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Leselupe.de > Science Fiction
Shannon Curtis
Eingestellt am 13. 01. 2003 12:09


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sonnentopf
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2002

Werke: 1
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Es begann vor, na, sagen wir, zwanzig Jahren. Damals - ich war zu dieser Zeit weder im GeschĂ€ft noch auf sonst einer Weise im Geschehen - beschloß ein EOF-Komitee, ein sechsjĂ€hriges MĂ€dchen, das irrtĂŒmlich sĂ€mtliche EOF-Codes geknackt und auf den Computer seiner Eltern kopiert hatte, in U-Haft zu nehmen. Das MĂ€dchen hieß Shannon Curtis. Sie war ein Genie. Ihre Eltern hatten alle HĂ€nde voll zu tun, ihre Intelligenz im Zaum zu halten.
An diesem Tag nun hatte sie herausgefunden, wie der Computer funktionierte; ihre Eltern hatten sie zum Spielen an das GerĂ€t gelassen. Sie knackte also die EOF-Codes ohne großartige Probleme, und Stunden spĂ€ter wurden sie und ihre Eltern abgefĂŒhrt. Als die hohen Tiere von der EOF erfuhren, dass das MĂ€dchen ihre schwer gesicherten Anlagen geöffnet hatte, beschlossen sie, die Kleine zu behalten. Das Komitee verdonnerte Shannon zu einer einmonatigen Haftstrafe. Ihre Eltern mussten den Schaden bezahlen, den ihre Tochter angerichtet hatte. Shannon wurde in ein HochsicherheitsgefĂ€ngnis gebracht, in dem sie sich befand. Ihre WĂ€chter waren rund um die Uhr in der NĂ€he, und unzĂ€hlige Psychologen und Forscher besuchten sie Tag fĂŒr Tag. Es dauerte meist nur Minuten, bis sie begriff, wovon die fremden MĂ€nner und Frauen sprachen oder was sie wollten.
Zwei Wochen nach ihrem Haftantritt brannte das Haus ihrer Eltern bis auf die Grundmauern ab, Mr und Mrs Curtis dazu. Die Ursache des Brandes blieb ungeklĂ€rt. Nur einige EOF-Offiziere - die, die mit dem Benzinkanister die beiden Curtis und ihr Haus durchtrĂ€nkt und dann angezĂŒndet hatten - wussten, was wirklich geschehen war. Aber ihre Zahl wurde von Tag zu Tag geringer, da auch sie unerklĂ€rlichen UnfĂ€llen zum Opfer fielen. Shannon Curtis war fĂŒr die EOF die Antwort auf unzĂ€hlige Probleme. Ihr Genie musste der EOF gehören, und nicht ihren Eltern oder irgendeiner Uni. Die Odyssee hatte begonnen.

Shannon hatte bald genug davon, ewig Fragen zu beantworten. Man verlegte sie in ein anderes GefĂ€ngnis, eine Tiefseestation, die kleinste und tiefste, die jemals gebaut worden war. Shannon gefiel es dort unten. Die Tiefseefische kamen tagtĂ€glich, um die Station zu begutachten und in ihrem Licht zu jagen. Shannon wurde nur noch per ComputerĂŒbertragung befragt. Sie wurde von den EOF-Forschern darauf trainiert, Computerprogramme zu schreiben, unlösbare Rechenaufgaben in Minutenschnelle zu lösen. Kurz, man versuchte die Grenze ihre GenialitĂ€t zu finden. Sie fanden sie nie.
Shannon wurde wieder unwillig, verlangte nach ihren Eltern. Die WÀchter vertrösteten sie auf das nÀchste Mal.
‘Wenn du diese Aufgabe löst, darfst du vielleicht zu deinen Eltern.’
Das Vielleicht trat nie ein, denn ihre Eltern zĂ€hlten lĂ€ngst die GĂ€nseblĂŒmchen von unten. Ihre SĂ€rge waren schon lange unter der Erde. Shannon erfuhr nichts davon.
Als sie zwölf war, gaben die WĂ€chter ihr einen eigenen Computer. Die EOF verlangte Programme fĂŒr verschiedene Einrichtungen. Shannon lieferte sie. Um diese Zeit entfaltete sich ihr Geist vollstĂ€ndig, mit all seinen guten und schlechten Seiten.
Die WĂ€chter bemerkten nicht, dass Shannon verschlagen war. Sie hĂ€tte eine einwandfreie Schauspielerin abgegeben. Shannon hetzte mit kleinen Worten und Gesten die WĂ€chter gegeneinander auf. Es machte ihr Spaß, sie beim Streiten zu beobachten. WĂ€re Shannon bei ihren Eltern aufgewachsen, hĂ€tte man sie nach einigen Jahren in der Politik wiedergefunden. Aber so spielte sie mit den WĂ€chtern wie eine Katze mit der Maus.
Um dieselbe Zeit gelang es ihr, eine Verbindung nach außen herzustellen - in die Freiheit.

Ich hatte damals ein kleines Spielunternehmen gegrĂŒndet, eine Spielhölle im Cyberspace sozusagen. Das GeschĂ€ft lief ganz gut, die Spieler blieben anonym und kannten sich nur ĂŒber ihre jeweiligen Cyberspace-Charaktere.
Shannon erschien als Tiefseefisch, eine ungewöhnliche Gestalt, selbst fĂŒr den schrillen Cyberspace. Sie loggte sich in die Kartenlegerrunde ein. Ich war erstaunt, dass ein so unbegabter Spieler wie sie den Weg zu meinem Salon ĂŒberhaupt gefunden hatte. Mein Computer nahm sie aus wie einen waidwunden Wal. Innerhalb kĂŒrzester Zeit verlor sie bei dem Spiel fast eine Million Dollar. Mir ist bis heute schleierhaft, woher sie das Geld nahm, denn sie beglich ihre Schulden sofort. Wahrscheinlich buchte sie es vom Konto irgendeines EOF-Offizieres ab.
Nach einer halben Stunde musste ich sie rauswerfen, weil ihre Schulden zu hoch wurden. Das ist bis heute ungeschriebenes Gesetz in meinen SpielsÀlen. Niemand verschuldet sich höher als eine halbe Million Dollar am Tag. Damals war es noch das Doppelte. Sie zog ohne Gegenwehr ab. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer sie war.
Am nĂ€chsten Tag aber war sie wieder da, verlor erneut ziemlich viel. So ging es die ganze Woche, und nach diesen sieben Tagen Ă€nderte sie ihre Spieltaktik. Plötzlich ging es bergauf, und sie gewann das gesamte Geld zurĂŒck, dass sie verspielt hatte. Ich glaube nicht, dass der EOF-Offizier, den sie gerupft hatte, etwas davon bemerkte.
Von da an kam sie jeden Tag. Ich bemerkte erst nach einigen Wochen, dass sie auch mit meinem eigenen Geld spielte. Sie hatte es irgendwie geschafft, mein Konto zu finden und seinen Code zu knacken. Verlor sie, retournierte sie das Geld einfach, gewann sie, holte sie es sich in ihre unauffindbaren Löcher, die ich nicht aufzuspĂŒren vermochte. Ich rĂ€umte ihr inzwischen einen besonderen Platz ein. Es gefiel mir, wie sie spielte. NatĂŒrlich, das Geld fehlte mir, aber ich fand es mutig, dass sie mein eigenes fĂŒr sich verwendete.
Irgendwann nahm sie dann Kontakt mit mir auf, und wir redeten lange ĂŒber alles mögliche, bis sie das Thema ansprach, auf das sie die ganze Zeit gewartet hatte.
„Du solltest dein GeschĂ€ft Ă€ndern, Jack“, riet sie. Die graue Einsamkeit in ihrem RĂŒcken blitzte im Licht auf, als sie sich kurz erhob und sich eine Cola holte.
„Wie?“ erkundigte ich mich. Sie war viel jĂŒnger als der Großteil meiner Spieler. Ich hatte eine sĂŒchtige Mittdreißigerin erwartet, und statt dessen erschien auf dem Schirm ein junges MĂ€dchen, gerade einmal dreizehn Jahre alt. Sie war zu jung, um schon im Cyberspace zu surfen und sich umzusehen. Aber sie schien weltgewandt zu sein. Sie war es auch.
„Du hast keinen ‘Magneten’. Die Leute kennen dich nicht. Außerdem hast du nichts, was sie erneut herbringen wĂŒrde.“
„Ich weiß. Aber ich habe kein Geld, um so etwas zu finanzieren. Ich muss warten, bis genĂŒgend Menschen genĂŒgend Geld bei mir verspielt haben. Seit du da bist, sieht meine Bilanz aber ziemlich schrecklich aus.“ Sie ignorierte den Seitenhieb und schĂŒttete die Cola in sich hinein.
„Pech, Mann. Aber wie wĂ€re es, wenn du deinen Spieler ermöglichst, sich untereinander zu unterhalten. Per Videocom. Das kostet dich keinen Pfennig, nur die Programmierspesen fĂŒr die Videocom.“
„Ich habe nicht einmal dafĂŒr Geld, Shannon“, erwiderte ich geduldig. Sie schien nicht zu begreifen, dass ich, wie ich wiederholt erwĂ€hnt hatte, völlig pleite war. Sie nagte zusĂ€tzlich noch an meinen knappen Reserven.
„Ich wĂŒrde dir nichts berechnen. Ich möchte nur am GeschĂ€ft beteiligt werden“, kam die Antwort. Ein hinterlistiges LĂ€cheln lag auf ihren Lippen, und ihre Augen blitzten gefĂ€hrlich. Sie war gerissener als die Gangsterbosse, mit denen ich genug zu tun hatte.
„Hey, du bist vielleicht mal dreizehn Jahre alt, und willst eine Videocom programmieren? SchĂ€mst du dich nicht, so anzugeben?“ Mein Spott stieß auf taube Ohren. Ich hatte wirklich nicht die geringste Ahnung, wer oder was sie war. Sie hatte schon etliche Programme fĂŒr die EOF geschrieben, einige davon waren weltweit als die sichersten berĂŒhmt, und keiner hatte sie bis jetzt geknackt.
„Willst du wetten, Jack?“ grinste sie. Ich schĂŒttelte den Kopf. Ich wettete aus Prinzip nicht mehr. Obwohl es mich bei dieser Sache sehr reizte. Aber ich tat gut daran. Sie hakte sich ohne einen weiteren Kommentar aus der Videocom, die sie zu mir aufgebaut hatte.
FĂŒnf Minuten spĂ€ter piepte mein Computer wieder.
„Shannon, was willst du schon wieder?“ Es wurde langsam zuviel fĂŒr meine strapazierten Nerven. Die Polizei konnte jeden Moment durch die TĂŒr stĂŒrmen, weil irgendein SchwĂ€tzer meine Spielhölle verraten hatte; es war Ehrensache, dass sie illegal war. Nebenbei gesagt, ich hĂ€tte mir die GebĂŒhren und Spesen niemals leisten können.
„Reg dich ab, Jack. Du bekommst gerade eine Videocom auf deinen Computer. Außerdem hab ich mich umgesehen. Bei dir sieht es nicht gerade rosig aus, was? Hamilton hat gepfiffen. Egal, jedenfalls bist du jetzt angemeldeter Spielhölleninhaber, der seine GebĂŒhren alle termingerecht eingezahlt hat. Sind wir endlich im GeschĂ€ft?“ Ich konnte nicht glauben, was diese DreizehnjĂ€hrige alles anstellte. Ich sah nach, ob ihre Angaben der Wahrheit entsprachen. Es stimmte. Ich war jetzt offizieller Spielsalonmanager. Meine GebĂŒhren waren fĂŒr drei Jahre im voraus bezahlt.
„Ich denke, die Gnadenfrist von drei Jahren mĂŒĂŸte genĂŒgen, um deine Hölle in Schwung zu bringen“, griente Shannon. Wir waren Partner.

