Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95286
Momentan online:
465 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sieben Liebesbriefe
Eingestellt am 10. 09. 2015 18:30


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
CPMan
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2014

Werke: 65
Kommentare: 155
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um CPMan eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Doch es gab weder gestern, noch gibt es heute so einen Orient und es wird ihn auch morgen nicht geben!

Nâzim Hikmet, 1935


ERSTER BRIEF

Als ich Sie vor drei Wochen das erste Mal sah, wie Sie mit Ihren beiden Freundinnen in den Lesesaal der Bibliothek kamen, merkte ich, dass meine Augen nicht die einzigen waren, deren Blick dem Ihren zu begegnen suchten. Viele der M├Ąnner, die dort an den Tischen ├╝ber ihrer jeweiligen Fachliteratur br├╝teten, f├╝hlten Ihre Gegenwart genauso stark wie ich. Das Interessante daran ist, dass Ihre ganze Sch├Ânheit nur durch die Augen strahlt. Sicherlich, auch Ihr Gang hat etwas Graziles, etwas Vollkommenes, dem man sich als Europ├Ąer nicht entziehen kann. Und nat├╝rlich, auch ich muss gestehen, dass Ihr Reiz zu einem gro├čen Teil in dem Unbekannten liegt, das Sie verk├Ârpern. Unter den deutschen Frauen, die zuweilen in die Bibliothek kommen, findet sich sicherlich auch die ein oder andere Augenweide. Aber schon allein die Tatsache, dass diese Frauen aus demselben Kulturkreis kommen wie ich, macht sie f├╝r mich weniger interessant. Sie hingegen verk├Ârpern die exotische Kultur, die uns deutsche M├Ąnner davon tr├Ąumen l├Ąsst, aus unseren zumeist festgefahrenen Leben auszubrechen.
Ich entschuldige mich zutiefst f├╝r diesen unverlangt an Sie adressierten Brief. Dar├╝ber hinaus muss ich mich auch f├╝r die Tatsache entschuldigen, dass ich mich in meinem Brief nicht zu erkennen gebe. Ich versichere Ihnen, dass diese Briefe keinesfalls die Intention haben, Sie irgendwie einzusch├╝chtern oder Sie zu etwas zu zwingen, das Sie nicht tun wollen. Ich schreibe diese Briefe an Sie einzig und allein aus dem Grunde, dass ich mich nicht traue, Sie anzusprechen, und dass ich, selbst wenn ich den Mut dazu aufbr├Ąchte, keine so sch├Ânen S├Ątze von mir geben k├Ânnte, wie es mir in diesem Brief vielleicht gelingen mag. Mich erf├╝llte das Verlangen, in Ihre Welt zu treten, ein Teil davon zu sein, und so entschied ich mich dazu, Ihnen zu schreiben. Gegen diesen ersten Brief werden Sie sich nur schwerlich wehren k├Ânnen, auch mag Ihre Neugier mir vielleicht dabei helfen, dass Sie diesen ersten Brief ganz zu Ende lesen. Aber schon den zweiten Brief, den ich Ihnen sicherlich schreiben werde, k├Ânnen Sie ungelesen wegwerfen, wenn ihnen danach ist. Ich muss schreiben, weil mir das Gef├╝hl, das ich bei Ihrem Anblick hatte, auf der Seele brennt. Und da Sie dieses Gef├╝hl, wenn auch ungewollt, in mir ausl├Âsten, haben Sie auch ein Recht darauf, davon zu erfahren.
Als Ihr Blick mich traf, durchfuhr es mich wie einen Blitz. Als Ihr Blick mich traf, str├Âmte innerhalb einer Sekunde eine elektrisierende Kraft durch meinen K├Ârper, die ich nicht erkl├Ąren kann. Dieses Blitzgef├╝hl kenne ich auch von anderen sch├Ânen Frauen, aber bei keiner war es so stark wie bei Ihnen, und bei keiner war es so nachhaltig und best├Ąndig wie bei Ihnen. Ihr Anblick ist jetzt, in den Tagen meines Studiums, zu einem Lebensinhalt geworden. Wenn ich morgens in den Lesesaal trete, und ├╝ber den grauen Teppich zu meinem Lieblingstisch am gro├čen Fenster schreite, dann sitze ich dort manchmal f├╝r Stunden in freudiger Erwartung. Ich sitze da, und hoffe, dass Sie kommen. Wenn Sie dann kommen, erlebe ich Ihren Gang zum Schreibtisch wie ein Ritual, in dem der untergebene Bauer, der ich bin, die g├Âttliche Herrscherin bewundern darf, wie sie durch die Menge schreitet.
Ich bin, nebenbei bemerkt, ein alter Mann. Ich bin seit ├╝ber zwanzig Jahren mit meiner Frau verheiratet, gl├╝cklich, wie ich zu behaupten wage. In diesen zwanzig Jahren habe ich die vielen Facetten, die der Charakter meiner Frau hat, sch├Ątzen- und lieben gelernt. Wir haben zwei Kinder, die aber schon aus dem Haus sind. Trotz ihres zunehmenden Alters finde ich meine Frau immer noch attraktiv, denn ich alleine erkenne in ihr die Sch├Ânheit, die sie einmal war. Wenn ich sie sehe, dann sehe ich direkt in ihr Herz, und nicht auf die H├╝lle, die dieses Herz umgibt. Aber, und ich glaube das ist der Grund, warum ich Ihnen schreibe, eine Sache kann mir meine Frau nicht mehr geben. Sie kann mir nicht mehr das Kribbeln geben, das mich aufreibende Fieber, das ich bei unseren ersten Begegnungen versp├╝rte. Dieses anf├Ąngliche Gef├╝hl einer beginnenden Liebe habe ich seit langer Zeit nicht mehr versp├╝rt. Bis ich Sie vor drei Wochen das erste Mal sah.
Sie sind jung. Die wachen Mandelaugen, die straffen und glatten Lider lassen darauf schlie├čen. Ich denke, dass Sie noch keine zwanzig Jahre alt sind und bin mir recht sicher, dass Sie eine Studentin der GIC, der neu gegr├╝ndeten German University in Cairo sind. Es ist die einzige ├Ągyptische Universit├Ąt, mit der wir ein Austauschprogramm haben, und da ich an einem der Seminare dieser Universit├Ąt in leitender Funktion t├Ątig bin, wei├č ich auch, dass gerade drei├čig Studenten und Studentinnen dieser Universit├Ąt bei uns zu Gast sind.
Ich muss schlie├čen. Versprechen Sie mir, dass Sie auch den zweiten Brief lesen werden. Es bedeutet mir so viel, und ich denke nicht, dass meine Briefe einen gro├čen Schaden anrichten k├Ânnen. Ich bin es, der sich vor Ihnen entbl├Â├čt. Ich bin es, der Ihre W├╝rde und Gr├Â├če preist, an die ich glaube.


ZWEITER BRIEF

Lassen Sie mich zu Beginn eine Geschichte erz├Ąhlen. Die Geschichte vom griechischen Maler Timanthes. Er hat seinerzeit die Idee gehabt, die Opferung der Iphigenie in einem Werk festzuhalten. Iphigenie, wie sie sicherlich wissen, war die Tochter des Agamemnon, der im Trojanischen Krieg nicht davor zur├╝ckschreckte, seine Tochter f├╝r den Krieg zu opfern. Obwohl Agamemnons Opfer den griechischen Streitkr├Ąften erlaubte, die Segel zu setzen und nach Troja zu fahren, war Agamemnon tieftraurig ├╝ber den Tod seiner Tochter. Timanthes, der griechische Maler, erkannte w├Ąhrend der Arbeit, dass er die Trauer im Gesicht des Agamemnons nicht ├╝berzeugend widerzuspiegeln vermochte. Und so behalf er sich eines Kunstgriffes: Anstatt das trauernde Gesicht Agamemnons zu malen, verh├╝llte er dessen Gesicht mit einem Schleier. Er hoffte auf einen Betrachter, der das Sichtbare nicht als es selbst, sondern als ein Zeichen aufnehmen, und es nach seiner Fa├žon deuten w├╝rde.
Ich glaube, und seien Sie mir bitte nicht b├Âse, dass Ihr Schleier genau denselben Zweck erf├╝llt. Indem die M├Ąnner, die immer noch nicht aufgeh├Ârt haben, Ihren Blick zu suchen, tagt├Ąglich in der Bibliothek auf Ihr Erscheinen warten, versuchen sie Ihren Phantasien neuen Antrieb zu geben. Dennoch prallt ein Gro├čteil der Blicke an Ihrem verh├╝llten Gesicht ab, und nur in Ihren Augen findet der Blick die Nahrung der Phantasie. Ich denke, dass diese M├Ąnner, zu denen auch ich mich z├Ąhle, Sie als eine Projektionsfl├Ąche verstehen. Indem wir nur ├╝ber Ihre Augen, Ihre H├Ąnde, und vielleicht Ihre K├Ârpergr├Â├če definitive Aussagen machen k├Ânnen, ist der Rest des Gesch├Âpfes, das Sie sind, nur zu erahnen. Diese Ahnung ist wie ein gro├čer, leerer Raum, in den wir alle unsere Vorstellungen von perfekter Sch├Ânheit stellen k├Ânnen. Mit Ihrem Schleier erlauben Sie jedem Mann in der Bibliothek, in Ihnen seine ma├čgeschneiderte Vorstellung der idealen Sch├Ânheit zu sehen. Mit dem wenigen, was Sie von sich preisgeben, ist der gro├če Rest ein Opfer unserer Phantasie geworden.
Meine Phantasie? Nun, ich bin mir sicher, dass die goldbraun schimmernde Haut, die sich um Ihre Augen spannt, sich auch ├╝ber Ihren ganzen, jungen K├Ârper erstreckt. Ich schlie├če von den schwarzen Spitzen, die zuweilen unter Ihrem Kopftuch hervorlugen, dass Sie langes, kr├Ąftiges, schwarzes Haar haben, welches eng an Ihrer Kopfhaut liegt, und selbst im Mondschein noch auffallend gl├Ąnzt. Ihr mittelgro├čer, fester Jadebusen scheint aus Marmor geformt. Ihre H├╝fte und Ihre Beine legen Zeugnis von Ihrer Beweglichkeit ab, die jede orientalische Baucht├Ąnzerin vor Neid erblassen lie├če. Ihre nackten F├╝├če sind so geschickt und grazil wie Ihre H├Ąnde, die zeitweilig aus der Haut hervorstehenden ├äderchen schl├Ąngeln sich wie Schlangen um die soliden Knochen Ihrer Extremit├Ąten. Die Fingern├Ągel sind fein geschliffen, sie laufen nicht allzu spitz zu, und sind immer eingecremt. Das Erotischste an Ihnen aber ist ihr R├╝cken. Das linke und das rechte Schulterblatt scheinen beinahe in Ihre goldbraune Haut eingeschwei├čt, denn keine noch so kleine Bewegung Ihrer R├╝ckenmuskulatur bleibt unbeachtet im Innern Ihres K├Ârpers, sondern spiegelt sich in kleinen, wallenden Bewegungen auf der Haut, die sich entlang Ihrer Wirbels├Ąule erstreckt, wider. Die Feinheit Ihres R├╝ckens findet ihren perfekten Abschluss in einem Nacken, der jeden Vampir vor Verlangen in den Wahnsinn treiben k├Ânnte. Kurz gesagt, jede einzelne Faser, jeder einzelne Fleck, jede gr├Â├čere Fl├Ąche Ihrer Figur fordern zu der freiz├╝gigen und in Ihrer Gegenwart frivolen Verlautbarung folgenden Faktums auf: Sie sind sch├Ân. Ach, Sie sind sch├Ân.
Ihr Schleier ist ebenso eine Metapher f├╝r das Geheimnisvolle. Er l├Ąsst mich mit dem Gef├╝hl zur├╝ck, dass es mit Ihnen eine besondere Bewandtnis hat. In Ihnen sehe ich die Mystik einer Scheherezade oder die Unwirklichkeit einer Salammb├┤. Ihr verh├╝llter K├Ârper ist wie der Beginn einer Suche, die am Ende zu der L├Âsung des R├Ątsels f├╝hrt, das alle M├Ąnner besch├Ąftigt. Das R├Ątsel der Frau im Allgemeinen, das R├Ątsel, das jede sch├Âne Frau umgibt, die die M├Ąnner mit einer nachl├Ąssigen Handbewegung dazu zwingen kann, sich ihr zu unterwerfen. Die Sch├Ânheit, die ich in Ihnen zu erkennen glaube, l├Ąsst auch mich ohne jedes Z├Âgern, ohne jeden Zweifel zu der zugleich z├Ąrtlich und doch zerst├Ârerischen Zusage verleiten: Befehlen Sie ├╝ber mich!
Ach, ich k├Ânnte Ihnen tausendundeinen dieser Briefe schreiben, ohne es jemals m├╝de zu werden. Mich erregt allein der Gedanke, dass Sie meine Briefe vielleicht lesen. Und selbst, wenn ich w├╝sste, dass Sie meine Briefe nicht lesen, sondern nur voller Verachtung in den M├╝lleimer schmei├čen, so bin ich doch schon alleine deshalb begl├╝ckt, weil ich wei├č, dass Ihre und meine H├Ąnde dasselbe Papier ber├╝hrt haben. Jeder Kontakt zu Ihnen, und sei er noch so klein und erzwungen, gibt mir die Kraft, den n├Ąchsten Tag zu bestehen.
Ich bete zu Gott, dass Sie meine Briefe lesen.


DRITTER BRIEF

Wir Europ├Ąer haben die dumme Angewohnheit, alles, was wir nicht kennen, gleich als unser Gegenteil zu definieren. Wir ma├čen uns an, uns selbst als zivilisiert zu bezeichnen und tun uns im Gegenzug nicht schwer damit, alles uns Unbekannte als unzivilisiert abzutun. Und so ist in der Vorstellung der meisten Europ├Ąer der Orient das komplette Gegenteil des Okzidents. Und schon wenn wir sagen, dass dort, im Orient, alles anders sei, meinen wir eigentlich, dass dort alles so ist, wie es hier nicht ist. Wir Europ├Ąer m├╝ssen noch lernen, dass das Wort anders kein Synonym f├╝r gegenteilig ist. Erst dann werden wir aufh├Âren, uns selbst als sauber, und alles andere als schmutzig, uns selbst als kultiviert, und alles andere als unkultiviert, uns selbst als gut, und alles andere als b├Âse zu definieren. W├Ąhrend des Kolonialismus wurde die Welt in zwei H├Ąlften geteilt, eine Dichotomie, die wir heute, selbst im postkolonialen Zeitalter, noch beibehalten. In Wirklichkeit aber besteht diese Welt aus Kulturen mit flie├čenden ├ťberg├Ąngen.
Mein Orientbild ist leider rein textuell. Es erschlie├čt sich aus den Romanen von Flaubert, Nerval, T.E Lawrence, Chateubriand und Joseph Conrad. In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Reise in den Orient unternommen. Ich spreche kein Arabisch und habe auch keinen Kontakt zu in Deutschland lebenden Orientalen. Sie sehen also, dass die Mystik, die ich in Ihnen zu erkennen glaube, teilweise auch in meiner Unkenntnis begr├╝ndet liegt. Wenn ich Sie in der B├╝cherei sehe, dann wirken Sie auf mich so deplatziert. Ich befinde, dass Sie nicht hierher geh├Âren. Und ich stelle mir vor, was Sie dort getan haben, wo Sie herkommen. Ich sehe Sie dann auf einem Kamel durch ein Meer aus Sand reiten, wie Sie die Oase erreichen, und in dem zwischen Maulbeerb├Ąumen, Tamarisken, Akazien und Zypressen gelegenen Teich ein Bad nehmen. Ich sehe Sie in langen, flie├čenden Gew├Ąndern mit eingewobenen Goldstickereien, und ich sehe, wie Sie, einer Pharaonin gleich, Ihre Verehrer versto├čen. Ich sehe ein M├Ąrchen aus Tausendundeiner Nacht, Scheherezade, aber ich sehe dieses M├Ąrchen, und halte es f├╝r Realit├Ąt.
Ich habe mich mit meiner Frau gestritten. Wieder einmal. Es ist die Unf├Ąhigkeit, etwas sachlich diskutieren zu k├Ânnen. Diese Unf├Ąhigkeit hat sich in den letzten Jahren in unsere Ehe eingeschlichen. Wir schlafen nur noch selten miteinander, und merken beide an dieser unfreiwilligen Enthaltsamkeit, dass wir ├Ąlter werden. Dieses ├älterwerden macht uns beide unzufrieden, und wenn man nicht zufrieden mit sich selbst ist, kann man nur schwerlich mit den Leuten, die einen umgeben, zufrieden sein. Wenn ich mich nicht leiden kann, dann kann ich auch meine Frau nicht leiden, denn sie ist ja ein Teil des Ichs, das mir so verhasst ist. Und es ist zwar m├Âglich, sich in solchen Situationen einzureden, man habe allen Grund, gl├╝cklich und zufrieden zu sein, aber diese Selbst├╝berredung funktioniert nicht. Nein, wenn man vor sich selbst wegl├Ąuft, dann sollte man richtig weglaufen. Denn nur so kann man zu einem neuen Ich finden. Wer wei├č, vielleicht sind Sie mein neues Ich.
Ich verstehe ├╝brigens nicht ganz, warum Ihre beiden Freundinnen nur ein Kopftuch haben, das die Haare bedeckt, w├Ąhrend Sie ein Kopftuch und einen Schleier tragen, der nur Ihre Augen entbl├Â├čt. Auch kleiden sich Ihre beiden Freundinnen viel westlicher, sie tragen bunte Gew├Ąnder, italienische Stiefel oder manchmal sogar amerikanische Jeans. Sie aber sind immer in das gleiche Gewand geh├╝llt, ein schwarzes Ornat mit einem roten Umhang. Ich deute es so, dass Sie, im Gegensatz zu Ihren Freundinnen, eine wahre ├ägypterin sind, die sich von der Klimbim- und Konsumgesellschaft der westlichen Welt unbeeindruckt zeigt. Sie scheinen mehr als Ihre Freundinnen mit ihrem Stammland verwurzelt, Sie scheinen sich Ihrer Tradition viel bewusster zu sein, und ich schlie├če darauf, dass Sie aus einer stolzen Familie stammen, die sich ihrer langen Geschichte bewusst ist. Ich gehe sogar so weit zu glauben, dass Sie vielleicht ein direkter Nachfahre der K├Ânigin Hatschepsut sind. Ich wei├č, das ist albern.
Jetzt sehe ich Sie schon seit Wochen Tag f├╝r Tag, und dennoch verblasst mein Interesse an Ihnen nicht. Im Gegenteil, es wird von Tag zu Tag st├Ąrker. In meinem Schreibtisch liegen haufenweise flammende Liebesbriefe, die alle die Sch├Ânheit unter Ihrem Gewand preisen, beziehungsweise die Sch├Ânheit, die ich darunter vermute. Ach, es w├Ąre doch etwas, wenn ich ein einziges Mal den Schleier l├╝ften, Ihre zarte Haut darunter ber├╝hren k├Ânnte. Es g├Ąbe mir so viel. Es w├╝rde wahrscheinlich der Erl├Âsung von allen irdischen Qualen gleichkommen. Durch die Ber├╝hrung Ihrer Haut w├╝rde meine Bewunderung f├╝r alles Orientalische einen unglaublichen Schub erfahren, einen Elan, der Berge versetzen kann.
Ach, Sie m├╝ssen sch├Ân sein.


