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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Singapur
Eingestellt am 08. 08. 2013 21:10


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Leovinus
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Singapur

Sie würde sich verspäten.

Der Notar rückte seine Fliege zurecht. „Kein Interesse an der Molkerei?“

Der Mann neben ihm blickte durch das Hoftor die Straße entlang bis zum Wald. „Meine Schwester ist die Geschäftsfrau.“

Der Notar nickte. „So geräuschlos hat noch keiner eine Firma übernommen. Gerade mal eine Todesanzeige im Lokalblatt.“ Er drehte sich zum Haus um. „Ihr Vater hat Ihnen eine schöne Villa hinterlassen. Warum wollen Sie bloß dieses Ölbild? Nicht sehr wertvoll.“

„Darum geht es nicht“, sagte Johann und betrachtete das Haus seiner Kindheit.

Hier hatte es begonnen, natürlich. Andrea hatte es kurz nach Mutters Tod verlassen. Für ihn selbst war es drei Jahre später Zeit. Der letzte Gast seiner Abschiedsparty hatte eben den Hof verlassen, als Johann an Vaters Arbeitszimmer vorbei geschlendert war. Die schwere Tür war aufgesprungen, Andrea kam heraus gestürzt und war beinahe mit ihm zusammen gestoßen.

Die Augen seiner großen Schwester erinnerten ihn immer an den Gefrierpunkt. Doch damals hatte sich Verwirrung darin gespiegelt, dunkel wie ein Tiefseegraben, ein ungewohnter Anblick. Der Schatten hielt nicht länger an als diesen Moment. Sie eilte an ihm vorüber, ohne die Tür zu schließen, ohne ein Wort.

Johann steckte vorsichtig den Kopf in den leeren Raum. Woher rührte dieser Schatten?

Außer dem Schreibtisch und der Sitzecke gab es im Raum nur Regale voll mit Gesetzbüchern und Ordnern. Und dieses eine Bildnis einer Frau, die niemand kannte. Es hing schräg. Vater hätte es nicht einmal geduldet, wenn ein einziger Grashalm hinterm Haus kürzer als die anderen war. Johann hatte das Bild von der Wand genommen und umgedreht. Er schaute auf leere vergilbte Pappe. Vorsichtig löste Johann eine der Metallklemmen, eine weitere.

Sanft segelte ein Stück Papier zu Boden. Johann hob es auf und starrte es an. Ein Briefumschlag, noch zugeklebt, adressiert an Vater, Karl Barst. Die Herkunft wurde fast von einem simplen wellenlinienförmigen Stempelabdruck verdeckt: „Singapore“. Das Datum daneben war vierzehn Tage alt. Die Handschrift hatte Johann sofort erkannt, obwohl er es nicht hatte glauben können. Die frische Handschrift einer Frau, die vor drei Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war.

Das leise Brummen des hellblauen Mercedes zog ihn zurück in die Gegenwart. Das Fahrzeug rollte durch die Hofeinfahrt und bremste geräuschvoll auf Vaters Parkplatz. Bei geöffneter Autotür zog Andrea sich schwarze Stöckelschuhe an. Sie schloss die Tür elegant aber kraftvoll. Die grelle Lippenstiftfarbe passte wie immer nicht zu ihrem bleichen Äußeren.

An der Beifahrerseite versuchte ein feister Mittfünfziger smart und erfolglos, gleichzeitig einen Aktenkoffer zu halten, sich den Hut aufzusetzen und die Tür zuzuschlagen.

„Hallo Johann“, sagte Andrea. Sie umarmten sich förmlich, wobei ihre kühle Wange ihn streifte. Auch ihre Stimme, obwohl tief, erschien Johann nie warm. „Herr Gerstenberger ist mein Anwalt.“

Johann lächelte Gerstenberger an. „Bislang waren Sie ‚unser‘ Anwalt.“

Andrea lächelte ebenfalls. „Es kommt immer darauf an, wer zahlt. Gehen wir hinein.“

Im Arbeitszimmer stand verbrauchte Luft. Johann zog die Gardinen auf und öffnete die Fenster. Kühle Märzluft drang herein.