Heute weiß ich, dass Shannon kurz davor bei einem CyberspacegesprĂ€ch mit Dracula, einem der berĂŒhmtesten Hacker der Welt, erfahren hatte, dass ihre Eltern tot waren. Dracula alias Luke Drjanov, ebenfalls ein Genie, aber eines, das man bei seinen Eltern gelassen hatte, war zwei Jahre Ă€lter als Shannon und um ein gutes StĂŒck hinter ihr. Er programmierte ebenfalls fĂŒr seine Regierung.
Drjanov lebte in einem renommierten Internat in der Schweiz, denn die Confederationen bekĂ€mpften sich, und die gute alte Schweiz war noch immer neutral; seine Eltern hatten es fĂŒr das Beste gehalten, ihn dort zu lassen. Er fand das zwar nicht, aber das spielte nie eine Rolle.
Im Internat erledigte er die AuftrĂ€ge seiner Heimatconfederation, der EOF, und programmierte ihnen die Überlebenshilfen. Tödliche Programme schrieb er aus Prinzip nicht. Außerdem schuf die Shannon, und sie war dabei wesentlich talentierter als der junge Drjanov.
Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen seitens ihrer WĂ€chter war Shannon eine bekannte Gestalt im Cyberspace, ebenso wie Drjanov, der allerdings mit Erlaubnis. Sie unterhielten sich öfter. Sie fand selbst nichts ĂŒber ihre Eltern, und deshalb fragte sie ihn. Er fĂŒhlte sich ziemlich veralbert, dass er nach Toten suchen sollte, und sagte ihr das auch. Sie quatschten noch ein wenig, dann zog sie sich zurĂŒck. Die Partnerschaft, die sie daraufhin mit mir schloss, war sozusagen die Rache fĂŒr das Schweigen der Regierung. An diesen Tagen ging ihr auch ein Licht in so manch anderen Dingen auf.
Die Confederation hatte sie mit meist gefĂ€lschten Nachrichten von der Außenwelt versorgt. Ihre Programme verhalfen der EOF zum Sieg. Shannon begriff die gesamte Tragweite ihrer Programme erst, als sie die Ergebnisse von mir und Drjanov hörte. Sie sah schrecklich aus, und machte sich noch Wochen danach VorwĂŒrfe. Drjanov und ich allerdings wussten davon nichts, sie sah nur krank aus, wenn ich sie zu Gesicht bekam.
Meine Spielhölle florierte, den Kunden gefiel die Videocom. Sie konnten auf diese Weise Tips und Meinungen austauschen. Außerdem kassierte ich die GebĂŒhr fĂŒr die Com. Sie war nicht hoch, deshalb nutzten viele Leute das Angebot, und damit war mein Unternehmen gesichert.
Shannon kam nicht mehr so oft, sie hatte alle HĂ€nde voll zu tun, ihre Programme erheblich zu entschĂ€rfen. Sie begann, HintertĂŒren einzubauen, um sich den Zugang zu erleichtern. Die EOF bemerkte nichts davon.
Die nĂ€chsten zwei Jahre vergingen wie im Fluge, Shannon sah mit FĂŒnfzehn schon ziemlich erwachsen aus. Sie hatte sich als Stammgast bei mir eingeloggt, und tĂ€glich kamen unzĂ€hlige Leute, um ihr beim Spielen zuzusehen. Sie hatte die triste Eintönigkeit ihres wahren Quartiers tief unter dem Wasser gegen einen digitalisierten Hintergrund eingetauscht, den sie je nach Wochentag variierte. Sie jammerte der EOF so lange die Ohren voll, dass ihr langweilig sei, bis diese ihr erlaubte, eine NebenbeschĂ€ftigung als SĂ€ngerin zu beginnen. Ihre Lieder verkaufte sie ĂŒber unsere Spielhölle, woraufhin sich noch mehr Leute einloggten. Sie expandierte das GeschĂ€ft. Heute hat mein Imperium ĂŒber hundert Kasinos und noch mehr VerkaufslĂ€den mit Souvenierartikeln in aller Welt.
Shannon schrieb ein Programm, das die Spielhölle perfektionierte. Sie brachte sie aus dem Cyberspace in die RealitĂ€t, und die Leute mochten es. Trotzdem stand hinter all dem noch immer mein Name. Shannon scheffelte Geld wie Heu, und ich begnĂŒgte mich mit meiner HĂ€lfte. Das GeschĂ€ft florierte, Dracula war vergessen.
Die EOF bemerkte nichts von alldem. Heute frage ich mich, wo sie ihre Augen hatten. Aber vielleicht verhinderte Shannon selbst die Katastrophe. Als sie sechzehn wurde, begannen ihre WĂ€chter sich fĂŒr sie zu interessieren. Shannon begriff schnell das Spiel der Liebe, und sie nutzte die WĂ€chter schamlos fĂŒr ihre eigenen Zwecke aus. Die MĂ€nner wurden von wichtigen Figuren zu kleinen Bauern im Spiel degradiert. Sie wickelte jeden neuen Mann mit einer Leichtigkeit um den Finger, die beĂ€ngstigend war. Mit all ihrer Intelligenz war sie ebenso hinterhĂ€ltig wie wunderschön. Die WĂ€chter erkannten das abgekartete Spiel hinter ihrer Scheinheiligkeit nicht.

