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Leselupe.de > Horror und Psycho
Silvesterfeier
Eingestellt am 10. 04. 2019 11:28


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RobertMarkus
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Silvesterfeier

    Es war eine wirklich sch├Âne Silvesterfeier. Jetzt mal von dem ganzen Geschrei und dem vielen Blut abgesehen. Es wurde viel gelacht. Und als Eberhard Bergmann dann auch noch rein zuf├Ąllig Frau Schr├Âder aus der Buchhaltung mit unserem Personalreferenten J├Ârg Hantke auf der Toilette erwischte, war das Gespr├Ąchsthema des Abends gefunden.
    Ich muss schon sagen, wir sind eine wirklich eingeschworene Truppe. Welcher Betrieb rutscht schon gemeinsam ins neue Jahr? Ohne Angeh├Ârige! Das nenne ich Teamgeist.

    Von den 27 Kolleginnen und Kollegen der PROKORP Gesellschaft Nord mbH fehlten an diesem Abend nur zwei Mitarbeiter: Susanne Ziegler aus der Marketingabteilung hatte sich leider schon vor Monaten Karten f├╝r eine Silvestervorstellung des Phantoms der Oper gekauft, lange bevor unsere Party angek├╝ndigt wurde. Mann-o-mann, war die bedient, als der Aushang im Aufenthaltsraum aufgeh├Ąngt wurde. Sie hatte noch versucht Ihren Ehemann zu ├╝berreden, er solle zusammen mit der niedlichen OP-Schwester aus dem Krankenhaus, die ihn ÔÇô den Oberarzt ÔÇô seit Ewigkeiten anhimmelte, das Musical besuchen, war aber letztlich selbst mitgekommen, um ihre Ehekrise nicht noch weiter zu vertiefen.
    Die zweite Person die fehlte, war Rudi W├╝rzinger aus der Buchhaltung. Eigentlich hatte er fest zugesagt, war aber unerkl├Ąrlicherweise nicht erschienen. Wir machten uns nat├╝rlich sehr gro├če Sorgen. Diese vergr├Â├čerten sich selbstverst├Ąndlich, als er pl├Âtzlich auftauchte und mit der ganzen Sauerei anfing.

    Ich hatte mir f├╝r den Abend viel vorgenommen. Ich w├╝rde mich zusammenrei├čen und endlich den Mut aufbringen Verena Schubert, unsere Zeitarbeitskraft, anzusprechen. Wenn man sch├╝chtern ist wie ich, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat und nicht viel Erfahrung im Umgang mit der Damenwelt hat, ben├Âtigt man einen Plan, um die Gunst einer Frau zu gewinnen. Daher hatte ich detailliert ├╝berlegt, wie ich auf der Feier vorgehen w├╝rde. Zu meinem Gl├╝ck hatte ich mich im letzten Jahr freiwillig gemeldet, als ein Mitarbeiter gesucht wurde, um einen Kurs in Projektmanagement zu belegen. Und dies war endlich die perfekte Gelegenheit, um mein erlerntes Wissen erstmals in der Praxis zu erproben.
    Verena war f├╝r ihre zweiundvierzig Jahre nicht nur sehr gut aussehend, sondern hatte dar├╝ber hinaus auch eine bet├Ârend s├╝├čliche Stimme. Wie ich ├╝ber unseren K├╝chenchef erfahren hatte, war Verena Solos├Ąngerin in einem Kirchenchor in Hamburg-Bergedorf. Einmal hatte ich mich sogar heimlich an einem Sonntagmorgen in eine Messe ihrer Gemeinde geschlichen, um sie singen zu h├Âren. Es war himmlisch. Jetzt, wo sie, im Kopierraum eingeschlossen, hysterisch um ihr Leben schrie, hatte ihre Stimme etwas von ihrem Zauber eingeb├╝├čt. Allerdings nicht viel. Nur ein ganz klein wenig. Nun, ich war regelrecht vernarrt in sie. Nein! Geben wir es offen zu: Ich hatte mich in sie verguckt.

