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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Simon Chung: SPEECHLESS - Filmrezension
Eingestellt am 13. 01. 2014 22:25


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Arno Abendschön
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Der Hongkong-Chinese Simon Chung war schon 2009 mit seinem Film „End of Love“ auf dem Panorama der Berlinale zu sehen. „Speechless“ (chin. Wu yan), sein dritter Streifen, kam 2012 auf den internationalen Filmmarkt. Aus dem Abspann erfahren wir, dass ihn die Hongkonger Filmförderung mitfinanziert hat und wie sie sich absichert: Ja zur künstlerischen Freiheit, Distanz zu den Aussagen des Films wie zu seiner Darstellung. Eine öffentliche Vorführung in der Volksrepublik ist undenkbar, Simon Chung setzt dort auf Verbreitung über DVD.

Beträchtliche Teile des Films wurden jenseits von Hongkong in Südchina gedreht, und zwar ohne staatliche Drehgenehmigung. Er erlaubt uns seltene Einblicke in das provinzielle China von heute und ist schon deshalb sehr lohnend anzusehen. Die Handlung spielt abwechselnd in einer Kleinstadt, in einem abgelegenen Dorf und in der erst 1988 in Hongkongs Nachbarprovinz Guangdong gegründeten Stadt Meizhou (heute über 300.000 Einwohner, Metropolregion fast fünf Millionen). Nacheinander betreten wir ein Polizeirevier, ein Kreiskrankenhaus, einen Imbiss, eine Dorfschule, eine christliche Kirche, einen Universitätscampus, eine große Klinik, ein Gefängnis … Die subtropische Berglandschaft ist zuweilen so schön, dass sie den Atem stocken lässt – und zugleich sind die Verwüstungen durch emsiges Wirtschaftsleben unübersehbar.

Die Handlung lehnt sich zu Beginn an einen authentischen Fall aus Europa an, den des Piano-Manns. 2005 lag er hilflos an einem südenglischen Strand und seine Identität war monatelang nicht zu klären, da er nicht sprach. Der nackte westliche Ausländer im Film stellt Polizei und Krankenhauspersonal in China vor dasselbe unlösbare Problem. Er soll daher in die Psychiatrie, wird jedoch zuvor von seinem Krankenpfleger aufs Land entführt. Damit setzt eine spannende Handlung ein, deren Verlauf hier nicht im Einzelnen aufgedeckt werden soll.

Die Struktur des Films kann dem nichtchinesischen Zuschauer einige Schwierigkeiten bereiten. Rückblenden sind häufig, zum Teil nur auf akustischer Ebene. Wir hören bruchstückhaft chinesisch reden und lesen dazu die Untertitel, abgelenkt durch die oft betörenden Bilder. Ein mehrmaliges Ansehen des Films wird ausdrücklich empfohlen – dann erst erschließen sich einem das ganze Drama und seine kunstvolle Darstellung. Die Leistungen der Schauspieler überzeugen dagegen schon auf den ersten Blick, und rasch entfaltet sich der spezielle Zauber des Films, seine Mischung aus Rätselhaftem und tief Berührendem, von fast Possierlichem bis hin zur Lust an Skandal und Grausamkeit.

Der homosexuelle Luke (Pierre-Matthieu Vital) – das ist der nackte junge Franzose – ist in China, um Mandarin zu studieren. Er verkörpert den Typ des unschuldigen Verführers: attraktiv, mit sonnigem Gemüt und gänzlich unaggressiv. Wie dieser unkompliziert freundliche, mediterran heitere Mensch auf die ernsten, arbeitsamen, pflichtbewussten Neokonfuzianer von heute wirkt und welche Verwüstungen er ungewollt anrichtet – das ist der Hauptinhalt des Films. Die Studentin Ning (Yu Yung Yung) auf Distanz zu halten, fällt ihm nicht schwer – aber dann bindet er deren Freund und Kommilitonen Han (Jiang Jian) an sich und treibt ihn mit seiner Anziehungskraft und mit Hilfe einer fatalen Intrige Nings in den Untergang. Han hat nicht umsonst den allerchinesischsten Namen, er verkörpert das China von heute, erfolgreich auf der Basis traditioneller Werte, intelligent, tüchtig, arbeitsam – und allzu sehr auf Harmonie bedacht. Seine Tragödie ist es, die Luke zum Verstummen bringt und einen Reifeprozess in ihm auslöst. Dabei unterstützt ihn der Krankenpfleger Jiang (Gao Qilun). Auch ihn könnte Luke aus der Bahn werfen, menschlich wie beruflich. Aber Jiang erweist sich bei weniger glänzenden Voraussetzungen im Vergleich zu Han als die viel stabilere Persönlichkeit. So endet der Film nach vorangegangener Katastrophe mit einer freundlichen Perspektive.

Eine zusätzliche Komplikation in der Thematik des Films besteht darin, dass Ning und Han aktive Mitglieder einer protestantischen christlichen Gemeinde sind und der öffentliche Skandal während eines Gottesdienstes seinen Lauf nimmt. Der Film bringt so, wie andere asiatische vor ihm schon (z.B. „The Love of Siam“), die Theorie des Imports rigider Sexualmoral aus dem Westen ins Spiel. Damit stellt er ein Gleichgewicht her: China kann in der Auseinandersetzung mit fremden kulturellen Einflüssen gewinnen und verlieren, Selbstbestimmung wie Fremdbestimmung. Und der Westler, wie entwickelt er sich unter östlichem Einfluss? Jiang bezeichnet Luke einmal scherzhaft als „Buddhisten“ - Luke hat gerade die von Jiangs Onkel gefangenen Fische mitleidig ins Wasser zurückgeworfen. Jiang zu ihm: Sie sterben trotzdem … Und Luke macht insoweit später in Meizhou einen für Han tödlichen Lernprozess durch und sagt schließlich zu Ning: „Let him go!“ Er sagt es nicht auf Mandarin, sondern auf Englisch. Wie fein akzentuiert an diesem klugen Film fast alles ist …

Schließen wir mit einem Detail, das den westöstlichen Zusammenhang auf etwas putzige Weise aufzeigt. Jiang fällt in der Dorfschule ein altes Lese-Übungslied ein, das sie damals im Chor gesungen haben. Als er es anstimmt, hören Luke und der abendländische Filmzuschauer, dass es nach der Weise von Frère Jacques geht … Wikipedia zählt einige Sprachen auf, in denen das alte französische Kinderlied heute gesungen wird: Afrikaans, Spanisch-Argentinisch, Berberisch, Chinesisch, Haitianisch-Kreolisch, Tamil, Hebräisch, Vietnamesisch, Türkisch, Thailändisch, Swahili, Latein, Japanisch, Indonesisch, Esperanto und noch viele mehr. Weltkultur heute: in allen Zungen singen – und filmen auch.

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