Am 30. Juni nach ihrem sechzehnten Geburtstag im Januar hielten wir die monatliche Konferenz.
„Wie lĂ€uft’s?“ wollte sie wissen und warf sich in den Sessel, der vor der Kamera und dem Computer stand. Sie trug jetzt modische Sachen, die sie von den WĂ€chtern bekam. Der gefĂ€hrliche Glanz in ihren Augen war normal geworden.
„Besser als jemals zuvor. Seit du jeden Tag spielst, kommen immer mehr Leute.“
„Das ist gut. Wie gehen die GeschĂ€fte mit den Waffen?“
Ich pflegte schon seit Beginn meiner Spielhöllenkarriere gute Kontakte zur Unterwelt aller Confederationen, insbesondere zu den Terroristengruppen, die es ĂŒberall gab. Die Welt war noch immer nicht zur Ruhe gekommen, und solange es etwas zu verdienen gab, mischte ich krĂ€ftig mit. Sie hatte von meinen kleinen Waffendeals ĂŒber den Computer erfahren. Es wunderte mich, dass sie sich nicht aufregte. Aber offensichtlich gefiel es ihr ebenso, mit Terroristen GeschĂ€fte zu machen, wie mir.
„Auch gut. Die Iraker wollen jetzt Atomsprengköpfe.“
„Keine Chance“, schĂŒttelte sie den Kopf. Ich nickte zustimmend. Atomwaffen gehörten nicht zu unserem Handelsbereich. Niemand verkaufte Terroristen Atomwaffen. Wir waren nicht heiß darauf, uns selbst das Grab zu schaufeln.
„Ich habe mich bei den Schweden umgehört. Sie möchten gerne in die Offensive, haben aber nicht genug Munition und brauchbare Gewehre. HĂ€ttest du was fĂŒr sie?“ fragte sie. Im selben Moment piepte mein Computer und auch ihrer roten Alarm. Ein Eindringling in unserer Leitung. Ich zuckte zusammen. Es war bis jetzt in meinen Aufgabenbereich gefallen, die Leitungen zu isolieren, besonders bei solchen GesprĂ€chen.
„Du nennst das eine dichte Leitung?“ fauchte sie erschrocken. Ihr wĂŒrde es bei einer Entdeckung noch zehnmal schlechter ergehen als mir. Sie unterbrach die Verbindung und klemmte sich hinter den Computer. Ich konnte nur noch warten.
Aus sicheren Quellen erfuhr ich Jahre spÀter, dass sie den Hacker fand. Es war Dracula alias Drjanov.
Er war nun bei der EOF als Soldat auf einer der wenigen Orbitalgleiter, der Seachamp, die mit einem der besten Programm von Shannon fuhr, das sie jemals erschaffen hatte. Sie schlĂŒpfte durch die eigene HintertĂŒr ins Programm der Seachamp und machte Dracula ihre Aufwartung. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, dass Dracula diesmal ganz offiziell um diese ungewöhnliche Uhrzeit - es war kurz nach Mitternacht - nach Schmugglern suchte, im Auftrag von Captain William Ridges.
Shannon kannte Ridges, so wie sie die Leben von vierzehn anderen Offizieren und Wissenschaftlern kannte. Ridges hatte zum Komitee gehört, dass sie in die U-Haft geschickt hatte.
Sie drÀngte Drjanov aus dem Computer und hakte sich in seine höchstpersönliche Videocom, die eigentlich gar nicht erlaubt war. Aber Drjanov war ein einsamer Junge, und Ridges liebte ihn wie einen Sohn. Sie tippte sich einen Hintergrund ein, der Palmen zeigte, die sich in Sonne und Wind wiegten. Hawaii.
„Weißt du eigentlich, was du da gehört hast, BĂŒrschchen?!“ eröffnete sie ohne Vorwarnung ihren Angriff. Ihre Finger jagten sie immer tiefer ins Herz des Systemcomputers der Seachamp.
„Du warst doch einer der beiden“, entfuhr es Drjanov. Er hatte die schwarzhaarige Schönheit noch ziemlich gut im GedĂ€chtnis. Schade, dass sie zur anderen Seite gehörte. Shannon hob eine Braue.
„Yeap, wenn’s beliebt. Wer bist du ĂŒberhaupt, Fremdling?“ Noch bevor Drjanov sich irgendeine Ausrede zurechtgelegt hatte, war sein Gesicht schon durch Shannons Programm gejagt.
„Ah, Drjanov Luke alias Dracula. Willkommen im Real Life“, griente sie. Sie hatte plötzlich jede Lust verloren, dem vorlauten Hacker den Computer zu versauen. Außerdem waren auf der Seachamp ĂŒber hundert unschuldige Menschen, was Shannon zwar wenig störte, aber die EOF wahrscheinlich um so mehr. Sie wĂŒrde tiefgreifendere Nachforschungen anstellen, und dann konnte Shannon sehen, wo sie blieb. Mit den WĂ€chtern Spielchen treiben war eine andere Sache als hundert Menschen töten. Sie forschte weiter durch den Computer der Seachamp. Drjanov musste machtlos zusehen, wie sie routiniert die geheimsten Informationen aus dem Computer quetschte. Er fĂŒrchtete bereits um sein Leben, als sie sich ihm endlich wieder zuwandte.
„Weißt du, wer ich bin?“ fragte sie, und ihre Augen waren zum ersten Mal seit Monaten völlig ohne den gefĂ€hrlichen Glanz der HinterhĂ€ltigkeit. Drjanov war anders als die WĂ€chter. Er war ihr Ă€hnlich, und außerdem stand er unter der Schirmherrschaft von Captain Ridges, eine weitere Auszeichnung fĂŒr ihre VerhĂ€ltnisse. Drjanov schĂŒttelte den Kopf. Er hatte nicht die geringste Ahnung. Ihre Cyberspacefigur war der Delphin, und als Dolphin war sie berĂŒhmt im Netz.
„Ich bin Dolphin“, sagte sie. Sein Mund klappte auf und er starrte sie entgeistert an. Der berĂŒhmte Hacker Dolphin war ein Dark Side Hacker, einer von der bösesten Sorte.
„Ich bin nicht Dark Side“, knurrte Shannon, die ihm seinen Gedankengang an der Nasenspitze ablas. Drjanov konnte es trotzdem nicht fassen. Dolphin trieb Waffenschmuggel mit einem schmierigen Salonlöwen, der zwar unglaublich erfolgreich, aber ebenso aalglatt wie undurchsichtig war. Er wusste nicht, dass sie die meiste Arbeit in Jack Smokehalls Firma geleistet hatte. Es war noch immer eine Zweimannfirma. Ich fĂŒhrte die kleine Spielhalle, die Shannon in Las Vegas eröffnet hatte, selbst. Die Firma war noch klein genug, um von mir allein beherrscht zu.
„Was dann?“ brachte Drjanov endlich hervor. Sein Interesse wuchs sprunghaft. Dolphin war eine berĂŒhmte Gestalt im Cyberspace, er hatte sich selbst einige Male mit ihm unterhalten. Er hatte nicht gewusst, dass es ein junges MĂ€dchen war. Er hatte auf einen klugen Studenten getippt, der sich die Zeit mit Computern vertrieb. Shannon grinste ihn an.
„Ich bin Unternehmerin.“

Eine Stunde spĂ€ter war der Waffenschmuggel vergessen und der junge Drjanov tiefer in der Firma verstrickt als Shannon selbst. Er war der dritte Mann in unserem Imperium, und Shannon schaltete mich dazu. Anders gesagt, sie riß mich aus dem Bett. Die Konferenz war ins Wasser gefallen, und ich hatte vorgehabt, sie am nĂ€chsten Tag zu kontaktieren.
Knurrend kroch ich auf meinen Sessel und aktivierte die Kamera. Drjanov musterte mich skeptisch, und ich war schlagartig wach. Shannon selbst war bei mir und bei ihm auf einem kleinen Sichtfeld am Rande des Bildschirms.
„Shannon, was soll der Scheiß? Wer ist das?“ Meine Laune wurde immer schlechter, aber sie grinste mich nur an.
„Das ist Dracula alias Luke Drjanov, unser neuer Teilhaber im SpielgeschĂ€ft. Wo willst du dein Konto haben, Luke?“ Drjanov begriff noch immer nicht so recht, wo er da hineingeraten war - ich sah es ihm bei jeder Bewegung an. Er war verwirrt. Shannon hatte so ihre Methoden, alle Leute zu Dingen zu ĂŒberreden, die sie eigentlich gar nicht wollten. Sie redete einfach wild drauflos und so schnell, dass ihr Zuhörer nicht ganz mitbekam, wozu er da bejahend nickte.
Drjanov hatte zugestimmt, und sie war gerade dabei, ihn als Teilhaber einzutragen. Es sollte ihm nicht gelingen, diese Eintragung einen Tag spĂ€ter zu löschen, als ihm aufging, wozu er eingewilligt hatte. Sein Konto war in der Schweiz, ein anonymes, so wie meines und Shannons. Die Schweizer Banken freuten sich immer, wenn sie sich in ihre Computer hackte und Konten eröffnete oder plĂŒnderte, je nachdem, wie ihr der Sinn stand. Sie freuten sich so gewaltig darĂŒber, dass sie sich ĂŒberlegten, die AnonymitĂ€t aufzuheben. Shannon war ein erbitterter Gegner dieses Vorhabens. Eines ihrer Argumente:
„Wie zum Kuckuck soll ich mir dann bitte Geld holen, wenn jeder gleich weiß, wo ich war?“ Sicherlich ĂŒberzeugend fĂŒr die Schweizer.