VIERTER BRIEF

Entsetzt war ich von der Tatsache, dass Sie heute nicht in der Bibliothek waren. Ihre Abwesenheit erzeugte in mir einen Kreislauf der Schw├Ąche, der sich bis jetzt noch fortsetzt. Nur mit M├╝he und Not gelingt es mir, den F├╝ller in die Hand zu nehmen und Ihnen zu schreiben. Abgesehen vom Kreislauf der Schw├Ąche dreht auch ein Kreislauf, oder vielmehr ein Karussell der Fragen lustig seine Runden in meinem Kopf. Ich frage mich, ob Ihre Abwesenheit vielleicht etwas mit meinen Briefen zu tun haben mag. Ich habe die Abschriften meiner drei Briefe wieder und wieder durchgelesen, und ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass Sie mich f├╝r einen kleinen Psychopathen halten, der Ihnen nachstellt. Ich kann Ihnen jedoch nur noch einmal versichern, dass meine Absichten Ihnen gegen├╝ber von der lautersten und ehrenhaftesten Natur sind.
Sie k├Ânnen mir glauben, dass ich, obwohl ich ein Westeurop├Ąer bin, Sie, obwohl Sie aus dem Orient kommen, nicht f├╝r minderwertig halte. Ich bin nicht einer dieser Westeurop├Ąer, von denen Sie vielleicht geh├Ârt haben, die in Thailand oder sonst wo den dortigen Frauen eine sch├Ânes Leben in Germany versprechen. Ich bin keiner dieser bierb├Ąuchigen Maurer, die von ihrem m├╝hsam ersparten Geld in den Orient reisen, und sich dort in einem Katalog eine kleine Orientalin erwerben, deren wundersch├Âne, zierliche K├Ârper sie dann zur Abreagierung ihres brutalen Geschlechtstriebs missbrauchen. Ich habe im Gegenteil die gr├Â├čte Hochachtung f├╝r Sie und Ihre V├Âlker, und wenn ich an die Geschichte des Kolonialismus denke, dann erf├╝llen mich die Taten meiner Ahnen und Urahnen mit gr├Â├čter Scham. Auch wenn es die Briten waren, die sich im 19. Jahrhundert Ihr Land Untertan machten, so sehe ich mich dennoch als Deutscher in einer Linie mit diesem Feind, den Sie und alle anderen V├Âlker, seien es die Indianer in Amerika oder die Zulu und Xhosa in S├╝dafrika, als den wei├čen Mann bek├Ąmpften. Ich habe ├╝berdies die gr├Â├čte Hochachtung f├╝r den glorreichen K├Ąmpfer Mohammed Ahmed ibn Saijid Abd Allah, der 1885 die Briten bei Khartum vernichtend schlug. Ich denke, er hatte jedes Recht, damals die muslimischen Sudanesen aufzufordern, mit ihm in den Befreiungskampf gegen das Joch der kolonialen Herrschaft und Unterdr├╝ckung zu ziehen. Sein Jihad, ungleich den heutigen, war ein gerechter und wahrhaft heiliger Krieg. Und wenn Sie mich fragen, dann h├Ątte diese gewonnene Schlacht bei Khartum ein erster Schritt der Kolonien, Protektorate, Mandatsgebiete und Dominions sein m├╝ssen, um sich auf der ganzen Welt zu vereinen, und um den Briten, den Franzosen, den Spaniern, den Portugiesen und auch den Deutschen und Belgiern dasselbe Joch aufzuzwingen, das sie selber solange ertragen hatten. Ich bin sicher, es w├Ąre eine gerechtere Welt, wenn die orientalische Kultur heute der Welt als Leitkultur dienen w├╝rde, und nicht unsere traditionslose und blutige Westkultur. Manchmal denke ich an die Jahrhunderte der Unterdr├╝ckung, die der Kolonialismus mit sich gebracht hat, und dann kann ich mich ├╝ber den Zustand der heutigen Welt nicht mehr wundern.
Aber lassen wir das. Sie haben mir heute gefehlt. Immer und immer wieder schwang mein Kopf zu der Glast├╝r, durch die Sie f├╝r gew├Âhnlich in den Lesesaal treten, doch Sie kamen nicht. Und obwohl der Lesesaal wie ├╝blich voller Menschen war, kam er mir leer vor. Denn nur Sie haben die Grazie, die Anmut und die Sch├Ânheit, die einen Raum zu f├╝llen vermag. Nur Sie haben die Kraft, meinen sinnlosen Tagen des unerm├╝dlichen Selbststudiums einen Sinn zu geben. Jeden Tag stehe ich auf, in der Hoffnung, Sie zu schauen. Jeden Tag nenne ich nur dann einen Tag, wenn ich Sie sehen kann, wenn ich Ihre Anwesenheit sp├╝ren kann. Alle anderen Tage sind nichts weiter als von fahlem Sonnenlicht gegei├čelte N├Ąchte. Sie sind meine Sonne. Sie sind die sterngleich strahlende, streuungslose Sonne der Sorglosigkeit, die sanft und sch├Ân mit dem S├Ąuseln einer Sirene in den Sedimenten meines kranken und kalten Gehirns niedersinkt, um mit ihrer Kraft ein Segel der Hoffnung zu setzen. Mit einer Serenade der Sonne, oh sch├Ânste Serenissima, sorgen Sie f├╝r das Verstummen meiner Sonette der Sehnsucht.
Da ich wei├č, wo Sie wohnen, bin ich sp├Ąt abends noch zu Ihrem Haus gefahren. Ich habe ungef├Ąhr eine Stunde lang versucht, Sie in den erleuchteten Zimmern des dritten Stocks auszumachen, aber ich sah immerzu nur Ihre Silhouette, die schwarz ├╝ber die Wellen Ihrer Gardinen ritt. Ich wei├č nicht einmal, ob es wirklich Ihre Silhouette war, aber der Gedanke, dass Sie es gewesen sein k├Ânnten, erregt mich jetzt. Finden Sie nicht auch, dass dies ein ungemein intimer Moment zwischen uns war, wenn Sie es denn wirklich waren?
Ich bitte Sie inst├Ąndig, kommen Sie morgen wieder in die Bibliothek. Es bedeutet mir so viel.


