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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Seltsame Gelüste
Eingestellt am 14. 07. 2003 00:10


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Tanja_Elskamp
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2003

Werke: 5
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„Ich finde es immer wieder traurig, wenn ein Patient verstirbt, du nicht?“
„Ja, schon. Ich habe schon oft Kolleginnen sagen hören, dass man sich daran gewöhnt, aber ich habe mich bis heute nicht daran gewöhnt. Naja, ein kleines bisschen vielleicht.“
„Seit wann arbeitest du hier?“
„Auf dieser Station jetzt seit fünf Jahren, davor habe ich noch drei Jahre in Bottrop auf einer neurologischen Station gearbeitet.“
„Achso.“
Das Gespräch der beiden Frauen verstummte und still setzten sie ihre Arbeit fort, die im Augenblick darin bestand, einen toten Mann zu versorgen. Seinen Schrank hatten sie zuerst ausgeräumt und seine Habseligkeiten in die Reisetasche gepackt, dann hatten sie mit der letzten Reinigung des nun verstorbenen Herrn Dietrich begonnen, ihm sein Gebiss eingesetzt und waren nun so weit vorangeschritten, dass sie ihm eine Mullbinde um den Kopf wickelten, damit ihn die Angehörigen später nicht mit geöffnetem Mund zum letzten Mal sehen würden.
Die jüngere der zwei Frauen versuchte dann, seine Augen zu schließen.
„Marianne, kannst du mir helfen? Sie öffnen sich immer wieder.“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
Marianne entschwand im Bad und kam nur Sekunden später mit zwei Kompressen wieder, die sie mit Wasser getränkt hatte. Sie knickte beide in der Mitte und legte sie dem Toten dann auf die Augen, dessen Lider sich unter dem Druck sofort schlossen und auch nicht in die ursprüngliche Haltung zurück klappten.
„Danke.“, lächelte die Jüngere Marianne etwas hilflos an.
Marianne nickte.
„Das sind so Dinge, die du einfach mitbekommst, wenn du eine Weile in dem Beruf arbeitest. In der Schule bringen sie dir das nicht bei.“ Sie erwiderte das Lächeln. „Du bist im zweiten Jahr, Eva?“
„Ja, noch drei Monate, dann im dritten.“
„Da hast du noch viel Zeit. Keine Sorge, das wird noch. Bist du so nett, ihn gleich abzudecken und die Tasche ins Stationszimmer zu bringen? Ich müsste dringend die Coros überwachen jetzt.“
Eva sah erschreckt auf den Toten und schien sich nicht wohl zu fühlen bei dem Gedanken, mit ihm allein gelassen zu werden, doch dann nickte sie tapfer und Marianne ließ sie mit einem weiteren Lächeln allein.

Im Stationszimmer war niemand, die anderen beiden diensthabenden Kolleginnen waren wohl im Herzkatheterlabor und die Stationssekrätärin Elke verteilte wohl im Augenblick Einwilligungen und andere zahlreiche Formulare in den Patientenzimmern.
Mit einem Seufzer griff Marianne nach den Beobachtungsbögen für die Patienten, die heute eine Coronarangiographie, kurz Coro genannt, bekommen hatten. Sie sortierte sie nach den Zimmernummern und machte sich auf den Weg zum ersten, um die Druckverbände zu überprüfen, die Vitalwerte zu messen und die Fußpulse zu testen, wie es halbstündlich üblich war. Sie teilten diese Kontrollen immer einer Kollegin zu in jedem Dienst und heute war sie an der Reihe. Sie mochte die Einteilung ebenso wenig wie ihre Kolleginnen. Zwar verging der Tag scheinbar rascher als sonst, wenn man eingeteilt war, weil man dauernd zwischen den einzelnen Zimmern pendelte, doch war es auch eine mehr als eintönige Arbeit.

„So, Herr Brandt, da bin ich wieder.“, zwitscherte Marianne, schaltete das Bereitschaftslicht im Zimmer ein und ging auf den flach im Bett liegenden Mann zu, der mit geröteten Wangen unter seiner Bettdecke hervor lugte und offensichtlich alles andere als zufrieden mit seiner Situation war.
„Aah, endlich, meine Freundin!“, rief er aus und grinste. Nur zu bereitwillig streckte er sofort einen Arm vor, um Marianne den Blutdruck messen zu lassen.
„Sagen Sie mal, Marianne, wie lang muss ich noch so hier liegen? Mein Rücken schmerzt mittlerweile von diesem flachen Liegen und ich würde zu gern mal die Beine anwinkeln. Nicht einmal fernsehen kann ich, weil Sie das Kopfteil nicht hoch stellen und aus einem Schnabelbecher muss ich trinken wie ein alter Mann.“
„110 zu 70, das ist in Ordnung. – Herr Brandt, wie ich schon sagte, wird der Druckverband erst um 18 Uhr abgenommen. Freuen Sie sich doch, dass alles bisher so reibungslos funktioniert hat bei Ihnen und Ihre Befunde auch so positiv ausgefallen sind. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Nachblutungen! Dann wären Sie mindestens noch zwölf Stunden länger ans Bett gefesselt.“
Sie hatte während ihres Sprechens die Manschette von seinem Arm genommen und die Decke zurück geschlagen, um den dicken Verband, der um Herr Brandts Leiste gewickelt war, nach Blutspuren zu überprüfen, als sie plötzlich seine Hand an ihrem Oberschenkel spürte, die sie zu streicheln versuchte. Marianne ignorierte diese Handlung, deckte den Patienten wieder zu und ging schnellstmöglich zum Fußende, um dort den Fußpuls zu prüfen.
„Marianne, nehmen Sie es mir nicht übel.“, sprach Herr Brandt seinen Ausrutscher sogleich von selbst an. „Ich bin gerade einmal 51 und noch ein rüstiger Knabe, will ich meinen. Und wenn dann so ein junges hübsches Ding wie Sie es sind mit blonden Locken zu mir kommt und sich für meine Lenden interessiert...“
„Leisten, Herr Brandt, nicht Lenden. Aber ich nehme es Ihnen nicht übel, machen Sie sich keine Sorgen. Aber zukünftig...“, sie unterbrach sich selbst, „...wann kommt denn Ihre Frau Sie heute besuchen?“
Marianne wusste, dass diese Form der Anrede meist mehr erreichte als eine simple Belehrung.
Herr Brandt grinste und öffnete den Mund, um ihr zu antworten, als plötzlich das durchdringende Alarmgeräusch das Zimmer erfüllte.
„Entschuldigung.“, rief Marianne, lief eilig zum Bereitschaftslicht, um es zu löschen und rannte auf den Gang, um zu sehen, in welchem Zimmer es einen Notfall gegeben hatte – die Besuchertoilette gleich wenige Meter neben ihr war es.