Der Notar legte den Villenschlüssel auf den kleinen Besprechungstisch, ehe er sich verabschiedete. Johann setzte sich Andrea und Gerstenberger gegenüber. Vor dem Anwalt lag ein leerer grüner Hefter, den er die ganze Zeit nicht verwenden würde. Stattdessen hielt er sein Handy fest, als hätte er Angst, es könne fortfliegen.

„Weißt du, was das Bild wert ist?“, begann Andrea direkt.

Johann hielt Andreas Blick stand. „Wie ich dich kenne, hast du es schätzen lassen.“

Sie lächelte wieder. „Auch ich durfte das Haus nicht allein betreten.“

Damit du, dachte Johann, den Brief nicht vernichtest.

Sie fuhr fort: „Aber Herr Gerstenberger hat einiges in Erfahrung gebracht. Bitte.“ Sie wies auf den Anwalt ohne ihn direkt anzuschauen. Gerstenberger wühlte einen seiner grünen Hefter aus der Tasche. „Und fassen Sie sich bitte kurz.“

Gerstenberger lief rot an und blätterte bis zu einer Klarsichthülle. „Ihre Mutter ersteigerte es in Amerika für 638,50 Dollar.“

„Ein Schnäppchen, natürlich.“ Andrea lehnte sich zurück. „Ich vermute, es ist heute kaum mehr wert.“

„Ich möchte es gern dennoch haben“, erwiderte Johann.

Gerstenbergers Handy brummte.

„Ich mache dir ein Angebot“, sagte Andrea.

Johann horchte auf. Seit ihrer Kindheit war „Ich mache dir ein Angebot“ Andreas erfolgreichster Schlüsselsatz. Sie hatte ihn von Vater übernommen. Immer - ob es sich um Puddingportionen handelte, das Jugendzimmer oder den Oldtimer - erschienen ihre Angebote so verlockend, dass er nicht widerstehen konnte. Oft blieb Andrea so lange hartnäckig, bis er aufgab. Und mit der fast leeren Bonbonschachtel, dem dunklen Erdgeschoss-Zimmer oder dem pannenträchtigen Sportwagen zurück blieb.

„Denk drüber nach.“ Auf ihren Wink hin, kramte Gerstenberger einen weiteren grünen Hefter hervor, den er ohne aufzuschauen an Johann weiter reichte, während er mit einer SMS kämpfte.

Vorn stand in großen Lettern „Kunstvertrag“. Johann stellte sich ans offene Fenster.

Das Schriftstück klang plausibel. Klar, ehrlich, sogar etwas entgegenkommend. Eben Gerstenberger.

Johann sah zu Andrea. „Ich bekomme eine Fälschung?“

Andrea verschränkte die Arme. „Ich beauftrage einen der renommiertesten … wie heißt das? … Alternativkünstler“, sagte sie. „Er wird ein Bild schaffen, das niemand vom Original unterscheiden kann. Oft bringen die Werke dieser modernen …“

„Fälscher“, sagte Johann.

„ … Alternativkünstler mehr Geld als die unbedeutenden Originale.“

Aber nicht, dachte Johann, wenn jemand völlig anderem das hier alles gehört.

Er dachte an einen anderen grünen Hefter, der damals, nur drei Monate später, mit einem Stapel Papieren auf seinem Küchentisch gelegen hatte. Viele mit dienstlichen Siegeln versehen, manche schienen eine weite Reise, nicht nur mit der Post hinter sich zu haben. Dahinter hatte Gerstenberger gesessen und mit dem Kopf geschüttelt. „Nein, Herr Barst. In jeglicher Richtung dasselbe Ergebnis. Ihre Frau Mutter ist tot, bei dem Absturz umgekommen. Im allermindesten ist sie schlicht nicht auffindbar.“

‚Im allermindesten‘, dachte Johann. Eine typische Gerstenbergerformulierung. Er fragte nicht, ob der Anwalt wirklich alles versucht hatte. Alles andere hätte ihn gewundert.