F├ťNFTER BRIEF

Mein Herz versank in der tiefsten Finsternis, als ich Sie gestern sah. F├╝r einen langen Moment legte sich die Dunkelheit wie ein Schleier ├╝ber das sonst so stark pulsierende Organ und brachte es aus seinem Rhythmus. Ich sah Sie und sah Sie doch nicht. Ich sah etwas, von dem ich glaubte, dass ich es nicht sehen solle, und glaubte f├╝r kurze Zeit, Sie zu sch├Ąnden. Ein Impuls gebot mir, auf Sie zu zu rennen und mich sch├╝tzend ├╝ber Sie zu werfen. Ich folgte diesem Impuls nur deshalb nicht, weil gleich darauf ein L├Ąhmen einsetzte, das nicht nur meinen Kiefer herunterklappen, sondern auch meine Glieder erstarren lie├č. Die anderen M├Ąnner im Lesesaal bemerkten die Ver├Ąnderung an Ihnen ebenso wie ich. Ihre Augen verrieten denselben Verlust von Kontrolle, der auch mich ├╝bermannte. Ein Dutzend ungl├Ąubiger Augenpaare schaute ehrf├╝rchtig und entsetzt zu, wie Sie den Gang zu ihrem Tisch abschritten. Verstohlene Blicke von schwachen M├Ąnnern trafen Ihre Augen, und diesmal nicht nur Ihre Augen. Wir alle sahen zum ersten Mal Ihr Gesicht.
Sicherlich wird es bei diesem einen Mal bleiben. Ich kann mir es nur so erkl├Ąren, dass Sie unachtsam waren. Sind Sie so betroffen von meinen Briefen, dass Sie sich nicht mehr an Ihre Pflicht erinnern? Versetzen meine Briefe Sie in einen derartigen Aufruhr, dass Sie vergessen, Ihr Gesicht zu verh├╝llen? Besch├Ąme ich Sie auf eine Weise mit meinen Briefen, dass Sie mir diese Scham zeigen wollen?
Ich habe Ihr Gesicht gesehen. Obwohl ich es nur f├╝r einen Moment sah (jener von mir gesch├Ątzte, kurze Moment, in dem Sie an mir vor├╝bergingen, ohne mich zu sehen), brannten sich die Einzelheiten dennoch in mein fotographisches Ged├Ąchtnis ein. Und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, muss ich doch sagen, dass die Magie ihrer Augen sich in den Weiten Ihres Gesichts verliert. W├Ąhrend Ihr Schleier bisher nur die Betrachtung Ihrer Augen gew├Ąhrte, und sich deshalb die Konzentration auf dieses einzelne Sinnesorgan beschr├Ąnkte, war meinen Augen diesmal die Kontemplation Ihres ganzen Gesichtes erlaubt. Doch die von mir erwartete exponentielle Steigerung des Sehgenusses blieb aus. Ich will keineswegs sagen, dass Ihr Gesicht nicht sch├Ân ist. Es ist nur so, dass ich den Schleier, den Sie bisher ├╝ber Ihrem Gesicht trugen, als ein Zeichen f├╝r Ihre g├Âttliche Sch├Ânheit sah. Ich glaubte zu wissen, dass Sie deshalb einen Schleier tragen, weil Ihre Sch├Ânheit nichts Menschliches mehr hat, und deshalb f├╝r das gew├Âhnliche Menschenauge zu stark ist. Ich vermutete unter Ihrem Schleier ein Gesicht, dessen Anmut sich meiner Vorstellungskraft entzieht, ein Gesicht, das mit den ├╝blichen sprachlichen Attributen und Parametern nicht zu beschreiben ist. Stattdessen sah ich ein beschreibbares Gesicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Sie sind sehr sch├Ân. Sie haben ein feine, zierliche Nase, rosige Wangen, die sich trotz Ihres goldbraunen Teints zu pr├Ąsentieren wissen, und einen sinnlichen Mund. Keiner der anwesenden M├Ąnner schien von Ihrem Anblick entt├Ąuscht, im Gegenteil, sie freuten sich, Sie einmal unverh├╝llt schauen zu d├╝rfen. Nur ich hatte, ich gestehe es, mehr erwartet. Ihr Schleier hatte mich zu der Vermutung veranlasst, dass Ihrem Gesicht ein Geheimnis innewohnt, dass Ihr Gesicht ein mythisches Mysterium ist, dessen marmorne Merkmale nur der betrachten darf, der dieser unm├Âglich minderwertigen Menschheit meilenweit voraus ist. Ich glaubte, dass Sie ein Gesicht haben, das wir schon deshalb nicht sehen d├╝rfen, weil wir sterblich sind.
Ich habe mich geirrt. Durch Ihre gestrige Enth├╝llung haben Sie f├╝r mich an Reiz verloren. All die Sch├Ânheit, die ich bei meiner Frau vermisse, konnte ich bis gestern in Sie hinein projizieren. All die Sch├Ânheit, die in meiner Phantasie ihr Ideal findet, hatte Platz in dem Geheimnis, das Sie um Ihre Erscheinung machten. Sie haben durch Ihre freiwillige Enth├╝llung meiner Phantasie einen wenn nicht t├Âdlichen, so doch erheblichen Schmerz zugef├╝gt. Denn wenn meine Phantasie Ihren K├Ârper bis gestern noch komplett (mit Ausnahme der Augen, nat├╝rlich) nach meinen Idealvorstellungen erschaffen konnte, so bleibt ihr nach dem heutigen Tag nur noch der K├Ârper ohne das Gesicht. Sie haben mich durch das Zeigen Ihres Gesichtes einer Phantasie beraubt, in die ich verliebt war.
Ich bitte Sie inst├Ąndig: Wenn Sie morgen in die Bibliothek kommen, dann kommen Sie verh├╝llt. Noch ist es nicht zu sp├Ąt. Noch k├Ânnen Sie meine Entt├Ąuschung von gestern schm├Ąlern, indem Sie wieder vollst├Ąndig verh├╝llt erscheinen. Bewahren Sie Ihre Keuschheit. Merken Sie denn nicht, dass das Zeigen Ihres Gesichtes einer Profanierung gleichkommt? Ist Ihnen nicht bewusst, dass es Ihr Antlitz entweiht? Wenn Sie weiterhin Ihr Gesicht zeigen, stellen Sie sich doch auf eine Stufe mit den europ├Ąischen Dirnen, die aufreizend und kokettierend durch die Gegend spazieren. Ihre Verh├╝llung ist auch ein Schutzmantel, der Sie vor der Gier und Lust der M├Ąnner bewahrt. Denken Sie immer daran!