„Eva?“, rief Marianne fragend und sah die Schwesternschülerin, wie sie mit großen Augen, scheinbar starr vor Entsetzen und mit vor den Mund geschlagener Hand in den geöffneten Toilettenraum blickte.
„Eva, was ist denn?“, fragte Marianne erneut, stellte sich neben Eva und sah ebenfalls in den kleinen Raum.
„Oh!“, entfuhr es ihr, doch im nächsten Moment schaltete sie geistesgegenwärtig den Alarm aus, um nicht noch die Kolleginnen in falsche Panik zu versetzen, die womöglich wieder auf der Station oder bereits auf dem Weg dorthin waren.
Ihr fiel nichts ein, was sie zu Eva sagen könnte, die soeben den vermissten Herrn Sehl gefunden hatte, der dort nackt in der Ecke des vielleicht zehn Quadratmeter großen Raumes lag, halb sitzend. Seine Haut war aschfahl wie das Fleisch eines gebratenen Hühnchens und trug den unverwechselbaren Gelbstich eines unzweifelhaft Toten. Nur sein Kopf und ein Teil des Halses waren in dunklem Blau gefärbt und als seien sie überrascht, blickten seine Augen scheinbar in die ihren.
Marianne schluckte und griff dann nach dem OP-Hemd, das unachtsam geknubbelt gleich neben dem Toten lag. Sie breitete es aus und bedeckte den Toten damit, sich erst nicht entscheiden könnend, ob sie das Gesicht verdecken sollte oder den Körper mitsamt des Genitalbereiches. Sie entschied sich für letzteres, da sie seinen Penis als grotesk empfand, der ihm wie erigiert vom Körper abstand.
„Eva, hol bitte den Schlüssel aus dem Stationszimmer. Es ist der Schlüssel mit dem roten Anhänger.“
Die noch immer vor Schreck ganz blasse Schwesternschülerin gehorchte stumm und nachdem Marianne die Besuchertoilette von außen verschlossen hatte, führte sie das junge Ding in die Teeküche, wo sie ihr ein Glas Wasser einschenkte und ihnen beiden eine kurze Verschnaufpause verordnete.
„Du meine Güte, wer hätte das gedacht? Dabei habe ich letzte Nacht noch alles abgesucht. Aber auf die Besuchertoilette wäre ich nie gekommen – und dann das.“, brach Marianne das Schweigen.
„Wir können ihn da aber doch nicht liegen lassen, was machen wir denn jetzt?“, fragte Eva verzweifelt.
Marianne zuckte mit den Schultern.
„Ja, wenn ich das wüsste. Wenn Besucher sehen, dass wir ihn da rausholen und auf eine Bahre legen, ist hier die Hölle los. Ich fürchte, wir werden damit warten müssen, bis die Besuchszeit vorbei ist, also bis zum Nachtdienst in etwa fünf Stunden.“
„Aber dann ist er doch schon ganz steif!“, warf Eva ein.
„Das ist er jetzt schon.“, antwortete Marianne und musste unwillkürlich wieder an sein Glied denken.

Antje, die Stationssekrätärin, war die Erste gewesen, die von Marianne von dem tragischen Fund erfuhr und bald darauf saßen auch die Kolleginnen, die kurz vor der Rente stehende Milva und die immer überschminkte Sabine, die man an ihren feuerroten Haaren schon von weitem erkennen konnte, mit in der Runde in der Teeküche und beratschlagten, was zu tun sei.
Als die hysterische Frau Sehl wieder einmal anrief, um nach ihrem Mann zu fragen, entschieden die Krankenschwestern schließlich, nicht länger auf den vor einer Stunde informierten Arzt zu warten, sondern die Polizei zu verständigen.

