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Leselupe.de > Science Fiction
Sieg der Vernunft
Eingestellt am 25. 06. 2004 16:44


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Heinz
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Sieg der Vernunft (Mensch Morgen)

SIEG DER VERNUNFT

© H. B. Bavendiek ( 1980 )

Heute:

"Martin, holst du Ludwig zum Essen herein?" ruft die Mutter aus dem Nebenzimmer. "Der spielt im Garten."
MĂŒrrisch legt der Ehemann die Zeitung weg und nimmt die Pfeife aus dem Mund. Dann steht er auf und geht zur TĂŒr. Das erste, was er sieht, als er die TĂŒr öffnet, sind die qualmenden Schornsteine der Fabrik.
Der kleine Junge sitzt im Garten und starrt auf einen MaulwurfshĂŒgel. Er spielt nicht damit oder stochert darin herum, er starrt ihn nur an. Verwundert ĂŒber das seltsame Verhalten seines Jungen geht der Vater zu ihm hinĂŒber.
"Was machst du denn hier?" fragt er.
Der Junge blickt hoch als hÀtte er seinen Vater erst jetzt bemerkt.
"Ich habe zwei Ameisen gefangen, Vati." Der Mann bĂŒckt sich und sieht in der Mitte des HĂŒgels zwei Ameisen, die sich bemĂŒhen, aus einem Loch herauszuklettern. Das gelingt ihnen aber nicht, da immer Erde nachrutscht.
"Was willst du denn mit denen anfangen?"
"Ich weiß nicht. Ich beobachte sie nur."
Einige Sekunden sitzen beide vor dem Erdhaufen und beobachten die kleinen Tiere. Dann fragt der Junge:
"Vati, was unterscheidet uns Menschen eigentlich von den Tieren?"
Der Mann schaut seinen Jungen ĂŒberrascht an.
"Was uns von den Tieren unterscheidet? Hm, ich glaube, es ist die Vernunft. "
"Und was ist Vernunft?"
„Vernunft ist die FĂ€higkeit, die Dinge im Leben logisch und sachlich und ohne GefĂŒhlsduselei zu betrachten!" sagt der Mann sofort.

Morgen:

"Nun seid doch vernĂŒnftig", sagt der Polizist zu den Demonstranten. "Hier wird das Atomkraftwerk gebaut und damit basta. Ihr paar Leute könnt ohnehin nichts gegen den Staat ausrichten. Wozu also die ganze Aufregung?"
"Wozu?" meldet sich ein Sprecher der Demonstranten wĂŒtend. "Damit unsere Kinder in Zukunft in einer sauberen Welt leben können."
BeifÀlliges Gemurmel aus den hinteren Reihen ist zu hören.
„Leute, die Diskussionen ĂŒber die Umweltfreundlichkeit der Kernkraftwerke sind seit 15 Jahren beendet. Das bißchen RadioaktivitĂ€t, das den Meilern entweicht, kann uns erwiesenermaßen nicht schaden. Seid also vernĂŒnftig und fĂŒgt euch."

Übermorgen:

"Ist das wieder ein mieses Wetter heute", sagt der junge Mann zu seinem Vater und nimmt den Atemfilter ab.
Der alte Mann sitzt in seinem Sessel und raucht eine Pfeife.
"Mach bitte die TĂŒr wieder richtig zu", sagt er. "Es wird so schnell kalt hier drinnen." „Draußen ist es nur noch 2 Grad Celsius. Und das mitten im August."
Der alte Mann lÀchelt bitter.
"Ja, mein Junge. In meinen jungen Tagen habe ich die Sonne noch manchmal gesehen. Sie war so hell und so warm, daß ich mich noch heute genau an diese Augenblicke erinnern kann. Es war in den Tagen kurz bevor der Flugverkehr endgĂŒltig eingestellt wurde."
"Ja", sagt der junge Mann. "Das ist schon sehr lange her. Die heutigen Magnetschwebebahnen werden zwar nicht durch den Nebel behindert, aber sie können auch nicht ĂŒber den Wolken fliegen, wo man die Sonne noch sehen kann."
Einige Sekunden sitzen beide schweigend imRaum.
"DafĂŒr haben sie auch fossile Rohstoffe verbraucht", beginnt der junge Mann das GesprĂ€ch wieder. "Ich habe die neuesten Zahlen gelesen. Demnach ist der Erdölverbrauch in den letzten 2 Jahren ĂŒberhaupt nicht mehr gestiegen. Ist das nicht großartig?"
„Und wie lange reichen die VorrĂ€te noch?"
"Noch ungefĂ€hr 3 Jahre. Aber man glaubt, bis dahin etwas Neues gefunden zu haben. Es sitzen ja kluge und vernĂŒnftige MĂ€nner an der Spitze unserer Regierung."

