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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sie wandte den Kopf von mir ab...
Eingestellt am 28. 11. 2006 18:46


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Miriam Scr
Festzeitungsschreiber
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Sie wandte den Kopf von mir ab...

Sechs Jahre, sechs verfluchte Jahre saß ich in diesem GefĂ€ngnis fest. Mein Vater ĂŒberredete mich nach dem Tod meiner Mutter einen Bankraub zu begehen, er selbst machte auch mit. Er wanderte aber fĂŒr zwei weitere Jahre ins GefĂ€ngnis. Doch nun bin ich frei. Ich hatte mir viele Gedanken darĂŒber gemacht, wohin ich gehen sollte, wenn ich wieder in Freiheit war. Aber jetzt war ich mir nicht mehr sicher, sollte ich wirklich zu meiner Schwester, nach Hause? Langsam ging ich die Straße hinunter und bog in einen Park ein. In den BĂ€umen zwitscherten die Vögel, nach Tagen hatte es aufgehört, zu regnen. Ich setzte mich auf eine Parkbank, es störte mich nicht, dass sie noch feucht war. Da, gegenĂŒber vom Park. Da stand das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Der Putz bröckelte und der HaustĂŒr sah man auch nicht mehr an, dass sie einmal hellblau getrichen war. Ich war aufgeregt: Was ist, wenn sie dort nicht mehr wohnt oder mich nicht mehr sehen will? Ich zog Kreise mit meinen Schuhspitzen in den feuchten Sand, als könnte das die Antwort auf meine Frage sein.

„Jackie,“ dachte ich, „es ist Zeit.“ Ich erhob mich und ging langsam auf das Haus zu, nachdem ich mich lange gesehnt hatte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, aber unser Name stand noch auf dem Klingelschild. Ich lĂ€utete und hielt vor Anspannung die Luft an. Der Summer ertönte. Meine Schwester schien jemand anders zu erwarten, denn sie fragte nicht ĂŒber die Sprechanlage nach meinem Namen.Im Treppenhaus stand wie frĂŒher der Geruch von verkochtem Essen und feuchter WĂ€sche. Ich ging die gebohnerte Treppe hinauf, Stockwerk fĂŒr Stockwerk. Sie knarrte an den vertrauten Stellen. Im vierten Stock stand die TĂŒr offen. Und ich sah meine Schwester, mittlerweile eine junge Frau, im TĂŒrrahmen lehnen. „Amelie!“ rief ich und stĂŒrmte die letzten Stufen hoch. Doch als ich das starre Gesicht meiner Schwester sah, verlangsamte ich meine Schritte. Sie trug jetzt kurze Haare und ihr Gesicht hatte das kindliche Aussehen hinter sich gelassen. „Nein!“ sagte sie mit tonloser Stimme, drehte ich um und wollte die TĂŒr schließen. Ich war schneller und setze einen Fuß zwischen TĂŒr und Rahmen. „Amelie, bitte, lass mich wenigstens erklĂ€ren...“ flĂŒsterte ich. Ich spĂŒrte einen Kloß im Hals und schluckte. Mein Bitten nĂŒtzte nichts. „Nein“, sagte sie noch einmal, diesmal eindringlicher,“ich möchte nichts mehr mit dir oder Vater zu tun haben, ich weiß nicht, ob ich euch noch trauen kann. Bitte, nimm deinen Fuß weg.“ Ich trat einen Schritt zurĂŒck und sie schloß die TĂŒr. Langsam ging ich die Treppe hinunter, eine TrĂ€ne lief mir ĂŒber die Wange. Ich betrachtete die weißgetĂŒnchten WĂ€nde, als könnte ich von ihnen Hilfe erwarten, Sie waren so leer wie mein Kopf. Ich vermisste meine Schwester jetzt schon. Gefunden und verloren.

Ich wußte nicht, wohin ich sollte und schlief in den nĂ€chsten NĂ€chten auf der Bank im Park gegenĂŒber. Die NĂ€chte waren kalt, doch die Gewissheit, dass meine Schwester in der NĂ€he war, gab mir WĂ€rme.

Nach Tagen musste ich aussehen wie eine Obdachlose, nein, falsch, ich war eine! Meine Schwester ging manchmal durch den Park doch wandte sie jedesmal, wenn sie an meiner Bank vorĂŒber kam, den Blick ab und sah stattdessen zu den gegenĂŒber liegenden HĂ€usern. Das gab mir jedes Mal einen Stich in meinem Herz.

