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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sequel: Schneewittchen
Eingestellt am 14. 08. 2002 21:51


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Saint Ken
???
Registriert: Jul 2002

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Sequel: Schneewittchen



quote:
„... und es wurden eiserne Pantoffeln ĂŒber Kohlenfeuer gestellt. Sie wurden mit Eisenzangen herein getragen und die gottlose Stiefmutter musste in die rotglĂŒhenden Schuhe treten. Und sie tanzte darin so lange, bis sie tot zu Boden fiel.”

BrĂŒder Grimm



Nach ihrer Scheidung lebte Schneewitchen nicht schlecht. Sie hatte wirklich gute AnwÀlte engagiert, die den Prinzen bis auf das letzte Hemd ausgezogen hatten. Im Jahr darauf hatte sie ihren Wohnsitz nach Monaco verlegt.

Sie lag auf einem Badetuch an ihrem Pool, mit atemberaubenden Blick ĂŒber den Hafen. Ihre lange schwarze MĂ€hne hatte sie auf SchulterlĂ€nge stutzen lassen trug sie seit einigen Wochen blondiert. („Sie sehen hin-reis-send aus!”)
Ihre Figur hatte nach den beiden Geburten nicht gelitten, auch wenn ihr Bauch nicht mehr ganz so straff war wie in der Zeit bei den Zwergen. (Das Essen bei ihnen war nicht schlecht gewesen, aber doch etwas einseitig - schließlich war sie alleine dafĂŒr zustĂ€ndig gewesen - und Kochen war noch immer keine ihrer StĂ€rken.
Noch immer wurde ihr schlecht, wenn sie an das frisch erlegte Wild dachte. Blut... Überall Blut... („Nimm diesen wunderschönen roten Apfel! Hast du jemals so einen schönen roten Apfel gesehen?”)


       Des Königs neue Gemahlin war eine strahlende Schönheit. Sie fĂŒhrte von Anfang an ein hartes Regiment. Und sie HASSTE Schneewitchen vom ersten Augenblick, als sie sie erblickt hatte und das Schloss ihres neuen Gemahls betrat. Ihre weiße Haut... das ebenholzschwarze Haar... die blutroten Lippen... Im ersten Augenblick, als sie das junge Ding erblickte wusste sie, dass sie den König niemals völlig besitzen wĂŒrde. Dass das kleine MiststĂŒck sterben musste wurde ihr erst spĂ€ter klar. Vielleicht war ihr von Anfang an bewusst gewesen, dass sie das Spiel gegen diese Konkurrentin lĂ€ngst verloren hatte... („Sieht sie nicht wunderschön aus? Hast du jemals so ein wun-der-schö-nes MĂ€dchen gesehen? Sie ist ganz ihre Mutter!”)Sie war ihres Vaters MĂ€dchen. Und wĂŒrde es immer bleiben.


Es war eine sehr spontane Hochzeit, vielleicht etwas ĂŒberhastet. Sie hatten sich noch nicht einmal richtig kennen gelernt und eigentlich hatte er sie stark bedrĂ€ngt. Ja, er hatte ihr Leben gerettet. Wenn auch eher zufĂ€llig.

"Prinz... " Sie rĂŒmpfte die Nase. (Ein Hauch von Romantik ließ sich allerdings nicht von der Hand weisen. Doch sie war jung und naiv gewesen und hatte sich leicht beeindrucken lassen.)

Das war alles eine andere Zeit gewesen.

Nicht, dass sie ihn nicht geliebt hĂ€tte - doch, das hatte sie wirklich. Aber die langen Tage im Schloss, seine langen Reisen in ferne LĂ€nder... Und seine Aufmerksamkeit hatte auch stark nachgelassen nachdem er in England gewesen war. NatĂŒrlich war sie eifersĂŒchtig gewesen. Was hĂ€tte sie auch von den ganzen Reportagen und Artikeln halten sollen? Sicherlich war er treu gewesen, doch die Fotos mit dieser Blondine hatten sie getroffen. (Schneewitchen hatte ihren Laptop wutentbrannt gegen die Vitrine im Speisesaal geworfen. „DIESE VERDAMMTE DRECKSAU!”

Sie dachte noch oft an die Zwerge, doch auch die hatten sich zwischenzeitlich getrennt, nachdem in deren NĂ€he eine soziale Neubausiedlung gebaut worden war. Üble GerĂŒchte ĂŒber ihre seltsame Wohngemeinschaft hatten die Runde gemacht. Sogar das Fernsehen hatte einige Reportagen gesendet „DARF MAN SOETWAS?” hatte die grĂ¶ĂŸste ĂŒberregionale Zeitung daraufhin getitelt.
Der Kleinste hatte sich daraufhin erhĂ€ngt. Vermutlich war doch etwas an diesen GerĂŒchten dran gewesen.