Statt der erwarteten Beamten erschienen zwei Beamte der Kriminalpolizei in ziviler Kleidung auf der Station, was bei den Schwestern auf Unverständnis stieß und sofort zu Sorgen Anlass gab.
„Wieso denn Kripo? Also hören Sie mal, was soll das denn?“, meckerte Milva fast persönlich beleidigt und schimpfte noch immer, als die Beamten auf der Station ankamen.
„Einen wunderschönen guten Tag die Damen! Mein Name ist Roschwick und das ist mein Kollege, Herr Krüger. Und Sie sind? Ach, ich sehe schon...Schwester Milva. Einen guten Tag auch Ihnen, Schwester Milva.“, begrüßte er die im Stationszimmer Versammelten und streckte Milva seine Hand entgegen, gepaart mit einem entwaffnenden Lächeln und dem unverkennbaren Spott in der Stimme, dass auf allen Namensschildern nur der Vorname hinter dem Begriff „Schwester“ auftauchte.
Milva erwiderte verwirrt seinen Handschlag und schien für einen Augenblick zu vergessen, dass sie eigentlich noch immer im schönsten Gezeter steckte.
Der Beamte nutzte die Gelegenheit und wandte sich an die anderen.
„Natürlich geht hier niemand von einem Verbrechen aus und im Krankenhaus stirbt leider Gottes auch schon mal jemand. Da die Kollegen aber schon regen Kontakt mit der Witwe des Verstorbenen hatten, müssen wir uns nun einmal alle an die Regeln halten und diese Sache ordentlich hinter uns bringen. Also – erst einmal würden wir uns natürlich gern das Dilemma ansehen und dann stellen der Kollege und ich Ihnen noch ein paar Routinefragen. Ich denke, es dürfte nicht allzu lang dauern und danach können wir alle wieder zufrieden oder weniger zufrieden“, er warf einen Blick auf Milva, „zu unseren sonstigen Tätigkeiten zurück kehren, in Ordnung?“
Er warf einen Blick in die Runde, doch niemand widersprach ihm, nicht einmal Milva.
„Fein! Also wer hat den Verblichenen denn gefunden und bringt uns zu ihm hin?“, setzte er fort.
„I..ich.“, wisperte Eva leise und stand auf, blieb jedoch verloren vor dem Stuhl stehen und sah angsterfüllt zu Marianne, die auch sofort reagierte.
„Eva hat sofort Alarm geschlagen und mich damit hinzu geholt. Sie ist noch in der Ausbildung und wie Sie sehen, am meisten von uns allen mitgenommen, also wenn Sie erlauben, dann zeige ich Ihnen den Toten?“
Kommissar Roschwick antwortete mit einer auffordernden Geste, also stand Marianne auf, griff nach dem Schlüssel, den sie schon wieder im Schlüsselkästchen verstaut hatte, und ging vor. Vor dem Toilettenraum blieb sie unschlüssig stehen.
„Ist etwas?“, fragte Kommissar Roschwick.
„Nun ja, Sie mögen das vielleicht etwas unethisch finden, aber...nun ja...also es ist noch Besuchszeit und es wäre schlecht, wenn ausgerechnet jetzt Besucher hier ankämen...Sie verstehen doch?“, druckste Marianne herum.
„Achso, ja natürlich, verstehe.“ Er wandte sich an seinen Kollegen. „Marco, bist du so nett und hälst Gäste fern?“
Ohne Antwort drehte sich Herr Krüger um und ging zur Stationstür, um etwaige Besucher dort abzufangen.
„So, dann darf ich Sie bitten.“, forderte der Kommissar Marianne auf, doch sie sah noch immer unsicher hinüber zu ihren Kolleginnen, die neugierig vom Stationszimmer aus zu ihr herüber sahen. Nur Milva schien ihre Sprache schnell wieder gefasst zu haben.
„Wir achten hier auf Besucher, mach nur.“
Darauf schien Marianne gewartet zu haben und so öffnete sie die Tür zum Toilettenraum und ließ den Beamten hinein. Dieser besah sich einen Augenblick den Toten, dann kramte er einen Photoapparat aus seiner Umhängetasche und machte einige Aufnahmen. Zuerst veränderte er nichts, dann aber griff er nach dem Hemd und zog es mit verwundertem Blick weg, um dann wortlos noch einige Bilder zu machen.
Marianne bemerkte seine Verwunderung und sagte:
„Als wir ihn gefunden haben, war er nackt, so wie jetzt. Das Hemd lag neben ihm, dort, wo seine linke Hand den Boden berührt. Ich habe ihn damit dann zugedeckt. Ich fand es so, so unwürdig, ihn so liegen zu lassen. War das falsch?“
Der Kommissar brummte, schüttelte den Kopf, erinnerte sich dann aber schlagartig wieder an sein gewinnendes Lächeln und meinte in leichtem Ton:
„Ach nein, das macht nicht viel aus, aber es ist gut, dass Sie mir das gesagt haben, Schwester.“
Wieder dieser Spott in seiner Stimme. Marianne ärgerte das. Sie sah mit diesem kleinen miesen Gefühl im Magen zu, wie der Beamte ein Diktiergerät aus der Tasche kramte und einige Beobachtungen sprach. Nach einigen Minuten schien er genug zu haben.
„So, wie machen Sie das jetzt? Ich nehme doch stark an, dass sie Ihre Toten eigentlich nicht bis zum Zerfall am Ort ihres Todes lassen, oder?“
„Nein, natürlich nicht.“, antwortete Marianne und diesmal war ein zischender Unterton in ihrer Stimme.
„Wir dachten, wir warten bis zum Nachtdienst, wegen der Besucher eben. An sich verbleiben Leichen nur zwei Stunden auf der Station, bis wir sie in die Halle runterbringen.“
Dem Kommissar schien diese Information neu zu sein.
„So? Warum das?“
„Es könnten Fälle von Scheintod sein oder ähnlich. Darum beobachtet man die Leichen noch zwei weitere Stunden nach Feststellen des Todes, um sicher zu gehen.“
„Tja, der hier steht aber sicher nicht mehr auf.“, meinte der Kommissar trocken. „Apropos Feststellung, wo ist denn eigentlich hier der Arzt?“
Marianne wurde rot. Zwar war die Unzuverlässigkeit und mangelnde Sorge des Arztes nicht ihr Problem, aber irgendwie war es ihr doch peinlich, dass er sich bisher immer noch nicht hatte blicken lassen.
„Wir haben ihn anfunken lassen, aber er war noch nicht hier.“
„Hmhmhmhm.“, meinte Kommissar Roschwick und entschied dann, dass der Tote versorgt werden sollte, solang sein Kollege nun schon auf Besucher achtete.

In Windeseile hatten die drei Frauen, Marianne, Sabine und Eva, sicherheitshalber verschiedene Paravents um den Raum angeordnet, ein leeres Bett hergeschoben und den zum Glück wieder schlaffen Körper des Toten hinein getragen, während Milva am Ende des Ganges noch immer mit Argusaugen wachte, dass auch niemand die Prozedur stören würde.
Roschwick besah das geschäftige Treiben mit gleichgültiger Miene. Erst, als Sabine sich anschickte, den Toten mit einem seiner Pyjamas, den sie aus seinem Zimmer geholt hatte, anzukleiden, schritt er ein.
„Lassen Sie ihn bitte so und decken Sie ihn einfach nur zu.“
„Wozu?“, fragte Sabine irritiert.
„Vielleicht kann ich Ihnen das später in Ruhe erklären, wenn das hier erledigt ist? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich habe den Eindruck, dass Sie und ihre Kolleginnen im Augenblick beschäftigt genug sind.“

Recht hatte er, denn Milva hatte mittlerweile schon zwei Besucher überzeugen müssen, noch eine Weile bei ihren Liebsten zu bleiben und zu allem Überfluss machte sich der Hunger der Patienten nach dem lang zurück liegenden Mittagessen so bemerkbar, dass fast dauernd jemand irgendwo läutete. Antje hatte sich zwar ein Herz genommen und war mit den Beobachtungsbögen losgeeilt, um die Patienten weiter zu überwachen, obwohl es nicht zu ihren Aufgaben gehörte und war auch bemüht, sich um das Schellen der Leute zu kümmern, aber rasch wurde klar, dass sie es nicht allein schaffen konnte und so hatte Marianne Sabine mit der Auszubildenden allein beim Toten lassen müssen.
Die Zeit verging plötzlich wie im Fluge und endlich war auch der Stationsarzt eingetroffen, der pikiert und wie ertappt auf die Anwesenheit der Polizisten reagierte und es plötzlich sehr eilig hatte, den Tod zu bestimmen, den Toten in die Leichenhalle bringen zu lassen und die Fragen des Kommissars zu beantworten.
Als die Nachtschwester eintraf, hatten die Beamten Eva bereits verhört, das verstörte Mädchen dann nach Hause geschickt und waren eben im Begriff, die Aussagen von Marianne und Sabine aufzunehmen.
„Komm, Anja, wir beide machen die Dienstübergabe heute allein.“, meinte Milva, ergriff die verdutzte Nachtschwester am Arm und wollte sie in den Lagerraum schleifen.
„Einen Augenblick bitte!“, rief Roschwick in bislang nicht angewandtem autoritären Ton. „Seit wann haben Sie hier die Nachtwachen?“
„Seit drei Jahren etwa.“, antwortete Anja spontan und in Roschwicks Gesicht breitete sich einmal mehr ein Lächeln aus, nur wirkte es dieses Mal viel natürlicher als sonst.
„Ich meine in diesem – wie sagt man? – Zyklus.“, spezifizierte er geduldig.
„Oh, achso. Das ist meine erste Nacht jetzt. Ich hatte zehn Nächte frei.“
„Gut, gut. Dann gehen Sie mal mit Ihrer Kollegin und übergeben Sie sich.“
Er lachte laut auf, als habe er einen besonders guten Witz gemacht und wandte sich wieder an Sabine, die ihn mit angewidertem Blick ansah.

