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Leselupe.de > Ungereimtes
Sie sagten, er käme aus Borderline
Eingestellt am 09. 04. 2006 02:04


Autor
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ENachtigall
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???

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Sie sagten, er käme aus Borderline


Eines Tages war er da.
Im Rückspiegel nahm er mich
verkehrsuntauglich verdreht ins Visier.
Unwillkürlich lachte ich ihm
mein Herz entgegen.
Rosenblätter streute seine Linke
sanftmütig auf den Weg
der seiner Rechten Kriegspfad war.
Er trug eine Hermessandale
für sprunghafte Gedankenausflüge.
Freunde lud er gern dazu ein.
Sein Feuerpferdehuf trat
unvermutet scheuend
nach ihren Schienbeinen.
Er war sich selbst kein guter Begleiter.
Den Rücken sollte ich ihm frei halten.
Meist trennte das Eis
auf seinen Sonnenbrillengläsern
unsere Augen.
Nur im Schutze der Dunkelheit
fasste er Vertrauen
das leisestes Beben erschütterte.
Wie ein verletztes Tier
mit letzter aufbäumender Kraft
nach allem schnappt, das sich nähert
schleppte er sich
mit welken Rosen bewaffnet
fort von hier.
Sie sagten, er käme aus Borderline.


© Elke Nachtigall











__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

Version vom 09. 04. 2006 02:04
Version vom 17. 08. 2009 00:44
Version vom 17. 08. 2009 12:21
Version vom 20. 08. 2009 22:27
Version vom 20. 08. 2009 23:06
Version vom 27. 04. 2015 20:23
Version vom 19. 12. 2016 21:25

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Waldemar Hammel
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Ein schlüssiger Text,

an dem ich nichts auszusetzen habe.
Auch die eingebaute Klammer funktioniert: Anfangs "verkehrsuntauglich", und am Ende "borderline".

Natürlich kommt es in meinen subjektiven Augen dem Text entgegen, dass ich solche Leute ebenfalls kenne, und sie hier recht plastisch beschrieben sind.

Erinnert mich entfernt an Reinhard Meys "KasparHauser":

"Sie sagten, er käme von Nürnberg her,
und er spräche kein Wort.
Auf dem Marktplatz standen sie um ihn her
und begafften ihn dort ..."

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bonanza
Guest
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gelungenes prosagedicht, das aus persönlicher perspektive
hinter die mattscheibe eines bestimmten menschentypus
schaut.
es überzeugt mich mit seinen zum teil poetischen bildern.

bon.

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noel
???
Registriert: Dec 2002

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schlüssig, bewegend, nicht moralinsauer
nurmehr aufzeigend.

chapeau
__________________
© noel
Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level) .

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ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

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Danke für Euer aufmerksames Lesen und Kommentieren.

@ Waldemar
Die Kasper Hauser Assoziation hatte ich tatsächlich. Auch wenn sie zum Zeitpunkt der Gestaltung des Textes nicht mehr gegenwärtig war, hat sie wohl ihre deutliche Spur im Titel hinterlassen. In der von Dir zitierten Textstelle wird die von Betroffenen erlebte drinnen/draußen Isolation sehr greifbar dargestellt

quote:
Auf dem Marktplatz standen sie um ihn her
und begafften ihn dort ...
Eigentlich kann ich mir in der beschriebenen Szene jeden sog. Ausländer, Andersdenken und -fühlenden vorstellen, und auch die Frage "wieviel Integration darf verweigert werden" gehört dazu.
Dass gerade Menschen, denen diese "menschliche Besonderheit, die "Borderline" genannt wird, nicht fremd ist, auf das Gedicht reagieren, freut mich.
Als ich mich das erste Mal mit dem Begriff konfrontiert sah, sagte ich: "Ich hätte nie gedacht, dass es dafür einen Namen gibt." Was meiner Naivität zuzuschreiben ist.

@ bonanza und noel
ich hoffe, dass ich etwas von dem, was ihr in meinen schreibenden Reflexion erkennt, in die schnellen Handlungsabläufe des täglichen Lebens hineinretten kann - allmählich, wie die wirksamen Veränderungen nun mal ablaufen.

Herzlich grüßt
Elke
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mirami
Guest
Registriert: Not Yet

hallo enachtigall,

das thema borderline zu bearbeiten ohne dabei belehrend, flach verallgemeinernd oder anklagend zu wirken ist nicht einfach. dir ist es hier m.m. nach gelungen. sehr lyrisch zeichnest du ein persönliches protait, ein stimmiges bild zu einem allgemeinen thema.
zeile zwei bis einschließlich vier finde ich allerdings überflüssig. diese eingeflochtene verkehrsmäßig klingende bildebene und überhaupt das lyrische ich einzubinden, finde ich, lenkt unnötig ab. das braucht dieses gedicht nicht bzw. nimmt ihm was. (ebenso die zeile “Den Rücken sollte ich ihm frei halten.“ würde ich deshalb ebenfalls rauslassen.) sich auf die person ansich zu konzentrieren ohne sie in persönliche beziehung zum lyri zu bringen, fände ich, wäre hier mehr.
aber ansonsten, wie gesagt, klasse.

lg
mirami

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