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Leselupe.de > Kurzprosa
Sich zur Wehr setzen
Eingestellt am 12. 08. 2007 16:36


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Daunelt
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Sich zur Wehr setzen

Der Unterricht im Sommer ist nur zu ertragen mit der Aussicht auf die Pausen. Sie schneiden den Vormittag wie mit einem Buttermesser so leicht und entlassen uns lÀrmend auf den Schulhof. Bewegung ist Trumpf, wir spielen Fangen und Verstecken. Eine hÀrtere Variante unter den Jungs: SchwÀchere quÀlen, Kleinere piesacken. Ich bin ein Junge, bin schwach und klein. Ein Opfer und Spielball der breitschultrigen, gesunden Bauernburschen sehne ich das Ende der Pause, das Stillesitzen im dumpfen Klassenzimmer wieder herbei.

Man wird gejagt, geboxt, geschubst, schĂŒrft sich im StĂŒrzen Knie und Ellbogen auf. Neuerdings kneifen auch grobe HĂ€nde in die Genitalien, daß tut echt weh. Zweimal hatte ich in diesem Sommer eine dicke Lippe, einmal eine aufgeplatzte Augenbraue. Die mußte genĂ€ht werden. „Stell‘ dich nicht so an“, hatte der Arzt mit dem Wangenschmiß mich angeraunzt, „du bist doch ein Junge !“ und seine Nadel fuhr verĂ€chtlich durch die formalinschwere Luft. Aber nur bei ihm lasse ich mich gehen; unter meinesgleichen heißt es tapfer sein und den Schmerz verleugnen. SchwĂ€che wĂŒrde meine Peiniger noch mehr reizen und das bißchen aufkeimenden Mannesstolz im Ansatz zerstören.

Meine Eltern sind sorgenvoll, immer ziehen sie die Stirn in Falten. Der Vater, ich weiß, daß er viele Überstunden fĂ€hrt, schlĂ€ft auch schon mal vor der Tagesschau ein. Die Mutter versorgt mich mit sĂŒĂŸem Tee und Pausenbroten, die ich nicht essen werde, aber Hilfe kann ich nicht erwarten. Vom Lehrer schon gar nicht, er zwingt mich im Sportunterricht zu Hochsprung und Hindernislauf, zu Kugelstoßen und Schlagballwurf. Seine Kommentare sind beißend, wenn mein schwacher Körper die Übungen nicht schafft. Die agilen und sportlichen SchĂŒler sind seine Lieblinge. Immer hat er auf der RĂŒckbank seines Wagens wie zufĂ€llig irgend ein SportgerĂ€t drapiert und daneben den neuen Playboy. Und der Kaplan ? „Ihr dĂŒrft der Versuchung nicht nachgeben“, hat er neulich gesagt, „Gott schickt uns die PrĂŒfungen“. Ich verstehe nicht, was er meint, wie soll er da mich verstehen.

So bleibt mir tagsĂŒber die Angst vor meinen Klassenkameraden und nachts schweißtreibende AlbtrĂ€ume. Richtige Freunde habe ich nicht, und mein Hund ist im letzten Herbst gestorben. Ich muß bei all dem zusehen, ein halbwegs passables Zeugnis zu schaffen, ich muß meinen Eltern beim Zeitung austragen helfen, ich habe Verantwortung fĂŒr meinen jĂŒngeren Bruder.

Der Ritter am Sonntag im Kino, er hat sich tapfer gegen eine ganze Bande schmuddeliger Schurken zur Wehr gesetzt und sie fertig gemacht. Zum Schluß bekam er dann noch die schöne Prinzessin mit den blauen Augen. So möchte ich auch sein. Aber er war stark und schön, ich habe Akne und hĂ€ngende Schultern. Kein MĂ€dchen schaut nach mir. Er hatte eine RĂŒstung und ein glĂ€nzendes Schwert. Meine Möglichkeiten zur Gegenwehr sind gering und beschrĂ€nken sich auf den mehr symbolischen Einsatz der schmalen FĂ€uste.

Bei all den grausamen Spielen gibt es einen ungeschriebenen Ehrenkodex: wer auf dem Boden liegt, wird nicht mehr geschlagen. Und Kratzen, Beißen, Treten, an den Haaren ziehen – die typischen Waffen der MĂ€dchen – sind tabu. Wer sich darĂŒber hinwegsetzt, Ă€chtet sich selbst und wird fĂŒr alle Zeiten aus der Kameradschaft der Jungen ausgestoßen.

