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Leselupe.de > Kurzprosa
Silvesternacht im Aquadome
Eingestellt am 31. 12. 2016 10:43


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aligaga
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Den Tegernsee liebe ich, seit ich denken kann.

Auf einem Schwarzweißfoto sieht man mich im Strandhöschen sitzend ein Eis schlecken, im Hintergrund den See, den Riederstein und den Wallberg; neben mir hoch aufgerichtet ein schlanker Mann im Nadelstreifenanzug. Sein Gesicht unter der Hutkrempe ist nicht zu erkennen, weil er halb umgedreht zurück auf das glitzernde Wasser blickt. Ich bin wohl noch keine drei Jahre alt, auf dem Bild, und der Mann, sagte mir meine Tante einmal, wäre mein Vater gewesen.

Der See ist mir immer überschaubar. Ich kann ihn in allen Richtungen durchschwimmen und finde immer zurück, selbst nachts, bei Regen und Wind. Ich kenne alle seine Ufer und weiß auch unter Wasser immer, wo ich gerade bin – zwischen Gmund und St. Quirin das Schilf und der feine Sand; vor Tegernsee der Unrat zweier Jahrhunderte, von der Promenade die Halden hinuntergestürzt; vor Rottach der schwarzbraune Schlick, den der Fluss von den beweideten Almen mitgebracht hat; vor Wiessee der jähe Abbruch in die Tiefe, die Kiesfrachten der zulaufenden Wildbäche verschlingend; dann Kaltenbrunn, so seicht und sanft, die Seegraswiesen wehend im Drift.

In diesem Jahr spiegeln sich die Farben der Silvesterfeuerwerke nicht im blanken Eis wie sonst, sondern brechen sich in den Wellen, die der vom Berg herunterfallende Wind vor sich herschiebt. Ich hab versucht, sie zu erreichen und ihr zu sagen, wie einsam man sein kann, an Land, mitten unter Tausenden. Ihre Stimme war da, fĂĽr einen ganz kurzen Augenblick, dann verweht in den vielen anderen.

Ich möchte zwischen den Fischen ins Neujahr hinein schlafen: Blausilberne Renken, orangefarbene Saiblinge, grüne Forellen, rubinroter Hecht und goldene Schleie. Sie wissen nicht, wer du bist; du bist ihnen gleichgültig, sie fürchten dich nicht, obwohl der Tag kommt, an dem du sie töten wirst.

Du weiĂźt mehr als sie, und doch nĂĽtzt es dir nichts. Sie sind die Vollkommenen.


@Ali wĂĽnscht all seinen Freunden und Feinden ein heiteres neues Jahr!



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Willibald
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Der Logos der Fischwelt

Silvesternacht im Aquadome

Den Tegernsee liebe ich, seit ich denken kann.

Auf einem Schwarzweißfoto sieht man mich im Strandhöschen sitzend ein Eis schlecken, im Hintergrund den See, den Riederstein und den Wallberg; neben mir hoch aufgerichtet ein schlanker Mann im Nadelstreifenanzug. Sein Gesicht unter der Hutkrempe ist nicht zu erkennen, weil er halb umgedreht zurück auf das glitzernde Wasser blickt. Ich bin wohl noch keine drei Jahre alt, auf dem Bild, und der Mann, sagte mir meine Tante einmal, wäre mein Vater gewesen.

Der See ist mir immer überschaubar. Ich kann ihn in allen Richtungen durchschwimmen und finde immer zurück, selbst nachts, bei Regen und Wind. Ich kenne alle seine Ufer und weiß auch unter Wasser immer, wo ich gerade bin – zwischen Gmund und St. Quirin das Schilf und der feine Sand; vor Tegernsee der Unrat zweier Jahrhunderte, von der Promenade die Halden hinuntergestürzt; vor Rottach der schwarzbraune Schlick, den der Fluss von den beweideten Almen mitgebracht hat; vor Wiessee der jähe Abbruch in die Tiefe, die Kiesfrachten der zulaufenden Wildbäche verschlingend; dann Kaltenbrunn, so seicht und sanft, die Seegraswiesen wehend im Drift.

