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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Sigurd Hoel, Begegnung am Meilenstein
Eingestellt am 15. 08. 2002 10:29


Autor
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Pasta
Festzeitungsschreiber
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Sigurd Hoels Okkupationsroman "M√łte ved milepelen" (Begegnung am Meilenstein) erscheint erstmals 1947. Themen des Romans sind Krieg und Faschismus sowie der Vater-Sohn-Konflikt. Ich-Erz√§hler ist der "Unbefleckte" (Den plettfrie) und Ausgangspunkt des Romans ist seine Frage, wie es dazu hat kommen k√∂nnen, dass einige seiner Studienkollegen und Freunde zu Nazis wurden, wie es m√∂glich war, dass seiner Zeit nicht nur Kriminelle und Versager, sondern auch h√∂chst ehrbare B√ľrger zu Landesverr√§tern werden konnten. Es geht darum, "den Nazismus in unseren Herzen" zu finden. Dabei spielt der Roman auf drei Zeitebenen: In den 20er Jahren in Oslo, in den 40er Jahren der Okkupation und nach Ende der Besetzung Norwegens durch Deutschland. Der Erz√§hler jedoch versucht, die verschiedenen Zeiten ineinanderflie√üen zu lassen, so dass letztlich das Zeitgef√ľhl ausgel√∂scht wird. Vergangenheit und Gegenwart flie√üen ineinander, der "Unbefleckte" ist 1940 das, was er 1920 wurde. Die Person des Erz√§hlers hat sich in den 20 Jahren nicht ver√§ndert. Hoel folgt damit der Theorie der Tiefenpsychologie, die die Jugendjahre in besonderem Ma√üe f√ľr die Pers√∂nlichkeitsentwicklung verantwortlich macht.

W√§hrend des Schreibens merkt der Ich-Erz√§hler, der selbst Widerstandsk√§mpfer war, dass er au√üerhalb vom unmittelbaren Vorhaben stehende Vorg√§nge beschreibt, die sp√§ter noch von Bedeutung sein werden. Das Schreiben ger√§t so zur Selbstanalyse, die jedoch nur bis zu einem gewissen Grad erfolgen kann, weil bestimmte ‚Äď schmerzhafte ‚Äď Erlebnisse verdr√§ngt werden, da sie nicht ins Selbstbild passen. So gewinnt das Pseudonym "Der Unbefleckte" im Laufe der Erz√§hlung eine tragisch-ironische Bedeutung aufgrund der Doppelrolle der Hauptfigur, in der der Erz√§hler gleichzeitig Ankl√§ger und Verteidiger ist. Themen, die in weiter Vergangenheit liegen und verdr√§ngt wurden, sind: Liebesentt√§uschungen, sexuelle und religi√∂se Verklemmungen sowie Gef√ľhle der Heimatlosigkeit des vom Land stammenden Studenten in der Hauptstadt. Der Roman versteht sich als tiefste Analyse des menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen des Krieges und der Besatzung in Skandinavien und kreist immer wieder um die psychoanalytischen Fragen: Wie stark k√∂nnen Kindheitserinnerungen und Jugenderlebnisse den sp√§teren Werdegang des Menschen beeinflussen? In welchem Ma√ü formen die Umst√§nde den Charakter? Wie wirken verlorene Hoffnungen und verleugnete Gef√ľhle auf die Psyche des Einzelnen?

Im weiteren Verlauf wird klar, dass die kleinen und gro√üen L√ľgen und nicht zuletzt der pers√∂nliche Liebesverrat die √ľbergeordnete Frage nach Schuld und Verantwortung stellt. "Verr√§tst du die Liebe, dann verr√§tst du alles" hei√üt das Leitmotiv. √Ąu√üere Umst√§nde, von der Gesellschaft diktiert, verhindern in "Begegnung am Meilenstein" mehrmals eine gl√ľckliche, gesunde und harmonische Du-Beziehung. Diese √§u√üere Frustration schl√§gt in eine innere um und verhindert, dass die Menschen sich in die Gesellschaft einordnen. Es ergeben sich daraus bestimmte Handlungsmuster, denen die Menschen wieder und wieder folgen. Es gelingt ihnen nicht ‚Äď jedenfalls nicht ohne (psychoanalytische) Hilfe -, diese zu erkennen, geschweige denn zu durchbrechen. Diese Verhaltensmuster, Regeln und Normen ‚Äď Traditionen ‚Äď werden von Generation zu Generation weitervererbt und Hoels Weltbild ist pessimistisch: Er sieht nicht, wie der Kreis aus Verrat und Unterdr√ľckung der Triebe und Gef√ľhle durchbrochen werden kann.

Schlie√ülich wird "Begegnung am Meilenstein" immer mehr zum Individualroman des "Unbefleckten": Der Verrat der ersten gro√üen Liebe, Identifikationsverlust und Entwurzelung in der Gro√üstadt Oslo werden zu traumatisch verdr√§ngten Erlebnissen, die zum Nazismus f√ľhren k√∂nnen. Am Ende erkennt der "Unbefleckte" selbst seine Mitschuld und bezeichnet den Nazismus als "unser aller uneheliches Kind". Er erkennt zudem, dass auch die Verr√§ter verraten wurden; sie sind "betrogene Betr√ľger". Dabei ist der Vater-Sohn-Konflikt einer der roten F√§den und von zentraler Bedeutung. Der "Unbefleckte" ist selbst schuldig, weil er unbewusst seinen Sohn verraten hat. Daher muss er sp√§ter Verantwortung f√ľr ihn bzw. f√ľr dessen Landesverrat √ľbernehmen. Seine Erkenntnis: Wir sind in unserem eigenen Sinn Kr√§ften unterlegen, die wir selbst nicht kennen.

Im Gegensatz zum Individualroman des 19. Jahrhunderts zeigt dieser Roman das moderne, und das hei√üt das zersplitterte, entfremdete Individuum. "Begegnung am Meilenstein" ist aber nicht nur ein herausragendes, sehr komplexes und hervorragend komponiertes St√ľck Literatur der skandinavischen Zwischenkriegszeit, das ganz der Psychoanalyse nach Freud und Reich verschrieben ist, sondern der Roman ist auch auf der blo√üen Oberfl√§chenstruktur ein ausgezeichnet geschriebener Agenten-Thriller, reich an innerer und √§u√üerer Handlung bzw. Spannung. Auch wer sich vor Beginn der Lekt√ľre nicht erst in die Theorien Freuds und Reichs einarbeiten will, wird auf seine Kosten kommen und dennoch neue Einblicke gewinnen.

Wirklich sehr bedauerlich ist, dass der Roman, so weit mir bekannt, nur im Norwegischen Original und auf Englisch erh√§ltlich ist. Auf Deutsch ist er ‚Äď wenn √ľberhaupt ‚Äďnur noch antiquarisch verf√ľgbar. Dabei hat der Roman nichts von seiner Aktualit√§t eingeb√ľ√üt und verdient eine l√§ngst √ľberf√§llige neue deutsche √úbersetzung!


Literatur:
Per Thomas Andersen, Kall det hva du vill. Kall det kjærlighet. Et essay om fire kjærlighetsromaner i norsk etterkrigsdiktning.

Barbara Gentikow, Moralisten contra Immoralisten. Zur verbotenen und inkriminierten erotischen Literatur Norwegens. Die Kultur- und Moraldebatte um 1930.

Siri Gullestad, Psykoanalysen som modell for sjelverkjennelse. En refleksion over Sigurd Hoels M√łte ved milepelen.

Lars-Erik Johansson, Kompositionen i Sigurd Hoels M√łte ved milepelen.

Fritz Paul, Grundz√ľge der neueren skandinavischen Literaturen

Audun Tvinnereim, Sigurd Hoel og Wilhelm Reich: Ett kapittel av den norske mellomkrigstidens litteraturhistorie.

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Bonaventura
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

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Hoel

Liebe Pasta,
erst heute morgen habe ich in Ruhe Deine Besprechung dieses Romans gelesen.
Am Ende folgt das Bedauern, daß er nicht in Deutsch leicht erhältlich ist.
Die mehrschichtige Thematik hast Du sehr gut herausgearbeitet. Allein Deine Beschreibung der komplexen inneren Vorg√§nge des Protagonisten machen neugierig. Auch k√∂nnten LeserInnen, die selbst an seelischen Vorg√§ngen interessiert ins, ganz sicherlich beim Lesen ganz eigene Erkenntnisse erleben, die jedes Individuum passend f√ľr sich interpretieren kann.
Mir drängt sich wieder einmal die Frage auf: Welche psychischen Voraussetzungen mögen in einem Volk vorhanden sein, um eine Zeit wie die 12 Jahre des DRITTEN REICHES zulassen zu können?
Diese Frage hat schon viele große Geister kontinuierlich beschäftigt und wird uns wohl kaum loslassen.
Eine Folgebeschäftigung wird dann wohl zwingend sein (wann auch immer: Die "Bewältigung" (wenn es sie denn gibt) der STASI Vergangenheit. Sie dauerte ja erheblich länger...
Es wird nie ein Ende geben mit den Aufarbeitung der vielen vielen Prozesse in der Welt.
Doch kleine und kleinste Mosaiksteinchen bleiben notwendig und, wie ich glaube, einfach UNENTBEHRLICH.

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Pasta
Festzeitungsschreiber
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Bonaventura schrieb:
"Die mehrschichtige Thematik hast Du sehr gut herausgearbeitet. Allein Deine Beschreibung der komplexen inneren Vorgänge des Protagonisten machen neugierig."

Danke! Das ist allerdings auch - oder vor allem - der intensiven Besch√§ftigung mit dem Roman und der Lekt√ľre von Sekund√§rliteratur zu verdanken! Davon soll sich aber niemand abschrecken lassen! Ich bin √ľberzeugt, der Roman hat jedem auch ohne intensives Studium von weiterf√ľhrender Literatur viel zu geben! Hast du ja auch schon geschrieben: "Auch k√∂nnten LeserInnen, die selbst an seelischen Vorg√§ngen interessiert ins, ganz sicherlich beim Lesen ganz eigene Erkenntnisse erleben, die jedes Individuum passend f√ľr sich interpretieren kann."

Da stimme ich dir 100%ig zu! Ich glaube ohnehin, dass jede Interpretation mehr √ľber den Interpreten verr√§t als √ľber den Autor oder den Roman... - zumindest genauso viel. Und dieser Roman hat sicherlich mehr (deutsche) Leser verdient als er bisher wohl hat.

Ich glaube auch, dass die Frage, wie es zum Dritten Reich, zum Nationalsozialismus √ľberhaupt hat kommen k√∂nnen, vielleicht auf immer unbeantwortet bleibt oder genauer ausgedr√ľckt: Sigurd Hoel hat hier versucht, eine m√∂gliche Antwort zu geben. Das ist sicher nicht die einzige m√∂gliche Antwort und vielleicht noch nicht einmal die Wahrheit, aber ich glaube auch, wie du ja auch schon geschrieben hast, dass wir immer wieder viele verschiedene Antworten - "Mosaikst√ľckchen" - brauchen, um das Ph√§nomen greifen und begreifen zu k√∂nnen. Wenigstens in Ans√§tzen. Und ich denke auch, dass jede Generation ihre eigene Antwort auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus finden muss und wird. Gleiches gilt f√ľr die Stasi-Vergangenheit, auch wenn wir diesbez√ľglich vielleicht noch nicht einmal halb so weit sind wie mit der "Bew√§ltigung" / Bearbeitung der Nazi-Vergangenheit. Aber wie weit sind wir dort wirklich gekommen, betrachtet man mal das Aufsehen um Grass' letzten Roman "Im Krebsgang" oder die Debatte um Walsers "Tod eines Kritikers" (meiner Meinung nach √ľbrigens einfach ein ganz furchtbar schlechter Roman)?

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Buchbesprechung zu lesen und so reflektiert und ausf√ľhrlich darauf zu antworten!

Beste Gr√ľ√üe von
Pasta

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