       Die Zwerge, die verdammten Zwerge... Sie hatten ihren Plan durchschaut. Ohne sie wĂ€re Schneewitchen gestorben. Erfroren im Schnee oder verhungert. Und der verdammte Spiegel... Der VERDAMMTE Spiegel!
Sie hatte ihn von ihrer Mutter geerbt. Diese hatte von dem Fluch gewusst, der auf ihrer Familie lag. Sie hatte ihr Leben lang kĂ€mpfen mĂŒssen. Und dann hatte sie auch ihre eigene Mutter als ihre Feindin heraus gestellt. „Der Spiegel wird dir immer den rechten Weg zeigen!” GelĂ€chelt hatte sie dabei. Es war das LĂ€cheln einer giftigen Viper gewesen. Warum war sie nur so naiv gewesen? Der Spiegel hatte oft zu ihr gesprochen. Vor allem in einsamen Stunden, wenn das Schloss leer war.

Das blutige Herz. Es war noch warm gewesen. Sie hĂ€tte doch wissen mĂŒssen, dass es nicht das des kleinen MiststĂŒcks gewesen sein konnte. Sie hatte es doch gespĂŒrt... Belogen. Betrogen. Von allen. (Und der giftigen Viper...) VERDAMMT! Wieso war alles nur so schief gelaufen? Sie hatte doch einfach nur ein neues Leben beginnen wollen. In Frieden. In Liebe.
(„Der König sucht eine neue Braut! Kindchen hör mir zu! Du kannst alles erreichen! Du musst sein Herz gewinnen. SEIN HERZ!”) Schneewitchen war sein Herz. Das kleine dreckige MiststĂŒck...)

„... wer ist die Schönste im ganzen Land?”
„VERDAMMT NOCHMAL! Ich bin die Schönste!!!”
Noch als sie die glĂŒhenden Schuhe an ihren FĂŒssen trug, die sich in das Fleisch brannten riss sie alle KrĂ€fte zusammen. Sie wĂŒrde tanzen!
Sie hatte diese grausame Strafe verdient, dass war ihr klar. Doch ihre letzten Blicke galten Schneewitchen. Diesem MiststĂŒck! Tiefe durchdringende Blicke. Brennend.




Zur Beerdigung war Schneewitchen nicht erschienen. Sie konnte einfach keine schlechte Publicity mehr gebrauchen. Ihre Stiefmutter war tot. Und viele Sitzungen bei namhaften Therapeuten hatten nicht viel gebracht. Sie hatte fĂŒr sich selbst entschieden, dass sie vergessen wĂŒrde. Es war ganz leicht. Sie wĂŒrde alles vergessen. Die Stiefmutter war tot und vergessen. Ihr Vater war einem Herzeiden erlegen. Und die Kleine? Ja, die war auch fort.


Inzwischen sonnte sich Schneewitchen in ihrer neuen Rolle als Grand Dame in Monte Carlo. Parties, EmpfĂ€nge, Galas... (Dazwischen einige Treffen mit den besten Schönheitschirurgen, ihrem Therapeuten und ab und an nervige CharitĂ©s) Sie wurde langsam Ă€lter, doch noch war sie auf den Titelseiten der Gazetten in aller Welt. Es wurden weniger, das ließ sich nicht bestreiten, doch auch als Exfrau einer der schillerndsten Persönlichkeiten der KönigshĂ€user wĂŒrde sie noch lange im GesprĂ€ch bleiben. („Wie machen Sie das nur? Sie sehen kein Jahr Ă€lter aus!”)



       Sie hatte ihr in die Augen sehen wollen.
Der Kerker war kalt. Erhellt von Fackeln. Es stank nach Salpeter. Moder. Tod.
„Er hat dich geliebt! Du hĂ€ttest alles haben können!” Schneewitchen sprach leise und scharf.
„Du verstehst ĂŒberhaupt nichts! Du bist ein mieses kleines verzogenes Kind!”
Sie hatte ihre Stiefmutter das erste mal weinen sehen. Die Frau, die sie töten wollte.
Doch sie empfand nur KĂ€lte. Sie wollte diese Frau sterben sehen.
SelbstverstĂ€ndlich verstand sie sie. Als Schneewitchen in den Spiegel geblickt hatte, hatte sie alles verstanden. Die eisige KĂ€lte, die Einsamkeit. Den Schmerz im Innern. Die Hoffnungslosigkeit. Alles war so klar gewesen. So endgĂŒltig.
Ihr Vater hatte ihr noch nie einen Wunsch abschlagen können... Er hatte immer ihre Mutter in ihr gesehen. So, wie er sie damals kennengelernt hatte. Vielleicht hatte er sie sogar ZU sehr angesehen wie ihre Mutter.
Irgendeiner musste immer bezahlen.



Das Handy klingelte. „Mom?” Eine verheulte Stimme. „Mir geht es nicht gut...”
Sie achtete nicht darauf was ihr Sohn stammelte. Besoffen. Ärger, nichts als Ärger. Ihre Kinder kamen nach der Scheidung sie zu ihrem Vater, der sie kurz darauf auf ein Internat in SĂŒdafrika schickte. Ihre Tochter... Seine Enkelin. Alles wiederholte sich.
Vielleicht hatte sie geahnt, dass das Ganze nicht gut gegangen wĂ€re. („Der Spiegel wird dir immer den rechten Weg zeigen!”) Sie legte auf und schaltete das Handy aus. Ihre Sohn war ihr gleichgĂŒltig. Und ihre bildhĂŒbsche Tochter verschwunden. Niemand hatte sie vermisst. Oder gesucht. („Mami? Wo gehen wir hin?”)


