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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sigmar, Aamir und der Leopard
Eingestellt am 17. 11. 2015 11:11


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CPMan
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Diese Geschichte beginnt in Deutschland und sie endet in Deutschland. Sie ist grĂ¶ĂŸtenteils spekulativ, orientiert sich aber stets an Fakten.

Alles beginnt mit einem Anruf im Bundesministerium fĂŒr Wirtschaft und Energie. Zur Verdeutlichung sitzt am einen Ende der Leitung nicht irgendein Referatsleiter sondern der Minister Sigmar Gabriel in Person und am anderen Ende der Leitung nicht irgendein Mitarbeiter, sondern Frank Haun, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des RĂŒstungsunternehmens Krauss-Maffei Wegmann.

Nach kurzem, höflichem Smalltalk bedauert Frank Haun in einem sachlichen Ton, dass ihnen damals dieser Riesendeal mit Saudi-Arabien durch die Lappen gegangen sei, dass er aber deswegen nicht anrufe. Diesmal ginge es um Katar. Wie Herr Gabriel ja wisse, habe die VorgĂ€ngerregierung den Verkauf von 62 Panzern und 24 Panzerhaubitzen nach Katar bereits bewilligt. Ein Teil der Lieferung sei ja auch schon erfolgt, trotzdem warte man nun bei KMW auf die Genehmigung, auch den Rest endlich liefern zu dĂŒrfen.

Herr Gabriel erwidert, dass er sein Amt mit dem Versprechen einer restriktiveren RĂŒstungspolitik angetreten sei, und dass er sein Gesicht verlöre, wenn er diesen Deal nun einfach so genehmige. Er mĂŒsse an die WĂ€hler denken.

Herr Haun bekundet sein VerstĂ€ndnis fĂŒr die diffizile Lage des Ministers, teilt aber gleichzeitig mit, dass er ebenso die Verantwortung fĂŒr fast 3000 Mitarbeiter trage und sich deswegen solche moralischen Bedenken wie jene des Ministers nicht leisten könne.

Und so habe man eben verschiedene Interessen, entgegnet daraufhin der Minister lapidar.

Ja, sagt daraufhin der GeschĂ€ftsfĂŒhrer, vielleicht mĂŒsse er dann doch die AnwĂ€lte einschalten, um die Regierung auf Schadensersatz zu verklagen. Oder die Produktion ins Ausland verlagern. Aber, so fĂ€hrt er fort, vielleicht sei dies auch gar nicht nötig, denn wenn die Fusion mit dem französischen RĂŒstungshersteller Nexter erst vom Kartellamt genehmigt sei, könnten die Lieferungen der Leopard II Panzer ja auch ĂŒber den Umweg der französischen Regierung abgewickelt werden, und dort teile man die ethischen und moralischen Bedenken der Bundesregierung nicht.

Das GesprÀch endet mit einem wenig versöhnlichen Ton auf beiden Seiten.

Eine Woche spĂ€ter genehmigt Sigmar Gabriel ĂŒberraschend die Lieferung.

Mit den eigenen Transportflugzeugen (Transall C-160) können die metallenen UngetĂŒme jedoch nicht ausgeflogen werden, allenfalls eine Antonow könnte 1-2 Panzer aufnehmen. Und so werden die Panzer nicht per Flugzeug transportiert, sondern verschifft.

Einige Wochen nach Sigmar Gabriels Genehmigung lĂ€uft ein deutsches Transportschiff im Hafen von Ras Laffan ein, achtzig Kilometer nordöstlich von Doha. Im Frachtraum des Schiffes befinden sich die besagten Leopard II Panzer und die Panzerhaubitzen. Abdullah al-Attiyah, Vorsitzender des staatlichen Unternehmens Qatar Petroleum, unter dessen Kontrolle sich der Hafen befindet, kontaktiert auf einer verschlĂŒsselten Leitung das BĂŒro des Regierungschefs, dem Scheich Abdullah al-Thani. Er teilt dem persönlichen SekretĂ€r des Scheichs mit, dass die Lieferung aus Deutschland endlich angekommen sei und dass er nun auf weitere Anweisungen warte. Nach kurzer RĂŒcksprache mit dem Scheich ruft der persönliche SekretĂ€r zurĂŒck und informiert den Vorsitzenden, dass auf Geheiß des Scheichs die Ladung gelöscht werden möge und dass binnen einer Woche ein anderes Schiff die Ladung wiederaufnehmen werde. Der Chef von Qatar Petroleum dankt fĂŒr die rasche Antwort und legt auf.