Aber das GeschĂ€ft lief. Drjanov begann selbst zu spielen, und er war genauso gut wie Shannon. Beiden machte es Spass. Die Videocom ermöglichte allen Leuten, ihnen zuzusehen. Aber anders als Shannon benötigte Drjanov ein neues Gesicht; er konnte sich nicht leisten, erkannt zu werden. Er schuf sich eines, und die HintergrĂŒnde gleich dazu. Die Seachamp war immer lange unterwegs, und Drjanov hatte keine Lust, den Rest seines Lebens im MilitĂ€rgefĂ€ngnis zu verbringen. Er nahm nicht an unseren Konferenzen teil und ließ unsere Schmugglereien ebenfalls in Ruhe. Er machte auf blind und taub. Ich wusste nicht, weshalb, kĂŒmmerte mich allerdings auch nicht darum.
Shannon spielte weiterhin mit ihren WĂ€chtern Katz und Maus. Sie war eindeutig die Katze. Es ging so weit, dass alle WĂ€chter ihr ein Dokument unterschrieben, dass sie im Notfall ihr Leben fĂŒr Shannons Freiheit geben wĂŒrden. Als sie kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag stand, beorderte die EOF sie an Bord der Seachamp, um vor Ort ein Computerprogramm zu installieren. Shannon freute sich diebisch auf diesen Trip, immerhin war sie seit Jahren nur in den zehn RĂ€umen der kleinen Tiefseestation gewesen. Captain Ridges sagte man nur, ein Spezialist der EOF wĂŒrde kommen, um die Sache in Ordnung zu bringen. Drjanov wusste, wer der Spezialist sein wĂŒrde, aber er wusste nicht, ob er darĂŒber lachen oder weinen sollte. Shannon hatte ihm viel erzĂ€hlt, und er hatte eine nicht zu knappe Vorstellung von ihrer GenialitĂ€t und ihren Intrigen.
Sie kam mit zwei WĂ€chtern, die sich beide eifersĂŒchtig beobachteten. Ridges erkannte sie nicht, aber sie kannte ihn. Sie hatte sein ganzes Leben verfolgt, aber das habe ich ja bereits erwĂ€hnt. Ridges freute sich, dass endlich einmal ein junges, schwungvolles Computergenie an Bord der Seachamp kam, nicht ein alter, langweiliger Professor, der alles besser wusste. Shannon hatte ihn vom ersten Augenblick an auf ihrer Seite. Die Wissenschaftler auf der Seachamp waren die einzigen, die sie etwas distanziert betrachteten. Aber das war unter Wissenschaftlern eben so ĂŒblich.
Shannon besichtigte die Seachamp und war begeistert. Weniger begeistert war sie allerdings von ihrer Arbeit. Es kostete sie Zeit und Anstrengung, denn sie musste nicht nur das Programm installieren, sondern auch sĂ€mtliche Kabel und AnschlĂŒsse erst legen. Drjanov wurde von Ridges abkommandiert, ihr zu helfen, denn er kannte sich mit Computern am besten aus. Sie krochen eine ganze Woche in den engen LuftschĂ€chten herum; wie die MaulwĂŒrfe, wie Shannon spĂ€ter schimpfte. Drjanov war beunruhigt, dass sie so einfach auftauchte, aber sie zerstreute all seine Bedenken mĂŒhelos. Nach drei Tagen machte ihm die Arbeit sogar Spass.
Ich kontaktierte die beiden nach vier Tagen. Shannon hatte Ridges gebeten, dass Drjanov ihr den Cyberspace zeigen durfte, da sie so mit Arbeit eingedeckt sei, dass sie zwar schon viel darĂŒber gehört, aber noch nie selbst dort gewesen war. Sie sagte nichts davon, dass sie selbst einen guten Teil des Netzes erschaffen hatte, wiederum im Auftrag der EOF. Ich möchte wissen, was sie noch so alles im ‘Auftrag der EOF’ gemacht hat. Ich bin sicher, ein Großteil der Kriege der EOF wĂ€re ohne Shannon anders ausgegangen wĂ€re. Jedenfalls erlaubte Ridges es. Als ich sie anrief hockten sie beide vor Drjanovs Computer und hackten, was das Zeug hielt. Ich störte sie, als sie gerade dabei waren, die grĂ¶ĂŸte Fernsehstation in Europa zu ĂŒbernehmen.
„Shannon, Luke, ich stör ja ungern, aber was macht ihr da?“
„Mensch, Jack, du bist im Weg“, schimpfte Drjanov. Wir vertrugen uns erstaunlich gut, obwohl er einst eine so schlechte Meinung von mir gehabt hatte. Die hatte er immer noch, aber inzwischen kannte er mich besser, und ich ihn ebenfalls. Shannon lachte sich ins FĂ€ustchen.
„Jack, dreh mal BBC auf und sieh dir das an.“ Ich gehorchte. Eine Nachrichtensendung flimmerte ĂŒber den Bildschirm.
„Und? Was soll daran besonders sein?“ Sie lachte leise und stieß Drjanov auffordernd an. Er tippte einen kurzen Befehl in den Computer, und die Nachrichtensendung verschwand. Statt dessen sprang jetzt Elmer hinter Bugs Bunny her und jagte eine Schrotladung nach der anderen in die Luft. Shannon amĂŒsierte sich köstlich. Ich musste ein LĂ€cheln zurĂŒckhalten. Sie war unmöglich. Völlig emotionslos wandte ich mich meiner Kamera zu.
„Also gut, du hast BBC ĂŒbernommen. Wo ist das Problem?“
„Sind wir heute aber wieder gut aufgelegt“, stichelte Drjanov vergnĂŒgt. Shannon grinste. Sie war völlig zufrieden mit sich und der Welt. Ihre bleiche Haut war etwas gebrĂ€unt.
„Was gibt’s, Jack?“
„Ich will nur wissen, wann du wieder in die Tiefe gehst.“
„Warum? Gibt’s Probleme?“
„Die Leute wollen dich zurĂŒck“, erklĂ€rte ich. Dutzende Beschwerden waren eingegangen. Sie gönnten Shannon keinen einzigen Tag Urlaub. Shannon seufzte.
„Ich kann ja mal fĂŒr ein Spiel reinschauen, wenn du willst.“
„Nee, bleib nur, wo du bist. Sollen sie meckern, soviel sie wollen. Sie werden die Woche ohne dich wohl noch ĂŒberleben.“
„Okay, wie du meinst. Sonst noch was?“
„Chicita will dich sprechen“, sagte ich langsam. Der Drogenboss aus den Bahamas war einer unserer besten Kunden in Sachen Waffenschmuggel. Er benötigte die Dinger am laufenden Band. Entweder war da ein Großkrieg im Laufen oder er verfĂŒtterte die Kanonen an seine Piranas, die schon einige seiner Feinde zu schmecken bekommen hatten. Sie hatten ihnen sehr gemundet.
„Nicht hier“, antwortete Shannon, jetzt völlig ernst. Chicita gehörte ihr allein. Sie gefiel ihm außerordentlich, und er hatte sie schon mehrmals gefragt, wann sie sich treffen könnten. Shannon gefiel er auch, denn er war genauso manipulierbar wie ihre WĂ€chter, wenn auch die Entfernung seine Hitze auf sie etwas dĂ€mpfte. Schade, dass sie nie zusammenkommen konnten. Ich las ihre Gedanken.
„Shannon, schĂ€m dich.“ Sie grinste mich unschuldig an. Ihre Intrigen waren sensationell genial und unentdeckbar. Drjanov verstand nicht ganz, um was es ging, aber er hatte ohnehin genug mit seinem Computer zu tun. BBC wollte aus einem fĂŒr Drjanov völlig unerklĂ€rlichen Grund den Cartoon rauswerfen. Er kĂ€mpfte mit dem Fernsehsender und zog schließlich den KĂŒrzeren. Die Nachrichtensendung löste Bugs Bunny wieder ab.
„Hat er gesagt, was er will?“ erkundigte sich Shannon. Ich schĂŒttelte den Kopf. Chicita war mir gegenĂŒber nicht sehr gesprĂ€chig. Er brachte fĂŒr gewöhnlich nicht einmal meinen Namen ĂŒber die Lippen.
„Falls er noch mal anruft, sag ihm, ich kontaktiere ihn am Ende der Woche, wenn ich wieder daheim bin.“
„Okay, wird gemacht.“ Ich war mir ziemlich sicher, dass Chicita nicht mehr anrufen wĂŒrde. Shannon hatte ihm ihre Regeln tief ins Fleisch gebleut. Er hatte einmal versucht, ihre wahre IdentitĂ€t auffliegen zu lassen, und ihre Antwort in Form eines fast gelungenen Anschlags hatte ihn wieder zur Vernunft gebracht. Shannon war ein unbeschriebenes Blatt fĂŒr alle, auch fĂŒr Drjanov, obwohl er oft versuchte, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lösen. Aber Shannon Curtis lebte nur auf einem Privatcomputer ohne Netzanschluss, der im Haus des PrĂ€sidenten der Confederation stand.
„Sonst noch was?“ wollte Shannon wissen. Ich schĂŒttelte den Kopf. Das GeschĂ€ft lief auch ohne sie. Drjanov fand endlich die Zeit, mich ebenfalls anzusehen.
„Mach’s gut, Jack“, grinste er.
„Mach’s besser“, erwiderte ich ebenso grinsend. Manchmal ging er mir ganz schön auf den Wecker, der kleine, geniale Besserwisser. Warum musste ich mein Ă€ußerst lukratives GeschĂ€ft mit zwei Genies teilen? Es war entsetzlich. Manchmal kam ich mir ĂŒberflĂŒssig vor. HĂ€tten sie nicht meinen Namen benötigt, wĂ€re ich höchstwahrscheinlich in kĂŒrzester Zeit arbeitslos gewesen. Shannon kehrte am Ende der Woche in ihr Domizil unter Wasser zurĂŒck. Sie feierte einen ziemlich feuchten siebzehnten Geburtstag mit Don, einem ihrer WĂ€chter.
Am nĂ€chsten Morgen fand sich besagter Don mit einem gewaltigen Kater und ĂŒberraschenderweise in Handschellen am Boden des Shuttles wieder, das an die Tiefseestation andockte. Shannon saß am Steuer des Shuttles. Ihre Computer hatten mit ihr das kleine GefĂ€ngnis verlassen. Neben Don enthielt das Shuttle noch Proviant fĂŒr die nĂ€chsten vier Wochen. Shannon hatte nicht vor, allzu schnell aufzutauchen. Es genĂŒgte ihr vollkommen, wenn sie weiterhin ihren GeschĂ€ften nachgehen konnte. Sie wollte zu Chicita, um fĂŒr einige Zeit unterzutauchen.
Die Flucht war ein starkes StĂŒck, besonders fĂŒr eine SiebzehnjĂ€hrige. Okay, ich gebe zu, sie war eine geniale SiebzehnjĂ€hrige, aber trotzdem finde ich, dass es gewagt war. Shannon nahm Don die Handschellen ab, als er aufwachte. Er fragte sie nach dem Grund, und sie erklĂ€rte:
„Komm schon, Don. Die Kameras laufen, und ich glaube nicht, dass du deinen Job noch lange hĂ€ttest, wenn sie wĂŒĂŸten, dass du meine Flucht billigst.“ Seine Antwort war ebenso einfach:
„Hey, danke, Shannon, bist’n super Kumpel.“ Er bedachte nicht, dass er damit zur Geisel geworden war. Shannon hatte bereits einen entsprechenden Funkspruch an die EOF geschickt, und dort liefen fieberhafte Vorbereitungen zur Festnahme der FlĂŒchtigen. Ihr Pech war, dass sie die Suche auf eine normale SiebzehnjĂ€hrige bezogen, nicht auf Shannon. Das Shuttle kam unbehelligt durch die Reihen der U-Boot, die man ausgeschickt hatte, um sie zu fangen. Ein einfaches Programm genĂŒgte, um das Shuttle von den Radarschirmen und vom Sonar zu fegen.
Chicita empfing Shannon etwas ĂŒberrascht, aber sehr erfreut. Noch viel erfreuter war er, als er das Fischfutter Don sah. Die Piranas feierten nĂ€chtelang die Ankunft des EOF-Soldaten. Shannon herrschte einen Tag spĂ€ter ĂŒber Chicita, der eigentlich ManuĂšl Carlos Enrico Costadillos el Stracelini hieß. Eine Nacht, und der berĂŒhmte Drogenkavalier lag ihr zu FĂŒĂŸen. Die EOF suchte noch eine Woche nach Shannon, dann meldete sie sich freiwillig. Der Hintergrund mit den Palmen war diesmal echt.
Chicitas kleine Insel war ein Paradies, dem auch Don bisher gefrönt hatte. Seine Verehrung fĂŒr Shannon war ins grenzenlose gewachsen, und er hatte den Vertrag, dass er sein Leben fĂŒr ihre Freiheit lassen wollte, bekrĂ€ftigt. Shannon wusste, was sie zu tun hatte. Der rangniedrigste Offizier in der Regierung, der von ihr wusste, war General Armand Storm, der Stellvertreter des PrĂ€sidenten.
„General“, begrĂŒĂŸte Shannon ihn fröhlich. Sie kannte ihn, er kannte sie.
„Shannon Curtis, was soll das eigentlich? Stell dich sofort unseren Leuten.“
„General, wachen Sie auf. Der Traum vom Genie in Ihren Reihen ist gefallen“, erwiderte Shannon. Chicita stand hinter der Kamera und betrachtete den General neugierig. Er wollte wissen, mit wem seine Geliebte zu tun hatte. Shannon beachtete ihn nicht. Er war zum Bauer im Spiel geworden, wie so viele vor ihm auch. Storm versuchte geschlagene fĂŒnf Minuten lang, Shannon zum Aufgeben zu bewegen. Insgeheim bewunderte er ihre Klugheit. Sie hatte auch ihn schon eingewickelt.
„General“, unterbrach Shannon nach besagten fĂŒnf Minuten den Redeschwall. „General, ich habe nicht vor, aufzugeben. Sie haben nicht die geringste Ahnung, wo ich bin. Ich wollte Ihnen eigentlich nur meine Forderungen bekanntgeben. Sehen Sie, ich möchte endlich leben. Geben Sie mir meine Freiheit, und ich werde Don freilassen.“
„Shannon, mach dich nicht lĂ€cherlich“, erwiderte Storm. Don sah ihn entgeistert an. Nach Shannons Auslegungen hĂ€tte der General bedingungslos zustimmen mĂŒssen. „Warum sollte ich dich fĂŒr einen kleinen Hampelmann gehen lassen?“
„Sie haben durchaus recht, General. Chicita, wĂŒrdest du Don bitte entsorgen. Die Piranas sind schon hungrig.“ Der General traute seinen Ohren nicht. Er hatte der zierlichen Shannon solche Kaltherzigkeit nicht zugetraut. Niemand traute sie ihr zu, und sie nutzte das kaltherzig aus. Don begann hysterisch zu schreien. Die beiden Gorillas von Chicita warfen ihn mit geĂŒbtem Schwung in das Becken - heißhungrig zerfleischten ihn die Raubfische. Seine Schreie gingen gurgelnd unter, und Minuten darauf war es wieder still. Shannon musterte Storm lĂ€chelnd.
„Du bist wahnsinnig“, stellte Storm nĂŒchtern fest. Sie lachte leise und schĂŒttelte den Kopf.
„Nein, ich will nur mein Leben. Nachdem der erste Versuch fehlgeschlagen ist, starten wir den zweiten“, schlug sie vor. Storm schĂŒttelte angewidert den Kopf.
„Ich werde nicht mit dir verhandeln. Nicht nach dieser Show“, erklĂ€rte Storm fest. Im nĂ€chsten Moment erlosch der Bildschirm. Shannon hob eine Braue. Aber eigentlich verlief ja alles nach Plan. Ich denke, sie wusste, dass Storm so reagieren wĂŒrde. Don diente nur zur Verdeutlichung ihrer Entschlossenheit. Chicita applaudierte ihr, als sie sich ihm wieder zuwandte.
„Bravourös, meine Liebe, bravourös.“ Shannon lĂ€chelte hoheitsvoll.