Der Himmel ĂŒber dem Meer begann sich zu verdunkeln und ein kĂŒhler Wind zog auf.
Schneewitchen blickte sich um. Es war alles so, wie sie es sich immer gewĂŒnscht hatte.
Sie stand auf, wickelte sich ein Strandtuch von Versace um die HĂŒften und betrat ihr weitrĂ€umiges Penthouse. (Sie hasste enge RĂ€ume und vermied Besuche in kleinen HĂ€usern - und sie brauchte eigentlich keine 400 $ pro Sitzung bezahlen, um die Ursachen zu finden)

Der Pool wurde langsam von Regentropfen und stĂ€rker werdendem Wind aufgewĂŒhlt. DĂŒstere Wolken warteten darauf sich zu erbrechen.

In ihrem modern eingerichteten Schlafgemach hing ein alter Spiegel neben einem kostbaren Druck von Andy Warhol. Ein seltsam vermodert und fast stumpf wirkender Spiegel mit wurmstichigen hölzernen Rahmen. Zweifellos eine wertvolle AntiquitÀt.

Sie trat darauf zu und flĂŒsterte leise „Spieglein, Spieglein an der Wand...” Sie kannte die Antwort auf ihre Frage, doch der Spiegel sah nicht mehr gut. Und er wurde langsam mĂŒde. Er wĂŒrde ihr das sagen, was sie hören wollte.


© SK 08/ 2002

__________________
"Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft Bleibende im Leben."

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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.......

Das Morbide, Dekadente im Gestern und Heute als Muster? Austauschbar die Figuren? Geschichte als stÀndige Wiederholung? Kein erhobener Figer, aber den Finger auf den dunklen Seiten. Mir ist zu exemplarisch was du schreibst. Deine Protagonistin als Symbol, Spiegel der Welt, nicht Person ... aber das war Absicht, denke ich. Zynisch der Blick.

Zum Schreibstil
Du schreibst im Imperfekt, deine vielen RĂŒckblenden folglich im Plusquamperfekt. Das machst du sehr konsequent. Die Folge, wenn man nicht sehr darauf achtet, schleichen sich Unmengen von: war, hatte, wĂŒrde, hĂ€tte, gewesen, ein. Mir wird dadurch ein Text unappetitlich.

Die Verzahnung zwischen kaputtem Jetzt und MĂ€rchen ist dir gut gelungen. Die Bilder und Assoziationen sind griffig, die Klischees allerdings manchmal ĂŒberreizt. Von der einfĂŒhlsamen ErzĂ€hlung bist du mit deinem Stil so weit entfernt wie ein Choral von der zwölf Ton Musik. Aber jeder hat halt so seine Ausdrucksmittel.

GrĂŒĂŸlinge
itsme
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Life is too short to paint a single kiss

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo saint ken,

obwohl dies keine konstruktive kritik ist: mir hat deine geschichte gut gefallen.
allerdings auch von mir die anmerkung, daß sĂ€tze wie:

"Parties, EmpfÀnge, Galas...
(Dazwischen einige Treffen mit den besten Schönheitschirurgen,ihrem Therapeuten und ab und an nervige Charités)"

zu plakativ sind, um den (gedanken-) fluß beim lesen der geschichte nicht zu stören.

gruß

rainer

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Saint Ken
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 1
Kommentare: 13
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itsme:
ich hatte beim ersten gegenlesen schon dutzende "hĂ€tte, wĂŒrde, gewesen" entfernt, auch wenn in der menge der rĂŒckblenden ein ausmerzen unmöglich ist. einen choral wollte ich natĂŒrlich nicht mit meinem text schaffen - die popmusik ist mir nĂ€her als die klassik.
dass es mit der "einfĂŒhlsamkeit" bei meinem text nicht klappt liegt wohl daran, dass er wie eine kugel in einem flipper zwischen mĂ€rchen, parodie und "drama" hin und her geschleudert wird. ich finde deine sichtweise sehr interessant und sehe meinen text jetzt auch mal mit anderen augen. mir gefĂ€llt dein stil der kritik ausserordentlich gut - herzlichen dank!

rainer:
schön, dass dir meine geschichte gefĂ€llt - letztendlich hat sie auch nur diesen anspruch - einfach zu unterhalten (alleine das schreiben hat mir großen spaß bereitet!)
Die Passage "Parties, EmpfÀnge, Galas... " will den leser eigentlich nur vom mÀrchen in die gegenwart holen und ist eher ironisch gemeint - genauso wie der laptop, den sie im "mÀrchenschloss" in die vitrine wirft.
die bruchstelle soll nicht verwischt werden, sondern betont (deshalb hakt wohl auch der lesefluss). danke fĂŒr deinen kommentar, den ich sehr konstruktiv sehe :-)


__________________
"Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft Bleibende im Leben."

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