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Leselupe.de > Anonymus
Serienjunkie
Eingestellt am 26. 01. 2018 09:35


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Jeder Tag ist gleich. Morgens EinkĂ€ufe. Mittagessen. Und meine TV-Serien am frĂŒhen Nachmittag. Danach zu Marlene.
Ich bin ein Serienjunkie. Um 14 Uhr muss ich zu Hause sein. Ans Telefon geh ich dann nicht. Aber wer ruft schon an. Die Werbe-Hotline des Telefonanbieters. Bei Sonne Jalousien runter, sonst blendet es. Fernseher an. ‚Gelbe Rosen‘. Ich habe schon ĂŒberlegt, ob ich nach LĂŒneburg umziehe, dann wĂŒrde ich mal jemanden treffen von denen. Aber das geht ja nicht. Ich kann hier nicht weg. Wegen Marlene. Ich kenne sie alle gut, die Darsteller, besser als meine Nachbarn. Hin und wieder gibt es neue Schauspieler. Aber manche sind schon lange dabei, seit der 1. Staffel. So wie ich. Um 15 Uhr kurze Fernsehpause, zehn Minuten. Ich koche mir einen Kaffee. Dann geht es weiter. ‚Wege der Liebe‘. GefĂ€llt mir nicht so gut wie ‚Gelbe Rosen‘.
Nebenbei blĂ€ttere ich die Fernsehzeitschrift durch, schaue, ob es Störungen im Sendeablauf gibt. Sondersendungen mag ich gar nicht. Wintersport. Dann hab ich den Nachmittag frei und weiß nicht, was ich machen soll. Stehe stundenlang am Fenster und beobachte die Menschen, die mit TĂŒten beladen nach Hause eilen. HĂŒpfende bunte Punkte im HĂ€usergrau.
Heute Morgen beim BĂ€cker. „Wie geht es Ihnen, Frau E.?“, fragt die VerkĂ€uferin, die ich schon viele Jahre kenne. Sie schiebt mir das Brot ĂŒber die Ladentheke.
„Sehr gut, danke, habe viel um die Ohren!“ Ich trete von einem Fuß auf den anderen. „Heute nehme ich noch ein StĂŒck Apfelkuchen mit. Oder besser zwei.“
„Bekommen Sie Besuch?“
„Man kann nie wissen. Aber morgen schmeckt er ja auch noch.“ Rasch packe ich alles ein, bevor das GesprĂ€ch unangenehm wird.
„Ihre Tochter ist doch weggezogen, oder?“, hakt sie nach.
„Ja, aber die muss auch ihr Leben leben.“ Ich lache und haste aus dem Laden. Fast stoße ich mit einem Hund zusammen, der an seiner Leine zerrt. Draußen ziehe ich meinen Schal fest um den Hals. Winter in der Stadt. Granulat unter meinen Stiefeln, das knirscht. Hin und wieder rutsche ich. Orangefarbene RĂ€umfahrzeuge, die mich an Hummerscheren erinnern, bahnen sich ihren Weg durch die Straßen.
Im Hausflur treffe ich Herrn K. von gegenĂŒber.
„Frau E., Sie sehen heute toll aus. Der blaue Mantel passt sehr gut zu Ihrer Augenfarbe“, sĂ€uselt er. Er schlĂ€gt die Augen nieder, und ich zupfe Flusen aus dem Stoff.
„Gut, dass ich Sie treffe“, fĂ€hrt er fort, „ich möchte Sie fragen, ob Sie heute oder morgen auf einen Kaffee vorbeikommen wollen.“
„Danke nein, ich habe leider keine Zeit.“ Schnell schlĂŒpfe ich in meine Wohnung.
Ende der Woche werde ich woanders Brot kaufen und Herrn K. aus dem Weg gehen.
Ich nehme die Bratpfanne aus dem Schrank. Heute gibt es nur ein Spiegelei auf Brot. Das geht schnell. Ich bin mĂŒde. Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Ich lasse nachts oft den Fernseher laufen, dann ist es nicht so still, und irgendwann schlafe ich ein, selbst bei Horror- und Gewaltfilmen.
Heute sind die Serien nicht spannend. Ich wische nebenbei mit dem Staubtuch ĂŒber die Bilderrahmen auf der Kommode.
Um 16 Uhr gehe ich wieder aus dem Haus. Die kleine Harke, MĂŒllbeutel. Alles dabei. Ich fahre mit dem Bus an den Stadtrand. Fensterplatz. Gelbe SĂ€cke stehen abholbereit am Straßenrand. Eine Katze schleicht sich in einen Hauseingang. Kinder tĂ€nzeln ĂŒber den FußgĂ€ngerweg. Radfahrer fahren Schlangenlinien. Mehrere Wohnungen sind schon hell erleuchtet. Die AbenddĂ€mmerung kommt frĂŒh. Ich steige aus an der Mauer, die den Friedhof umrahmt. Schnell noch eine Rose kaufen. Eine weiße. So eine wie die, die auf dem Sarg lag.
„Na, meine kleine Marlene, heute war es ganz ruhig in LĂŒneburg.“
Ich setze mich auf die Steinbank, die neben dem Grab meiner Tochter steht. Efeuranken umarmen den kahlen Stamm einer Birke. Ich höre das leise Klappern der Gießkannen, die am Brunnen hĂ€ngen. Schneeflocken fallen mit einem zarten Platsch auf den schwarzen Granit der Grabplatte. Sie kann die Schneeflocken nicht hören. Fast bedecken sie Marlene. HĂŒllen sie ein in eine warme Decke.
Meine Tochter starb mit einundzwanzig. Vor genau einem Jahr. Sie hatte einen Hirntumor. Inoperabel. Kopfschmerzen kĂŒndigten ihn an. Sie schrie oft. Gellend, die Krankenhausflure entlang. In der Nacht. Ich saß an ihrem Bett, als sie starb. Hatte keine TrĂ€nen mehr. Steifgesessen und ausgeleert.
Mein geschiedener Mann kam nicht zur Beerdigung. Er war auf GeschĂ€ftsreise in Asien. Zahllose Monate zuvor hatte er mich verlassen. An einem gutartigen Sommermorgen. Die Haarrisse im Beziehungs-GefĂ€ĂŸ. In vielen Jahren entstanden. Böse Worte. Lieblosigkeiten. Mit einem lauten Knall zersprang es in tausend Scherben, und er ging aus der TĂŒr. FĂŒr immer.
„Mama, ich komme sofort zu dir“, rief Marlene damals ins Telefon. Sie war als Au-pair in London. Nachts traf sie ein mit einer TĂŒte widerlich sĂŒĂŸer Toffees, die sie am Flughafen gekauft hatte. Sie war einfach da.

Die KĂ€lte kriecht durch die Wollschichten, kriecht in meine Haarspitzen. Ich bleibe sitzen auf der harten Bank und sehe den weißen TĂ€nzern zu. Verfolge die vollendete Arabesque und ihre Pirouetten. Morgen werde ich wieder in LĂŒneburg sein.

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