Doch eines Tages blieb sie zu meiner Freude stehen. „Komm mit!“ sagte sie und ging zurĂŒck zu dem Haus unserer Familie. Die Wohnung hatte sich in all den Jahren nicht großartig verĂ€ndert, nur den alten Teppich hatte sie gegen einen neuen ausgetauscht. Sie winkte mich ins Wohnzimmer, fast andĂ€chtig trat ich ein - auch hier hatte sich nicht viel verĂ€ndert. Sie ließ sich in einen Sessel sinken und bot mir ebenfalls einen an.
„ErzĂ€hle. Ich habe mir viele Gedanken ĂŒber unsere Familie gemacht und ich möchte deine Geschichte hören.“ Und ich fing an zu erzĂ€hlen. Am Anfang fiel es mir schwer, aber mit jedem Wort wurde es leichter und eine große Last fiel von mir ab.
Irgendwann nach dem Tod unserer Mutter fing mein Vater an, Ideen auszubrĂŒten, wie wir an mehr Geld kommen könnten. Wie er darauf kam, eine Bank zu ĂŒberfallen, weiß ich nicht mehr. Eines Tages war die Idee einfach da. Meiner Schwester erzĂ€hlten wir nichts davon, zum einen vielleicht aus Scham zum anderen aus Angst, durch Zufall verraten zu werden. Ich war damals schwach und trĂ€umte vom großen Geld. Ich dachte, die Bank ist versichert und es wĂŒrde ihr in Wahrheit nichts ausmachen. Mein Vater schien alles perfekt geplant zu haben, doch bei der Flucht stolperte er und zwei MĂ€nner warfen sich auf ihn. Auch mich packten sie. Vom Gericht wurden wir verurteilt.
Als ich geendet hatte, stubste sie ihre Nasenspitze mit dem Zeigefinger, wie sie es schon frĂŒher immer gemacht hatte, wenn sie nachdachte. „Jackie, willst du nicht hierbleiben? Die Wohnung gehört ja eigentlich auch dir und ich möchte, dass du bleibst. Du hast einen großen Fehler gemacht, damals. Aber du hast es deswegen noch lange nicht verdient, auf einer Parkbank zu leben.“

Ich stand auf und umarmte sie...







Miriam Scriba (13)
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Keiner schreibt besser als der, der schreibt, was ich gern lese. (unbekannter Auto)

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Mondfrau
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@Miriam Scr,

teilweise schöne Formulierungen wie z. B. "ihr Gesicht hatte das kindliche Aussehen hinter sich gelassen...". Den Anfang und den Schluss wĂŒrde ich Ă€ndern. Der Schluss ist zu kitschig und die Auflösung vorhersehbar. Am Anfang wĂŒrde ich nicht so eindeutig gleich von GefĂ€ngnis schreiben, um mehr Spannung zu erzeugen.

MfG

Antje
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Mondfrau

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gareth
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Was mich betrifft, ich war einfach froh darĂŒber,

dass am Ende alles so gut ausgegangen ist und die Schwester eingesehen hat, dass sie erst einmal mit Jackie reden muss, um ĂŒberhaupt zu verstehen, was da passiert ist in der Vergangenheit.

Die Geschichte ist einfach und ĂŒbersichtlich, aber in sich stimmig. Amelie hat sich mit Jackies Aussperrung Genugtuung verschafft, fĂŒr die Jahre der Unwissenheit und des Alleinseins, bevor sie fĂ€hig war, sich ihrer Schwester wieder zu öffnen. Immerhin hat sie sie offenbar die ganzen Jahre niemals im GefĂ€ngnis besucht.

Nicht ganz deutlich wird, aus welchem Grund der Vater so rasch auf den BankĂŒberfall kommt, als Mittel zur Geldbeschaffung. Hier wĂ€ren deutlichere Hinweise auf die soziale Situation der kleinen Familie oder den gefĂŒhlsmĂ€ĂŸigen Zustand des Vaters nach dem Tod der Mutter zum VerstĂ€ndnis hilfreich gewesen.

Auch hĂ€tte ich gern erfahren, wie alt die beiden Schwestern sind. Ich hab jedenfalls sofort drĂŒber nachgedacht, weil es mich interessiert hĂ€tte, wer die Ă€ltere ist von den beiden.

Ich hoffe außerdem, dass sie auch mit dem Vater irgendwie zurecht kommen, wenn der nach Haftende wieder zu Hause auftaucht.

Nur weiter so!

Vielschichtiger und professioneller werden die Geschichten mit der wachsenden Erfahrung.


davon ist ĂŒberzeugt
gareth

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