    Mein Plan schien aufzugehen. Ganz nebens├Ąchlich hatte ich am Buffet gefragt, ob sie nicht auch der Meinung sei, dass es besser w├Ąre, das w├Âchentliche Reporting auf einen Zwei-Wochen-Rhythmus umzustellen. Das war insofern schlau, weil ich mit Klaus Bruhns befreundet war. Klaus Bruhns war f├╝r das KAI-ZEN Programm im Betrieb verantwortlich. KAI-ZEN ist der japanische Ausdruck f├╝r einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess im Rahmen des betrieblichen Vorschlagswesens. Und eben mein Freund Klaus hatte mir am letzten Mittwoch heimlich gesteckt, dass Verena Schubert einen Verbesserungsvorschlag f├╝r einen neuen Ablauf der regelm├Ą├čigen Reports gemacht hatte.
    Was soll ich sagen? Wilhelm Tell pers├Ânlich h├Ątte nicht besser ins Schwarze treffen k├Ânnen. Verena sah mich vollkommen ├╝berrascht an. Sie war sogar so verbl├╝fft, dass sie ihren Partyteller, auf den sie gerade den extrem kalorienreichen Kartoffelsalat von Hannah Braun aufgef├╝llt hatte (Mayonnaise, keine Br├╝he), eine Spur zu schr├Ąg hielt. Zwei Tofu-Frikadellen ÔÇô sie war Vegetarierin, so wie ich ÔÇô purzelten hinunter und fielen zu Boden, an etwa an die Stelle, wo jetzt der halb abgerissene Arm unseres Gesch├Ąftsf├╝hrers Herr Dr. Meinhardt in einer gro├čen klebrigen Blutlache lag. Es sei darauf hingewiesen, dass zu dem Zeitpunkt als die Frikadellen herunterfielen, der Fu├čboden noch tipptopp war.
    Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Dr. Meinhardt unsere vietnamesische Reinigungskraft noch gestern angewiesen hatte, ein besonderes Ma├č an Reinlichkeit f├╝r die bevorstehenden Feierlichkeiten an den Tag zu legen. Unsere Reinigungskraft hatte sich infolge dessen praktisch selbst ├╝bertroffen, aber nun war es Dr. Meinhardt selbst, der das Linoleum frei von jeglicher Hygiene und ├ästhetik zierte.

    Meine Bemerkung war der perfekte Gespr├Ąchs├Âffner gewesen. F├╝r die n├Ąchsten dreiundzwanzigeinhalb Minuten hatte Verena nur Augen f├╝r mich. Ich w├╝rde sogar so weit gehen und behaupten, dass wir ein wenig angeb├Ąndelt hatten. Wenn ich eines meiner (immer und immer wieder zu Hause geprobten) Bonmots von mir gab, lachte sie mir zu, strich sich sanft mit ihrer rechten Hand durchs Haar und entbl├Â├čte dabei ihren Hals.
    Jeder Anthropologe, der auch nur halbwegs sein Gesch├Ąft versteht, wird ihnen sagen k├Ânnen, dass dies ein untr├╝gliches Zeichen f├╝r einen Flirt war. Und was das f├╝r ein Hals war! Bezaubernd! Zum Anknabbern. Der Anblick machte Appetit auf mehr. Der vorl├Ąufige H├Âhepunkt des Abends wurde erreicht, als mir Verena mit ihrer Serviette ein wenig Curryketchup von meinem Kinn wegtupfte. Ihre delikaten, zierlichen Finger waren nur wenige Zentimeter von meinen Lippen entfernt. Es h├Ątte nicht viel gefehlt und ich h├Ątte meine Selbstbeherrschung verloren und ihrem Handr├╝cken einen sanften Kuss gegeben oder gar hineingebissen.
    Dieser magische Moment hat sich tief in meine Netzhaut eingebrannt. Wenn ich nur daran denke, beginnt mein Herz schneller zu schlagen, meine Atmung beschleunigt sich und mein Magen f├Ąngt an zu knurren.

    Ich sp├╝rte, dass es an der Zeit war, den n├Ąchsten Schritt zu wagen und wollte Verena fragen, ob sie nicht vielleicht Interesse daran h├Ątte, mit mir in der n├Ąchsten Zeit Essen zu gehen. In ein Fleischrestaurant ihrer Wahl. Bevor ich jedoch zu meiner Frage ansetzen konnte, erschien Rudi W├╝rzinger zur Feier.