Drjanov und ich hatten keine Ahnung davon, dass Shannon stiften gegangen war. Niemand hatte Ahnung davon, nur die Leute, die sie jagten. Ich versuchte mehrmals, sie in ihrem alten Domizil zu erreichen, erhielt aber keine Antwort. Das war nichts ungewöhnliches, sie hatte oft keine Zeit, oder ich rief zu einem unpassenden Zeitpunkt an. Drjanov unterhielt sich einige Zeit mit mir ĂŒber sie. Sie war ihm nicht ganz geheuer. Ich versuchte, seine Zweifel so gut wie möglich zu klĂ€ren, aber er setzte mir mit seinem Scharfsinn selbst einige Bedenken in den Kopf. Shannon war gefĂ€hrlich, soviel stand fest. Wir wussten damals nicht, dass sie uns ohne MĂŒhe hĂ€tte vernichten können. Wir kannten sie zu gut, und ihre GeschĂ€fte waren mir wohlbekannt. Es hĂ€tte sie nicht ein Zucken mit der Wimper gekostet, uns beide zu töten, obwohl wir ihr am nĂ€chsten standen. Sie hĂ€tte uns einfach im heiligen Krieg um ihr Leben als LĂ€ufer geopfert. WĂ€re Drjanov seinem ersten Plan nach an die Öffentlichkeit gegangen, wĂŒrde er heute nicht mehr leben. Ich redete es ihm aus.
Shannon rief mich schließlich an. Wir redeten einige Zeit ĂŒber Belanglosigkeiten des Spielsalons, dann fragte ich nach Chicita. Die Palmen in ihrem RĂŒcken schwangen sich sanft im Wind. Shannon wirkte glĂŒcklich.
„Oh, der hat sein Spielzeug bekommen und ist zufrieden. Wie geht’s Luke?“
„Gut. Er macht sich nur langsam Sorgen.“
„Wird ihm das GeschĂ€ft zu groß?“
„Du weißt genau, dass er ĂŒber unser Illegales nicht viel weiß. Aber das, was er weiß, macht ihm langsam zu schaffen. Er sieht die ZusammenhĂ€nge - Irak, IRA. Du weißt schon.“ Ich versuchte es ihr schonend beizubringen. Sie schluckte es erstaunlich gut.
„Richte ihm aus, dass er die Klappe halten soll“, befahl sie ruhig. Ich nickte. Sollte das Genie das Genie unterkriegen. Ich hatte keine Lust, mich in die höheren SphĂ€ren von Shannons Spezialgebiet, der unterschwelligen Drohung, zu begeben. Dort war es zu gefĂ€hrlich fĂŒr Normalsterbliche wie ich einer bin.
„Sagst du mir auch einen Grund?“
„Wenn er irgend etwas verrĂ€t, kann er sich gleich ein Grab schaufeln und sich selbst erschießen“, sagte Shannon. Ihre Augen glĂ€nzten wieder.
„Okay. Er wird aber nicht begeistert sein ĂŒber dieses Angebot, Shannon.“
„Du kannst es ihm ja anders sagen“, lĂ€chelte sie. Bitte, wie sie wollte. Drjanov war zwar unser Partner, aber er war der dritte im Bunde, und den letzten beißen bekanntlich die Hunde. Wir verabschiedeten uns auf die gewöhnliche Weise, dann holte ich Drjanov ans GerĂ€t. Das GesprĂ€ch mit Shannon war aufgezeichnet. Drjanov hatte mich misstrauischer gemacht, als ich zugeben wollte. Mein Misstrauen hĂ€tte mir zu diesem Zeitpunkt das Leben gerettet, wenn Shannon wirklich etwas gegen uns vorgehabt hĂ€tte. Aber sie hegte nicht den geringsten Groll gegen uns, soviel wir auch meckerten und kritisierten. Ihr System war fehlerlos, das sahen wir, aber es machte uns trotzdem nervös, vielleicht genau aufgrund diese Makellosigkeit. Ich holte Drjanov aus dem Bett. Die Seachamp jagte irgendeinem hehren Ziel nach, jedenfalls war es bei ihnen tiefste Nacht. Er schlief mir fast im Sitzen ein, aber als ich ihm das GesprĂ€ch zeigte, war er hellwach.
„Was hĂ€ltst du davon, Luke?“ Ich war ehrlich neugierig. Er zuckte die Schultern.
„Ich bin nicht lebensmĂŒde. Ich hatte nie vor, etwas zu verraten, aber es macht mich unruhig, wenn ich sehe, was ihr mit euren Deals anrichtet.“
„Junge, du kennst das Leben auf den Straßen nicht gut genug, um das sagen zu können“, erwiderte ich großspurig. Drjanov war ein verzogener Sprössling einer stinkreichen Familie. Er zuckte die Schultern. Zu mĂŒde, um eine bissige Bemerkung zu machen.
„Ist dir nichts aufgefallen?“ fragte er nach einigen Sekunden des Schweigens. Ich sah ihn verwirrt an.
„Warum?“
„Na, der Hintergrund, Jack.“
„Nee. Ihre Palmen sehen noch immer verdammt echt aus.“ Er lachte leise.
„Jack, sie hat dich reingelegt. Glaube meinem Wort als Computerexperte. Die Palmen waren echt.“ Ich brauchte einige Sekunden, bis ich das verdaut hatte.
„Bist du dir sicher?“
„Mann, ich hab auch Palmen in meinem Repetouir. Diese Palmen waren echt, das kannst du mir glauben.“ Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und gĂ€hnte herzhaft.
„Das heißt, sie ist draußen“, sagte ich. Er zuckte erneut die Schultern.
„He, ich bin hundemĂŒde. Lass mich schlafen, okay?“ Noch bevor ich nickte, hatte er mich ausgeschaltet. Ich sah ihn im Geiste ins Bett wanken und sofort wegdĂ€mmern.
„Gute Nacht, Luke.“

Änderungen sind meistens notwendig, manchmal schmerzhaft, aber immer umwĂ€lzend. Shannons Flucht wurde geheimgehalten. U-Boote durchsuchten die Weltmeere nach dem Shuttle, fanden es nirgendwo und gaben nach einem Monat auf. Shannon rief nicht mehr beim EOF-Hauptquartier an, sie hielt es nicht fĂŒr nötig. Chicita erfreute sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit. Sie durchforstete sein gesamtes Kartell, entdeckte die Schwachstelle und war zufrieden. Chicitas Macht war ihre eigene geworden. Sie hatte zwar noch keine Ahnung, was sie damit tun wĂŒrde - falls ĂŒberhaupt etwas - aber sie war sich sicher, dass es notfalls beruhigend war, wenn hundert schwerbewaffnete Gorillas sie schĂŒtzen konnten.
Nach einiger Zeit hatte sie genug vom schönen Leben und der gepflegten UntĂ€tigkeit. Sie verließ Chicita; sie ließ ihm immerhin ein Andenken.
Ihr ĂŒberhaupt nicht beschwerlicher Weg fĂŒhrte sie direkt nach Las Vegas. Auf sich seltsam rankenden Pfaden tauchte sie schließlich in unserem ersten Spielsalon auf. Inzwischen gab es eine ganz ansehnliche Zahl von Ă€hnlichen Kasinos, und tĂ€glich wurde sie grĂ¶ĂŸer. Shannon hatte ganze Arbeit geleistet. Ich war der Boss eines großen Unternehmens.
Es war das erste Mal, dass ich sie in voller LebensgrĂ¶ĂŸe vor mir stehen hatte. Drjanov hatte schon öfter das VergnĂŒgen gehabt. Sie war braungebrannt, und die Farbe stand ihr. Das schwarze Haar hing ihr offen ĂŒber die Schultern, die Augen hatten ihren Glanz nicht verloren. NatĂŒrlich erkannten sie meine Stammkunden, und sie wurde stĂŒrmisch begrĂŒĂŸt. Ich war einer der letzten, der sie sah.
„Shannon, wie kommst du hierher?“ Meine VerblĂŒffung hĂ€tte nicht grĂ¶ĂŸer sein können. Shannon grinste mich an. Ich verstand plötzlich, wie sie es geschafft hatte, so vielen MĂ€nnern den Kopf zu verdrehen. Sie war einfach atemberaubend.
„Hallo, Jack. Das Taxi hat mich eben hier abgesetzt. Es war mir bei Chicita zu langweilig.“
„Du warst bei Chicita? Was hast du denn bei ihm gemacht?“
„Dieses und Jenes. Hatte genug davon, in der Station zu vergammeln. Hey, Leute, lasst mich los.“ Sie scheuchte ihre Fans weg. Ich brachte sie in mein kleines BĂŒro, direkt hinter dem Salon. Es war eine ehemalige Abstellkammer, und daran hat sich bis heute nicht viel geĂ€ndert. Nur der Schreibtisch und der Computer waren einigermaßen neu.
„Wie bist du rausgekommen?“
„Ich glaube nicht, dass du das wissen willst“, lĂ€chelte sie und hockte sich auf den Tisch. „Wie geht’s Luke? Hat er sich beruhigt?“
„Klar doch. Er ist wieder ruhig und geduldig, ein Mitstreiter, wie man ihn sich besser nicht wĂŒnschen kann.“ Ich grinste sie an. Es war gut, dass er sein Misstrauen fĂŒr sich behielt. Ich tat es ja auch. Sie nickte zufrieden. Shannon, du RĂ€tsel, gib deine Geheimnisse preis. „Wie lange willst du bleiben?“
„Keine Ahnung. Sie sind mir schon auf den Fersen. Ich muss bald wieder los. Es wĂ€re nicht gerade das Beste, wenn sie mich hier erwischen.“
„Warum wehrst du dich nicht?“
„Das kommt schon noch“, versprach sie lachend, dann ging sie wieder. Wiegenden Schritts verließ sie den Salon. Die Spieler folgten ihr nicht, sie waren zu sehr in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft. Sekunden darauf sah ich unzĂ€hlige Streifenwagen vorbeijagen, und ich war mir sicher, dass sie nicht weit gekommen war. Ich rechnete mir bereits aus, wie lange es dauern wĂŒrde, bis Shannon wieder einen Computer in die Finger bekommen konnte, und kam auf einige Monate. Das bedeutete ihren Tod fĂŒr das GeschĂ€ft. Monate waren zu lange.
Tage spĂ€ter erfuhr ich ĂŒber Umwege, dass Chicita auf seltsamen Umwegen den Mexs in die HĂ€nde gefallen war, und dass die anderen WĂ€chter ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatten. Die ewigen JagdgrĂŒnde mussten langsam ĂŒberfĂŒllt sein.
Hier ging mir plötzlich ein Licht auf. Shannon vertraute uns zwar nicht, aber sie mochte uns. Den WĂ€chtern und Chicita hatte sie ihre Zuneigung vorgegaukelt, und sie waren gestorben. Ich war mir sicher, dass Drjanov und ich nichts zu befĂŒrchten hatten, solange sie uns nicht ihre Liebe beteuerte. Diese Vermutung habe ich grundlos aufgestellt, nach dem GefĂŒhl in meinem Bauch, aber sie entsprach seltsamerweise der Wahrheit. Shannon sagte weder mir noch Luke, dass sie uns mochte, und sie hat uns in keiner Weise ein HĂ€rchen gekrĂŒmmt. Wir leben heute beide reich und mehr oder weniger zufrieden. Aber zurĂŒck zur Geschichte.
Shannon rief mich eine Woche nach ihrer Aufgreifung an. Ich hatte nicht geglaubt, sie so schnell wiederzusehen. Sie war erschöpft, aber eigentlich ganz vergnĂŒgt.
„He, Jack, altes Haus. Hast du mich schon abgeschrieben?“ griente sie mir entgegen. Sie befand sich wieder in ihrem Domizil unter Wasser.
„Sind sie ĂŒbergeschnappt?“ erkundigte ich mich. Sie verstand nicht. „Na, weil sie dich wieder an den Computer lassen.“ Sie lachte auf.
„Klar doch, die sind seit Anfang an völlig aus dem HĂ€uschen, dass sie endlich jemanden haben, der ihre Probleme lösen kann.“
„Klar, du Genie. Was steht an?“ Sie rief nie ohne Grund an. Sie grinste nur.
„Ist Chicita eingegangen?“
„Ja. Die Mexs haben ihn erwischt. Spurlos verschwunden. Ich tippe auf tot.“ ManuĂšl Carlos Enrico Costadillos el Stracelini war der grĂ¶ĂŸte Feind der Mexs.
„Ich glaube fast, du hast recht, Jack. Er war einfach grauenhaft.“
„Wieso hast du es getan?“
„Er wusste zuviel“, erklĂ€rte sie freundlich. Es versetzte mir einen Schock. Drjanov und ich wussten noch viel mehr als Chicita. Meine kleine Rechnung gab mir nur mehr wenig Sicherheit. Shannon war unberechenbar.
„Wie geht’s deinen neuen WĂ€chtern?“
„Er heißt JosĂš, und ich gefalle ihm sehr“, sagte sie. Ich grinste unwillkĂŒrlich. JosĂš wĂŒrde in KĂŒrze einen Vertrag unterschreiben, der ihn das Leben kosten konnte, so wie es bei Don und den anderen schon gewesen war. Das Leben in ihrer NĂ€he war gefĂ€hrlich. Shannon fragte mich schnell ĂŒber das GeschĂ€ft aus, eine Woche brachte viel neues mit sich. Ich klĂ€rte sie auf, und sie verabschiedete sich zufrieden.
Es war die letzte Videocomsitzung, die wir hatten, bevor die Presse Shannons Geschichte erfuhr. Sie kopierte irgendeinem Reporter eine unĂŒbersehbare Datei auf seinen Computer, wĂ€hrend er im Netz surfte. Der Reporter bekam nichts davon mit. Am nĂ€chsten Tag fand er die Story seines Leben. Es ging unglaublich schnell. Anklage wurde gegen die EOF erhoben, und Shannon triumphierte ĂŒber General Storm und PrĂ€sident Karlduff. Sie ĂŒbernahm ihre Anklage selbst.
Es ist seltsam, dass sie nicht schon vor geraumer Zeit ihre Geschichte einem Richter per Cyberspace schickte. Ich verstehe ihre BeweggrĂŒnde bis heute nicht. Vielleicht wusste sie selbst auch nicht so ganz, was sie tat. Der Prozess war ein Medienereignis der Sonderklasse. SĂ€mtliche Confederationen waren daran interessiert. Es passiert nicht oft, dass die EOF sich blamierte, und meisten waren die Blamagen klein und leicht zu verkraften. Aber das hier war ungeheuer. Es war mehr als nur ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Die EOF hatte Shannon jahrelang damit gedroht, dass ihre Eltern sterben mĂŒssten, wenn sie nicht tat, was man verlangte. Ihre Eltern waren da schon tot.