„Wo waren wir?“, fragte er.
„Ich habe Ihnen gerade gesagt, dass ich nicht auf der Station war, sondern mit Milva im Herzkatheterlabor.“, erinnerte sie den Beamten.
„Ach ja, genau. Hören Sie, die Witwe des Toten hat seit gestern Nachmittag ganze acht Mal im örtlichen Polizeirevier angerufen, wussten Sie das?“
„Nein.“, antwortete Sabine ehrlich erstaunt.
„Sehen Sie, das ist auch der Grund, warum wir hier diesen Zauber verursachen, oder zumindest ist es der hauptsächliche Grund. Sie sagte, ihr Mann sei verschwunden und im Krankenhaus mache keiner Anstalten, deshalb etwas zu unternehmen. Was sagen Sie dazu?“
Sabine gab einen verächtlichen Laut von sich.
„Na schön. Man soll ja bekanntlich nicht schlecht von den Toten sprechen, aber Herr Sehl war schlichtweg ein Arsch, wenn Sie mir die Offenheit erlauben.“
„Nur zu, nur zu.“, kommentierte Roschwick.
„Er hat sich an keine Weisung gehalten, weder von uns, noch von den Ärzten. Er durfte die Station nicht verlassen, eigentlich nicht einmal das Bett, weil er erst vor zwei Wochen einen Infarkt hatte, und was tut er? Ist ständig durch die Gänge geschlichen, ist einfach in fremde Patientenzimmer gegangen oder auf den Balkon, um dort ungeniert zu rauchen, obwohl es verboten ist. Damit nicht genug. Wir haben ihn einmal erwischt, wie er im Medikamentenschrank gewühlt hat, als wir alle beschäftigt und nicht in Sicht waren und seit einer Woche hat er dann einfach die Station verlassen und kam erst spät Nachts wieder zurück.“, begann Sabine und redete sich langsam aber sicher in Rage.
„Augenblick bitte, lassen Sie mich Ihnen folgen. Er hatte also Bettruhe oder so etwas, habe ich das richtig verstanden?“
„Ja.“
„Liegt es denn nicht in Ihrer Verantwortung, sich darum zu kümmern, dass diese eingehalten wird? Und schließen Sie Ihre Schränke denn nicht ab, wenn Sie nicht in Ihrem Stationszimmer sind?“
Sabine atmete heftig aus.
„Hören Sie, ich bin Krankenschwester, keine Erzieherin. Was sollen wir denn machen, wenn ein Patient einfach nicht hören will? Er ist schließlich mündig, wir können nur immer wieder darauf hinweisen und ihn bitten, sich an die Anweisungen des Arztes zu halten. Haben wir auch getan, hunderte Male sicherlich! Aber er lachte uns nur aus und wurde dann oft handgreiflich.“
„Handgreiflich? Sie meinen, er war aggressiv?“
„Nein. Ich meine...na ja, er hat immer versucht, uns anzutatschen. Sogar Milva, die ja nun...also ich meine...na ja, Sie wissen schon...“, kam sie ins Schleudern.
„Nein, ich weiß nicht. Was meinen Sie?“
Sabine sah sich um, als fühle sie sich beobachtet, dann senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern und beugte sich verschwörerisch zu Roschwick hinüber.
„Sie geht bald in Rente. Sie ist eine ganz liebe Person und sehr eifrig, aber würden Sie sie als erotisch bezeichnen oder so? Ich bitte Sie!“, flüsterte sie.
Roschwicks Mundwinkel zuckten verräterisch, aber er verkniff sich ein Grinsen und nickte nur.
„Und er ist einfach stundenlang fort gewesen, sagen Sie?“, knüpfte er wieder an.
„Ja. Er ist nach Hause gefahren. Beim ersten Mal hat seine Frau uns noch angerufen und uns Bescheid gegeben, aber mit der war ebenso wenig zu reden.“
„Und dieses Mal? Haben Sie ihn schon gar nicht mehr vermisst?“
„Hm, im Spätdienst noch nicht. Wir gingen davon aus, dass er irgendwann nachts wieder zur Station käme. Kam er aber nicht. Der Nachtdienst hat dann schon überall nach ihm gesehen und dem Arzt Bescheid gegeben, aber zugegeben, war das wohl ein wenig halbherzig alles.“
„Halbherzig? Wie meinen Sie das?“
„Offenbar hat sie ihn nicht gefunden, nicht? Sie hat dann dem Frühdienst Bescheid gegeben und der wiederum uns. Wir haben uns schon alle gewundert, aber das Haus haben wir eben nicht auf den Kopf gestellt. Obwohl der Frühdienst mittags dann ja doch ein wenig misstrauisch war, als seine Frau aufgekreuzt ist. Sie sagte, er wäre zwar zu Hause gewesen, aber gegen 21 Uhr oder so wieder gegangen. Wir haben nach Dienstantritt dann sogar versucht, den Nachtwächter von der Pforte zu Hause anzurufen und ihn nach Herrn Sehl zu befragen, aber er ist jetzt wohl im Urlaub, sagten uns seine Kollegen.“
„Sagen Sie, Schwester Sabine, finden Sie es denn gar nicht seltsam, dass den Patienten seit gestern abend um 21 Uhr, wie Sie sagen, niemand gesehen hat und Sie ihn erst fast 20 Stunden später finden? Auf Ihrer Besuchertoilette?“
Sabine sah ein wenig verlegen aus. Zum einen waren auch ihr seine Ansprachen mittlerweile etwas unangenehm, zum anderen konnte sie nicht verbergen, sich doch ein wenig schuldig zu fühlen.
„Ja.“, gab sie schließlich zu. „Es ist schon komisch. Es ist auch irgendwie...“
„Peinlich?“, fragte Roschwick sie gerade heraus.
„Schon, ja. Aber Sie wissen sicher auch, dass es im Gesundheitswesen nicht so gut aussieht mit dem Personal. Es ist immer sehr hektisch und wir sind fast ständig unterbesetzt.“
Sie zuckte etwas unsicher mit den Schultern.
„Schon gut. Bei mir müssen Sie sich nicht entschuldigen. Gut, Schwester Sabine, Ihre Daten habe ich notiert, Ihre Aussage ebenso. Wenn wir noch Fragen an Sie haben, melden wir uns. Sie haben jetzt Feierabend?“
Erleichtert nickte Sabine, stand auf und verabschiedete sich, um nach Hause zu gehen.

