Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
396 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sicher ist sicher
Eingestellt am 26. 12. 2010 13:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Doppeldekade
Hobbydichter
Registriert: Dec 2010

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Doppeldekade eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sicher ist Sicher

„Ich hĂ€tte nicht meine neue Hose anziehen sollen.“
Thorsten sah seine Frau beinahe vorwurfsvoll an, als wĂ€re es ihre Aufgabe gewesen, ihn jedes mal daran zu erinnern, etwas altes anzuziehen, bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen machten. Sandra zuckte jedoch nur mit den Schultern: „Du fliegst ja nicht zum ersten Mal seit es die neuen Sicherheitsvorschriften gibt.“
Sie lĂ€chelte und blickte zufrieden an sich hinunter. „Ich habe daran gedacht.“
Sandra trug eine abgetragene Jeans und einen ausgewaschenen Pullover. Beides hatte sie sowieso wegwerfen wollen. Ihr LĂ€cheln verschwand allerdings, als ihr einfiel, dass sie die Hose bei ihrem ersten gemeinsamen Urlaub an der See gekauft hatte. Eigentlich gefiel es ihr nicht, auf diese Weise ungewollt Kleidung loszuwerden. NatĂŒrlich konnte man seine Kleidung auch am Flughafen aufbewahren lassen, bis man wieder zurĂŒck war und sie dann wieder mitnehmen. Dazu musste man allerdings einige extra Formulare ausfĂŒllen und relativ Lange warten, bis die zustĂ€ndigen Angestellten die richtigen KleidungsstĂŒcke rausgesucht hatten. So kam es, dass die wenigsten Leute darauf bestanden, dass ihre Kleidung aufgehoben wurde.
An den Check-In Schaltern mussten sich Thorsten und Sandra in eine der Warteschlangen einreihen. In der Schlange neben ihnen erblickte Sandra eine verschleierte Frau. Der Schleier bedeckte den Kopf der Frau, so wie einen Großteil ihres Gesichts. Und so sah Sandra nicht einfach nur die bedeckte Frau. Sie sah das, wovon sie im Fernsehen schon so viel gehört hatte; die UnterdrĂŒckung und Freiheitsberaubung unter der die Menschen in anderen LĂ€ndern litten.
„Sieh dir das mal an,“ flĂŒsterte Sandra ihrem Mann zu, wobei sie unauffĂ€llig auf die verschleierte Frau deutete. „Ich bin echt froh, dass wir in einem zivilisierten und aufgeklĂ€rten Land leben, in dem Freiheit und Recht von so großer Bedeutung sind.“
Thorsten signalisierte mit einem Nicken seine Zustimmung, musste sich dann aber der freundlich lÀchelnden Frau am Check-In Schalter zuwenden, da sie an der Reihe waren.
Das Paar gab seine Koffer auf und brachte als nĂ€chstes das HandgepĂ€ck zur Sicherheitskontrolle. In Gedanken ging Sandra nochmal alles durch, was sie in den Rucksack gepackt hatte. Sie hatte darauf geachtet, keine spitzen GegenstĂ€nde, Cremes, Spraydosen, GetrĂ€nkeflaschen oder Ähnliches einzupacken. Zwar trockneten Sandras Lippen schnell aus und sie wusste, dass sie ihre Lippenpflegecreme schmerzlich vermissen wĂŒrde, aber dafĂŒr ersparte sie sich ohne die Creme Probleme bei der Kontrolle des HandgepĂ€cks.
Als die HandgepĂ€ckkontrolle erledigt war, steuerten Thomas und Sandra auf die Umkleidekabinen vor den Körperscannern zu. Sandra, die auch regelmĂ€ĂŸig in die Sauna ging und sich ihres Körpers ohnehin nicht SchĂ€mte, machte es zum GlĂŒck nichts aus, nackt gesehen zu werden. Thomas genierte sich da schon eher. Dennoch unterzog er sich der Prozedur bereitwillig. Er wusste ja, dass sie ausschließlich seiner Sicherheit diente.