Shannon gab außerdem an, von Don und den weiteren Leichen missbraucht worden zu sein. Keine Zeugen, also wurde ihr in diesem Punkt recht gegeben. Ich beobachtete den Prozess aus gebĂŒhrendem Abstand. Captain Ridges wurde in den Zeugenstand gerufen, so wie jeder andere des Komitees auch. Aber im Gegensatz zu einigen anderen der FĂŒnfzehn hatte Ridges nicht geringste Ahnung gehabt.
„Ich habe mit den anderen beschlossen, Shannon Curtis fĂŒr einen Monat in U-Haft zu nehmen, damit man feststellen konnte, wieviel sie sich von unseren Codes gemerkt hat. Ich wusste nicht, dass sie seitdem festgehalten wurde. Sie können mir glauben, dass ich es aufrichtig bedaure.“
„Weshalb kamen Sie zu dem Entschluss, die Klagende in U-Haft zu nehmen?“ erkundigte sich der Richter. Er war ein ziemlich zerstreuter alter Mann, der sich nur durch seine Schreiberin mitten im Geschehen fand.
„Sie war damals sechs. Kein normales sechsjĂ€hriges Kind kann tausende zwölfstellige Codes innerhalb einer Woche knacken. Sie war zu klug“, erwiderte Ridges nachdenklich. Sie war auch jetzt noch zu klug. Aber mitten im Prozess Ă€nderte sie plötzlich die Taktik. Sie wollte zwar, dass die EOF fĂŒr ihre Tat bĂŒĂŸen musste, aber gleichzeitig wollte sie sich selbst nicht als freier Mensch hinausgehen lassen. Es war zu gefĂ€hrlich fĂŒr die anderen. Sie kannte ihre FĂ€higkeiten, und sie wusste, dass sie niemals ein gewöhnlicher BĂŒrger sein wĂŒrde. Keine zehn Pferde wĂŒrden sie von einem Computer fernhalten können, und wenn sie am Computer war, mussten andere Federn lassen. Es wurde Zeit, die Ansuchen zusammenzufassen. Shannon war die erste, und sie brauchte keine fĂŒnf Minuten:
„Ich wollte Liebe, und bekam neue Spielsachen. Ich wollte Freunde, und bekam Drogen. Ich wollte leben und bekam den Tod.“ Sie war zwar alles andere als tot, aber diese kurze Rede sicherte ihr den Sieg. Die EOF trug alle Prozesskosten - die man schon von vornherein ĂŒbernommen hatte - und sie ĂŒberschrieb Shannon Curtis ein wunderschönes Anwesen in einer der LuxusstĂ€dte, die zu dieser Zeit wie die Pilze aus dem Boden schossen.
Und das ist ... hey, stop! Bleibt gefĂ€lligst hier! Wenn ihr glaubt, das ist alles, was ihr ĂŒber Shannon Curtis nicht wisst, habt ihr euch grĂŒndlich getĂ€uscht. Shannon war seit sie zwölf war drogenabhĂ€ngig; sie hatte das ja im Prozeß angesprochen, ich habe nur vergessen, es zu erwĂ€hnen, denn es hatte keine Bedeutung fĂŒr ihre Handlungen. Halt! Jetzt wartet doch. Immer mit der Ruhe. Ihr glaubt also, ihr wißt, wie die Geschichte ausgeht. Sie und Luke Drjanov leben in wilder Ehe miteinander, und eines Tages wird sie von einem VerrĂŒckten erschossen. Alles nur Blabla der EOF. Es gibt nur wenige, die wissen, wie es wirklich ausging.
Shannon zog sich fĂŒr kurze Zeit auf ihr neues Anwesen zurĂŒck, dann stieg sie wieder ins SchmuggelgeschĂ€ft ein. Na, da schaut ihr aber schön blöd, was?! Ihr hĂ€ttet doch nie gedacht, dass die kluge, brave Shannon wieder in ihr altes Hobby ging.
Sie bekam AuftrĂ€ge von allen Confederationen und programmierte weiterhin die bestgesicherten Computer dieser Erde. So ganz nebenbei ließ sie aber immer eine HintertĂŒr fĂŒr sich selbst offen. Drjanov wusste es, aber die beiden haben mir kein Sterbenswörtchen davon gesagt. Der alte Jack Smokehall war plötzlich nicht mehr ganz so aktuell. Naja, ich hatte nach dem Prozess auch genug mit der weiteren Expansion meines Unternehmens zu tun. Ihr wißt doch, dass ich heute so gut wie ĂŒberall meine Finger im Spiel habe. Das verdanke ich alles Shannon Curtis, die mich aus dem Loch der AnonymitĂ€t gerissen hat.
Aber Shannon verkaufte Waffen, wie die ViehhĂ€ndler ihre Rindern. Erinnert ihr euch an die Revolutionen? Ein Drittel davon geht auf ihr Konto. Shannon nutzte weiterhin jedermann aus, der sich ihr dazu anbot. Sie vergrĂ¶ĂŸerte Drjanovs Vermögen ungemein, soweit er nicht selbst dafĂŒr sorgte. Er natĂŒrlich auf legalen, sie auf illegalem Wege. FĂŒr sich selbst nahm Shannon so gut wie nichts. Sie sagte Drjanov nie, dass sie ihn liebte, trotzdem lebten sie glĂŒcklich und zufrieden. Sie versuchte nur, ihm einen der VertrĂ€ge anzudrehen, die mit dem Leben bezahlt wurden, wie bei einigen anderen MĂ€nnern ebenfalls. Er durchschaute sie im letzten Moment und lehnte wĂŒtend ab. Sie war zufrieden mit ihrem Geliebten.
Shannon begann ein Jahr vor ihrem Tod plötzlich seltsam zu werden. Sie durchforstete ihre alten Computer nach allen möglichen Codes und kopierte sie mir und Drjanov in unsere GerĂ€te, ohne dass wir davon Wind bekamen. Wisst ihr, er und ich, wir könnten die Welt beherrschen. Sogar die Weltbank steht uns offen, wenn wir wollten. Shannon hatte sĂ€mtliche EOF-Codes, etliche von den anderen Confederationen. Außerdem kam sie in jedes wichtige Computersystem, das die Confederationen steuerte. Sie kam in jedes ihrer eigenen Programme, und das waren unzĂ€hlige.
Sie spielte immer noch in meinen Kasinos, und ihre Spiele wurden jedesmal von tausenden Fans beobachtet. Aber mit der Zeit wurde sie schlechter. Sie sank immer tiefer in den Strudel der Deals. Sie hatte ihr Repetoire von Waffen auf Drogen und alles mögliche andere Zeugs erweitert. Man konnte alles bei ihr haben. Das war inoffiziell.
Offiziell wurden sie und Drjanov immer gerne auf allen möglichen BĂ€llen, EmpfĂ€ngen und so weiter gesehen. Die wollten mich auch mal einladen, aber ich hab sie hochkant hinausgeworfen. Ich auf einem Empfang, da lachen ja die HĂŒhner! Shannon hingegen spĂŒrte mit der Zeit, dass ihr jemand ans Leder wollte. Klug genug war sie ja. Und das Genie hatte genug vom zĂŒgellosen Leben in der Freiheit. Sie versorgte mich und Drjanov so gut, dass wir uns nie mehr Sorgen machen mĂŒssen. Niemand kann uns verhaften, wir haben gegen jeden, der uns gefĂ€hrlich werden möchte, genug Gegenbeweise in der Hand. Shannon begann ihre GeschĂ€fte abzuschließen, trieb ihre Schulden ein und bunkerte das Geld auf einem geheimen Konto, dessen Nummer ebenfalls sicher bei mir und Drjanov ruht.
Und dann, am 28. September vor ihrem fĂŒnfundvierzigsten Geburtstag, mitten im Herbst, taucht dieser VerrĂŒckte auf einer Straße in L.A. auf und schießt sie einfach ĂŒber den Haufen.
Shannon Curtis starb sofort, ich bezweifle, dass sie viel gespĂŒrt hat.
Drjanov und ich treffen uns noch manchmal und reden ĂŒber sie. Er trauert noch heute um sie, zehn Jahre danach.
Ich frage mich manchmal, was aus ihr geworden wĂ€re, wenn das Komitee sie hĂ€tte laufen lassen. Vielleicht wĂ€re sie ein braver, geduldiger BĂŒrger wie ihr auch geworden. Es kam anders. Ganz anders als man denkt.
Shannon Curtis ist tot. Sie war das gerissenste Luder, das ich jemals kennengelernt habe.


Der Schuss hatte ihr den Atem geraubt, und es fiel ihr nicht schwer, bewusstlos zu spielen. Ihr Mörder verschwand mit einem irren Kichern – Shannon unterdrĂŒckte ein LĂ€cheln. ManuĂšl Carlos Enrico Costadillos el Stracelini wĂŒrde nicht weit kommen. Die EOF erwartete ihn bereits hinter der nĂ€chsten Ecke.
Das Weiß der Leichenhalle brachte sie schließlich wieder auf die Beine. Der diensthabende Arzt nickte ihr zu, als sie sich aus ihrer schusssicheren Weste schĂ€lte und sich das kĂŒnstliche Blut vom Leib wusch. Neben ihm warteten die SanitĂ€ter, und Shannon lĂ€chelte wieder. Auch sie wĂŒrden nicht weit kommen. Sie bezahlte sie wie vereinbart und verließ die Leichenhalle durch die HintertĂŒr, wo sie bereits Tage zuvor vorsorglich einen neuen Gleiter geparkt hatte.

Warmer Wind spielte in ihrem Haar, und Shannon lĂ€chelte. Der Sand unter ihren FĂŒĂŸen knirschte, wĂ€hrend ihr Rock im Wind knatterten und sich um ihre Beine wickelte. Die Sonne brannte auf sie herunter. Shannon hob den Kopf und schloss die Augen.
Sie vermisste Jake ein wenig, und Luke ein wenig mehr. Sie vermisste auch ihre Computer, die sie zurĂŒckgelassen hatte. Aber sie hatte fĂŒr Jake und Luke gesorgt, und sie wĂŒrden ĂŒber ihren Tod schon hinwegkommen, wie sie so vieles andere auch verdaut hatten. Das Leben ging weiter, und sie konnte daneben stehen und sich nicht davon betroffen fĂŒhlen. Shannon lachte, und die Vögel in den BĂ€umen fielen in ihr Lachen ein.
Gnade denen, die ihrer Insel jemals zu nahe kamen.


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dan
Wird mal Schriftsteller
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hi sonnentopf!

deine story gefĂ€llt mir ausgezeichnet, hab sie in einem stĂŒck durchgelesen (und sie ist ja nicht gerade kurz), was ich nicht immer am bildschirm schaffe; aber ich konnte einfach nicht aufhören!

das einzige, was ich leicht verwirrend finde: der letzte absatz, der nicht kursiv gedruckt ist, wird doch nicht mehr von jack erzĂ€hlt (er weiß ja nix von dem vorgetĂ€uschten tod) und sollte auch besser kursiv gemacht werden!

cu dan (der auf die nÀchste geschichte hofft)
__________________
(c) by dan

ein gutes buch genĂŒgt

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sonnentopf
Schriftsteller-Lehrling
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nicht kursiv?
bei mir ist er's..
hab ja noch extra gesucht, wie ich das machen kann, aber vielleicht haut da irgendetwas anderes nicht hin.. muß mal gucken..


uuups, hab mich im absatz vertan *lol*

lg
sonne

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triplezero
Hobbydichter
Registriert: Jun 2002

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Hi Sonnentopf!

Eine wirklich schöne Geschichte hast Du da geschrieben. Hat wirklich Spaß gemacht von Shannon und ihren Intrigen zu lesen. Allerdings solltest Du den Text vielleicht noch ein wenig ĂŒberarbeiten in Hinsicht auf die Sprachrichtigkeit ("Repetouir" bespielsweise ist einfach schrecklich!) und die Form. Vor allem die falschen Bindestriche trĂŒben den Gesamteindruck doch sehr. Vom Inhaltlichen aber ist Deine Geschichte wirklich sehr gelungen.

GrĂŒĂŸe

triplezero

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