Die nächsten zwei Wochen auf der Station waren sehr anstrengend für alle Beteiligten. Zwar schien es für die Kripo keine Unklarheiten zu geben, jedenfalls meldete sich von ihnen niemand, aber Frau Sehl war noch einmal gekommen und hatte eine wahnsinnige Szene gemacht, bis sie schließlich nach einer halben Stunde, die man sie verzweifelt zu beruhigen versuchte, zusammen brach und selbst zwei Tage im Krankenhaus verbringen musste. Die Ruhe hatte ihr jedoch offenbar nicht gut getan, im Gegenteil. Sie informierte die Presse von dem Skandal und seither krochen ständig Journalisten über den Flur, die nur mit Kameras von den Besuchern zu unterscheiden waren und das Pflegeteam ansonsten vor eine schier unlösbare Aufgabe stellten. Immer wieder überraschten sie die Presse, wie sie Patienten interviewten, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah und letztendlich wirkte sich dies auch auf die Patienten und ihre Angehörigen aus und Unruhe kehrte ein. Bald wusste jeder von dem Todesfall auf der Besuchertoilette und man wurde unsicher, ob man der richtigen Institution sein Leben oder das Leben des Vaters, der Mutter oder anderen Verwandten anvertraut hatte. Der Lokalteil war bald voll von mindestens ebenso mysteriösen Berichten und auch die Stimmung innerhalb des Teams hatte unter dem Vorfall immer stärker zu leiden. Schuldzuweisungen schlichen sich leise ein und viel häufiger als früher bemerkte eine der Schwestern, wie das Gespräch im Raum verstummte, wenn sie hinein kam. Trotzdem musste die Arbeit weitergehen, wie auch das Leben aller – außer dem von Herrn Sehl.

„Ein Patient ist auf der Besuchertoilette gestorben, habe ich gehört?“
„Dass du das erst jetzt fragst, wundert mich ein wenig.“, gab Marianne zurück und der fast glatzköpfige alte Mann lächelte sie aus seinen Kissen heraus an.
„Ich hätte schon früher gefragt, aber ich habe dich ja nicht gesehen, seit diese ganze Aufregung herrscht. Warum eigentlich nicht? Ich dachte, von Zeit zu Zeit müsste man bei allen Patienten nach dem rechten sehen?“
„Ja, das stimmt, aber es ist jetzt mehr zu tun als sonst, weil dauernd irgendwelche Journalisten herkommen und uns die Patienten verrückt machen. Ich lasse also die Leute schon mal aus, bei denen an sich keine Komplikationen zu erwarten sind. Und du bist doch schon so fit, dass wir dich bald nach Hause lassen können. Außerdem weißt du doch, dass ich jetzt eine Woche Spätdienst hatte und dann ein paar Tage frei“, erwiderte sie sein Lächeln.
„Nun, laufen kann ich noch immer nicht und die Infusionen sind auch immer noch nicht abgesetzt worden. Keine Nacht kann ich richtig schlafen, weil diese Braunüle so oft abknickt und ich von den Höllenschmerzen dann spätestens aufwache.“
„Ich kann sehen, ob ich dir ein Schlafmittel geben kann, soll ich?“
„Nein.“, schüttelte er den Kopf. „Ich bin sicher, dass du das beste Schlafmittel der Welt hast, aber eine Tablette will ich nicht.“
Langsam glitt seine Hand über ihren Hintern, doch sie wich ihm aus.
„Was ist denn mit dir?“, fragte er beleidigt.
„Es geht einfach nicht mehr im Moment, tut mir leid. Wer weiß, ob nicht nachts auch noch Journalisten hier herumlaufen.“
„Und wann wieder? Ich vermisse dich, Marianne.“
„Ich vermisse dich doch auch, Bernd. - Ich hole deine Infusion.“, schloss sie das Gespräch und ging hinaus, um die Infusion vorzubereiten.
Sie entnahm das Infusionsbesteck der Verpackung, schloss zwei Verlängerungsschläuche daran an, desinfizierte den Verschluss der Flasche und stach das Besteck in die Flasche, dann ging sie wieder in das Zimmer zurück und schloss sie an.

Als sie am nächsten Abend aus dem Fahrstuhl stieg, um ihren Dienst auf der Station anzutreten, stand Kommissar Roschwick an der Stationstür und schien zu warten.
„Ah, da sind Sie ja, Schwester Marianne. Ich habe schon auf Sie gewartet.“, lächelte er in der bekannten Art und streckte die Hand aus, um sie zu begrüßen.
„Kommissar Roschwick, nicht wahr? Guten Abend wünsche ich, was kann ich für Sie tun?“
„Mich auf das Revier begleiten.“
Marianne schaute verwirrt.
„Bitte? Ich habe jetzt Dienst. Können wir das nicht auf morgen verschieben?“
„Ich fürchte nicht, denn leider kommt mir die Aufgabe zu, Sie festzunehmen.“
Marianne wurde blass und schaute sich irritiert um. Erst jetzt entdeckte sie die Polizeibeamten, die gleich neben dem Aufzug standen.
„Festnehmen? Wieso denn festnehmen?“, fragte sie fast verzweifelt.
„Wegen vorsätzlichen Mordes.“