    Rudi W├╝rzinger musste etwas missverstanden haben. Alle Kolleginnen und Kollegen hatten sich des Anlasses entsprechend angezogen. Alle waren geschmackvoll eingekleidet, vielleicht eine Prise gewagter als zur letzten Sommerfeier und speziell die weibliche Belegschaft entbl├Â├čte etwas mehr Haut als gew├Âhnlich. Rudi W├╝rzinger dagegen hatte die Silvesterfeier dem Anschein nach wohl f├╝r eine Kost├╝mparty gehalten. Originell war seine Verkleidung in jedem Fall.
    Wobei dies nicht ganz richtig ist. Er hatte sich eigentlich gar nicht sonderlich verkleidet. Er hatte sogar den gleichen B├╝roanzug an, den er schon beim gestrigen Meeting getragen hatte. Was seinen Auftritt jedoch so einzigartig machte, war das professionelle Makeup im Gesicht. Manche Menschen gingen zum Fasching als Superheld, Arzt oder Mafiosi, Rudi W├╝rzinger dagegen als Schwerstunfallopfer.
    Mit fiebrigen Augen stolperte (oder war es eher ein Humpeln?) Rudi in die Kantine, die als Festsaal diente. Er grunzte. Noch nie hatte ich eine solch gelungene Maskerade gesehen. Die rechte Gesichtsh├Ąlfte von Rudi W├╝rzinger sah aus, als h├Ątte ihn ein wildes Tier angefallen. K├╝nstliche Fleischfetzen (offensichtlich eine Art Silikongemisch oder auch Latex) hingen herab. Jedes Mal, wenn er einen seiner Grunzlaute von sich gab, meinte man durch die vermeintlich offene Wange zu sehen, wie sich seine Zunge im Mund bewegte. Seine ganze Kleidung war mit voll (Kunst-)Blut besudelt. Die Erinnerung daran verursacht noch jetzt in mir ein warmes Gef├╝hl im Bauch.

    Alle waren entz├╝ckt. Jemand begann Beifall f├╝r diesen besonders gelungenen ├ťberraschungsauftritt zu spenden und alle ├╝brigen Anwesenden stimmten sofort mit ein. Dr. Meinhardt lief begeistert mit ausgestreckter Hand Rudi W├╝rzinger entgegen, um ihn pers├Ânlich zu seinem Einfallsreichtum zu begl├╝ckw├╝nschen.
    Hier wurde die Szenerie dann reichlich merkw├╝rdig und ich bin mir nicht sicher, ob es daran lag, dass ich einen Becher Punsch zu viel getrunken hatte oder ob diese leicht fiebrige Erk├Ąltung Schuld war. Vielleicht war es aber auch einfach nur der Hunger. Gro├čer Hunger soll Halluzinationen verursachen k├Ânnen. Dies habe ich zumindest irgendwo mal gelesen und ich hatte schlie├člich den ganzen Abend noch nichts Magenf├╝llendes gegessen.

    Wie dem auch sei: Dr. Meinhardt schritt Rudi W├╝rzinger entgegen und dann passierte etwas Anr├╝hrendes. Rudi fiel Dr. Meinhardt um den Hals. Dr. Meinhardt war derart viel Zuneigung etwas unangenehm und wollte sich aus der Umklammerung befreien, aber es gelang ihm nicht. Diese offensichtliche Ablehnung machte Rudi irgendwie w├╝tend. Und das war dann auch der Moment, wo die Party aus dem Ruder lief.

    Dr. Alexander Meinhardt, 56 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, fing an zu kreischen. Das war allerdings auch nicht verwunderlich, schlie├člich hatte Rudi W├╝rzinger ihm ein gro├čes St├╝ck Fleisch aus seiner Schulter gebissen. Panik verbreitete sich unter der Belegschaft und die Begeisterungsrufe ├╝ber die Verkleidung von Rudi W├╝rzinger verwandelten sich in Angstschreie. J├Ârg Hantke eilte unserem Gesch├Ąftsf├╝hrer zu Hilfe und b├╝├čte dies mit dem Verlust seiner Nase ein, die ihm kurzerhand abgebissen wurde. Frau Schr├Âder wiederrum, die sich noch vor zwei Stunden einer tiefgehenden anatomischen Untersuchung im Herrenklo unterzogen hatte, versuchte ihrem Liebhaber zu helfen und aus der Gefahrenzone zu ziehen, w├Ąhrend dieser den Teil seines Gesichts hielt, wo sich vor wenigen Sekunden noch sein Riechorgan befunden hatte. Da sich auf dem Boden mittlerweile eine betr├Ąchtliche Blutlache gebildet hatte, rutschten beide aus und fielen hin.
    Rudi W├╝rzinger hatte sich derweil ├╝ber den Oberschenkel von Sigrid Panitz hergemacht, die vor Angst erstarrt, nicht einmal versuchte Rudi daran zu hindern, ihr Bein zu verspeisen. Verena st├╝rzte in Richtung des kleinen Kopierraums, warf die T├╝r zu und schloss sich ein. Unser Festsaal hatte sich betr├Ąchtlich geleert. Der Gro├čteil der Kolleginnen und Kollegen war in Richtung Erdgeschoss gefl├╝chtet. In mir dagegen stieg die Wut auf.