Am gleichen Abend ruft der Scheich von Katar, Abdullah al-Thani, den König und Premierminister von Saudi-Arabien, Salman al-Aziz, an und bespricht mit ihm die Lage in der Republik Jemen, wo sie gemeinsam mit anderen Golfstaaten und der logistischen UnterstĂŒtzung der USA, Frankreichs und Großbritanniens eine MilitĂ€rintervention begonnen haben. ZunĂ€chst hat der König und Premier von Saudi-Arabien eine gute Nachricht: Abed Rabbo Mansur Hadi, dem Ex-PrĂ€sidenten der Republik Jemen, ist die Flucht vor den schiitischen Huthi-Rebellen aus der sĂŒdjemenitischen Stadt Aden geglĂŒckt und er befindet sich nun unter dem persönlichen Schutz des Königs, also ihm selbst. Scheich al-Thani atmet am anderen Ende der Leitung hörbar auf und dankt Allah fĂŒr die geglĂŒckte Flucht. Anschließend aber fokussiert er sich im GesprĂ€ch wieder auf die schwierige Gemengelage im Jemen. Die Huthi-Rebellen, so der Scheich, mĂŒssen mit allen möglichen Mitteln bekĂ€mpft werden, denn schließlich sei Hadi bei der PrĂ€sidentschaftswahl 2012 mit 99,8 Prozent als einziger Kandidat demokratisch gewĂ€hlt worden. Der König und Premier von Saudi-Arabien stimmt zu und bittet formell um die UnterstĂŒtzung des Scheichs von Katar. Dieser sichert ihm die UnterstĂŒtzung zu und bietet an, eine frische Lieferung von deutschen Leopard II Panzern und Panzerhaubitzen in den Jemen zu liefern, um die Huthi-Rebellen ein fĂŒr allemal zu besiegen. Des Weiteren bietet der Scheich an, tausend seiner eigenen Soldaten zu entsenden, von denen ĂŒber fĂŒnfzig von Mitarbeitern der deutschen RĂŒstungsfirma Krauss-Maffei Wegmann mit dem Leopard II vertraut gemacht und militĂ€risch ausgebildet wurden. Der König von Saudi-Arabien dankt dem Scheich, fragt nach dem Wohlbefinden seiner zweiten Frau Scheicha Moza, die ihm persönlich ja viel zu progressiv ist, und legt schließlich auf.

Zwei Tage spĂ€ter verlĂ€sst ein katarisches Schiff unter portugiesischer Flagge den Hafen von Ras Laffan. An Bord befinden sich die Leopard II Panzer und die Panzerhaubitzen von Krauss-Maffei Wegmann. Das Schiff durchquert den Persischen Golf, den Golf von Oman, erreicht das Arabische Meer und lĂ€uft letztendlich in den Hafen von Aden ein, der von den Hadi-Loyalisten kontrolliert wird. Hier werden die Panzer und die Haubitzen entladen und in die HĂ€nde eines Generals der MilitĂ€rkoalition ĂŒbergeben. Der General plant, die Kampfpanzer aus deutscher Produktion fĂŒr die Operation Restoring Hope zu verwenden. Ein paar Tage zuvor hatte der General die Stadt und gleichnamige Provinz Sa’da im Nordwesten Jemens als militĂ€risches Ziel deklariert und die Einwohner aufgefordert, die Stadt und die Provinz binnen einer Woche zu verlassen. Er lĂ€sst drei Tieflader mit jeweils einem Leopard II Panzer beladen, die sich dann auf den weiten Weg von Aden nach Sa’da machen, um dort, an der Grenze zu Saudi-Arabien, fĂŒr den Kampf gegen die angeblich vom Iran gestĂŒtzten Huthi-Rebellen vorzugehen.

In der Stadt Sa’da lebt auch der 29-jĂ€hrige Aamir, zusammen mit seiner Frau Nawal und seinem zweijĂ€hrigen Sohn Adil. Er ist von Beruf Apotheker, hat ein kleines Haus unweit des Bab Najran, einem alten Stadttor, und denkt nicht daran, die Stadt oder die Provinz zu verlassen. Die Huthi-Rebellen kontrollieren vor allem die Gebiete in den Bergen und Aamir glaubt, wie alle in der Stadt, dass die KĂ€mpfe zwischen den Huthi-Rebellen und den Hadi-Loyalisten sich auch dort abspielen werden. Außerhalb der Stadt.

Doch mit jedem Tag, an dem das Ultimatum des Generals nĂ€her rĂŒckt und die Hadi Loyalisten sich mit Soldaten und militĂ€rischer AusrĂŒstung auf die Stadt zu bewegen, verĂ€ndert sich die Lage. Die Huthi-Rebellen verlassen die Berge, weil sie erkennen, dass die exponierte Lage dort oben sie zu Kanonenfutter fĂŒr Luftangriffe der MilitĂ€rkoalition macht. Sie entschließen sich daher zu einer Guerillataktik und setzen auf einen HĂ€userkampf inmitten des Stadtzentrums von Sa’da. Sie infiltrieren die Stadt Viertel fĂŒr Viertel, besetzen private WohnhĂ€user und lagern ihre Waffen dort. Sie legen ihre paramilitĂ€rischen Uniformen ab, kleiden sich zivil und verschanzen sich in den RĂ€umen der Wohnungen, um die besten Schusspositionen zu finden.
Auch Aamirs Wohnung wird von einem Trupp Huthi-Rebellen besetzt. Aamir begegnet den vier MĂ€nnern höflich und zuvorkommend, er stellt sein Haus, sein Geld und seine VorrĂ€te zur VerfĂŒgung. Er tut dies vor allem aus Sorge um seine Frau.

Als das Ultimatum ablĂ€uft, lĂ€sst der General der MilitĂ€rkoalition, der lĂ€ngst Wind von der Strategie der Huthi-Rebellen bekommen hat, die Stadt rĂ€umen. Soldaten rĂŒcken vor, an ihrer Spitze befinden sich die Leopard II Panzer, die den nachrĂŒckenden KĂ€mpfern den Weg ins Innere der Stadt ebnen sollen. Als die Huthi-Rebellen, die sich in Aamirs Wohnung verbarrikadiert haben, den Leopard II Panzer die Straße hinaufkommen sehen, greifen sie instinktiv zur Panzerfaust 3 der Dynamit Nobel Defence GmbH. Sie schießen, verfehlen ihr Ziel und sehen noch, wie sich das Kanonenrohr des Panzers in ihre Richtung dreht. Sekunden spĂ€ter durchschlĂ€gt eine 120mm Glattrohrkanone des Unternehmens Rheinmetall die HĂ€userwand, zerstört in einer heftigen Explosion das gesamte, obere Stockwerk des Hauses und tötet die vier Huthi-Rebellen augenblicklich.

Aamir, der sich mit seiner Frau und seinem Kind im Erdgeschoss des Hauses unter dem KĂŒchentisch verschanzt hatte, ergreift panisch die Flucht. Er zerrt seine Frau mit dem Kind unterm KĂŒchentisch hervor und rennt aus dem Haus. Es gelingt ihm, sich mit seiner Frau und seinem Kind in die 15 Kilometer entfernte Kleinstadt At-Talh durchzuschlagen. Er kommt zunĂ€chst bei seinem dort lebenden Onkel unter, doch der berichtet ihm, dass auch einige HĂ€user in At-Talh bereits von Huthi-Rebellen besetzt worden sind.

Noch in der Nacht entschließt sich Aamir dazu, das Land zu verlassen. Schon lĂ€nger haben er und seine Frau erkannt, dass es im Jemen keine Zukunft mehr fĂŒr sie gibt, aber sie haben lange gehofft, dass die von der UN vermittelten GesprĂ€che zwischen den Kriegsparteien in Genf den Frieden zurĂŒck in die Region bringen wĂŒrden. Vergebens.
Aamir ist klar, dass er nur dann eine Chance hat, wenn er alleine flieht. Ihm ist auch klar, dass er nicht Richtung Norden fliehen kann, denn wenn er ĂŒber Saudi-Arabien zu fliehen versucht, ist er gleich verloren. Ihm bleibt also nur eines ĂŒbrig: Er muss zunĂ€chst nach Mokka gelangen. Von dort, so erzĂ€hlt ihm sein Onkel, könne er mit Hilfe von Schleppern die Hafenstadt Assab im SĂŒdosten Eritreas erreichen. Dort könne er sich den eritreischen FlĂŒchtlingen anschließen, die ĂŒber die zentrale Mittelmeerroute nach Europa flĂŒchteten.

Zwei Tage spĂ€ter verlĂ€sst Aamir das Haus seines Onkels. Der Onkel verspricht Aamir, sich um seine Frau und um das Kind zu kĂŒmmern. Er verspricht auch, ins nĂ€chstgelegene FlĂŒchtlingscamp zu fliehen, fĂŒr den Fall, dass auch At-Talh von den KĂ€mpfen nicht verschont bleibt. Der Abschied gerĂ€t hastig, unbeholfen und schmerzlich. Aamir möchte so viel sagen, aber ein Kloß im Hals hindert ihn daran. Im Weggehen zwingt er sich, geradeaus zu schauen und den Blick nicht zurĂŒck zu werfen.

Vier Tage spĂ€ter erreicht er Mokka, die Hafenstadt am Roten Meer. Er fragt sich am Hafen durch, bis er endlich von einem Mann in einer Bar eine Kontaktadresse bekommt. Er sucht den Kontakt auf und bespricht mit ihm die Kosten fĂŒr die Überfahrt nach Assab. Er soll 1000 Dollar bezahlen. Aamir hat nur 500 Dollar dabei, diese gibt er dem Schlepper. Er verspricht ihm weitere 1000 Dollar, wenn er dafĂŒr sorgt, dass er es bis nach Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, schafft. Er lockt den Schlepper damit, dass es in Asmara ein BĂŒro der Western Union gibt, und dass er sich von seinen Verwandten Geld dorthin schicken lassen werde. Der Schlepper, ein einfacher Mann, beißt an.

Am nĂ€chsten Morgen um fĂŒnf Uhr beginnt die Überfahrt mit einem kleinen Kahn. Insgesamt befinden sich zwanzig Menschen an Bord. Ein alter Mann auf dem Boot erinnert Aamir an seinen alten Lehrer. Sie brauchen fĂŒnf Stunden bis Assab, dort entlĂ€sst der Schlepper die Passagiere in ihr Schicksal. Mit Aamir aber geht er in ein Internet-CafĂ© am Hafen. Dort treffen sie auf einen Mann, der Aamir bis nach Asmara bringen kann. Aamir erklĂ€rt, dass er ihn erst bezahlen kann, wenn sie in Asmara sind, weil seine Familie das Geld ĂŒber die Western Union verschickt. Der Mann winkt ab, lacht fast, weil Aamir so naiv ist. Er schlĂ€gt ihm stattdessen vor, eine seiner Nieren zu spenden und vom Erlös seine Weiterfahrt zu finanzieren. Aamir hĂ€lt das zunĂ€chst fĂŒr einen Witz, aber der Mann lacht nicht. Spende deine Niere, und ich bringe dich nach Asmara, wiederholt er nĂŒchtern.
Aamir hat keine andere Wahl und willigt ein. Der Mann gibt dem Schlepper aus Mokka fĂŒnfhundert Dollar und ruft dann mit seinem Handy eine Nummer an. Zwanzig Minuten spĂ€ter kommen zwei MĂ€nner in das CafĂ© und nehmen Aamir mit. Sie behandeln ihn recht grob, Aamir fĂŒhlt sich wie ein Gefangener. Sie fahren mit ihm zum Hafen, hier wird er zusammen mit fĂŒnfzehn anderen MĂ€nnern, hauptsĂ€chlich Eritreern, auf einen grĂ¶ĂŸeren Kahn verfrachtet und in einen Raum eingesperrt, der augenscheinlich mal als KĂŒhllager gedient hat. Aamir verbringt einige Tage eingesperrt in diesem Raum, er verliert das ZeitgefĂŒhl, er wird krank. Irgendwann dĂŒrfen sie einmal kurz raus, um an Deck frische Luft zu schnappen und um die Eimer mit dem Urin und dem Kot zu entleeren. Man gibt ihnen auch etwas Brot und Wasser. Aamirs Zustand verbessert sich leicht.

Nach einer unendlichen Zeit legen sie wieder an. Sie sind in einer kleinen Hafenstadt vor Anker gegangen. Aamir und die elf Eritreer, die die Überfahrt ĂŒberlebt haben, werden wieder an andere MĂ€nner ĂŒbergeben. Aamir möchte fragen, wo er ist, aber die MĂ€nner sprechen eine andere Sprache, es klingt wie ein Dialekt. Außerdem hat Aamir Angst vor diesen MĂ€nnern. Aber er möchte seine Niere nicht spenden, also spricht er die MĂ€nner wiederholt auf Englisch an. Er sagt „Western Union“ und „Money, Money“, aber die MĂ€nner lachen nur.
Was Aamir nicht weiß: Er befindet sich auf der Sinai-Halbinsel und er wurde an MĂ€nner des Sawarka Stammes ‚verkauft’. Diese MĂ€nner fahren ihn und die Eritreer in eine als Wohnhaus getarnte Klinik in Al-Arisch. Die Operation dort erfolgt schnell und als Aamir aus der Narkose aufwacht, kĂŒmmert man sich den UmstĂ€nden entsprechend gut um ihn. Er wird auch tatsĂ€chlich mit 1500 Dollar entlohnt, als er drei Tage spĂ€ter mit verbundenen Augen aus dem Haus gebracht, in einen Jeep verfrachtet und dann nahe der Stadtgrenze von Kairo frei gelassen wird.

Im Zentrum von Kairo kann Aamir endlich seine Familie kontaktieren. Er ruft zunĂ€chst bei seinem Onkel an, doch der nimmt nicht ab. Er versucht es dann bei seinem Bruder, der in Sanaa lebt. Als er ihn erreicht, hört er, dass sein Onkel, seine Frau und das Kind sich bereits in einem FlĂŒchtlingslager der UNHCR befinden, das erst vor kurzem errichtet wurde. Aamir bittet seinen Bruder, ihm Geld ans Western Union Office in Kairo zu schicken. Er verspricht, es ihm zurĂŒck zu zahlen, sobald er in Europa ist und Arbeit gefunden hat. Sein Bruder verspricht ihm, dass die Familie zusammen legen und 5000 Dollar schicken wird. Zusammen mit dem Geld von der Nierenspende, so denkt Aamir, muss das fĂŒr die Überfahrt nach Europa reichen.

WĂ€hrend er auf das Geld wartet, erkundigt er sich in Kairo nach Möglichkeiten der Flucht nach Europa. Hier erfĂ€hrt er schnell, dass es am einfachsten ist, wenn er ĂŒber Libyen flieht. Libyen, so lernt er, ist ein Land, das im Chaos versinkt, seit der ehemalige Herrscher Muammar al-Gaddafi im BĂŒrgerkrieg 2011 ums Leben kam. Der Vorteil sei nun, dass die Grenzen kaum noch kontrolliert wĂŒrden und er sich ohne Probleme bis Bengasi oder Tripolis durchschlagen könne. Dort mĂŒsse er nur noch Schlepper finden, die ihn auf eines der Boote lassen, das sich dann auf nach Lampedusa macht.

TatsĂ€chlich erlebt Aamir die folgende Woche aufgrund der UmstĂ€nde seiner bisherigen Flucht fast als angenehm. Mit drei jemenitischen LandsmĂ€nnern, die er in Kairo kennengelernt hat, organisiert er einen Fahrer, der sie die 1300 Kilometer von Kairo bis nach Bengasi fĂ€hrt. Vorher kann er in Kairo noch Medikamente kaufen, die seine Narbe von der Organentnahme besser verheilen lassen. Drei Tage fahren sie an der KĂŒste entlang, sie machen Halt in Marsa Matruh, in Tobruk und in Al Bayda. Am dritten Tag kommen sie in Bengasi an.

In Bengasi herrscht ein reges Treiben. Syrer, Eritreer, Somalier und Afghanen tummeln sich zu Hunderten am Juliyana Beach und organisieren ihren Transport ĂŒbers Mittelmeer. Aamir und seine zwei jemenitischen Kollegen sprechen mit mehreren Schleppern und entscheiden sich schließlich fĂŒr einen fĂŒnfzigjĂ€hrigen Libyer, der ihnen das meiste Vertrauen einflĂ¶ĂŸt und am billigsten ist. Er erzĂ€hlt ihnen, dass sie mit ihrem Boot gar nicht weit raus mĂŒssen und es nicht wirklich bis Malta oder gar Lampedusa schaffen mĂŒssen. Auf dem Mittelmeer, so behauptet er, kreuzten Rettungsschiffe von Ärzte ohne Grenzen und er habe Kontakte, die ihm sagen könnten, wo dieses Rettungsboot sich befinde. Es kreuze momentan gerade einmal hundert Kilometer vor der libyschen KĂŒste. Er wĂŒrde sie mit einem richtigen Boot in die NĂ€he dieses Schiffes bringen, dann wĂŒrde er sie auf ein Schlauchboot setzen und aufs offene Meer hinaustreiben lassen. Sie mĂŒssten sich dann nur noch von dem Rettungsschiff in Empfang nehmen lassen.