Auch ohne den Dienst im Krankenhaus war es eine lange Nacht für Marianne gewesen, für sie selbst die wohl längste Nacht ihres Lebens gewesen, obwohl sie sich anfangs noch recht sicher gefühlt hatte.
„Wie kommen Sie nur darauf, dass ich einen unserer Patienten töten würde? Unverschämt!“
„Ach, kommen Sie, Schwester Marianne. Sie sind nicht dumm und ich bin es auch nicht. Sie können sich doch denken, dass Frau Sehl eine Obduktion ihres Mannes angeordnet hat?“
„Ja und? Was hat das mit mir zu tun?“
„Nun, die Obduktion ergab, dass Herr Sehl an einem Myokardinfarkt verstorben ist, was soweit nicht verwunderlich ist auf einer kardiologischen Station. Viel interessanter waren die mit der Obduktion verbundenen Laboruntersuchungen, die ergaben, dass der Patient kurz vor seinem Tod ein Sildenafil-Präparat eingenommen hat.“
„Ich habe nur die Medikamente verabreicht, die in den Patientenkurven auch angegeben sind. Ich habe noch nie eigenmächtig bei so etwas gehandelt, das können Ihnen alle Kolleginnen und Ärzte bestätigen.“
„Fakt ist, dass der Patient eine hohe Dosis des Präparates eingenommen hat kurz vor seinem Tod. Seine Frau sagte, ihr Mann habe niemals Potenzschwierigkeiten gehabt, allerdings auch in der Zeit seines Krankenhausaufenthaltes keinen Sex mit ihr und er habe auch keinen gewollt.“
„Interessante Details aus seinem Privatleben, Herr Kommissar, aber wie Sie wissen, arbeite ich auf einer kardiologischen Station. Mittel wie Viagra haben wir überhaupt nicht.“
„Aha, immerhin wissen Sie, wovon ich spreche. Bevor ich es vergesse übrigens, warum haben Sie eine Schachtel davon in Ihrem Spind?“
Marianne wurde heiß und kalt zugleich.
„Wir haben uns erlaubt, heute Ihren Spind öffnen zu lassen und darin befand sich eine Packung Viagra, Wirkstoff Sildenafil bekanntermaßen. Und es fehlte fast ein ganzer Streifen, komisch, nicht? Ich nehme ja nicht an, dass Sie Potenzschwierigkeiten haben, Marianne, also was wollen Sie mit Viagra anfangen? Erklären Sie es mir!“
„Das sind private Dinge, die Sie nichts angehen.“, fauchte Marianne.
„Da irren Sie sich, es geht mich sehr wohl etwas an. Es geht mich etwas an, weil Ihre Speichelspuren auf dem Penis der Leiche festgestellt wurden, der Tote eine hohe Dosis Viagra vor seinem Tod eingenommen hatte und schlussendlich auch, weil gerade Sie wissen müssen, dass dieses Mittel bei ihm kontraindiziert war. Überhaupt ist es schon seltsam, dass bei genauerer Betrachtung in Relation gesehen recht viele alte Herrschaften der Station das Zeitliche segnen, wenn man es mit den anderen beiden kardiologischen Stationen des Hauses vergleicht und auch so einiges andere gibt mir sehr zu denken. Abgesehen davon, dass wir den Beweis Ihres Speichels haben, gebe ich Ihnen noch eine letzte Gelegenheit, die Dinge für sich zum Guten zu wenden und mir zu erzählen, warum Sie Herrn Sehl, Herrn Stöcker und die anderen getötet haben. Nun?“
„Ach, ich bitte Sie! Und wie kommen Sie überhaupt darauf, dass es meine Speichelspuren sind?“
„Oh, das war ganz einfach. Wir haben in der Personalabteilung nachgefragt, ob Laborbefunde der Mitarbeiter aufbewahrt werden. Natürlich wurden wir dort nicht fündig, denn Mitarbeitern wird ja höchstens Blut entnommen. Wie der Zufall es aber so will, gab es auf Ihrer Station aber doch vor wenigen Wochen den Verdacht eines multiresistenten Staphyloccus aureus, nicht wahr? Und in diesem Zusammenhang wurden vom gesamten Team Abstriche aus Rachen und Nase entnommen, deren Befunde sozusagen frisch einsehbar waren alle. Sie sehen, dies war der geringste Aufwand. und?“
Marianne stiegen Tränen in die Augen. Sie hatte es vermasselt und sah ein, dass es für weitere Ausflüchte keinen Raum mehr gab in ihrer Situation.
„Ja, Sie haben recht. Ich bin es gewesen. Ich habe sie getötet.“, sagte sie mit leiser Stimme.
„Wie viele insgesamt?“, fragte der Kommissar ungerührt.
„Fünf waren es. Ich habe das alles überhaupt nicht gewollt, es hat sich einfach...ergeben.“
„Ergeben? Dann erzählen Sie mir doch mal ausführlich, wie es sich so ergibt, dass man jemanden tötet.“