Wie in den aktuellen Sicherheitsbestimmungen vorgesehen, entkleideten sie sich und ließen sich dann von dem imposanten GerĂ€t nackt scannen. Das ganze war vollautomatisch und unpersönlich. Die Sicherheitsbeamten saßen in einem Nebenraum und sahen die FluggĂ€ste nur auf ihren Bildschirmen. Auch sonst war fĂŒr einen gesetzeskonformen und menschenrechtskonformen Ablauf gesorgt. Aus moralischen GrĂŒnden wurden Frauen daher nur von Frauen gescannt und aus DatenschutzgrĂŒnden wurde jede gescannte Person unkenntlich gemacht.
All das hatte Sandra von einem Experten im Fernsehen erfahren und rief es sich jetzt ins GedĂ€chtnis, wĂ€hrend sie die Arme in die Luft streckte, damit der Körperscanner sie optimal erfassen konnte. Immerhin wurde lediglich geprĂŒft, ob die Reisenden Sprengstoffe oder andere als gefĂ€hrlich geltende Materialien oder GegenstĂ€nde an oder in sich trugen.
Bei Thorsten und Sandra wurde, bis auf Sandras Hormonspirale, nichts auffÀlliges entdeckt. Sie durften passieren.
Und so ging es weiter in die nĂ€chste Umkleidekabine, in welcher die beiden einen, von ihrer Fluggesellschaft bereitgestellten, Overall anzogen. Die Farbe dieser SchutzanzĂŒge variierte je nach Fluggesellschaft. Dieses mal trugen Thorsten und Sandra blau-weiß, es handelte sich um eine britische Airline. Hinzu kam, dass die Fluggesellschaften die AnzĂŒge inzwischen als WerbeflĂ€che entdeckt hatten, so dass auf den Ärmeln, dem RĂŒcken und der Brust verschiedene Firmenlogos und Markennamen prangten.

„Also ich weiß nicht, meinst du mein Schutzanzug hat die richtige GrĂ¶ĂŸe?“, fragte Sandra ihren Mann, wĂ€hrend sie ihren Flugsteig suchten.
„Könnte ‘ne Nummer grĂ¶ĂŸer sein“, stellte Thorsten fest und hielt inne, um sie zu fragen, ob sie nochmal zurĂŒckgehen und sich einen anderen Anzug geben lassen wolle.
Sandra schĂŒttelte allerdings den Kopf. „Nein nein, es wird schon gehen. Ich will in dem Ding ja schließlich keinen Sport treiben.“
Das war wohl wahr, denn wĂ€hrend des zwölfstĂŒndigen Fluges durften die Passagiere eine Stunde nach dem Start, so wie eine Stunde vor der Landung, sowieso nicht aufstehen. FĂŒr die ĂŒbrige Zeit galt, dass man nur den Platz verlassen durfte, wenn man mal zur Toilette musste. Genau das war bei Sandra nach etwa vier Stunden, einer Tasse Tee und zwei Plastikbechern Wasser der Fall. Eigentlich hatte sie sich nach dem letzten Flug vorgenommen, wĂ€hrend solcher Reisen nicht mehr so viel zu trinken, aber ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass viel zu trinken und regelmĂ€ĂŸige Bewegung wĂ€hrend so langer FlĂŒge essentiell waren, um keine Thrombose zu riskieren.
Also bat sie ihren Gatten, fĂŒr sie den Rufknopf zu drĂŒcken. Thorsten drĂŒckte und bald darauf erschien eine Flugbegleiterin neben ihnen.
„Ich mĂŒsste mal austreten“, erklĂ€rte Sandra der jungen Frau in Uniform.
„Kein Problem, Ma’am, ich begleite Sie“ entgegnete diese.
Normalerweise wÀr es Sandra vermutlich unangenehm gewesen, so etwas einer völlig fremden Person mitzuteilen, aber sie wusste, dass es der Job dieser Frau war und die diese Situation daher sicherlich zig Mal am Tag erlebte. Sandra drÀngelte sich an ihrem Mann vorbei und machte sich dann, zusammen mit der Stewardess, auf den Weg in den hinteren Abteil des Fliegers.
NatĂŒrlich durfte Sandra die ToilettentĂŒr nicht abschließen, denn nur so konnte sichergestellt werden, dass im Falle ungewöhnlicher GerĂ€usche oder zu langer Nutzung des kleinen Waschraums, die Flugbegleitung nachsehen konnte, ob auch alles in Ordnung war. Es fiel Sandra schwer, Wasser zu lassen, wenn sie wusste, dass vor der TĂŒr jemand stand und lauschte. Dennoch versuchte sie sich zu beeilen, schließlich wollte sie dem Flugpersonal nicht noch mehr Arbeit machen, als dieses ohnehin schon hatte.
Nachdem Sandra fertig war, wurde sie von der netten Frau wieder zu ihrem Platz begleitet. Erst als Sandra saß durfte sich der nĂ€chste Fluggast in Begleitung einer Stewardess auf den Weg machen. Das Ganze lief völlig problemlos ab und wurde von den meisten Passagieren begrĂŒĂŸt, da auch sie ihre Sicherheit schĂ€tzten.
Wieder zurĂŒck an ihrem Platz stellte Sandra fest, dass inzwischen das Essen ausgegeben worden war. Da Besteck jeder Art ein zu großes Sicherheitsrisiko darstellte, gab es Paste in kleinen Beuteln, Ă€hnlich derer, die von Hilfsorganisationen an unterernĂ€hrte Kinder ausgegeben wurden. Diese Paste konnte direkt aus dem Beutel gelutscht werden; eine wirklich praktische Alternative zum frĂŒheren Flugzeugessen, welches meist weder schmeckte noch satt machte. Thorsten schien an der Mahlzeit seinen Spaß zu haben. Im nu hatte er seinen Beutel leer.
„Schmeckt wie der Eintopf deiner Mutter“, scherzte er und wandte sich dann dem abwechslungsreichen Unterhaltungsprogramm des Fliegers zu.
Ganz unrecht hatte Thorsten mit seinem Kommentar nicht, denn die Paste war sehr nahrhaft und konnte tatsÀchlich als Hauptmahlzeit dienen.
WĂ€hrend Thorsten sich auch den Rest des Fluges mit dem Touchscreen vor sich beschĂ€ftigte, ohne auch nur ein einziges Mal austreten zu mĂŒssen, musste Sandra noch zwei Mal zur Toilette, ehe sie schließlich zur Landung ansetzten.

Sandra war froh darĂŒber, den (doch etwas zu engen) Overall loszuwerden. Aber bevor sie ihren blau-weißen Anzug ausziehen konnte, musste sie sich, wie alle Passagiere, in einem der KlamottenlĂ€den im extra dafĂŒr vorgesehenen After-Flight-Clothing Bereich, neue UnterwĂ€sche, eine neue Hose, ein neues Oberteil, so wie neue Schuhe kaufen. Socken waren inklusive. Sandra brauchte etwas lĂ€nger als ihr Mann, um eine zufriedenstellende Kombination zu finden, die nicht all zu viel kostete. Man wollte schließlich nicht sein ganzes Erspartes schon am Flughafen ausgeben.
Nachdem die beiden etwas passendes gefunden und gekauft hatten, hieß es fĂŒr Thorsten und Sandra Overall wieder aus, nochmals durch den Körperscanner, neue Kleider an und auf zur GepĂ€ckausgabe.
„Toll diese Maßnahmen“, sagte Thorsten, wĂ€hrend sie auf die Ankunft ihrer Koffer warteten. „Ich fĂŒhle mich so wirklich viel sicherer als frĂŒher.“
Sandra nickte zustimmend. „Ja. Und so können wir sicher sein, dass unsere Freiheiten und unsere Rechte vor diesen scheußlichen Terroristen geschĂŒtzt werden.“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!