In diesem Jahr spiegeln sich die Farben der Silvesterfeuerwerke nicht im blanken Eis wie sonst, sondern brechen sich in den Wellen, die der vom Berg herunterfallende Wind vor sich herschiebt. Ich hab versucht, sie zu erreichen und ihr zu sagen, wie einsam man sein kann, an Land, mitten unter Tausenden. Ihre Stimme war da, fĂĽr einen ganz kurzen Augenblick, dann verweht in den vielen anderen.

Ich möchte zwischen den Fischen ins Neujahr hinein schlafen: Blausilberne Renken, orangefarbene Saiblinge, grüne Forellen, rubinroter Hecht und goldene Schleie. Sie wissen nicht, wer du bist; du bist ihnen gleichgültig, sie fürchten dich nicht, obwohl der Tag kommt, an dem du sie töten wirst.

Du weiĂźt mehr als sie, und doch nĂĽtzt es dir nichts. Sie sind die Vollkommenen.
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Dieser Text hat mich sehr berührt, auch und gerade wegen seiner emotionalen Präzision. Und eben deswegen möchte ich ihn erzähltechnisch würdigen. Es scheint mir wichtig, die Erlebnislandschaft, die uns bei der Lektüre offensteht, zu kartographieren. Vermutlich wird der text durch diese Art nicht seziert und getötet, zumindest hoffe ich es.

Titel und Ersteindruck

Der Titel einer Erzählung liefert – rezeptionstechnisch gesehen – den Erstkontakt. Er öffnet Felder und Skripten im mentalen Lexikon des Lesers, er will Aufmerksamkeit und das Ausblenden der Welt rund um den Text, er will die Konzentration auf sich.

Die “Silvesternacht“, als Beginn eines neuen Jahres, ist traditionell ein Zeitpunkt der Erinnerns an das vergangene Jahr, des Vorausdenkens in das neue Jahr, sie ist die Zeit guter Vorsätze, sie ist die Zeit, in der man vielleicht Geselligkeit mit seinen engsten Vertrauten sucht.

Dies alles lässt sich erwarten, wenn man den Titel dieser Prosaskizze liest. Allein, die Fortsetzung „im Aquadome“ kann da irritieren. Eine Anlage, ein riesiges Aquarium mit Süßwasserfischen, im Text spezifiziert als das Aquadome vom Tegernsee, eine zivilisatorische Einrichtung, eine Art Zoo für Fische und ihre Beschauer. Der Typ von Fischen, der sich auch im heimischen See findet. Die Fische sind stumm, ein Silvester für Menschen an diesem Ort ist alles andere als ein typischer Silvester.

Damit findet sich hier bereits eine Suspendierung gängiger Logik von Ereignisfolgen und ihrer Verknüpfung. Der Text beginnt mit einer Liebeserklärung. Es folgt ein Schwarzweißfoto aus der Kindheit. Der dritte Absatz kartographiert das Biotop See und macht es so auch für den Leser „überschaubar“. Der vierte Abschnitt beschreibt eine Abweichung in der metereologischen Norm: Kein Eis als Spiegel des Feuerwerks. Und er skizziert einen vergeblichen Versuch, einen Partner anzurufen und mit ihm länger zu sprechen. Das Ende beschreibt einen Wunsch, nicht wie erwartet den Wunsch nach Kontakt mit der angerufenen „sie“, sondern den Wunsch „zwischen den Fischen zu schlafen“. Der Text endet mit einer Apotheose der Fische „Sie sind die Vollkommenen“.

Der Erzähler

In jedem Erzähltext arbeitet, installiert vom realen Autor, „spürbar“ eine Orientierungsinstanz ( ein Erzähltechniker, eine Erzählinstanz, ein Erzähler), mit dem wir beim Betreten des „Kommunikationsraumes“ Text Kontakt aufnehmen. Im vorliegenden Fall findet sich ein Ich-Erzähler (Stanzel, Nünning, Schmid, Genettes „homo/autodiegetische Erzählinstanz“).

Deroft beobachtbare Gebrauch des Imperfektes signalisiert die Vergangenheit der Ereigniskette und installiert einen Gegenwartspunkt, von dem aus rückschauend erzählt wird. Hier ist es anders: Im ersten Satz findet sich das Präsens „liebe ich“. Der zweite Satz enthält wieder ein Präsens („sieht man mich“). Und das Präteritum findet sich an zwei latent markierten Stellen: Die Tante „sagte“, auf dem Foto sei der Vater zu finden. Und bei dem Anrufversuch „war die Stimme da“. Allerdings nur „für einen ganz kurzen Augenblick“.