Anfangs stockte Marianne, doch dann wurde ihr Reden immer flüssiger und sie schien völlig zu vergessen, wo und wem sie es erzählte, wirkte fast glücklich, mit jemandem darüber sprechen zu können. Sie erzählte von erfolglosen Kontaktanzeigen in Zeitschriften, ihrer immer größer werdenden Sehnsucht, von Tanzveranstaltungen ohne Ergebnis und ähnlichen Dingen.
„Es mag schwer vorstellbar sein, aber ich suchte nach einem wirklich alten Mann. Ich wollte keinen rüstigen Rentner und ebenso wenig wollte ich einer Familie vorgestellt werden, heiraten und all den Kram. Ich wollte nur ihre Körper, dieses weiche helle Fleisch, das schlaff am Körper hängt und sich so weich anfühlt, weil es schon so viele Haare verloren hat. Ich wollte sie tätscheln und ihnen Dinge erlauben und verbieten können. Sie sollten mir nichts von dieser tollen Liebeskraft beweisen, die man älteren Männern nachsagt, weil sie erfahrener sind, sondern ich wollte Herrin der Situation sein und mit ihnen spielen, wie ich es wollte, sie spielen lassen, wie ich es wollte. Ich sehnte mich nach leisem Wimmern und seligem Röcheln, nicht nach brunftigem Stöhnen geiler Kerle.
Eines Nachts dann im Dienst berührte mich ein Patient mit seinen Fingern am Bein und wie elektrisiert ging diese Berührung durch meinen Körper. Zig Male jeden Tag tatschen Patienten einen an, um Nähe zu spüren, gerade die älteren, aber so alte Patienten haben wir nur relativ selten. Das Gefühl war gigantisch und schließlich ist es einfach passiert. Erst habe ich nur seine Berührungen zugelassen, in meinem letzten Nachtdienst dann wollte ich alles. Ich habe mir die Pillen besorgt, sicherheitshalber, damit nichts schiefgehen kann, aber erstaunlicherweise hat er sie nicht gebraucht. Ich bin gleich vier Mal in sein Zimmer geschlichen und habe ihn geritten – es war gigantisch! Als ich wieder zum Tagdienst kam, vier Tage später, da war er bereits entlassen, aber das störte mich nicht. Es war schade um dieses einzigartige Vergnügen, aber schon ein paar Wochen darauf hatten wir wieder einen sehr alten Patienten.
Ich gierte nach meinen nächsten Nachtdiensten und als es soweit war, bin ich einfach in sein Zimmer geschlichen und habe ihn mir genommen. So ging es dann weiter. Immer gab es Wochen, manchmal sogar etliche, in denen keiner der Patienten meinen Wünschen entsprach oder ich einfach keinen Nachtdienst hatte, wenn ein geeignetes Objekt auf der Station lag, aber irgendwann gab es immer wieder eine Gelegenheit. Es hätte so weitergehen können, wenn nicht einer von ihnen ein schlechtes Gewissen bekommen hätte.
Helmut hieß er, Helmut Köster. Er wollte unbedingt seiner Frau von unseren nächtlichen Spielen erzählen und war gar nicht davon abzubringen. Was hätte ich machen sollen? Seine Frau hätte es sicher gemeldet und dann wäre ich meinen Job los gewesen und hätte wohl auch so schnell keinen anderen mehr bekommen, wenn überhaupt. Also fasste ich diesen Entschluss und schob ihn immer wieder auf, schließlich bin ich kein schlechter Mensch. Aber dann wurde es mir zu brenzlig und ich erstickte ihn, während ich auf ihm saß. Er wehrte sich nur wenig, weil er nicht viel Kraft besaß in seinen alten Armen. Stattdessen zappelte und zuckte er wie wild, ruderte mit den Armen und bekam schließlich eine meiner Brüste in die Hände. Ich schäme mich ja, es zuzugeben, aber in dem Augenblick, in dem er sein Leben aushauchte und seine Hand schlaff von mir fiel, hatte ich den wohl besten Orgasmus meines Lebens. Sekunden später ekelte ich mich, sprang von ihm herunter und begann, ihn eilig zu säubern und so zu betten, dass die Todesursache nicht zu erkennen wäre. Ich erzählte dem Frühdienst dann einfach, dass er gestorben sei und niemanden hat es gewundert, weil er schon so alt war. Erst wollte ich ablassen von diesem Verlangen, einfach nichts mehr mit jemandem anfangen, aber es wurde immer schwerer zu kontrollieren und selbst nachts träumte ich oft von diesen Szenen.
Als ich dann zwei Monate später wieder einige Nachtdienste hatte, ging ich schon wie automatisch in das Zimmer, in dem die Kolleginnen einen alten Mann gelegt hatten. Ich hatte auch keine Mordgelüste, falls Sie das meinen, ich wollte einfach guten Sex. Er war der Erste, bei dem ich das Potenzmittel auch anwenden musste, aber damit ging es dann wirklich gut. Drei Nächte darauf wurde ein ebenso alter Herr aufgenommen, den man auf dasselbe Zimmer gelegt hatte. Erst zögerte ich, aber dann siegte meine Lust und ich hatte trotzdem Sex mit Herbert. Der andere, Wilhelm, sah fasziniert zu und natürlich verlangte er dieselbe Behandlung für sein Schweigen, aber das war mir nur recht. In meiner letzten Nacht dann schob ich Herbert in ein freies Zimmer und nahm ihn mir ein letztes Mal. Auch ihn habe ich mit einem Kissen erstickt und ebenso wenig fiel es auf. Ich sagte den Kolleginnen, ich hätte ihn in das freie Zimmer geschoben, als er schon tot war, um den anderen Patienten nicht zu belasten. Wilhelm hingegen habe ich dann Glucose-Infusionen angehangen und sie schnell durchlaufen lassen. Ich habe die leeren Flaschen später einfach in die Tasche gesteckt und als der Frühdienst ins Zimmer kam, da hat er zwar noch gelebt, war aber bereits so weggetreten, dass er weder Auskunft geben konnte noch zu retten war. Überzuckerung, Schock und Tod, passiert schon mal bei Diabetikern. Aber natürlich schöpfte niemand einen Verdacht, nur zwei Tote in einer Nacht wären wohl auffällig gewesen.
Nach dieser Sache ließ ich fast ein halbes Jahr die Finger von den Patienten, dann hielt ich es nicht mehr aus und verbrachte die Nächte mit Bernd, Bernd Stöcker. Er war besser, als alle, die ich zuvor gehabt hatte und ich hatte auch vor, ihn vielleicht nach seiner Entlassung noch zu treffen. Dann aber erwischte uns dieser Idiot Herr Sehl und setzte mich unter Druck. Er verlangte natürlich Sex, um mich nicht zu verraten, dabei war er überhaupt nicht mein Typ. Er war viel zu jung für meinen Geschmack und ich wusste auch nicht, wie ich verhindern sollte, dass er wirklich dauerhaft über seine Beobachtungen schwieg. Ich konnte auch keinen diabetischen Schock vortäuschen oder ähnliches, denn das wäre aufgefallen. Die einzige Lücke, die ich sah, waren seine hohen Abwesenheitszeiten. Ich lockte ihn in den Toilettenraum, als er von seiner Frau kam, mit dem Vorwand, dort seien wir ungestörter. Ich hatte mir genau seine Akte angesehen und entdeckt, dass er schon recht lang und in hohen Dosen Nitrolingual bekommt. Ich wusste ja, dass Viagra damit reagiert, also habe ich angefangen, ihm einen zu blasen und dann gefordert, dass er die Pillen nimmt, die ich dabei habe. Er war skeptisch, aber ich erklärte ihm, das würde alles nur noch viel heißer für uns machen und überredete ihn schließlich. Es war mehr ein Glücksfall, dass er überhaupt nicht darüber nachdachte, dass eine Wechselwirkung mit seinem Nitro besteht – na ja, wer liest heute auch schon noch Beipackzettel? Ich habe ihn zwei Pillen schlucken lassen und sicherheitshalber sogar ein Kondom verwendet, zumal er ja noch recht jung war. Ich rechnete außerdem damit, dass sein Tod genauer untersucht werden könnte und wollte sicher gehen. Er wollte dann mittendrin, dass ich aufhöre und klagte über Kopfschmerzen, aber für mich war das nur das Zeichen, dass es funktionierte und ich gab mir alle Mühe, dass ihn der Sex auch noch anstrengt. Es dauerte ewig, bis er endlich blau anlief, keine Luft mehr bekam und ich endlich von ihm runter konnte. Ich entfernte das Kondom, steckte es ein und ließ ihn einfach dort liegen, er lebte noch. Etwa eine halbe Stunde später hatte ich dummerweise einen Notfall auf der Station und war damit so lange beschäftigt, dass ich die Leiche nicht verschwinden lassen konnte, ohne dass mich jemand vom Frühdienst überraschen würde. Mir blieb nur gerade eben die Zeit zu kontrollieren, ob er wirklich tot war – und das war er.“
Sie schwieg eine lange Zeit, bevor sie wieder zu sprechen ansetzte. Diesmal klang ihre Stimme ein wenig brüchig und viel leiser, bedauernd.
„Bernd hatte alles mitbekommen. Er war ja dabei, als wir überrascht wurden.“
Sie kicherte überdreht.
„Er wusste auch von der Erpressung und den Sorgen, die ich mir machte. Nachdem Herr Sehl tot war, mied ich sein Zimmer, solang es ging. Dann hatte ich aber wieder Nachtdienst und musste mich um ihn kümmern. Als ich in seinem Zimmer war, gab er mir zu verstehen, dass er einen Mord vermutete, ich habe es in seinem Blick gesehen. Ich bekam ganz plötzlich Angst. Im nachhinein kann ich mir nicht vorstellen, dass er mich verraten hätte. Im nachhinein glaube ich sogar fast, dass er mich wirklich geliebt hat. Aber ich hatte nun einmal Angst in diesem Augenblick und ohne darüber nachzudenken, hing ich wie üblich seine Infusion mit den Verlängerungen an. Ihn wollte ich wirklich nicht töten, aber ich vergaß in meinen Gedanken einfach, die Schläuche mit der Infusionslösung zu füllen. Erst nach Feierabend in meinem Bett zu Hause ist es mir eingefallen und mir wurde klar, dass ich ihn damit getötet hatte.“
Sie sah auf und Kommissar Roschwick erstmals wieder in die Augen.
„Um sie alle fand ich es nicht einmal schade, aber bei Bernd. Vielleicht ist es nur seinetwegen gerecht, dass ich jetzt hier sitze.“
Kommissar Roschwick erwiderte ihren Blick nur kurz.
„Vielen Dank für Ihre Aussage, Schwester Marianne.“, sagte er schlicht und stellte das Diktiergerät auf dem Tisch aus.
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Nur zu, Schwester.“
„Woher wussten Sie, dass ich auch Bernd getötet habe und die anderen?“
„Ich wusste es nicht, ich habe nicht einmal eine Statistik gesehen. Aber wenn man den Job schon etwas länger macht so wie ich, nun, dann hat man hin und wieder einfach mal eine Eingebung, der man folgt. Und in Ihrem Fall hat sie mich nicht betrogen, meine Intuition.“
Während er grinste, als sei nichts gewesen, sah Marianne ihn verblüfft an.
„Das heißt, sie wussten das alles gar nicht? Sie haben gar keine Hinweise, keine Beweise?“
„Doch, wir haben die Speichelproben tatsächlich und nun habe ich nicht nur Ihre gesamte Aussage auf Band, sondern auch noch einen Zeugen.“
„Einen Zeugen?“
„Bernd Stöcker. Er liegt auf der Intensivstation wegen der von Ihnen verursachten Embolie, aber es sieht gut für ihn aus. Mir fiel zufällig auf, dass eine Karte im Bettenbelegungsplan auf der Station fehlte und als ich mich erkundigte, vermutete ich gleich, dass Sie etwas damit zu tun haben könnten, als ich des weiteren erfuhr, dass Sie hier auch Nachtdienste haben, etwa in der Nacht, bevor man Herrn Sehl gefunden hat. Und nach all Ihren Geschichten hier bin ich sicher, werden Bernd Stöckers Gefühle für Sie sicher bald schon dem Pflichtgefühl gegenüber der Justiz Platz machen. Gerade alte Leute sind oft so.“


