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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sie sprang, wenn er rief
Eingestellt am 24. 01. 2015 11:01


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krokotraene
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Starr richtete sie ihren Blick an die Decke. Als w├╝rde ihr Leben darauf wie in einem Film abgespult werden, fixierte sie einen Punkt. Ihre blutleeren Augen waren uneinig, ob das Einfangen der Vergangenheit f├╝r die beteiligten Personen von Vorteil war.
ÔÇ×Sandra!ÔÇť, aus dem Badezimmer des Luxushotels klang seine Stimme an ihr Ohr. Der ├╝bliche Befehlston, gepaart mit der Suche nach Hilfe. Lediglich der Suche, niemals der Bitte.

Ohne eine Regung lag sie weiter am Bett.

ÔÇ×Sandra, schl├Ąfst Du?ÔÇť Lange hatte sie nun seine Befehle sofort ausgef├╝hrt. Sprang wenn er schrie. War stets an seiner Seite. Immer um ihn bem├╝ht. Die Welt beinhaltete seine W├╝nsche, Gef├╝hle und Bed├╝rfnisse. Nie fragte er nach ihrem Befinden. Selbstverst├Ąndlich war alles. Er hatte ja genug Geld. Er konnte sich leisten, was er wollte. Sie war ein Niemand.

Wie oft hatte sie sich schon die Frage gestellt, weshalb sie damals mit gegangen war. Sie war jung, er war alt. Sie war neu in einem fremden Land. Von skrupellosen Menschenh├Ąndlern unter falschen Bedingungen in eine angeblich bessere Zukunft geschleppt. Weg von ihrer Familie. Versprochen hatten sie ein besseres Leben. Hilfe f├╝r ihre kranke Mutter. Ihre behinderte Schwester. Ihren arbeitslosen Bruder. Ihren alten Onkel. Alle sollten es gut haben, wenn die wundersch├Âne Frau im fernen Westen ihr Gl├╝ck fand.

Er kam damals als letzter zur menschenunw├╝rdigen Auktion. Sofort fiel ihr Blick auf den honorigen Mann, der so elegant wirkte. Wie um ein St├╝ck Vieh handelte er um ihren Preis. Alle waren neidig. Sie hatte ihr Gl├╝ck gefunden. Unter tausenden h├╝bschen Gesichtern erw├Ąhlte der reiche, ├Ąltere Herr aus dem s├╝├čen Westen ausgerechnet sie.

Irgendwann musste sie wohl das Vorhangschloss am goldenen K├Ąfig ├╝bersehen haben. Irgendwann schnappte es fast lautlos zu. Eine R├╝ckkehr war nicht mehr m├Âglich. Ob er noch die versprochenen ├ťberweisungen an ihre Familie durchf├╝hrt?

ÔÇ×SandraÔÇť, der Befehlston hatte einen sauren Unterton bekommen. Sie wusste, seine Geduld war bald am Ende. Leise fl├╝sterte sie, ÔÇ×Wladimira! Bitte!ÔÇť

Ihren Namen hatte er gleich nach der ersten Begegnung ge├Ąndert. So durfte kein M├Ądchen im Westen hei├čen. Und bei ihm schon gar nicht. Ihre Eltern hatten ihr den Namen gegeben. Die Friedensherrscherin. Doch ihr pers├Ânlicher Friede war schon lange gest├Ârt.

Blutleere Augen fixierten weiter den imagin├Ąren Punkt am Plafond. Ihr Lebensfilm begann. Ein junges M├Ądchen spielte im Gras. Sie schien gl├╝cklich. Zufrieden. Ihr Gewand jedoch sprach die Sprache der Armut. Ihre Augen aber von Zuversicht. Gl├╝ck. Hoffnung. Ihr strahlendes L├Ącheln vertrieb die dunklen Wolken. Irgendwann w├╝rde sie den Durchbruch schaffen. Irgendwann w├╝rde sie dem Alltagsgrau entfliehen. Ihr getr├Ąumtes Gl├╝ck finden.

Dann kam das Feuer. Zuerst nur lodernd stieg es bis zur Feuerwalze stetig und gleichm├Ą├čig an. Unaufhaltsam und grausam fra├č sie sich durch das satte Gr├╝n. Hinter ihr blieb eine graue, staubige Landschaft zur├╝ck. Einsam und verlassen lag der Boden brach. Kein Grashalm w├╝rde sich hier je wieder ansiedeln. Eben ein Zeitzeuge, der schon damals in die Zukunft sehen konnte.

ÔÇ×Sandra, bist Du taub?ÔÇť Nun war sein Geduldsfaden gerissen. Sie kannte nur zu gut, was jetzt passieren w├╝rde. Bestrafung musste sein. Was wird es wohl diesmal? Schl├Ąge bis sie nicht mehr sitzen konnte? Essensentzug? Oder wieder tagelanger Hausarrest bei geschlossenen Vorh├Ąngen? Oder musste sie ihn gar wieder herrlich verw├Âhnen? Bis er sein Vergn├╝gen hatte und sie vor Schmerzen nicht mehr ein und aus wusste?

M├╝hevoll erhob sie sich. Langsam schritt sie auf das Fenster zu. Sorgf├Ąltig schob sie die Vorh├Ąnge auf die Seite. Noch einmal zog sie die kalte Luft, die durch das ge├Âffnete Fenster drang, tief in ihre Lungen. Tief fiel ihr Blick vom zehnten Stock. Ein sch├Âner Ausblick w├╝rde sie begleiten. Die frische Sommerluft w├╝rde sie tragen, aber nicht aufzufangen vermochten.

ÔÇ×Sandra, mein M├Ądchen!ÔÇť die Stimme hatte einen bitteren Beigeschmack. Es war das Gef├╝hl in eine Vollmilchschokolade zu bei├čen, die einen Kern Chili in sich barg. Zuckers├╝├č und dann doch so scharf.

Sie wusste, sie w├╝rde jetzt das letztemal springen, wenn er rief.

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petrasmiles
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Hallo krokotraene,

eine sehr sehr interessante Perspektive - diese Konstellation erf├Ąhrt man sonst immer nur von au├čen betrachtet.

Das ist aber auch die Krux dieser Perspektive - man muss Dir glauben als Autor, dass Du in dem Kopf eines M├Ądchens in dieser Situation steckst. Was er fahre ich ├╝ber ihre Motive, ├╝berzeugen sie mich? Nimmt sie jetzt Ansto├č an einer Situation, die sie vorher als gl├╝cksbringend fraglos angenommen hat? Sind es ihre Beobachtungen und Gedanken, dass er um sie gefeilscht hat wie um ein St├╝ck Vieh?
Sind es nicht unsere Bilder im Kopf, die diese 'moderne Sklavin' mit Leben f├╝llen?
Die Frau bleibt fremd und kommt nicht wirklich 'n├Ąher' als w├╝rde sie von au├čen betrachtet. Als w├Ąre es eine Stimme aus dem 'Off'.

Die 'blutlosen Augen' sind absichtsvoll gew├Ąhlt, aber wird das krumme Bild dadurch besser?
Der letzte Satz ... der hat soetwas von einem missgl├╝ckten (Wort-)Witz.
Aber ohne diese beiden Ausrei├čer w├Ąre es trotzdem eine gute Geschichte, ein Versuch der 'Ann├Ąherung'. Vor allem ist sie fl├╝ssig geschrieben, vielleicht in der R├╝ckblende ein bisschen zu nebul├Âs.

Liebe Gr├╝├če
Petra
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