    ÔÇ×Herr W├╝rzinger! Lassen sie das! Wir sind doch hier nicht bei den Hottentotten!ÔÇť
    Rudi W├╝rzinger und ich duzten uns eigentlich seit dem Sommerfest. Aber ich hatte mal in einer Zeitschrift gelesen, dass man in Gefahrensituationen mit betrunkenen Schl├Ągertypen, Rowdys und damit vermutlich ebenfalls bei Menschen mit kannibalistischen Neigungen nicht nur k├Ârperlich, sondern auch sprachliche Distanz waren sollte.
    ÔÇ×Herr W├╝rzinger! Ich spreche mit ihnen! K├Ânnten Sie bitte den Fu├č von Frau Braun aus Ihrem Mund nehmen?ÔÇť Ich war ├╝berrascht mit welcher ├ťberzeugungskraft die Worte meine Kehle verlie├čen.

    Langsam drehte Rudi W├╝rzinger seinen Kopf in meine Richtung und r├╝lpste. Der gro├če Zeh von Frau Brauns rechtem Fu├č fiel ihm dabei aus dem Mund und plumpste zu Boden. Ich war zu ihm durchgedrungen! Dies war zumindest schon einmal ein Anfang.
    ÔÇ×Ich w├╝rde vorschlagen, wir setzen uns jetzt erst einmal gemeinsam hin und besprechen die Sache wie zwei vern├╝nftige Menschen. So ein Massaker sieht ihnen doch gar nicht ├Ąhnlich. Was soll denn ihre Ehefrau dazu sagen?ÔÇť
    Rudi W├╝rzinger stapfte langsam auf mich zu. Ich wich im gleichen Tempo zur├╝ck.

    ÔÇ×Wir alle haben doch ab und zu etwas Appetit auf MenschenfÔÇŽÔÇť Hoppla. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht gesagt habe. Wie war das noch gleich?
    ÔÇ×Wir alle fressen doch t├Ąglich eine Menge Frust in uns hinein.ÔÇť Ja! So war es! ÔÇ×Aber den Frust auf diese Weise auszuleben, geht doch wohl ein wenig zu weit.ÔÇť
    Rudi W├╝rzinger nahm etwas Tempo auf und gab einen St├Âhnlaut von sich. Ich versuchte weiterhin zur├╝ckzuweichen, doch eine Wand des Festsaals stoppte meinen Versuch auf Abstand zu bleiben. Der letzte Gedanke, der durch mein Hirn ging, bevor Rudi W├╝rzinger ├╝ber mich herfiel war, dass Rudi wirklich nicht gesund und seine Horrormaske eine Spur zu echt aussah. Dann gruben sich seine Z├Ąhne in meinen K├Ârper und die Dunkelheit fiel ├╝ber mich herein.

    Meine Augen sind noch immer geschlossen. Ich liege auf dem Fu├čboden des Festsaals. Ich habe keine Schmerzen. Bin nur etwas hungrig. Irgendwo da drau├čen steht ein Polizeiwagen, glaube ich. Ich habe vorhin ein Martinshorn geh├Ârt. Rudi W├╝rzinger ist fort. Wei├č der Teufel wohin. Bis auf die Schreie von Verena Schubert im Kopierraum ist es beruhigend still geworden. Sie hat eine so sch├Âne Stimme. Verena. Wenn nur der Hunger nicht w├Ąre. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie sie mit der rechten Hand durch ihr Haar f├Ąhrt und ihren Hals entbl├Â├čt. Ein wundersch├Âner Hals. Wie ihr Handr├╝cken. Zum Anknabbern. Da bekommt man richtig Appetit. Da m├Âchte man glatt einmal reinbei├čen. Nur einmal. Dann w├Ąre der Hunger auch nicht mehr so gro├č. Aber vorher will ich mich noch ein wenig ausruhen. Ein bisschen schlafen. Zu Kr├Ąften kommen. Und dann Essen gehen.

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