Es kommt genau so. Zwei Tage spĂ€ter fahren die drei mit zwanzig anderen FlĂŒchtlingen aufs Mittelmeer hinaus. Der libysche KapitĂ€n setzt sie irgendwann in ein Schlauchboot und dreht ab. Eine Stunde spĂ€ter taucht am Horizont ein ungefĂ€hr fĂŒnfzig Meter langes, blaues Schiff auf, das sich direkt auf sie zubewegt. Als es nĂ€her kommt, kann Aamir den Schriftzug am Bug des Schiffes nicht verstehen: Dignity I, Panama. An Bord des Schiffes befindet sich medizinisches Fachpersonal, das sich sofort um Aamir kĂŒmmert, als er die Narbe von seiner Organentnahme zeigt. Als ein Arzt ihn in einem geheizten Raum behandelt, kommen Aamir die TrĂ€nen. Er verspĂŒrt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so so etwas wie GlĂŒck. Ich habe es geschafft, denkt er immer wieder. Ich habe es geschafft.


Das Boot, die Dignity I, geht in Lampedusa vor Anker. Hier kommt Aamir zunĂ€chst in ein FlĂŒchtlingslager. Dort bleibt er eine ganze Woche, dann wird er zusammen mit anderen FlĂŒchtlingen aufs Festland verschifft. Seine jemenitischen LandsmĂ€nner hat er lĂ€ngst wieder aus den Augen verloren. In Italien wird er in einem Bus bis nach Mailand transportiert, dort steckt man ihn in ein Aufnahmelager. Das Aufnahmelager ist jedoch völlig ĂŒberfĂŒllt, die VerhĂ€ltnisse sind unzumutbar. Aamir versucht sich im Stadtzentrum von Mailand als Tagelöhner, aber ohne festen Wohnsitz möchte ihn niemand beschĂ€ftigen, nicht mal fĂŒr einen Tag. Er lebt von dem, was die MailĂ€nder in den MĂŒll schmeißen. Er bettelt. Mehrmals spricht er bei Behörden vor, doch immer ist er ihrer totalen WillkĂŒr ausgesetzt. Er kann keine Sozialleistungen beantragen.

Er entschließt sich, nach Deutschland weiter zu reisen. Von einem anderen FlĂŒchtling hört er, dass er von einer Sachbearbeiterin des AuslĂ€nderamtes in Mailand ein paar Hundert Euro und ein Schengen-Aufenthaltspapier bekommen kann. DafĂŒr muss er aber versprechen, Italien zu verlassen. Er geht hin, spricht mit der Sachbearbeiterin, verspricht, noch am nĂ€chsten Tag einen Zug nach Deutschland zu nehmen und bekommt im Gegenzug tatsĂ€chlich vierhundert Euro und einen Aufenthaltstitel.

Am nĂ€chsten Tag steigt Aamir in den Zug nach Deutschland. In ZĂŒrich muss er einmal umsteigen, trotzdem kann er die Grenzen mĂŒhelos passieren. Nach fast vierzehn Stunden Zugfahrt kommt er schließlich in Hamburg an. Am Hauptbahnhof irrt er zunĂ€chst orientierungslos umher, doch dann spricht ihn ein junger Deutscher auf Englisch an. Er fragt ihn, ob er FlĂŒchtling sei. Als Aamir dies bejaht, fragt der Deutsche ihn, woher er komme. Jemen, antwortet er. Daraufhin holt der Deutsche ein laminiertes Blatt mit einem arabischen Text aus seiner Tasche. Aamir liest, dass der Deutsche zu einer Gruppe namens Lampedusa in Hamburg gehört, die sich um FlĂŒchtlinge wie ihn kĂŒmmert und dass er vorlĂ€ufig in einem Container unterkommen kann. Da Aamir keine bessere Idee hat, nickt er dem jungen Deutschen freundlich zu. Sie fahren mit einem PKW los, Aamir ist fasziniert von der Stadt, die an ihm vorbeizieht. Nach zwanzig Minuten halten sie an einer schönen Kirche, neben der große, weiße Container aufgestellt sind. Im Eingangsbereich empfangen ihn eine deutsche Frau und ein FlĂŒchtling aus Syrien, der ihn auf Arabisch einweist.

In den folgenden zehn Monaten bleibt Aamirs Aufenthaltsstatus ungeklĂ€rt. Es gibt Menschen und es gibt Politiker, die ihm helfen wollen. Genauso gibt es Menschen und Politiker, die ihn wegschicken wollen. Nach zwei Monaten stellt Aamir einen offiziellen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Er bittet Antje, eine ehrenamtliche Helferin, die ihn in Deutsch unterrichtet, beim Petitionsausschuss der BĂŒrgschaft fĂŒr ihn vorzusprechen. Auch dort sagt man ihm, er mĂŒsse sich in Geduld ĂŒben. Er erhĂ€lt eine Duldung und Antje muss ihm lange erklĂ€ren, was das fĂŒr ihn bedeutet. Er fĂŒhlt sich wie ein Gefangener, er versucht, Kontakt mit seiner Frau und seinem Kind aufzunehmen, aber das FlĂŒchtlingslager, in dem sie untergebracht sind, ist wie eine Insel, es dringt nur wenig nach außen und es geht auch fast nichts hinein.

Aamir lernt Deutsch wie ein Besessener. Er glaubt, dass er gar nicht mehr abgeschoben werden könne, wenn er zeigt, wie viel MĂŒhe er sich gegeben hat. Er guckt pausenlos Fernsehen und liest alles, was er zwischen die Finger bekommt. Im Spiegel liest er ein Interview mit dem deutschen Vizekanzler, der sagt, dass man die FlĂŒchtlinge anstĂ€ndig behandeln, ihnen nicht nur Unterkunft und Nahrung, sondern Lebensperspektiven geben wolle. Das beruhigt Aamir. Er lernt weiter, verfolgt die politischen Diskussionen und die WahlkĂ€mpfe, in denen es auch um ihn und die Situation der FlĂŒchtlinge in Hamburg geht. Manchmal fĂŒhlt er sich wie ein Spielball grĂ¶ĂŸerer MĂ€chte, denen er nichts entgegen zu setzen weiß. Es gibt Tage, da ist Aamir gut gelaunt und hoffnungsfroh und es gibt Tage, da fĂŒhlt Aamir sich zermĂŒrbt und niedergeschlagen.

Eines Mittags liest er mit Antje Zeitung. Er liest einen Artikel, in dem sich die Regierung zu den FlĂŒchtlingen Ă€ußert. Es gebe keinen primĂ€ren Schutz mehr, heißt es da. PrimĂ€rer Schutz, was bedeutet das, fragt er Antje. Antje druckst ein wenig herum, dann sagt sie, dass er ohne primĂ€ren Schutz seine Frau und sein Kind nicht nachholen könne. Erst nickt Aamir nur, um zu zeigen, dass er verstanden hat, doch dann muss er plötzlich aufstehen und den Container verlassen. Er verlĂ€sst das GelĂ€nde, lĂ€uft und lĂ€uft und lĂ€uft, bis er sich plötzlich in der Innenstadt befindet. Er drĂ€ngt sich an den Passanten in der Einkaufspassage vorbei, er schaut in die mit teuren Waren ausgelegten Schaufenster, er schaut auf die gut gelaunten, schick gekleideten Deutschen um ihn herum, aber er sieht sie nicht.

Bruder, ruft plötzlich jemand. Bruder.
Aamir erwacht aus seiner geistigen Umnachtung und dreht sich in die Richtung, aus der die Stimme kam. Er sieht drei junge MĂ€nner, die hinter einem Tisch stehen. Auf dem Tisch liegen rote Rosen und BĂŒcher. Rechts und links sind zwei große Plakate, auf denen steht: Lies!
Bruder, sagt der Mann jetzt auf Arabisch. Bruder, woher kommst du?
Aamir geht zögerlich zum Tisch.
Aus dem Jemen, antwortet er auf Arabisch.
Bruder, fragt der Mann, liest du den Koran?



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Wipfel
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Hart an den Fakten. Eine Kurzgeschichte ist das zwar nicht - aber Geschichte.

GrĂŒĂŸe von wipfel

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