Irgendwann wird es langweilig, immer Dieselben zu quĂ€len. Man sucht nach neuen Opfern. Der Kick wird jetzt bei den Erst- und ZweitklĂ€sslern gesucht, die haben schon mal gar keine Chance sich zu wehren, und bei ihnen werden umso leichter die TrĂ€nen kullern. In der 2b ist mein Bruder. Die Bande hat mich schon zu einem Baum auf dem Schulhof geschleppt, an den ich gebunden werden soll. Da werden die Kleinen entdeckt, man lĂ€ĂŸt mich stehen, johlend beginnt die Jagd. Zwei, drei Jungen schleifen sie kurz darauf herbei, einer davon ist mein Bruder, sein Gesicht ist angst- und schmerzverzerrt. Ich nehme meinen Mut zusammen, spreche den langen Wilfried, WortfĂŒhrer der Folterer an: „Laß ihn los“, sage ich, „laß ihn bitte los.“ Doch meine Stimme ist nicht fest und fordernd, sie bebt vor Angst. FĂŒr Wilfried ist das ein Riesenspaß, er lacht mit seinen gesunden, breiten BauernzĂ€hnen, seine Stirn glĂ€nzt wie der Schinken, den er jeden Tag auf dem Brot hat. Ich weiß, er wird kein Mitleid haben, genau so wenig wie sein Vater, der im FrĂŒhjahr die kleinen Katzen im MĂŒhlteich ersĂ€uft hat. Glucksend drĂŒckt er die Faust zusammen, mit der er meinen Bruder im Genick festhĂ€lt. Der schreit laut auf. Ich hole aus und trete den Riesen so fest ich irgend kann, vor die Kniescheibe. In seinem Gesicht wechseln grenzenloses Erstaunen, Wut und Schmerz. Er lĂ€ĂŸt sein Opfer los, knickt ein und umfaßt stöhnend das Knie. Nun ist er in der richtigen Position, mein zweiter Tritt fĂ€hrt ihm mitten ins Gesicht, er klappt zusammen, blutet, bleibt liegen. Ich habe noch nicht genug, jetzt gilt es: mit beiden HĂ€nden greife ich in sein Haar und knalle seinen Kopf auf den Schulhof. Der große Wilfried, der KlassenstĂ€rkste, der gefĂŒrchtete AnfĂŒhrer, wimmert vor sich hin.

Ich stehe schnaufend ĂŒber ihm, wie David ĂŒber Goliath. Die anderen Jungen umringen uns, entsetzt und sprachlos. Die Pausenglocke schrillt. Ich gehe staksig auf das SchulgebĂ€ude zu, und weil es sich anbietet, trete ich Wilfried im Vorbeigehen mit voller Wucht in den Hintern. Aber ich treffe nicht richtig und erwische zum Teil seine Hoden. Sein Jammern klingt laut hinter mir her.

SpĂ€ter in der Klasse tadelt der Lehrer nur ganz allgemein das „rohe Verhalten einiger SchĂŒler in der Pause“, fĂ€hrt dann mit dem Einpauken von Geschichtszahlen fort: 1632 Rain am Lech, 1634 LĂŒtzen, 1637 Nördlingen, blah, blah. Ich sitze alleine, meine Nachbarn haben sich woanders hingesetzt, meiden mich, schauen weg. Wilfried ist zum Arzt gebracht worden, der ihn notdĂŒrftig wiederhergestellt und nach Hause geschickt hat. Dort wartet sein Vater, der einzige Mensch, vor dem er sich fĂŒrchtet, empfĂ€ngt ihn mit FlĂŒchen und einer Ohrfeige.

Mich wird man in der Pause nicht mehr quĂ€len. Ich habe mich zur Wehr gesetzt, mit den Mitteln, die mir zur VerfĂŒgung stehen. Aber es erregt keine Bewunderung, nur Abscheu und vielleicht auch etwas Furcht. Die Gemeinschaft der Jungen, in der jeder seinen Platz findet, der TĂ€ter wie das Opfer, hat mich geĂ€chtet.

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