So geht es denn auch nicht um eine traditionelle Rückschau und Überschau, um Ereignisse in der Außenwelt, die als erzählenswert dem Leser vor Augen geführt werden. Hier geht es mehr um die mentale Verfassung der Orientierungsfigur, ihre mentalen Prozesse. In ihrer Sprechzeit, ihrer Monologwelt befinden wir uns, wir sind weniger Kommunikationspartner in geselliger Runde, sondern Hörer eines inneren Monologes und innerer Bilder.

Wenn Kommunikation auch bedeuten kann, sich in ein fremdes Bewusstsein einzufühlen und mit ihm und ihm bei seiner stillen Rede zuzuhören, dann ist das hier Kommunikation. Unser Autor, unser Text verzichtet auf den Er-Erzähler, kein Nutzen der temporalen und figuralen Distanz, die sich sonst ergeben würde.

Vielmehr unredigierter, unzensierter Zugang zu einem inneren Monolog. Sicher auch im Bewusstsein, dass es ein Gegenüber gibt, ein Gegenüber, das im Fremden das Eigene wahrnimmt und seine Würde schätzt. Die Situationsmächtigkeit des traditionellen Erzählers ist hier nur in Spurenelementen vorhanden. Die Unmittelbarkeit kann dafür ihren Sog entfalten, wenn sich der Leser auf diese Bilder einlässt und sich darin versenkt.

Umfelder

Die Liebeserklärung gilt einem geographisch bestimmbaren Ort und einem emotional besetzten Biotop. Dieses Liebesobjekt „Tegernsee“ bestimmt die Syntax der nachfolgenden Sätze: „Man“ kann das Ich, das erlebende Ich der Kindheit zusammen mit dem erlebenden Ich, das eine Fotografie betrachtet, sehen, es gibt „den See, den Riederstein und den Wallberg“. Vertrautes steht im Akkusativ. Man wird hellhörig, wenn dann im Nominativ „ein schlanker Mann im Nadelstreifenaufzug“ auftaucht, aus der Liebesreihe genommen ist, dem Betrachter eher unvertraut und fremd. Es bedarf einer Information von außen: Die Tante hat in der Vergangenheit gesagt, es handle sich hier um den Vater. Offensichtlich keine Nähe zu einer Figur, wie man sie in einer Familie findet. Keine Klage, eher der schlichte Verweis auf die Tante, die ein Wissensdefizit der seltsamen Art füllt.

Der Liebesbezug wird nun präsenter und eindrucksvoller: Das erzählende Ich liebt den See als das „überschaubare“ Biotop. Bei aller Ausdehnung eben doch nicht fremd, sondern in Einzelheiten bekannt und präsent, egal an welchem Punkt das erlebende Ich sich dort aufhält. Ein seltsam erhabenes Biotop in der Tiefe der Oberwelt, für ein menschliches Lebewesen und sein Bewusstsein eine Art erhabenes Umfeld, ohne Lieblichkeit der süßen Art („gestürzt“, „Unrat“, „Schlick“, „jäher Abbruch“), vielmehr fern von Naturgottheiten und deren Sinngebung ein – vielleicht kann man so sagen – ergriffen beschreibender Blick auf die Wasserlandschaft unterhalb und zwischen den Orten oben.

Und dazu manchmal der poetische Atem in der wahrnehmenden und beschreibenden Instanz, wenn etwa im zweiten Absatz die Prosa trochäisch-daktylisch skandiert wird, untermalt von flankierenden Alliterationen und Assonanzen: dann Kaltenbrunn, so seicht und sanft, die Seegraswiesen wehend im Drift.

Der dritte Absatz verlässt bis zu einem gewissen Grad das menschenferne, fischnahe Biotop zugunsten der Oberwelt und ihrer Rituale: Kein Spiegeln des Feuerwerks im Eis dieses Jahr. Und hier ein aktiver Versuch der telefonischen Kontaktaufnahme. Der Versuch einer Situationsbeschreibung, ein Erreichenwollen, ein Anrufen und der sprachliche Versuch über das Eingeständnis der Einsamkeit „an Land“ den Kontakt (wieder?) zu gewinnen. Nur ein kurzzeitiger Anfangserfolg „Ihre Stimme war da“, dann ein - wohl technisch bestimmter - Abbruch.