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Michael Schmidt
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Hallo Tanja,

was mich stört ( nachdem ich den Anfang gelesen habe):

Ich frage mich, worum es geht, was ist passiert, etc.
Als Krimileser brauche ich einen Anreiz zum Weiterlesen, mein Interesse sollte geweckt werden.

Unter diesem Hintergrund finde ich den ersten Abschnitt ein wenig enttäuschend.

Bis bald,
Michael

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Tanja_Elskamp
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Hallo Michael!

Vielen Dank zunächst für den Kommentar.

In der Tat war es an sich erst so gedacht, auch diesen Toten ein Opfer sein zu lassen, hat sich dann aber praktisch anders ergeben. Ich hatte erst überlegt, den Anfang umzuschreiben oder wegzulassen, aber mich dann dagegen entschieden, weil ich glaubte, man könnte vielleicht auch "einfach so" in die Geschichte schlittern und zudem dabei auch gleich Bekanntschaft mit zwei Personen machen und an der Stelle auch einen Eindruck bekommen, welche Einstellung zum Tod sie generell haben. Desweiteren wollte ich nicht schon zu Anfang einen Toten haben (also bei der Entdeckung einsteigen), weshalb es mir ebenfalls sehr gelegen kam.
Wenn du sagst, dass dich der Anfang stört, merkt man ihm aber eventuell doch an, dass er nicht ganz zum Rest passt - ich werde darüber nachdenken.

Was mir anhand deines Kommentares jetzt nicht klar ist: Hast du überhaupt zum Ende gelesen?
Falls ja, würde mich auch deine Meinung zum Rest interessieren, zumindest grob.
Ich hab noch nie etwas aus dem Krimi-Bereich geschrieben und lese auch nicht sehr viel aus dem Bereich, weshalb ich oberstolz war und bin, dass mir überhaupt etwas eingefallen ist dazu. Ich selbst finde das für meinen ersten Versuch eine recht runde Geschichte, die natürlich vermutlich nicht superduperspitze ist, aber das muss sie auch (noch) nicht, daran kann man ja feilen. Jedenfalls denke ich, dass eine Feile genügen würde (und kein Holzhammer, keine Kettensäge etc. zur vollständigen Zersetzung nötig ist).
Kann natürlich sein, dass ich in meiner Begeisterung, die Story überhaupt geschrieben zu haben, völlig verblendet bin, deshalb würde ich gern wissen, wie der Gesamteindruck so für andere ist, wenn möglich (also falls du sie doch ganz gelesen haben solltest).

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Michael Schmidt
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Hallo Tanja,

nein, ich habe es noch nicht zu Ende gelesen, es liest sich für mich ein wenig zäh, aber ich werde es die Tage nachholen.

Bis bald,
Michael

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Michael Schmidt
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Hallo Tanja,

na gut, du wolltest es, ich habe die Geschichte zu Ende gelesen.

Meine ehrliche Meinung:
Eine Mischungs aus Artzroman, Liebesschnulze und Sexfilm. Viele nebensächliche Ausführungen, nur den Krimi finde ich nicht. Okay, die Auflösung an sich kann man als Krimi bezeichnen, doch die anderen genannten Einflüsse sind viel stärker vertreten, Spannung gibt es gar nicht. Und die Story hat viele Längen.

Also mir gefällt es nicht, allerdings bin ich auch nicht Fan von solchen Geschichten, aber vielleicht findet sich ja ein anderer, dem die Krankenhausthematik mehr zusagt.

Nichts für ungut!

Michael

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Lillia
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oi,

war die lang. Mir gefaellt der Inhalt der Story eigentlich nicht, ich finde das alles ziemlich uninteressant und vor allem die Art, wie Marianne alles freiwillig und in einem Stueck erzaehlt, unrealistisch, aber mir gefaellt, wie Du alles so plastisch beschreibst, dass ich mir's ganz gut vorstellen konnte. Die Sprache ist also gut detailliert, aber die Story finde ich mangelhaft. - vielleicht liegt das ja daran, dass das sonst nicht so dein Ding ist.

Gruss!

-lilli-

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