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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Semesterbeginn
Eingestellt am 13. 09. 2005 03:01


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Als ich im Zug nach Graz sa├č, ├╝berfiel mich so etwas wie Euphorie. Eine kleinere, mutwillige Verwandte, die nicht wie die Wahre, die Erhabene, gro├čm├Ąchtig auf einen einflutetet, sondern einem hinterr├╝cks ins Genick springt, wie eine Zecke und einen bei├čt, sich aber nicht festsaugt. Man greift nach hinten und tastet danach, das ist sie aber schon weg und die Frage, was zum Teufel das jetzt wieder war, bleibt ohne befriedigende Antwort. Vielleicht so etwas wie Euphorie. Das ist alles, was sich vermuten l├Ąsst. Und doch: F├╝r einen Moment glaubte ich, dass mich das tats├Ąchlich gl├╝cklich machen kann, dass mich das immer gl├╝cklich machen k├Ânnte, diese R├╝ckkehr nach l├Ąngerer Abwesenheit, so wie man als Kind glaubt, dass einen Weihnachten immer gl├╝cklich machen kann.

Noch ist es eher Aufbruch als Heimkehr, und das ist gut, denn ich f├╝hre ein Leben allzu arm an Aufbr├╝chen. Ich f├╝hre ein Leben um mich herum, eine Kruste aus wiederholten Situationen. Da m├╝sste mehr aufgebrochen werden, ich m├╝sste ├Âfter aufbrechen. Jetzt ist eine gute Zeit dazu, ein Beginn, das passt zu Aufbr├╝chen; ich rechne ja immer noch in Schuljahren. Eine solche Zeitrechnung hat den Vorteil, dass der ├ťbergang sanfter ist: Keine ├╝berreizte, mit Vors├Ątzen und R├╝ckblicken ├╝berfrachtete Silvesternacht, sondern der friedliche Fluss der Ferien, auf dem man sich erst einmal treiben lassen kann, bevor man das neue Ufer ins Auge fassen muss. Jetzt aber ist das neue Ufer in Sichtweite und ich bin daf├╝r bereit. Ich war noch jedes Mal bereit.

Vor allem die Leute. Wenn man in den Ferien zu wenig unter die Leute geht, wird man ganz ausgehungert nach Menschen.

Es ist allerdings nicht ohne Schrecken, dort anzukommen, wo niemand auf einen wartet. Das hei├čt nicht, dass es nicht jemanden gibt, der sich durchaus freut, wenn man sich ├╝berraschend meldet und genau das ist das erste, was ich tue. Ein paar solcher Telefonate bes├Ąnftigen den Schrecken.

Und dann gibt es noch die M├Âglichkeit, zuf├Ąllig jemanden zu treffen.

Auf der anderen Stra├čenseite kommt mir M. entgegen. Er lacht mir zu. Hast du Zeit? Klar, hab ich, gegen├╝ber ist auch gleich ein Caf├ę. Und ich lass mir also eine halbe Stunde berichten, von M.'s. Husarenst├╝cken, von denen ich letztes Semester live nicht viel mitbekommen habe, weil wir nie die selben Kurse hatten, lasse mir also berichten, wie er sich vier Tage vorher spontan f├╝r eine Pr├╝fung angemeldet hat, vor der wir uns alle in die Hose schei├čen, und dann nicht einmal durchgefallen ist, von seinem Wahnsinnsprogramm f├╝r sein neues Semester und davon, wie er durch Chuzpe und Gl├╝ck beim Hasardieren auf eine Semesterstundenzahl kommt, von der ich nur tr├Ąumen kann. Und ich bin nicht so schlecht unterwegs. (Wegen meiner sch├Ânen Augen sitzt er mir nicht gegen├╝ber. Netzwerke, Baby!). Ich h├Âre zu und mache an den entsprechende Stellen die passenden Ger├Ąusche des Erstaunens und sage Dinge wie: Nein, aber nicht wirklich! Also so was! Du bist mir ja einer. Es ist nicht geheuchelt. Auch nicht mein Lob f├╝r seine Effizienz und seine guten Nerven. Wenn sie mit solch kindlicher Kunstlosigkeit eingefordert wird, gew├Ąhre ich Bewunderung bereitwillig. Eine halbe Stunde k├╝ndet mir M. von seinen Taten, dann muss er zum Friseur und f├╝r diese eine halbe Stunde unterh├Ąlt mich sein Geplauder ganz vorz├╝glich.

Im Park treffe ich L, die mir winkt. Sie liegt auf einer Decke und lernt f├╝r eine Pr├╝fung, die sie im Oktober unbedingt bestehen muss und die ich schon habe. Wir plauschen ein wenig, sie macht mir Platz auf der Decke. Gelegentlich fragt sie mich etwas zum Stoff, wir reden ├╝ber gemeinsame Bekannte und nat├╝rlich wieder ├╝ber den Stundenplan; sie erz├Ąhlt mir zwischendurch, dass sie mittlerweile ein bisschen schwarz sieht mit der Liebe, wegen diverser entt├Ąuschender Erfahrungen, dass sie aber doch halbwegs zuversichtlich ist, was ihren Neuen betrifft. Ich erz├Ąhle ihr daf├╝r, dass ich von Herzen etwas anderes studieren wollte und jetzt doch sehr zufrieden bin mit meiner Entscheidung. Dann kommen zwei Freunde von ihr vorbei, um sie abzuholen und ich muss eigentlich noch in die Stadt.

Sp├Ątestens in einem Monat werde ich wieder befinden, dass mir das im Grunde doch nichts bringt und wenn M. oder L. mir zunicken, werde ich kurz zur├╝cknicken. Aber heute macht es mich gl├╝cklich, M. und L. begegnet zu sein.

Und das ist vielleicht der eigentliche Zauber des Semesterbeginnes.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de diff├ęrence entre les hommes. (Pascal)

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