Folgerichtig der Zug zum Vertrauten und zur aquamarinen (sic!) Unterwelt, vielleicht zu der aquamarinen Unterwelt an Land, dem Aquadome: Ein Schlafen zwischen den Fischen „ins Neujahr hinein“. Sie werden in ihrer Farbpracht benannt „blausilbern, orangefarben, grün, rubinrot, golden“, alles Attribute der Attraktion und der elementaren Schönheit. Dazu kommt ein weiteres, offensichtlich zentrales Merkmal ihrer Attraktion für das erzählende und erlebende Ich: Ihre Indifferenz, ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Menschen. Ihre Furchtlosigkeit, auch wenn sie vom Menschen getötet werden.


Das Modell Mensch


Die beiden letzten Absätze arbeiten mit einem Paradox, paradox nach herkömmlichen Maßstäben: Das erzählend-erlebende Ich attestiert den Fischen ein minderes Wissen, dem menschlichen Beobachter ein Mehr: „Sie wissen nicht, wer du bist."; Du weißt mehr als sie.“ Trotzdem aber besitzen sie -da dieses Mehrwissen dem Beobachter nichts nütze – Vollkommenheit („Sie sind die Vollkommenen“). So wohl die latente Logik dieses Satzes.

Wie steht es um die Plausibilität dieser These? Der temporal-lokale Standort des erzählenden Ichs ist umrisssen, ein realer Aufenthalt in der Oberwelt, ein sehnsüchtiger Kontakt und sein Scheitern, ein Kontakt mit der präzivilisatorischen Unterwelt der archaischen Erdformationen und der Wasserwelt. Die Indifferenz und Unberührbarkeit ihrer Bewohner wird hier Auslöser und Begründung für das Hineingleitenwollen in die animalische Welt des Tegernsees, eine reale Welt und eine Wunschwelt zugleich.

Spannend, dass in den vorletzten Absätzen ein „Du“ angesprochen wird. Das ist zum einen sicher das erzählende Ich in einer Selbstanrede, es konstatiert die Vorteile einer animalischen Mentalität und sieht darin für den Moment zumindest einen Vorteil.

Zum anderen spricht der Erzähler auch den Leser an, der im poetischen Text zusammen mit dem erzählenden Ich eine magisch-sprachliche Reise vollzogen hat. Soweit er die Sehnsucht nach der schmerzlosen Vitalität der Fische mitspüren konnte, soweit ist der Kontaktversuch auf der Metaebene, auf der Ebene der Erzählung wahrscheinlich geglückt.

Das ist ein weiteres Paradox, scheint mir. Der Mensch wurde immer wieder definiert oder zu definieren versucht, also von anderen Lebewesen in seinen differentiellen Merkmalen abgegrenzt und in den gemeinsamen Merkmalen nicht abgehoben.

Der Mensch ist ein Lebewesen und zwar

- das vernünftige Tier („animal rationale“, Aristoteles),
- das Tier, das spricht (Aristoteles),
- das Tier, das über seine früheren Handlungen nachdenkt, künftige Handlungen bedenken kann („animal rationale“; Darwin)
- Staaten bildend (Aristoteles),
- Hände habend und damit zu gezielter Arbeit fähig (Aristoteles),
- eine Seele habend (Descartes),
- vernunftfähig (Kant),
- Lebewesen, das um seinen Tod weiß (Hölderlin),
- nicht „festgestellt“ ist (Nietzsche),
- eine Welt „hat“ (Heidegger),
- etwas „stattdessen tut“ (symbolische und andere Handlungsformen, Marquard)
- ein „animal poeta“, das per Imaginationsstimulus Poesie schafft (Karl Eibl)

Was wir hier in diesem Text (auch) erleben können, ist die trostreiche Funktion von Sprache (müsste man mal mit Jupp drüber sprechen): Die rudimentären Ansätze zur Verständigung im Tierreich
(körpersprachliche und akustische Signale, rein situationsbezogen) sind soweit vertieft, dass situationsenthoben eine Besprechung vergangener oder zukünftiger oder gegenwärtiger Handlungsweisen und mentaler Ereignisse möglich ist. Und offensichtlich ist das vom „animal poeta“, sei er Autor, sei er Leser – bei aller Skepsis – dringlich ge/erwünscht.

Kipper und Eisbär

Das Töten an einem bestimmten Tag erinnert an einen weiteren Kontext, die Figur Kipper erleben wir ähnlich wie den eisschleckenden, strandhöschenversehenen jungen Erzähler. Hier anskizzziert in einem Foto, dort anskizziert in einem Roman, seinem Beruf nachgehend im veterinärdienstlichen Auftrag.

Er tötet, seziert und analysiert Fische. Der Name und damit die Sprache verhilft zu Erkennen. Der englische Begriff meint einen geräucherten Fisch, also einen Fisch an Land, im Trockenen, tot oder jedenfalls vom Tod bedroht. Das deutsche Wort „kippen“ ist sowohl transitiv, man kann etwas kippen, als auch intransitiv, man kann selber kippen. Diese Relationen scheinen in der Bilderwelt des Wortes, seinen unterschiedlichen Skripten und in der Ikonographie des Romans und der Prosaskizze „aufgehoben“ zu sein. Eine kippende Situation, ein kippendes Leben, eine kippende Existenz in Sprache zu fassen, mehrdeutig und deutbar zu fassen, scheint ein humanoides Begehren zu sein. Nützlich, unnütz.

Auf die Gefahr hin, rüde abgebürstet zu werden, die schweizerische Gruppe Grauzone hat 1981 in der Zeit der Neuen Deutschen Welle den Eisbär besungen.

quote:
Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar
dann mĂĽĂźte ich nicht mehr schrei'n
alles wär' so klar.
Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar
dann mĂĽĂźte ich nicht mehr schrei'n
alles wär' so klar.

Viele haben sich darin gefunden und wurden – vielleicht nur sehr oberflächlich, aber immerhin – nicht ohne emotionalen Trost aus der Textur entlassen.

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alis nil gravius

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aligaga
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Wow, o @Willibald - mit einer solchen Exegese hätte @ali nach alledem nicht mehr gerechnet!

Es ist schön, wie offen du zu sagen vermagst, was alles du in @alis Impressiönchen zu entdecken vermeinst, und bestätigst uns damit grandios, wovon immer wieder mal die Rede ist: Dass Schreiben sein kann wie Musikmachen, und dass es dabei auf jeden Ton ankommt. Vor allem in den kurzen Stückerln.

Wieviel Zeit und wieviel Zuwendung in dieser Rezension steckt, kann nur ermessen, wer selber schon mal versucht hat, eine Sonate zu schreiben oder zu spielen. Es dauert, bis man das kann. @Ali bedankt sich sehr, beim Kompositör ebenso wie beim Interpreten!

Der Tegernsee spielt in den "Häusern am Fluss" immer mal wieder eine Rolle; so heißt's zum Beispiel an einer Stelle:

quote:
Sie setzte sich ganz nach vorn ins Licht, ließ die Beine in die Tiefe baumeln, sah den wolkenlosen Himmel über und den Seespiegel unter sich. Sie winkte sich zu, ließ sich dann zurücksinken und die Sonne auf den Bauch scheinen. Sie hatte plötzlich das Gefühl, ihr ganzes künftiges Leben zu sehen. Es lag vor ihr wie dieses Wasser, in einem Talboden gesammelt, unmerklich vom Beginn zu einem Ende strömend, voller verborgener Gründe und belebt von Wesen, die man ahnte, aber nicht sah. Seine Oberfläche würde manchmal glatt sein wie jetzt und ein anderes Mal im Sturm toben, und es wäre ihr überlassen, wie weit und wie tief sie sich vorwagte. Sie spürte immer noch die stetige Kraft und die Sicherheit, die sein Körper ihr vorhin mitten im Wasser gegeben hatte und der sich so aufregend angefühlt hatte, dass ihr alle Sicherungen durchgebrannt waren.

Einer, der die "Silvesternacht" mit einer Fünnef bedacht hatte, hält Texte wie letzteren für eine Wichsvorlage, die allenfalls Flachwichsern zum Pläsier diente.

Der böhse @ali hört übrigens keine Eisbern rumpeln, wenn er hölzern über den Tegernsee wurzelt, sondern eher sowas wie den Delta Blues: They've got catfish on the table, they've got gospel in the air ...

Heiter immer weiter

aligaga

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