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Leselupe.de > Kurzprosa
Serie zum Thema Trends
Eingestellt am 02. 06. 2010 14:35


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drama
Autorenanwärter
Registriert: May 2010

Werke: 7
Kommentare: 1
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(1) Die Liebe hört niemals auf
(2) Nasser Asphalt
(3) Die letzte Fahrt




1. Januar, irgendwo in Berlin Kreuzberg.

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie kennt keine Eifersucht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie handelt nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie wird nicht bitter durch schlechte Erfahrung, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht über das Unrecht, vielmehr freut sie sich über die Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf...“

Das hat er gesagt, Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther.
Klang irgendwie so selbstverständlich – fast bestürzend.
Ich trug diese Worte immer mit mir herum – durch ganz Berlin, in meiner rechten Hosentasche, obwohl ich sie längst auswendig konnte.
Ein kleines Blatt – tausend mal zusammen und auseinander gefaltet – leicht vergilbt und mit ein paar Whiskeyflecken darauf.
Ich schob es zurück in meine rechte Hosentasche und ordnete das Besteck, während ich mich vor die Kloschüssel hockte. Ich musste mich leicht verrenken, damit ich nicht die Urinlache berührte.
Eine flackernde Neonlampe direkt über mir warf ein kaltes, weißes Licht auf meine dreckigen Fingernägel.
Ich wischte mir den Rotz von der Nase und desinfizierte die Nadel mit einem Feuerzeug.
Meine Schwester hatte mich geliebt. Bedingungslos. Egal welche Scheiße ich wieder angestellt hatte. Sie hatte mir Essen gemacht, sie hatte mir Arbeit besorgt, sie hatte ihren Stoff mit mir geteilt, sie hatte mich bei ihr wohnen lassen. Sie hatte mich geliebt. Sie war immer für mich da gewesen – ich nicht.
Und dann war sie tot. Einfach so. Ein Freier. „Bang“. Kugel im Kopf. Tot.
Einfach so.
Dumpf drangen die Techno-Bässe bis in die Kabine. Ich hörte, wie die Toilettentür geöffnet wurde und jemand reinstolperte. „Scheiße…Nina, bist du hier? Son` Wichser hat mir `was in `nen Drink getan. Scheiße.“
Sie stürzte in eine Kabine und erbrach sich lautstark. „Komme gleich“, murmelte ich und fing an den Löffel mit dem Heroin zu erhitzen, bis es anfing
zu brodeln.
Warum war ich nie für sie da gewesen? Ich hatte nur sie gehabt – jetzt war ich allein – allein in diesem Leben. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie würde mich in den Arm nehmen – ganz fest – wie früher. Als würde ich wieder ihre warme, weiche Haut an meiner spüren und den Geruch ihrer Haare aus Vanilleshampoo,
Tabak und Kaffee einsaugen.
Danach konnte ich wieder aufstehen und weitermachen, was auch immer ich tat
- mit einem Funken mehr Hoffnung auf ein Leben, das sie erstrebt hatte.
Mein Atem wurde langsam flacher und ich strich mir mit der Hand den kalten SchweiĂź von der Stirn. Nachdem ich die Spritze gefĂĽllt hatte, zog ich mir hektisch den GĂĽrtel aus der Hose und band mir den Oberarm ab. Ich blickte runter auf meine Armbeuge. Voller roter Schlieren und zerstochener Haut war sie.
Zum Glück hatten die meisten Kunden kein Problem damit. Aber das war schon okay, manche waren noch schlimmer dran. Kalt und reglos lag der ein oder andere am nächsten Morgen in der Seitenstraße. Tot und allein.
Depressiver Alltag – alltägliche Depressionen.
Ich wollte doch nicht viel – nur ein bisschen Liebe, ein bisschen Glück, ein bisschen Hoffnung. Seltene Güter in meiner Stadt, in meinen Straßen, in meinen Gassen, in meinem Leben. Ich stach ein und löste den Gürtel. Eine Träne stand mir im Augenwinkel. „Die Liebe hört niemals auf…“. Ich drückte ab.

_____________________________________________________________


16. April, auf der 322 in Pennsylvania.

Rock-Rack. Rock-Rack. Rock-Rack.
Scheibenwischer ermöglichen eine klare Sicht. Doch die Regentropfen schnellen direkt auf mich zu. Als würde ich durchs Universum fliegen sieht es aus, wenn man von unten in den Regen guckt. Ich versuche nicht zu blinzeln und lasse sie auch in den Mund fallen, wo sie sich dann mit dem Blut vermischen. Alles fühlt sich taub an – leblos – ohne Sinn. Warum ich?
Rock-Rack. Rock-Rack.
Testosteron.
Männliche Hormone.
Er war nicht betrunken gewesen nach der Party – er hatte mich noch geküsst. Ich hatte ihn noch ein letztes Mal so nah an mir gespürt. Es war ein inniger Kuss gewesen – sein heißer Atem in meinem Nacken, auf meinem Dekolletee, an meinen fordernden Lippen. Hätten die beiden anderen nicht zum Aufbruch gerufen, hätten wir uns wahrscheinlich vergessen. Als wir widerwillig von einander abgelassen hatten, hatte er mir einen unbekannt zärtlichen Blick zugeworfen, der erst mein Herz für einen Moment erstarren lies und mir dann ein grenzenlos freies Gefühl verlieh. Mit einem verliebten Dauergrinsen war ich zum Auto getaumelt. Das andere Pärchen stieg ebenfalls ein, nachdem die beiden Jungs noch angeregt geflüstert hatten. Der Regen prasselte auf das Dach und der Schein der Straßenlaternen schmeichelte seinen männlichen Gesichtszügen, als der den Motor anlies. Noch einmal das Funkeln seiner Augen – dann umspielte ein gespanntes Schmunzeln seine Lippen, als er kräftig aufs Gaspedal trat.
Rock-Rack. Rock-Rack.
Adrenalin.
Rauschen in den Ohren.
Schweiß in den Handflächen.
Er beschleunigte abermals und ich wurde in den Sitz gepresst.
Kein Wort fiel mir ein. Sprachlos.
Seine Fingerknöchel wurden weiß am Lenkrad.
Neben uns zog der andere Wagen vorbei. Er sah mich ein letztes Mal liebevoll an, als es geschah.
Schnell. Zu schnell.
Wie? Das ist jetzt auch egal. Der Wagen hat sich ein Mal überschlagen – glaube ich.
So allein war ich noch nie.
Rock-Rack. Rock-Rack.
Ich liege mitten auf der geradlinigen Straße in der menschenleeren Einöde von Pennsylvania. Perfekte Symmetrie bis auf das Auto mit den sich bewegenden Scheibenwischern am Straßenrand. Ich fühle nichts außer dem Regen. Ich weiß nicht wie, aber ich drehe mich auf die Seite und umklammere meine Knie so fest ich kann. Ich mache mich klein und versuche einfach nicht das blutverschmierte einsame Mädchen mitten auf der Landstraße zu sein. Die Zeit streicht vorbei. Ich kann nicht sagen, ob Minuten oder Stunden, aber sie tut es und ich fühle immer weniger. Ich merke plötzlich, dass mein Körper zuckt und schmecke Salz neben Regen und Blut. Weine ich? Ich weiß es nicht. Mein Mund verkrampft. Die Lippen sind auf einander gepresst. Ich verspüre einen überraschenden Schwall von Wut; setzte mich schnaufend auf. Mit wild zitternden Händen hole ich meine Zigaretten aus der Hosentasche und ziehe eine heraus. Sie ist völlig durchnässt, aber ich versuche sie wutschnaubend mit dem Feuerzeug zu entzünden. Es will und will nicht funktionieren. Warum ich? Ich schmeiße das Feuerzeug so weit ich kann. Wie in Zeitlupe zerspringt es auf dem Asphalt.
Rock-Rack. Rock-Rack. Rock-Rack.
Ich schreie.

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27. August, SĂĽdafrika, im Zug nach Johannesburg.

Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob die Gefahr der Lust an der Freiheit es wert war das Geschenk des Lebens aufs Spiel zu setzten. Hatte ich wirklich so wenig zu verlieren?
Es war wieder einer dieser schönen Momente, die mich mit dem Risiko meines Hobbys konfrontierten, als ich meinen Blick über ihren Körper schweifen lies. Das weiße, figurbetonte Kleid auf der schwarzen, samtweichen Haut reizte meine Sinne ohne Unterlass. Heute trug sie ihre Haare offen, was sie leider viel zu selten tat. Ihre Locken wehten wild im Wind des fahrenden Zuges, da er die Türen bereits geöffnet hatte.
Meine Haut schien immer noch von ihren heimlichen BerĂĽhrungen vor der Abfahrt zu brennen.
Wie immer vibrierte der Boden unter meinen FĂĽĂźen und das verlockende Rauschen der Geschwindigkeit lies einen kaum ein Wort verstehen.
Train-Surfing.
Ein Hobby mit Suchtpotential, solange man das Leben und den Tod als Bestandteil der Realität akzeptierte. Keine Seltenheit bei afrikanischen Jugendlichen – bei Armut.
Ich bemerkte die gewohnte Sorge in ihrem Blick, als mein bester Freund die erste bedachte Bewegung in Richtung des Zugdaches wagte. Nicht verwunderlich, es war ihr fester Freund seit 2 Jahren.
Ich war so ein Arschloch!
Die Landschaft Afrikas zog unverändert an uns vorbei – öde und schön zugleich.
Ich konnte einfach nicht anders. Ein letzter Blick zum besten Freund und Konkurrenten, dann legte ich unauffällig eine Hand um ihre Taille und verspürte sofort die umwerfenden Gefühle einer ganz normalen Jugendliebe.
Es war der Zug nach Johannesburg an einem sonnigen Donnerstagnachmittag. Ein kurzer Blick von ihm ĂĽber die Schulter genĂĽgte um die simple Wahrheit zu erkennen.
Schmerz. Schmerz in seinen Augen.
Das war das letzte, was wir von ihm sahen, bevor da nur wieder Afrika war.
Seit diesem Tag wusste ich endlich was leben bedeutet.

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