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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Senioren-Rache
Eingestellt am 09. 10. 2013 16:06


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Immer mehr nähere ich mich jenem lammfrommen Alter, in dem Menschen den Frieden mit der Welt und ihrem Leben eingehen sollten. Doch ich verspüre nicht einmal Lust, auch nur mit den Friedensverhandlungen zu beginnen. Finde ich doch stets noch viel zu viele Gelegenheiten, mich an Zeitgenossinnen und –genossen zu reiben oder gar zu rächen. Und ausgerechnet meine jeglicher Altersweisheit widersprechenden Rachegelüste treiben mich an.
Die ganz besondere Chance dazu fand ich kürzlich in der Regionalbahn von Engelskirchen nach Köln/Hansaring.
Ein unübersehbar griesgrämiger Junggreis setzte sich mir gegenüber auf den mit blau-orangenem Plüsch bezogenen Sitz und ließ umgehend sich und vor allem seine reichlich feuchten Mundwinkel hängen.
Als ich es mit einem vorsichtigen Lächeln versuchte, nahmen seine Lippen noch mehr die Form einer schmalsten nach unten offenen Mondsichel an. Schließlich holte er unendlich tief Luft. Hielt den Atem einen Moment lang zurück. Und als er schließlich errötete, blies er mir einen tiefen lauwarmen nach Bier riechenden Seufzer entgegen. Danach stimmte er eines seiner vermutlich besonders geliebten Klagelieder an: „Dass die Bahn auch niemals pünktlich sein kann! Immer muss ich warten und warten. Immer ich!“ Dabei füllten sich hinter der schlecht geputzten Hornbrille seine trüben Augen mit ein wenig noch trüberem Salzwasser.
Ich lächelte weiter. „Aber Sie sind sicher Rentner. Da kommt es doch auf ein paar Minuten nicht an. Oder?“
Seine trüben Milchglasaugen klärten sich blitzartig auf. „Ich?... Zeit? So was gab’s noch, als mein Großvater in Ruhestand ging. Rentner können sich heutzutage die Entdeckung der Langsamkeit nicht mehr leisten. Überhaupt und ganz und gar nicht!“
Ruckartig hob er beide Arme ĂĽber den Kopf und lieĂź sie klatschend auf seine Oberschenkel fallen, senkte das Haupt und starrte auf meine Schuhe.
Schulterzuckend, aber unbeeindruckt setzte ich mein Lächeln fort. „Entschuldigung. Aber ich wollte Sie nicht beleidigen!“
„Beleidigen, beleidigen. Ich bin gestresst. Allein die Arztbesuche. Muss heute zum Zahnarzt, zum Orthopäden, zum Internisten, zum …“ Er holte wieder Luft. „Und dann zur Bank. Und überall diese Automaten. In der Beamtenbank, an den Bahnhöfen, an den Straßenbahnhaltestellen…!“
Mit einem erneuten Seufzer sackte er auf seinem Sitz zusammen und sah mich von unten flehendlich an.
„Aber es gibt doch immer Leute, die Ihnen helfen können. Sie müssen nur fragen.“
Als ich „helfen“ sagte, richtete er sich halb wieder auf.
„Helfen? Wer nimmt sich denn die Zeit. Wir Alten sollen doch möglichst unabhängig bleiben. Für unsere Pflege entwickeln sie sogar schon Roboter. Können Sie sich vorstellen, wie liebevoll so ein technisches Monster mit Ihnen umgehen wird, wenn es Ihnen schlimmstenfalls den Hintern abwischt? Können Sie sich das vorstellen?“
Lächelnd schüttelte ich den Kopf.
„Sehn Sie. Das können selbst Sie nicht.“
„Doch bei Ihnen kann ich mir das vorstellen. Und Ihr Roboter wird so programmiert sein, dass er Ihnen sogar zuhört, wenn Sie rumjammern. Was wollen Sie denn noch mehr?“
„Naja, was wir doch alle wollen… . Ne nette junge Pflegerin, natürlich.“
In diesem Moment setzte sich eine junge Blondine neben mich und ĂĽberlieĂź ihre durch hautengste Jeans nach- und wohlgeformten Beine unseren lĂĽsternen Blicken.
Wir schwiegen beide. Ich, weil ich gerade tief Luft holten wollte, und mein Junggreis gegenüber, da er bereits gierig Luft aus der Umgebung und seinem beachtlichen über den Hosengürtel hängenden Bauch sog, um damit den massigen Oberkörper aufzublähen.
Gleich, so vermutete ich, wird der sich noch mit den Fäusten gegen Brustkorb trommeln.
Doch auf diese Protzgeste verzichtete er und sagte an mich gewandt, obwohl er dabei die langhaarige Blondine anlächelte. „Wissen Sie, wenn ich was nicht ausstehen kann, dann sind das diese alten Männer, die ständig über die heutigen Zeiten und ihren ach so bedauernswerten Zustand jammern.“ Danach musste er erst einmal rasselnd ausatmen.
Natürlich verging mir in dem Moment mein Lächeln. Und vermutlich sah ich plötzlich aus, wie einer jener Alten, die sich ständig und über alles beklagen.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 09. 10. 2013 16:06
Version vom 11. 10. 2013 14:59
Version vom 11. 10. 2013 15:02

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