Unverstanden. Alles Unheil wird gewandelt'“. Da ist er, der Geruch des fernen Ostens. Er zĂŒndet ein RĂ€uchersĂ€tbchen an und sagt noch einmal:
„Sie haben Tinitus Selektissimus oder auch Bahnhofssyndrom. Eine Krankheit, die noch nie dagewesen ist, Ă€ußerst selten also. Sie hören schlimme Worte, verstehen aber nur Bahnhof. Ich könnte gern versuchen ihnen mit einer Hirn-menkate und wekli megantus perversus zu helfen.“, dabei schaut er mich genauso fragend an, wie ich ihn. „Ach so ja, sie verstehen natĂŒrlich nicht.“ Er schreibt etwas auf einen Block und zeigt es mir, wĂ€hrend er weiterredet. „Manchmal tritt so etwas Ähnliches auf, aber die Patienten hören gar nichts mehr, wenn es unangenehm wird.“
Lachend klopft er mir auf den RĂŒcken, „Da können sie ja wirklich froh sein!.“
„Na, toll!“, denke ich und versuche die Arzthandschrift zu entziffern.
„Was, Sie wollen mir bei einer Hirnoperation den rechten Stirnlappen entfernen!“ Ich bin einer Ohnmacht nahe.
Er nickt, „Nicht? Sie können alternativ auch vier Wochen warten, keine Zeitung, kein Fernsehen, keine GesprĂ€che, Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Das geht natĂŒrlich auch, aber das wĂ€re doch ziemlich langweilig, finden sie nicht? “
„Sie sind ein blödes perverses Arschloch“, möchte ich ihn beschimpfen. Zum GlĂŒck kommt nur Kauderwelsch aus meinem Mund, trotzdem scheint er sauer auf mich zu sein. Ich glaube ihm natĂŒrlich kein Wort, aber ausruhen wird sicherlich nichts schaden.
Daheim angekommen, der Bestatter muss noch warten, gerade zur Nachrichtenzeit schalte ich den Fernseher ein: „Guten Abend meine Damen und Herren. Hier ist die Tagesschau. Heute manki mersi diversa....“ Ich werde wahnsinnig. Ich verstehe wirklich kaum etwas. Die Bilder sprechen ihre eigene Sprache. Ein Ehrenmord, ein Luftangriff im Irak und brennende Reifen irgendwo in der WĂŒste Berlin-Neuköllns.
Ich gelange zu der Erkenntnis, dass dieser selektive Tinitus allein, mich nicht vor dem Bösen bewahren kann. Ich kneife die Augen fest zusammen. Blind mĂŒsste man dafĂŒr auch noch sein!

__________________
"ist wie Schach, nur ohne WĂŒrfel" Lukas Podolski

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