Noch spÀter:

"Herr PrĂ€sident, wir sehen uns nicht mehr in der Lage, unsere Aufgaben zu erfĂŒllen", sagt einer der drei Wissenschaftler zum PrĂ€sidenten der Globalregierung.
"So", reagierte dieser aufgebracht. "Und mit welchen GrĂŒnden kommen Sie diesmal zu mir?"
"Uns fehlen ganz einfach die Grundstoffe. Die riesigen chemischen Luftfilter verbrauchen Unmengen von Rohstoffen. Da die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen durch die dichte Dunstglocke um den Planeten fast zum Erliegen gekommen ist, mĂŒssen wir auf fossile Brennstoffe zurĂŒckgreifen. Bei diesem titanischen Erdölpreis kann sich die Weltregierung einen Verbrauch von 100 Litern pro Tag aber nicht lĂ€nger erlauben. Und wenn man uns den Ölhahn zudreht, gerĂ€t die Verschmutzung der ErdatmosphĂ€re ins Unermeßliche. Und dann wird der Tag kommen, wo unsere eigene AtmosphĂ€re fĂŒr den Menschen reines Gift ist."
"Nun ĂŒbertreiben Sie mal nicht", versuchte der PrĂ€sident abzuwiegeln. "Die Industrieproduktion ist in den letzten 4 Jahren um 32 % gesunken. Also muß die Verschmutzung doch auch weniger geworden sein."
"Das stimmt schon, doch der Rest der Industrien reicht aus, um die AtmosphÀre weiter zu vergiften." Der PrÀsident sieht die drei Wissenschaftler ernst an.
"Und was schlagen Sie vor?" fragt er dann.
Der Sprecher schluckt nervös.
"Es gibt nur eine Möglichkeit, den Ölverbrauch auf 0,35 l pro Tag zu senken. Eine andere Lösung wĂ€re zu teuer. Wir breiten ĂŒber jede Großstadt einen Energieschirm aus, der die giftigen Gase abweist. Dann brauchen wir nur noch die Atemluft innerhalb der Stadt zu regenerieren."
"Und was wird mit den wenigen Dörfern außerhalb der Stadt?"
"Die wenigen Dorfbewohner, die es noch gibt, mĂŒssen natĂŒrlich auch in die Stadt ziehen. Die Unterkellerung der StĂ€dte ist weit fortgeschritten. Es ist genug Platz vorhanden. Es ist die einzige Möglichkeit, die uns noch geblieben ist. Ich hoffe, die Menschheit ist vernĂŒnftig genug, um das einzusehen."


Noch spÀter:

Es ist 20 Uhr. Geesan Koon realisierte den Connect zur VR-Schnittstelle seines Intercoms. Im allgemeinen interessiert er sich nicht sonderlich fĂŒr die Geschehnisse außerhalb der Stadt. Doch diesmal war etwas Besonderes geschehen. Etwas, das es noch nie gegeben hatte, soweit die Menschheit zurĂŒckdenken konnte. Eine Stadt war eingestĂŒrzt.
„Guten Abend, geschĂ€tzte Arbeiter", begann der Nachrichtensprecher. Bilder des VR-Generators durchfluteten den Geist des Zuschauers und ließen ihn die Geschehnisse nachempfinden.
"Gestern Nacht gegen 2 Uhr gab es auf dem nordamerikanischen Kontinent ein schweres Erdbeben nie gekannter StĂ€rke, das beide StĂ€dte dieses Erdteils schwer erschĂŒtterte. Der gesamte New-York-Distrikt wurde fast völlig verwĂŒstet. Nach ersten SchĂ€tzungen sind mehrere Milliarden Menschen dabei umgekommen. Der Großteil der Bevölkerung ist aus der Stadt geflĂŒchtet. Ohne Nahrungs- und SauerstoffvorrĂ€te haben sie jedoch in der lebensfeindlichen Wildnis keine Überlebenschancen.
Die Ursache der Katastrophe liegt nach den bisherigen Ergebnissen an dem Energieversorgungssystem. Wie allen Arbeitern bekannt ist, wird durch das Anzapfen der heißen Magmaschichten im Innern der Erde die Energieversorgung der einzelnen StĂ€dte gesichert. Seit Menschengedenken hat dieses Verfahren zur Energiegewinnung problemlos funktioniert. Nun jedoch hat sich das Erdinnere langsam abgekĂŒhlt und zusammengezogen. Das hat dann zu Spannungen innerhalb der Erdkruste gefĂŒhrt, die sich jetzt auf dem nordamerikanischen Kontinent entladen haben.
Heute Nachmittag um 14 Uhr wurden konsequent alle Energieanlagen, die auf der Basis der ErdwĂ€rme arbeiten, deaktiviert. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben die alten Fusionsmeiler die Energieversorgung sichergestellt, doch deren Schwerwasserstoff-Reserven reichen höchstens noch 140 Tage. Was danach kommen soll, ist noch unklar. Auf keinen Fall soll die Magmaschicht weiter angezapft werden, denn dann werden Katastrophen planetaren Ausmaßes die Folge sein.
Die zerstörten StĂ€dte können nicht wieder aufgebaut werden, denn dafĂŒr fehlen seit den letzten 1500 Jahren jegliche Baustoffe."
Geesan Koon schluckt. Er ist zu tief erschĂŒttert, um etwas sagen zu können.
"Was soll denn nun werden?" fragt seine Frau neben ihm.
Geesan zuckt mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht. Aber immerhin haben wir noch 140 Tage Zeit. Bis dahin wird den Wissenschaftlern schon etwas Neues eingefallen sein."


Noch spÀter:

Soryl Boon hat es geschafft. Schon morgen wird er als der grĂ¶ĂŸte Wissenschaftler aller Zeiten gelten. Er hat den einzigen Weg gefunden, der die Menschheit vor dem Untergang retten kann. Seitdem vor 50 Jahren die Energieversorgung zusammengebrochen war, kommen auf die Arbeiter mehr Probleme zu, als gelöst werden können. Und jetzt hat der Genwissenschaftler auf einen Schlag eine Lösung fĂŒr alle Probleme parat.
Eine TĂŒr öffnet sich.
„Bitte treten Sie ein", ertönt eine Stimme.
Die fĂŒnf Wissenschaftler, darunter Soryl Boon mit der ID NGJ 6278 DDS, treten in einen großen Saal. Um einen runden Tisch in der Mitte des Raumes sitzt der PrĂ€sidentenrat der Weltregierung.
"Nun, hohe Herren. Zu welchem Ergebnis sind Sie mit Ihren Forschungen gekommen?" fragt der Sprecher der Weltregierung.
Soryl Boon tritt vor.
"Hohe Herren. Bevor ich ĂŒber meine Forschungen berichte, möchte ich auf die katastrophale Lage der Menschheit hinweisen. Angefangen bei den immer grĂ¶ĂŸer werdenden Schwierigkeiten der Nahrungsmittelherstellung und der Atemluftgewinnung bis zum Problem der plötzlich aufgetauchten radioaktiven Stoffe in der AtmosphĂ€re landen wir langsam aber sicher in einer Sackgasse. Die Menschheit hat in den letzten Jahrtausenden immer wieder versucht, ihre Umwelt so lebensfreundlich wie möglich zu gestalten. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem alle uns erreichbaren Werkstoffe zur Neige gehen. Wir können unsere Umwelt also nicht mehr an uns anpassen. Folglich mĂŒssen wir Menschen uns der Umwelt anpassen. Das ist aber nur möglich durch eine völlige VerĂ€nderung des menschlichen Körpers. Das zu ermöglichen, ohne dem Gehirn zu schaden, ist der Gen-Wissenschaft jetzt gelungen. Wir können durch gezielte Eingriffe die Erbinformationen derart abĂ€ndern, daß schon der Mensch der nĂ€chsten Generation in der Lage ist, die radioaktive Strahlung zu ertragen, die so plötzlich aus uralten Salzbergwerken ausgeströmt ist. Ebenso kann dieser neue Mensch mit einem Zehntel der normalen Menge an Sauerstoff und Nahrungsmitteln auskommen."
Der PrÀsident horcht auf. "Wie soll denn das möglich sein?" fragt jemand.
"Ganz einfach", lautet die Antwort. "Der neue Mensch wird nur ein Zehntel des Gewichtes wie heute besitzen."
"Aber das ist ja absurd", protestiert ein weibliches Mitglied des PrÀsidentenrates.
"Warum?", entgegnet Soryl Boon mit sachlicher KĂ€lte. "Schon heute wachsen 90 Prozent der Kinder in kĂŒnstlichen BrutkĂ€sten heran. Es werden in Zukunft also 100 Prozent sein. Seien Sie also vernĂŒnftig und stimmen sie dem Vorschlag zu."


5 vor 12 Uhr:

POB 965 714 AGGPist wie alle vernĂŒnftigen, modernen Menschen ein kĂŒhler Logiker. Er hat in den letzten neun Tagen keine Minute geschlafen. Ihm, dem klĂŒgsten aller Arbeiter ist die Aufgabe zuteil geworden, einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Doch was soll er finden? Die Erde gleicht einem geplĂŒnderten, verdreckten Steinhaufen. Dennoch, POB 965 714 AGGP gibt nicht so schnell auf. Über Kontaktsensoren an seinen vier HĂ€nden steuert er die grĂ¶ĂŸte, kĂŒnstlich Intelligenz der Erde parallel, und wertet die Ergebnisse in seinem cybergenetisch optimierten Logikhirn zeitgleich dazu aus, um mit einen Ausweg zu finden. Doch es gibt keinen. Mit allen Regeln der Logik hat er es versucht. Zwecklos. Dabei wird es höchste Zeit.
Moment mal. Zeit. Das ist die Lösung. Er muß die Zeit zurĂŒckdrehen.
Sein Hauptbewußtsein realisierte eine virtuelle Verbindung.
"Hier VCC 345 673 X3NNT. Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen?" fragt ein fremder Gedanke.
"Ja! Wir mĂŒssen eine Temporalschleuse generieren und in unsere eigene Vergangenheit reisen."
VCC 345 673 X3NNT ĂŒberlegt eine Sekunde.
"Ja, es wÀre theoretisch möglich, aber gÀbe es denn da nicht ein Zeitparadoxon? Wir haben. noch keine Erfahrungen mit temporalen Effekten."
"Es birgt eine gewisse Gefahr in sich, doch ich glaube, die neuen Menschen sind jetzt vernĂŒnftig genug, um sich nicht zu verraten."


12 Uhr:

Ein Arbeiter bedient die Maschine. Die Zeitmaschine.
"Hier kommt der letzte Transport", teilt ein anderer Arbeiter ihm mit. "Kennst du die Koordinaten?"
"Ja, dieser Brutkasten wird auf den europÀischen Kontinent transferiert. Dort sollen gute Lebensbedingungen herrschen."
"Weißt du, wie die neuen Menschen aussehen werden?"
„Ähnlich wie wir, nur kleiner. Knapp 2 Zentimeter. Sie können nicht sprechen oder hören und haben auch keine technische VR-Com Verbindung. Sie verstĂ€ndigen sich durch Telepathie. Dabei betasten sie sich. Ansonsten leben sie in Ă€hnlichen, großen StĂ€dten wie wir."
"Das ist auch gut so. Sie werden die vernĂŒnftigsten Wesen der Erde sein. Andere Lebewesen werden ihnen nacheifern, doch ihren Stand nie erreichen!"
Die Arbeiter starren mit ihren Facettenaugen den Brutkasten an, der kurz darauf im Zeitfeld verschwindet.


Heute:

"Können Tiere auch in den Himmel kommen, Vati?" fragt Ludwig.
Sein Vater lacht.
"Nein, mein Junge. Tiere kommen nicht in den Himmel."
"Aber warum denn nicht?"
Sein Vater denkt einige Sekunden nach.
"In der Bibel steht, daß nur der Mensch von allen Lebewesen das Gute vom Bösen unterscheiden kann. Das heißt nicht, daß er das auch immer tut, sondern nur, daß er es kann."
"Dann ist das auch ein Unterschied zwischen uns Menschen und den Tieren?"
"Ja, vielleicht ist das ein Unterschied."
Plötzlich ertönt die Stimme der Mutter. "Nun kommt doch endlich zum Essen herein."
Ludwig blickt seinen Vater an.
"Ich mag aber doch nichts essen", sagt er.
"Danach geht es nicht, mein Kleiner. Wenn du groß und stark werden willst, mußt du jetzt etwas essen. Sei vernĂŒnftig und komm jetzt herein."
"Warum muß ich denn groß und stark werden?" fragt Ludwig.
"Komm jetzt", sagt sein Vater unwirsch, verĂ€rgert ĂŒber die dumme Frage. MĂŒrrisch steht der kleine Junge auf. Ein letztes mal schaut er auf die beiden Ameisen, die er gefangen hat. Dann springt er hoch, landet mit beiden Beinen auf dem MaulwurfhĂŒgel und zertritt die Ameisen. Anschließend geht er zum Essen

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»For every complex problem there is an answer that is clear, simple, and wrong.« - H. L. Mencken

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Nina H.
???
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Ich sehe es sehr positiv, daß hier nicht nur sinnlose Action im Vordergrund steht, sondern der Versuch unternommen wurde, eine Botschaft rĂŒberzubringen. Allerdings geschieht das meiner Ansicht nach etwas zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger und gerade die GesprĂ€che zwischen Vater und Sohn wirken unnatĂŒrlich. Ich habe zwar (auch?) nicht so viel Erfahrung im Umgang mit Kindern, aber daß ein kleiner Junge (-wie im Text geschrieben wird. Unter "klein" stelle ich persönlich mir so zwischen 2 und 8 Jahren vor) zutiefst philosophische Fragen stellt, erscheint mir unglaubwĂŒrdig. Daß der Vater diese Fragen - obwohl er wohl schon ungeduldig darauf wartet, bis die ganze Familie endlich zum Essen versammelt ist und obwohl er eben noch "mĂŒrrisch" seine Zeitung weggelegt hat - noch geduldig beantwortet und ohne zu ĂŒberlegen ("sofort") eine eindeutige Definition parat hat, dĂŒrfte auch nicht gerade der RealitĂ€t entsprechen.

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Heinz
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Sieg der Vernunft (Mensch Morgen)

Der erhobene Zeigerfinger liegt nun mal in der Natur dieser Geschichte. Daran kann ich wenig tun.
Kleine Kinder hinterfragen die Dinge mehr als die meisten erwachsenen Menschen. Die Frage nach dem Sinn, was nach dem Tod kommt und wo wir herkommen stellen die Kinder zwischen 6 und 9 Jahren. In diesem Alter hatte ich mir den kleinen Jungen gedacht.
Das ein Vater sich keine Zeit nimmt, wenn andere Dinge anliegen, stimmt leider oft. Aber manchmal bemerkt ein Vater, wenn eine Frage wichtig ist. Und dann nimmt er sich Zeit. In diesem Fall war nicht einmal viel Zeit nötig.
Und die erste Antwort, die hier der Vater gibt, entspringt nicht einem tiefen Nachdenken, sondern eher einer durch die Gesellschaft vermittelten Botschaft. Vernunft als Ziel und Sinn im Leben.
Erst durch das Hinterfragen des Jungen wird der Vater genötigt, noch einmal nachzudenken. Das ist etwas, was unsere Kinder uns schenken.

Gruß Heinz
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jon
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Kann es sein, dass ich das schon mal (anderswo) gelesen habe?

Davon abgesehen: Beim (jetzt) ersten Lesen fand ich den Zeigerfinger-Stil unertrĂ€glich. Das liegt daran, dass eigentlich nicht erzĂ€hlt wird, sondern spĂŒrbar "nur Infos verpackt" werden. Beim zweiten Lesen war es dann ertrĂ€glich – da man weiß, worauf die Geschichte zusteuert. Beim dritten Lesen erscheint es dann als der einzig mögliche Tonfall (, dabei fallen dann aber auch inhaltliche "Stolperstellen" auf).
Das Hauptproblem (neben dem penetranten "Noch spĂ€ter" – gibt's da nicht eine elegantere Lösung?) ist, dass man beim ersten Lesen ĂŒber "GefĂ€llt mir" oder "GefĂ€llt mir nicht" entscheidet – im Normalfall wird sich niemand einen Text „schönlesen“.


Weil mir die Pointe des Textes gefĂ€llt, bin ich unbedingt fĂŒr eine Überarbeitung. Und weil die Struktur durchaus was hat (eigentlich: zwingend ist), hab ich gegrĂŒbelt, wie man das Zeigefinger-PhĂ€nomen mildern könnte.
Ich glaube, es kommt vor allem deshalb so störend rĂŒber, weil im ersten Abschnitt zum ErzĂ€hlen ausgeholt wird (, man sich auf „Bilder“, „GefĂŒhle“ und vor allem auf „Zwischentöne“ einstellt), der Ton aber dann doch nicht sooo anders ist, dass man die „inhaltliche Klammer“ sofort lesen/erkennen wĂŒrde. Das bedeutet, man nimmt automatisch an, dass es „schön erzĂ€hlend“ weitergeht, bekommt dann aber „nur Infos“ serviert. Das wirkt ein bisschen „unfertig“.
Anderseits wird die Pointe erst dadurch richtig schön pointiert, wenn man die „Klammer“ nicht sofort erkennt. Was m.E. bedeutet, dass im ersten Abschnitt weniger erzĂ€hlt werden sollte...
Das könnte so aussehen:

"Martin, holst du Ludwig zum Essen herein?" ruft die Mutter aus dem Nebenzimmer. "Der spielt im Garten." Da die Personen nicht als Charaktere wichtig werden, wĂŒrde ich höchstens dem Kind einen Namen geben – aber auch „nur“ deshalb, weil es seltsam klingen wĂŒrde, riefe die Mutter „Holst du mal unseren Sohn zum Essen herein?“
MĂŒrrisch legt der Ehemann Stil: Mutter und Vater ODER Frau und Mann – nicht „ruft die Mutter“ und „reagiert der Ehemann“ / höchstens: „ruft die Mutter“ und „reagiert ihr Mann“ die Zeitung weg und nimmt die Pfeife aus dem Mund. Dann steht er auf und geht zur TĂŒr. Das erste, was er sieht, als er die TĂŒr öffnet, sind die qualmenden Schornsteine der Fabrik. Das betont (wegen des umstĂ€ndlichen Schachtelsatzes, zu sehr – dicker fetter Zeigefinger!. Wie wĂ€re es mit: „Es ist sonnig draußen, nur von den Schornsteinen her quellen schwarze Schwaden ĂŒber den Himmel.“ (oder so)?
Der kleine Junge sitzt im Garten und starrt auf einen MaulwurfshĂŒgel. Er spielt nicht damit oder stochert darin herum, er starrt ihn nur an. Es reicht, einmal zu sagen, dass er starrt. So betont, bekommt es eine Bedeutung, die der Handlung weder in sich noch im Rahmen der Geschichte entspricht. Verwundert ĂŒber das seltsame Verhalten seines Jungen geht der Vater zu ihm hinĂŒber. Dass es den Vater wundert, ist unerheblich – diese Info (dass der Junge ansonsten eher herumtollt) ist belanglos fĂŒr die Geschichte. Einfach nur: „Der Vater tritt nĂ€her.“
"Was machst du denn hier?" fragt er.
Der Junge blickt hochKomma als hĂ€tte er seinen Vater erst jetzt bemerkt.Das heißt, er hat ihn bemerkt, lĂ€sst sich das aber nicht anmerken. Man fragt sich sofort, was zwischen den beiden nicht stimmt – aber das ist fĂŒr den Text völlig belanglos. Mal davon abgesehen, dass es im Folgenden nicht untermauert wird 

"Ich habe zwei Ameisen gefangen, Vati." Der Mann bĂŒckt sich und sieht in der Mitte des HĂŒgels zwei Ameisen, die sich bemĂŒhen, aus einem Loch herauszuklettern. Das gelingt ihnen aber nicht, da immer Erde nachrutscht.
"Was willst du denn mit denen anfangen?"
"Ich weiß nicht. Ich beobachte sie nur."
Einige Sekunden sitzen beide vor dem Erdhaufen und beobachten Dopplung von „beobachten“ die kleinen Tiere. Dann fragt der Junge:
"Vati, was unterscheidet uns Menschen eigentlich von den Tieren?"
Der Mann schaut seinen Jungen ĂŒberrascht an.
"Was uns von den Tieren unterscheidet? Hm, ich glaube, es ist die Vernunft. "
"Und was ist Vernunft?"
„Vernunft ist die FĂ€higkeit, die Dinge im Leben logisch und sachlich und ohne GefĂŒhlsduselei zu betrachten!" sagt der Mann sofort. Dass er sofort antwortet ist schon dadurch „ersichtlich“, dass zwischen Frage und Antwort nichts steht (kein „Er ĂŒberlegte kurz“, noch nicht mal ein Atemholen oder eine noch so winzige Geste wird erwĂ€hnt
). Also: Einfach nach den AusfĂŒhrungszeichen aufhören.



Mal ganz kurz von der Textarbeit weg: Nach diesem Text ist es eigentlich wurscht, was wir machen – jede der ergriffenen Alternativen fĂŒhrt letzlich in den Untergang. Da stellt sich fĂŒr mich die Frage, was der hörbare Zeigefinger eigentlich bewirken soll


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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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Heinz
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Sieg der Vernunft (Mensch Morgen)

Hallo Jon

vielen Dank fĂŒr die ausfĂŒhliche Rezension


quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von jon
Kann es sein, dass ich das schon mal (anderswo) gelesen habe?



Durchaus möglich. Der Text ist um 1980 in einem Atlan Heft als Leser-Kurzgeschichte erschienen.
Außerdem steht er auf meiner Internetseite.

quote:

Davon abgesehen: Beim (jetzt) ersten Lesen fand ich den Zeigerfinger-Stil unertrĂ€glich. Das liegt daran, dass eigentlich nicht erzĂ€hlt wird, sondern spĂŒrbar "nur Infos verpackt" werden. Beim zweiten Lesen war es dann ertrĂ€glich – da man weiß, worauf die Geschichte zusteuert. Beim dritten Lesen erscheint es dann als der einzig mögliche Tonfall (, dabei fallen dann aber auch inhaltliche "Stolperstellen" auf).



Es war einer meine ersten Kurzgeschichten. Und ich habe den Text aus nostalgischen GrĂŒnden ;-) auch hier bisher nicht ĂŒberarbeitet.

Aber einige VorschlĂ€ge sind durchaus berechtigt. Ich werde sie gelegentlich umsetzen. Dieses "Original" möchte ich hier aber unberĂŒhrt lassen. Ich werde es als zweiten Text einstellen.

quote:

Das Hauptproblem (neben dem penetranten "Noch spĂ€ter" – gibt's da nicht eine elegantere Lösung?) ist, dass man beim ersten Lesen ĂŒber "GefĂ€llt mir" oder "GefĂ€llt mir nicht" entscheidet – im Normalfall wird sich niemand einen Text „schönlesen“.



Ich glaube, es liegt in der Natur dieses Textes, dass die meisten Leser ihn zwei Mal lesen werden um den Werdegang nochmal nachzuvollziehen.

quote:

.... Was m.E. bedeutet, dass im ersten Abschnitt weniger erzÀhlt werden sollte...



Der Wechsel vom alltĂ€glichen ErzĂ€hlstil zum "weitergeben von Informationen" ist Absicht. Das soll etwas den Wechsel zur nĂŒchternen, vernunftbetonten Gesellschaft rĂŒberbringen.

quote:

Mal ganz kurz von der Textarbeit weg: Nach diesem Text ist es eigentlich wurscht, was wir machen – jede der ergriffenen Alternativen fĂŒhrt letzlich in den Untergang. Da stellt sich fĂŒr mich die Frage, was der hörbare Zeigefinger eigentlich bewirken soll…


Ob Zeigefinger oder nicht, hier habe ich einen Gedanken bis zur letzten Konsequenz zuende gedacht. Der Zeigefinger ist nicht beabsichtigt. Und möglicherweise macht ihn auch jeder fĂŒr sich selber.

Die Alternative, die Du suchst, muss Heute gewÀhlt werden. Wenn die "Ereignisse" erst einmal ihren Lauf nehmen, ist nicht mehr viel zu halten.
Die einzige Frage, die wir uns stellen mĂŒssen, ist: wollen wir diesen Weg weitergehen?

Dabei kann diese Frage nur jeder fĂŒr sich beantworten. Eine echte Wahl hat der einzelne Mensch nicht. Genaus wenig wie eine Armeise. ;-)

Gruß Heinz
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LeseWurm
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Hallo Heinz,

insgesamt ein gelungenes Werk.
Der erhobene Zeigefinger stört mich nicht so sehr. Das sehe ich wie du: Er ist hier unvermeidbar und gewollt.
Die EinwÀnde von jon finde ich fast alle berechtigt und gut. Das "sofort" am Ende des ersten Abschnittes finde ich in Ordnung.
Bin gespannt auf die bearbeitete Fassung.



__________________
ein Lieber Gruß vom <°== LeseWurm ====--~~®

"Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!" (Papst Johannes XXIII)

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