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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Show-down für Graf Schenk von Stauffenberg
Eingestellt am 27. 02. 2004 01:13


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LuMen
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Show-down für Graf Schenk von Stauffenberg

Rezension zum ARD-Fernsehfilm vom 25.02.04



Es ist eine eigentümliche Beobachtung: Immer wenn eine Fernsehproduktion mit großem Getöse, vollmundigem Vorab-Lob der Presse-Kritiker und vier Sternen in den Programmzeitschriften angekündigt wird, ist das Ergebnis zumeist eine Enttäuschung. So wieder einmal bei der Neuverfilmung des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 mit der Zentralfigur des Obersten Graf Schenk von Stauffenberg, die soeben ihre „Uraufführung“ in der ARD hatte. Wenn schon ein anerkannter Filmemacher wie Jo Baier Notwendigkeit oder Anlaß für eine erneute Beschäftigung mit diesem schon mehrfach verfilmten Stoff sah, hätte man erwartet, daß es ihm um die Behandlung weiterer zusätzlicher Aspekte oder Hintergrundausleuchtung gegangen wäre – aber weit gefehlt! Die spektakuläre Aufbereitung des neuen Aufgusses schöpft zwar alle technischen Möglichkeiten moderner „Medienkultur“ aus, kommt in seiner Aussagekraft aber an den Film "Der 20. Juli" von Falk Harnack aus dem Jahre 1955 mit Wolfgang Preiss, der mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde, genau so wenig heran wie an die zweiteilige Fernsehverfilmung Franz Peter Wirths von 1993 unter dem Titel „Operation Walküre“ mit Joachim Hansen in der Hauptrolle, die den Adolf-Grimme-Preis und die goldene Kamera erhielt.

Vielmehr scheint es dem Regisseur und Drehbuchautor Baier in erster Linie darum gegangen zu sein, dem Thema, heutigen Fernsehbräuchen entsprechend, möglichst viele griffige Show-Effekte abzugewinnen, angefangen bei den computeranimierten Luftangriffen in der tunesischen Wüste bis hin zu dem historisch durch nichts belegten Sprung des Stauffenberg-Adjutanten Haeften in den seinem Vorgesetzten geltenden Kugelhagel des Erschießungskommandos.
Fast bis an die Grenze des dem Zuschauer Zumutbaren geht die zwar historisch korrekte, aber übertrieben detailliert gezeichnete Darstellung des zweifachen Selbstmordversuches von General Beck nach der Verhaftung durch den Oberbefehlshaber des Ersatzheeres Fromm. Diese Detailtreue hätte man sich lieber an anderer Stelle gewünscht.

Dort aber nimmt Baier es des wirkungsvolleren Effektes halber mit der geschichtlichen Überlieferung nicht so genau, wenn er z. B. Stauffenberg nach der Flucht aus dem Führerbunker noch in aller Ruhe mit dem Auto an einer Stelle des Schutzzaunes vorbei fahren läßt, wo er beobachten kann, wie Hitler auf einer Bahre aus den Trümmern getragen wird. Das historische Quellenmaterial erwähnt nur, daß Stauffenberg nach dem Verlassen des Bunkers aus etwa 100 Meter Entfernung die Explosion und dabei Menschen durch die Luft fliegen sah. Alles andere wäre auch wenig wirklichkeitsnah.
Auch die Abkehr Stauffenbergs von Hitler hatte nach vorwiegender Meinung unter den Historikern wohl andere als die in dem Film in den Vordergrund gerückten Gründe. Die Erlebnisse Stauffenbergs in der sog. „Reichskristallnacht“ und die Gräueltaten der SS insbesondere in Russland sowie Hitlers berüchtigter Befehl zur Tötung aller russischen Kommissare sollen hauptsächlich für seinen Sinneswandel verantwortlich gewesen sein. Daran hätte sich auch filmtechnisch viel wirkungsvoller anknüpfen lassen als an den überlangen, sprachlich und akustisch unverständlichen Monolog einer von den deutschen Besatzern drangsalierten polnischen Mutter. Im Übrigen kannte Stauffenberg Tresckow, der ihm die Begegnung mit der Polin vermittelt, während des Polenfeldzuges noch gar nicht, sondern ist ihm erstmals 1941 in Russland begegnet.

Und selbst da, wo die Phantasie des Drehbuchautors freien Lauf hat, nämlich in den fiktiven Gesprächen zwischen Stauffenberg und seiner Ehefrau, gelingt ein wirklichkeitsnaher Bezug nicht: Sie erscheinen gestelzt und konstruiert und lassen die Frauenrolle äußerst blaß bleiben. Unverständlich auch solche „Schlüsselszene“ (?) wie das nächtliche Aufeinandertreffen eines Wehrmachtseinsatzkommandos und der in Zivil gekleideten Gruppe aus Stauffenberg,Tresckow und Sekretärin vor einem großen schmiedeeisernen Gartenportal.

Dagegen hätte sich der Film dadurch verdient machen können, daß er der jüngeren Generation weitergehende Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge um den 20.Juli hätte vermitteln können, als die meisten Geschichtsbücher sie gewähren. Diese Chance hat Baier vertan.
So hätte sich (mediumwirksam!) angeboten, die Vorgeschichte einzubeziehen, nämlich daß Stauffenberg unmittelbar vor dem Attentat in der Wolfsschanze schon zweimal, nämlich am 11. und 15. Juli mit der Bombe bei Hitler angereist war, die Zündung aber aufgeschoben hatte, weil beide Male Göring und Himmler, die gleichzeitig beseitigt werden sollten, wider Erwarten nicht anwesend waren; danach schien ihm ein weiteres Hinauszögern nicht mehr vertretbar. Kein Wort davon!
Ebenso wenig von den politischen Vorstellungen der Verschwörer, von denen Stauffenberg als einer der wenigen, vielleicht gar als der einzige, ein modernes Demokratieverständnis besaß und gegen die meisten der anderen Mitglieder durchsetzte, daß der Sozialdemokrat Dr. Leber und der Gewerkschafter Leuschner in der neu zu bildenden deutschen Regierung vertreten sein sollten. Noch heute spukt in vielen Köpfen die Vorstellung eines konservativen Herrenclubs herum, die zu berichtigen hier den Versuch gelohnt hätte.

Nichts ist gegen die schauspielerischen Leistungen von Sebastian Koch, Ullrich Tukur und Axel Milberg einzuwenden, denen sich die übrigen Mitwirkenden überwiegend mit gleichwertigem Können anschlossen (beachtlich: "Olli" Dittrich als Göbbels!). Umso bedauerlicher ist es, daß ihnen keine adäquate Plattform geboten wurde.

LuMen

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jon
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Ich habe den Film nicht gesehen, mir gefiel die Rezi, weil ich jetzt dennoch einen Eindruck davon habe. Was man vielleicht (!) noch etwas pointierter hätte herausstellen können: Warum wurde ein so enttäuschender Aufguss hergstellt? Weil man nur dem „Gesetz des Zuschauerkinos“ folgte – selbst wenn das hieß, die Wahrheit zu fälschen. (…was m.E. nicht nur einfach enttäuschend, sondern hochgradig ärgerlich ist: Dass es in der Geschichte {spannende} Geschichten gab, heißt doch nicht, dass man die Geschichte beliebig auf {spannende} Geschichten zurecht biegen darf!)
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LuMen
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Hallo Ulrike,

vielen Dank für Deine Zuschrift! Auf Fernseh- oder Filmbesprechungen findet man in der LL leider nur wenig Resonanz.
Deine Frage nach dem "Warum überhaupt?" dieser Neuverfilmung habe ich mir auch gestellt und dann ja Überlegungen angestellt, was man an Neuem hätte bringen können, aber nicht gebracht hat. Es ist mir schleierhaft, was den Drehbuchautor und Regisseur Baier, der doch einen gewissen Namen hat, im Einzelnen dabei bewegt hat. Nicht einmal der Zeitpunkt gab einen besonderen Anlaß ab. Auffällig war gegenüber den "Vorläufern" eigentlich nur der filmtechnische Schnick-Schnack der Neuzeit. Das ist zu wenig!

Gruß
LuMen

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