Johann dachte nach. „Sie bekommen selbstverständlich trotzdem das ganze Honorar. Aber da wäre noch etwas.“ Gerstenberger hob die Augenbrauen. „Hat auch meine Schwester Sie beauftragt?“

Der Anwalt lächelte, ein neuer Anblick für Johann. „Herr Barst, Sie wissen, dass ich darüber keine Auskunft geben kann. Aber wäre es so, gäbe es nichts anderes. Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen?“ Mit offener Hand ermunterte ihn Johann.

„Wie kommen Sie darauf, dass Ihre Mutter noch lebt?“

Johann zuckte die Schultern. „Ein Gefühl, nichts mehr.“

„Warum sollte sie untertauchen?“, fragte Gerstenberger. „Sie mochte die Molkerei.“

„Vater hat die Firma kaputt gemacht.“

Gerstenbergers Augen verengten sich. Johann fuhr fort: „Natürlich läuft die Molkerei besser als je. Aber er hat ihr die Seele genommen. Mutter hasste seine Erbsenzählerei. Sie wollte einen Bauernhof, kein Industrieunternehmen.“

Gerstenberger hatte geseufzt, damals. Johann konnte bis heute nicht sagen, ob er ihn verstand. Gerstenberger war viel zu sehr Anwalt, als dass man gewusst hätte, wie er wirklich dachte.

„Ich möchte das Original“, sagte Johann zu Andrea.

Langsam nickte sie. Ihr Blick wanderte zur Decke. „Mein letztes Angebot: Wir teilen. Ein halbes Jahr ich, dann du. Fair, oder?“

Johann setzte sich wieder. „Wenn du ‚Angebot‘ sagst“, meinte er, „klingt das immer wie ‚Ich weiß mehr als du.‘“

Er blickte Andrea fest an. Ihrem Gesicht war nichts abzulesen. Dieselbe freundlich aussehende Unverbindlichkeit wie immer. Aber Johann wusste, dass er darauf nicht hereinfallen durfte. Diesmal nicht.

„Du traust mir nicht“, sagte Andrea nüchtern. Er blieb still und wich ihrem Blick nicht aus. Zwei Statuen, die sich gegenüber saßen und darauf warteten, dass die Andere zu Staub zerfiel. Johann bekam das Gefühl, in seinem Inneren wachse ein Ballon, dessen dünne Haut jeden Moment auseinanderfliegen konnte. Da erschien der Tiefseegraben in Andreas Augen. Deutlicher und dunkler als vor zwanzig Jahren. Johanns Augenlider schlossen und öffneten sich langsam. Er atmete langsam aus. Die Zeit der Angebote musste endlich vorbei sein.

„Richtig. Ich traue dir nicht“, sagte er. „Muss ich es mir auf anderem Wege besorgen?“ Er warf einen kurzen Blick auf den Anwalt.

Andrea schlug leise mit der flachen Hand auf den Tisch. „Frau Barst, bitte …“, versuchte Herr Gerstenberger.

Andrea stand auf und lief im Raum auf und ab. „Ich habe ein Vorrecht auf dieses Bild, verstehst du? Ich bin die Ältere. Es gibt keinen Grund, nicht auf mein Angebot einzugehen. Besorg dir einen Anwalt.“ Mit Schwung nahm sie Platz.

Johann sank in sich zusammen. „Frau Barst“, wagte Gerstenberger sich vor. „Ich rate …“ Er stockte. „Halten Sie die Klappe“, fauchte Andrea. „Und lassen Sie endlich die Spielerei mit dem Handy.“

Johann erhob sich langsam. So aggressiv hatte er seine Schwester noch nie erlebt. Er musste es jetzt zu Ende bringen. „Ich denke, wir machen Schluss mit dem Versteckspiel. Ich möchte keine Angebote mehr und keine halbherzigen Verträge. Es geht Dir nicht um das Bild.“

Andrea schaute auf. „Was soll das?“, fragte sie. Johann sprach weiter. „Herr Gerstenberger, geben Sie mir bitte das Bild. Ich möchte, dass alles seine Ordnung hat.“ Draußen fuhr ein Wagen vor. Vermutlich die Putzfrau. Gerstenberger legte das Handy beiseite und ging zum Bild hinüber. Andrea hielt den Kopf in die Hände gestützt und bewegte sich nicht. Als müsse sie nur lange genug starr bleiben, um das Ruder herumzureißen.

Oder wusste Andrea nichts von dem Brief? Der Anwalt nahm das Bild von der Wand und reichte es Johann. Dessen Hände zitterten. Er löste die Metallklemmen und entfernte den Pappdeckel. Ebenso wie damals.

Hinter dem Pappdeckel befand sich nichts. Nichts außer der Rückseite der Ölmalerei. Johann wurde heiß. Andrea lachte. Ihre Stimme klang erlöst.

„Hast du wirklich geglaubt, der Alte lässt den Brief all die Jahre dort drin? Blauäugig wie ein Dreijähriger! Deswegen wirst du auch nie eine Firma führen.“

Johann fühlte seinen Herzschlag wie Trommeln in einer weit entfernten Höhle. Er fing einen Blick des Anwalts auf und schaute zur Tür. Da wusste er, dass er gewonnen hatte.

Die Tür öffnete sich. Eine Erscheinung, eine hochgewachsene ältere Dame in einem langen weißen Ledermantel, auf einen schwarzen Stock gestützt, einen ebenso schwarzen breitkrempigen Hut und vor allem eine dunkle Augenklappe tragend, eroberte mit einem einzigen Schritt den Raum. Das freie Auge war dunkel. Tiefseegraben.

„Na, Kinder“, sagte sie mit knarrender Stimme, „habt ihr mich vermisst?“

Hinter ihr trat ein südländischer Mann durch die Tür, ganz Lächeln, zwar kleiner als sie, aber nicht minder imposant.

Die Dame gab Gerstenberger einen Kuss auf die Stirn. „Danke Alois, für die SMS.“

Sie entdeckte den Bilderrahmen auf dem Tisch. „Ach, das habe ich wirklich vermisst in Singapur.“ Ihr Blick wanderte von einem zum anderen Geschwister. „Habt ihr euch darum gestritten?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie die Kinder.“

Sie befestigte den Pappdeckel und hängte das Bild an seinen Platz.

Am Fenster wehten die Gardinen mehr frische Luft herein.



„Lieber Karl, du siehst, lebe ich noch. Du wirst dich wundern und fragen, warum ich nicht zurückkehre. Eine typische Karl-Frage. Mit der Liebe seines Lebens, also der wahren Liebe, verlieren andere Dinge an Wert. Vor drei Jahren, du erinnerst dich, nachdem ich dich verlassen hatte, traf ich auf dem Flughafen einen Spanier und verpasste irgendwie das Flugzeug. Wir waren noch dort, als wir von dem Absturz erfuhren und fragten uns, wie oft man die Chance bekommt, ganz von vorn zu beginnen. Es ist verrückt, nicht wahr, dass ich das Flugzeug nie betreten habe und so viel weiter entfernt bin als je erwartet. Doch ich denke, ich habe einen gewissen Anteil an der Firma verdient. Was hältst du von monatlichen Raten? Du findest anbei die Visitenkarte eines sehr verschwiegenen Anwalts. Gib sie Gerstenberger. Ich weiß, er ist ebenso verschwiegen. Mit ihm werde ich alles Weitere aushandeln. Dafür siehst du mich nie wieder. Ist das ein Angebot? Lebe wohl. Rosamunde.

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Bertram
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2013

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Hallo Leovinus

Die Geschichte ist gut aufgebaut, spannend und mysteriös. Die kühle Schwester lässt mich schauern. So macht Familie Spass ;-)

quote:
Hier hatte es begonnen, natürlich.

Das "natürlich" würde ich weglassen, weil es eben so "natürlich" ist ;-)


quote:
Am Fenster wehten die Gardinen mehr frische Luft herein.

Wehen die Gardinen wirklich die Luft herein oder wehen sie nicht eher in der Luft, die hineinströmt?

quote:
„Lieber Karl, du siehst, lebe ich noch.

"Wie du siehst, lebe ich noch" oder "du siehst, ich lebe noch".

Sonst fällt mir wirklich nichts auf, was ich bemeckern könnte.

Liebe Grüsse
Bertram

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