SECHSTER BRIEF

Nein! Nein! Nein, Nein, Nein, Nein! So geht das nicht. Ich wei├č, was Sie vorhaben, aber das k├Ânnen Sie nicht tun. Sie werden mir zuliebe wieder zur Ausgangsposition zur├╝ckkehren. Sonst werde ich b├Âse, und glauben Sie mir, ich kann sehr ungem├╝tlich werden, wenn ich b├Âse bin. Sie wissen genau, dass Ihr Auftritt heute in der Bibliothek der reinste Affront war. Sie verraten nicht nur mich, Sie verraten auch uns beide, Ihre Religion, Ihre Heimat und Ihre Weiblichkeit. Sie k├Ânnen nicht einfach all das, wof├╝r Ihre Eltern, Gro├čeltern und Ahnen Jahrhunderte lang gek├Ąmpft haben, mit einem Streich einfach so aufgeben. Sie k├Ânnen sich nicht einfach Ihrer Geschichte entledigen, indem Sie in einem solchen Aufzug erscheinen. Wenn Sie so weitermachen, dann werden die Imperialisten gewinnen. Verstehen Sie nicht? Der Westen, Europa, das sind nicht Sie. Sie sind der Orient, Sie sind ├ägypten, also verhalten sie sich auch dementsprechend. Wollen Sie, dass die gewinnen? Wollen Sie das? Was ist mit Napoleons Schlacht an den Pyramiden, als er die mamelukischen Truppen vernichtend schlug? Was ist mit 1811, dem Massaker in der Zitadelle von Kairo? Was ist mit dem Verr├Ąter an Ihrem Volk, mit Mehmed Ali? Was ist mit dem niedergeworfenen Urabi Aufstand 1880? Was ist mit der Erinnerung an die Vergewaltigung Ihres Landes durch die britischen und franz├Âsischen Imperialisten? Haben Sie das vergessen, oder hat man Ihnen nie davon erz├Ąhlt? Wenn Sie es n├Ąmlich w├╝ssten, dann w├╝rden Sie sich nicht so schamlos verhalten, wie Sie es heute in der Bibliothek getan haben.
Gut, ich beruhige mich. Sicherlich sind Sie alt genug, um selbst zu entscheiden, was gut f├╝r Sie ist und was nicht. Aber glauben Sie nicht auch, dass Ihre Eltern sehr ungl├╝cklich w├Ąren, wenn sie erf├╝hren, wie Europa Sie ver├Ąndert? Glauben Sie nicht auch, dass Ihre Mutter bitterlich weinen w├╝rde, wenn Sie sie in einem solchen Aufzug s├Ąhe, und dass Ihr Vater aufh├Âren w├╝rde, mit Stolz von seiner Tochter zu sprechen? Bis vor kurzem war Ihre Keuschheit, Ihre Unber├╝hrbarkeit das gr├Â├čte Gut, was Sie besa├čen. Die Unnahbarkeit, die der Schleier Ihnen verlieh, machte Sie zu der begehrenswertesten Frau in der Bibliothek. Jeder der anwesenden M├Ąnner hatte mehr Respekt vor Ihnen als vor den teilweise aufreizend gekleideten Deutschen, die ihr blondes Haar ├╝ber die Schulter werfen, mit den Augen klimpern und auf hohen Abs├Ątzen ├╝ber den Teppich staksen. Diese deutschen Frauen tragen ihre Sch├Ânheit zur Schau, sie betonen sie und bringen sie mit Schminke zur Geltung. Sie verk├╝nden damit marktschreierisch ihren Verkaufswert, und bieten sich und ihren K├Ârper feil. Auch wenn diese Frauen es sich nicht eingestehen, so trennt sie doch wenig von den Huren, ├╝ber die sie so gerne abf├Ąllig reden.
Sie waren von Anfang an anders. Sie verh├╝llten das, was die deutschen Frauen penetrant sichtbar machen, und Sie zeigten durch diese Verschleierung mehr als die deutschen Frauen durch ihr aufreizendes Gehabe zu verh├╝llen suchen. Sie zeigten, dass Sie eine untadelige, reine, makellose und pure Frau sind, die sich selbst geh├Ârt und niemandem sonst.
Um Ihnen die Bedeutung der Jungfr├Ąulichkeit einmal n├Ąher zu bringen, will ich Ihnen von meiner Frau erz├Ąhlen, die ich, wie bereits gesagt, immer noch liebe. Doch hat sich diese Liebe vollkommen ver├Ąndert, nachdem ich das erste Mal mit ihr geschlafen habe. Vor dem ersten Koitus war es eine k├Ârperliche und sinnliche Liebe gewesen. Der Anblick ihres K├Ârpers brachte meine S├Ąfte in Wallung, und mit dem Brodeln dieser S├Ąfte ging eine sinnliche Erfahrung einher, die die z├Ąhe und zerm├╝rbende Alltagswelt in ein goldenes Paradies der Erregung transformierte. Ich sah nicht alles durch die rosarote Brille, wie man sagt, sondern ich sah eine Welt, die durch ihre Existenz eine Aufwertung erfahren hatte. Meine Frau machte durch ihr Dasein aus meiner bis dato f├╝r verkommen und armselig gehaltenen Welt eine Welt, die g├Âttlichen Charakter hatte. Meine Frau hatte die Kraft, der Geschichte der Menschheit eine Daseinsberechtigung zu geben. Mit ihrer Sch├Ânheit erkl├Ąrte sie graues Regenwetter, sie erkl├Ąrte Kriege, Hungersn├Âte, menschliche Verkommenheit und irdische Banalit├Ąt. Sie wog diese negativen Dinge mit ihrer Sch├Ânheit auf. All diese h├Ąsslichen Dinge, so glaubte ich, existierten allein aus dem Grund, die Sch├Ânheit meiner Frau messbar zu machen. Nur weil es das H├Ąssliche gab, konnte ich auch die Sch├Ânheit meiner Frau erkennen. Genauso k├Ânnen wir uns nur dann ein Bild vom Himmel machen, wenn wir auch das Bild der H├Âlle kennen. Yin und Yang, Sie verstehen?
Doch nachdem ich das erste Mal mit ihr geschlafen hatte, war der Glanz ab. Und je mehr ich dar├╝ber nachdenke, desto st├Ąrker gelange ich zu der ├ťberzeugung, dass ich mit meinen tierischen Trieben diese Frau beschmutzt habe. Und wenn Sie sich nun in ihrer westlichen, wenig verh├╝llenden Kleidung den M├Ąnnern der Bibliothek zeigen, dann erlauben Sie ihnen das Schwelgen in schmutzigen Phantasien. Und der Schmutz dieser Phantasien, das m├╝ssen Sie doch verstehen, wird schlie├člich auch auf Sie abf├Ąrben. Deswegen m├╝ssen Sie sich bedecken. Sie d├╝rfen sich nicht entbl├Â├čen.


SIEBTER BRIEF

Sie haben gewonnen. Ich gebe auf. Wenn es Ihr Ziel war, mich durch Ihre Europ├Ąisierung von meiner Obsession abzubringen, dann ist Ihnen das gelungen. Sie haben so ziemlich alles von sich gezeigt, und mich meiner Phantasie beraubt. Jetzt muss und darf ich mir nicht mehr vorstellen, wie Sie wohl ohne den Schleier aussehen, jetzt wei├č ich es. Jetzt mache ich mir keine Illusionen mehr ├╝ber die Form Ihrer Br├╝ste, die Farbe Ihrer Haut, die Muskulatur Ihrer Beine, denn jetzt habe ich mehr als nur eine Ahnung von der Beschaffenheit dieser K├Ârperteile. Im Grunde muss ich mir selber Vorw├╝rfe machen, denn Sie waren von meiner Obsession peinlich ber├╝hrt, und sahen keinen anderen Ausweg als die Entbl├Â├čung. Sie haben den Preis bezahlt, und Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ich finde Sie nicht mehr g├Âttlich. Sie sind sch├Ân, ja, aber auf eine profane Weise. Sie unterscheiden sich nun nicht mehr von den deutschen ├ägypterinnen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Von der Exotik Ihrer Person ist nichts mehr ├╝brig geblieben, Sie haben nichts mehr gemein mit der Frau, die ich vor ├╝ber zwei Monaten zum ersten Mal durch die T├╝r des Lesesaals schreiten sah. Sie sind keine Scheherezade, keine Salammb├┤, nein, Sie sind eine Austauschstudentin ├Ągyptischer Nationalit├Ąt mit einem zeitlich begrenzten Visum, einer Sozialversicherungsnummer und einem Auslandskrankenschein.
Obwohl ich von Anfang an wusste, dass Sie nur eine meiner Phantasien sind, war ich doch in diese Phantasie verliebt. Wenn man das Leben auf dieser Seite der Erde so in- und auswendig kennt wie ich, dann bleibt nur noch die (wenn auch imagin├Ąre) Flucht auf die andere Seite. Das Leben in ├ägypten, die Menschen dort waren von meinem Leben so weit entfernt wie der Mond. Ich konnte alles in diesem Land sehen: Meine Heilung, mein neues Leben, meine Abenteuerlust, meinen Willen zur Flucht vor mir selbst.
Was bleibt? Was bleibt mir jetzt, nach der Flucht, die Sie sein sollten. Nun, mir bleibt meine deutsche Frau, mir bleiben meine deutschen Kinder. Mir bleiben die verregneten Tage im Herbst, das Bier in der Stammkneipe, meine Arbeit im heruntergekommenen Institut. Mir bleibt das Leben, welches ich so genau kenne, dass ich aufgeh├Ârt habe, es zu betrachten. Ich sehe die Welt, in der ich lebe, nicht mehr wirklich; ich sehe nur noch Zeichen, die mich zu denselben Automatismen verleiten, denen ich mich jetzt schon ├╝ber f├╝nfzig Jahre ausgesetzt sehe. Ich sp├╝re nur noch Impulse und Reflexe, die mich zu Taten veranlassen, die ich so oder ├Ąhnlich schon einmal getan habe. In der Festgefahrenheit meiner Existenz ist jedes Ausweichen auf andere Pfade schon im Vornherein zum Scheitern verurteilt, da ich auf keiner anderen als meiner eigenen Stra├če fahren kann.
Ich w├╝nsche Ihnen alles Gute. Dieses war mein letzter Brief. Ich glaube, es ist an der Zeit, mich zu entschuldigen. Ich hatte keineswegs die Absicht, Sie zu bel├Ąstigen. Ich war vielmehr von dem Willen beseelt, etwas Neuartiges erleben zu wollen. Und ich muss Ihnen, trotz des f├╝r mich ungl├╝cklichen Ausgangs, danken. Denn f├╝r die letzten zwei Monate war mein Leben aufregender als sonst, und diese Aufregung verdanke ich Ihnen. Sie haben mein Gef├╝hlsleben ein wenig durcheinander gebracht, und mich f├╝r eine Weile die allt├Ąglichen Probleme vergessen lassen. F├╝r eine kurze Zeit konnte ich in Gedanken ein anderes Leben f├╝hren, und diese Andersartigkeit macht mir die Realit├Ąt nun um einiges ertr├Ąglicher. Ich werde in Gedanken immer auf unsere 'Aff├Ąre' zur├╝ckblicken, und das wird mich glauben lassen, dass ich etwas Besonderes erlebt habe.
Ich w├╝nsche Ihnen alles Gute. Ich w├╝nsche Ihnen eine gute Heimreise (das Austauschprogramm endet ja, wenn ich mich nicht irre, in zwei Wochen), und hoffe, dass Sie Deutschland ein wenig kennen gelernt haben. Wer wei├č, vielleicht kommen Sie einmal wieder, und vielleicht werden Sie dann an diesen 'alten Sack' denken, der Ihnen bei Ihrem ersten Deutschlandaufenthalt diese bizarren Briefe geschrieben hat. Vielleicht werden Sie diese Episode Ihres Lebens dann mit einem L├Ącheln quittieren und mir verzeihen k├Ânnen. Es war keineswegs meine Absicht, Sie zu irgendwelchen Dingen zu zwingen, die Sie nicht wollten. Ich war vielmehr ein Egoist, der sich einer exotischen Frau, die er nicht kannte, aufgedr├Ąngt hat, um eine Intimit├Ąt zu schaffen, die nur einseitig motiviert war. Auch wenn ich gerne w├╝sste, wie Sie ├╝ber diese ganze Sache denken, ziehe ich es dennoch vor, wieder in die Anonymit├Ąt zur├╝ck zu kehren, aus der ich so pl├Âtzlich aufgetaucht bin.
Ein letztes Adieu, und machen Sie es gut.

T.W.


Version vom 10. 09. 2015 18:30

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

Angesichts der Gebr├Ąuche in der Leselupe ist die Einordung unter "Kurzgeschichte" geradezu ein Bonus-Satire-Material.

In Leselupe muss so etwas unter "Erz├Ąhlung" - und dann wird es gleich viel weniger geklickt. Aber das ist im Grunde egal, da es von denen, die es bei Kurzgeschichte geklickt haben, mehr oder weniger auch keiner vollst├Ąndig gelesen hat bzw. lesen wird.

Es muss einen Graphomanen, insbesondere wenn er so perfekt in seiner Arbeit ist, auf Dauer schon ziemlich verwundern, wenn die Leute seine Werke einfach nicht lieben. (Hier auch nur einen einzige Wertung bisher und zwar eine Sechs, was nicht Liebe ist.) Aber dann kann man die Sache auch mal so ansehen: Es gibt auch den Herrn Daniel Glattauer und all seine virtuos geschriebenen Romane und die braucht wirklich auch kein Schwein. Leider hat er das Gl├╝ck, sie werden gekauft, und du hast es nicht, aber sei getr├Âstet, du bist in etwa so gut als Schriftsteller und auch so unn├Âtig mit deiner Literatur wie er mit der seinen.

Und f├╝r den Perfektionisten in dir: Chateaubriand, nicht Chateubriand.

Bearbeiten/Löschen    


6 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung