Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95267
Momentan online:
92 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Silvester
Eingestellt am 27. 12. 2013 10:31


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
krokotraene
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2013

Werke: 25
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um krokotraene eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

"Verdammt! Was ist denn los?", Erik brĂŒllt lautstark in die finstere Nacht. "Kein Wunder, ich habe Dir gleich gesagt, Du sollst die Raketen und Böller in Österreich kaufen! Aber Du weißt ja immer alles besser", seine Frau ist genervt.
"Papa, es ist bald Mitternacht", wirft die kleine Sofie ein. "Ja, ich weiß, was soll ich den machen?", Erik ist verzweifelt.

Seine Schwester kommt aus dem Haus in den weitlÀufigen Garten. In der rechten Hand hÀlt sie ein halbvolles Sektglas, in der linken Hand eine Schachtel Bisquitfischchen. "Will wer?", fragt sie leicht angeschwippst in die Runde.

"Deine Staubfischerl kannst Dir sonst wo hin schieben", ihr jĂŒngerer Bruder Alwin macht ein angeekeltes Gesicht und Sandra schwirrt mit ihren Fischerl wieder beleidigt ins Haus. "Was ist jetzt mit dem Feuerwerk, Erik", die Großmutter wird ungeduldig, "es ist hier schweinekalt."

"Ja, Oma, ich weiß. Aber irgendwie geht da gar nichts", er fummelt nervös an der Packung Streichhölzer. "Weißt Oma, ich habe ja gleich gesagt, er soll die Raketen und Böller in Österreich kaufen. Aber nein, gnĂ€diger Herr mĂŒssen ja die Blitzidee haben und nach Kleinhaugsdorf fahren. Dort am Chinesenmarkt ist ja alles billiger. Ich sag`s Dir Oma. Zuerst sind wir in einer Kolonne ewig und drei Tage an die Grenze gefahren. Patrick, Wolfi und Sofie waren schon ganz unruhig. FĂŒr unsere Kleinen war das eine Weltreise"
"Papperlapp", wirft Erik ein, "die waren doch froh einmal aus dem Haus zu kommen!"

"Also das finde ich nicht, die waren nur lÀstig".

"Wird das Feuerwerk noch etwas mein Sohn?", Eriks Mutter kommt im dicken Wintermantel mit Haube, Schal und Handschuhen aus dem Haus. "Wir haben schon gleich Mitternacht".

"Ja, ja, ihr habt auch keine Geduld, sind ja nur ein paar Raketen, die gerade nicht gehen wollen. Wird schon klappen."

Seine Schwester kommt abermals noch mehr angeheitert als zuvor und laut lachend aus dem Haus. Ein junger Mann, ebenfalls schon mit Alkohol abgefĂŒllt, folgt ihr auffallend schwankend. "Das ist..., Hoppla!", Sandra ist durch die TerrassentĂŒr gestolpert und hat sich gerade noch an dem großen Tisch auf der Veranda gefangen. Dabei ist die Bowlengarnitur zu Boden gefallen und in tausend Scherben zerbrochen. "Hoppla", wiederholt Sandra mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Und der junge Mann schließt sie sofort in die Arme. Die beiden fangen eine wilde Knutscherei an.

"Doch nicht hier! Geht rein", schimpft die Großmutter, "wir haben hier auch kleine Kinder! Erik was ist mit dem Feuerwerk?"

Niemand beachtet die Oma weiter. Die beiden knutschen nachwievor auf der Veranda und Erik bemĂŒht sich verzweifelt um jede einzelne Rakete.

Es sind nur noch fĂŒnf Minuten bis Mitternacht und in den angrenzenden ReihenhĂ€usern der kleinen Siedlung steigen schon die ersten Feuerwerke in den kohlrabenschwarzen Himmel. Mit lautem Knallen freuen sich die ersten Böller auf das Ende des alten Jahres.

"Die Russen kommen! Die Russen kommen!", Opa Lois, der die ganze Zeit dick in seiner Decke eingehĂŒllt in seinem Rollstuhl im Garten geschlafen hat, ist plötzlich hellwach. Er fummelt nervös an den RĂ€dern des Rollstuhls und versucht sich mit einem Affentempo ĂŒber das Gras zu schieben. Dabei schreit er nach wie vor aus vollem Halse: "Alle in den Luftschutzkeller! Die Russen kommen! Schnell! Wer ĂŒberleben will, der folgt mir!" In seiner Hektik bleibt er an der KrĂ€uterspirale hĂ€ngen. Er versucht noch einmal krampfhaft die RĂ€der in Gang zu bekommen, dabei setzt er ungeahnte KrĂ€fte frei, schiebt noch einmal an und schwupps fĂ€llt der gesamte Rollstuhl mit Opa Lois um.

Zuerst herrscht betretenes Schweigen in der Runde. Sogar Erik hĂ€lt fĂŒr einen Bruchteil von Sekunden inne, doch gleich versucht er abermals seine Raketen in Gang zu setzen. Dann setzt heftiges Lachen ein. Nur die Oma sprintet zu ihrem Mann und versucht verzweifelt, den wild um sich schlagenden alten Mann zu beruhigen. "Lois, wir sind nicht im Krieg! Komm hör auf!"

"Aber die Russen kommen! Wir mĂŒssen alle in den Luftschutzkeller! Hörst Mariechen? Die kommen immer nĂ€her!"

"Aber Lois, wir haben Silvester!", sie tĂ€tschelt ihn liebevoll und versucht ihn aufzuzerren. "Kann mal wer helfen?", schreit sie verĂ€rgert in die Runde. In Zeitlupentempo löst sich Alwin aus der Szenerie und schreitet ganz langsam auf die beiden alten Leute zu. Da ĂŒberholt ihn mit raschem Tempo ein junger Mann, springt auf die beiden am Boden liegenden alten Menschen zu. Ein fachgerechter Griff und schon sitzt Opa wieder in seinem Rollstuhl. EingehĂŒllt in seiner Decke. Und der fremde Helfer schiebt ihn Richtung Wohnhaus. "Danke", stammelt Oma Maria, "aber wer sind sie?"

"Das ist unser Nachbar, Mutter", wirft Eriks Frau ein, "der arbeitet beim Roten Kreuz. Gell, Lukas? Danke. Und bleibst gleich auf ein Glas Sekt?", sie deutet auf ihre Schwiegermutter, die gerade ein großes Tablett mit vollen SektglĂ€sern in den Garten balanciert. "Gerne, danke, Frau Stern!"

Sandra und der junge Mann knutschen noch immer auf der Veranda. Wobei alle SilvesterpartygĂ€ste sich sicher sind, hier entsteht gleich ein Kind. Aber niemand hat Zeit sich nĂ€her um die beiden zu kĂŒmmern, da gerade lautstark gezĂ€hlt wird: 10 - 9 - 8 - 7 - 6 - 5 - 4 -3 - 2 - 1!!!!

Jubel bricht aus. Herrliche Feuerwerke der umliegenden Nachbarn erhellen den schwarzen Himmel. Aus dem Radio dringt der Donauwalzer an das Ohr der PartygĂ€ste. Eriks Frau schnappt ihren verzweifelten Mann, "Komm lass gut sein! Das Billigklumpert geht halt nicht", sie zerrt ihn in mitten des Gartens und drĂ€ngt ihn zum Tanzen. Unbeholfen tapsen die beiden im Finstern zwischen Blumen- und GemĂŒsebeeten umher. Sie drĂŒckt ihm einen Kuss auf die Wange. "Heuer kaufen wir wieder in Österreich, versprochen?" "Mhhmmmm"

Der Donauwalzer setzt die letzten Takte an, bald wird sich die Familie in das schmucke Wohnzimmer zurĂŒckziehen und wie jedes Jahr die herrlich belegten Brote der Gastgeberin vertilgen, als Erik plötzlich laut aufschreit. "Aua!"

Seine Frau sieht ihn verdattert an. "Was ist los?" Ein schmerzverzerrtes Gesicht sieht ihr entgegen. "Ich habe mir gerade den Fuß verknackst!" Ratlos schaut ihn seine Frau an. "Das verdammte Loch hier im Garten!"

"Ah, Du meinst, das was ich schon seit einem Jahr sage, das zugeschĂŒttet gehört?", seine Frau wirkt trotz der bizarren Situation leicht belustigt. "Finde ich nicht komisch", Erik ist eingeschnappt und Lukas, der nette Nachbar vom Roten Kreuz hat wieder einen Patienten mehr. Gemeinsam schleppen sie Erik auf die Couch im Wohnzimmer.

"Das Jahr fĂ€ngt ja schon gut an. Mein armer Sohn", seine Mutter kommt gleich mit Faschen und heißem Tee. "Mein armer Bub", jammert sie unentwegt.

Sandra und ihr junger Begleiter haben, sich schon gegenseitig gestĂŒtzt, in eines der GĂ€stezimmer verzogen. Sie begrĂŒĂŸen das neue Jahr auf ihre Weise.

Opa ist mittlerweile wieder im Rollstuhl eingeschlafen und trĂ€umt von seinen Kriegsabenteuern. Oma sitzt daneben im Lehnsessel und futtert schon das vierte Bisquitfischerl in sich hinein. Eriks Bruder Alwin sitzt mit dessen Kindern Sofie und Wolfi gemĂŒtlich am Zimmertisch. Sie ĂŒben sich im Bleigießen. Den Kindern macht es einen riesen Spaß mit dem heißen Blei zu hantieren.

Eriks Mutter kĂŒmmert sich fĂŒrsorglich um ihren armen Buben, wĂ€hrend ihr Mann dauernd keift, sie verwöhne das Bubilein viel zu viel. Er trinkt inzwischen ein Glas Sekt nach dem anderen.

Nur der kleine Patrick hat die Szenerie bis jetzt fast teilnahmslos beobachtet. Als Eriks Eltern endlich von dem armen Buben loslassen und sich ĂŒber die Brötchen und die Sektreste hermachen, geht er zu seinem Vater. Er nimmt dessen Hand, schaut ihn ganz treuherzig an und meint: "Papa, es wird alles gut!"

"Aber ja mein Sohn, mache Dir keine Sorgen!", liebevoll sieht er seinen Àltesten Sohn an. "Wahrscheinlich hat Deine Mutter recht und die billigen Silvesterknaller aus dem Ausland taugen nichts. Schade um das viele Geld", er starrt in das NarrenkÀstchen.

Patrick nimmt seine Hand und versucht seinen Vater zu beruhigen. "Das verstehe ich aber nicht", er hÀlt kurz inne und denkt nach, "die waren doch alle ok. Als ihr vorgestern in der Arbeit gewesen seid, habe ich doch alle ausprobiert!"



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung