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Leselupe.de > Humor und Satire
Single -Katzentisch und Einzelzimmer
Eingestellt am 18. 11. 2010 11:22


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Single – Katzentisch und Einzelzimmer

Nein, nein, nicht dass ich falsch verstanden werde: Ich bin kein Single. Letztes Wochenende musste ich jedoch die Leiden eines Single am eigenen Leib erfahren.
Da ich schon montagsfrĂŒh einen Termin hatte, reiste ich bereits am Sonntag in die Eifel und checkte in mein gebuchtes Hotel ein.

Wortlaut der Hotel- Homepage: „4 Sterne First Class. Es ist nicht ĂŒbertrieben, zu behaupten, dass das Hotel / Restaurant zu den ersten Adressen in der Eifel zĂ€hlt. Schon das Ambiente der RĂ€ume macht deutlich, dass es sich um ein Haus mit Kultur handelt.“
Mit gesicherter, positiver Erwartungshaltung betrat ich das Hotel. Der Empfangsbereich war großzĂŒgig ausgestattet, das Feuer im Kamin flackerte heimelig. Ich fĂŒhlte mich auf Anhieb geborgen. Die richtige Entscheidung – dachte ich.
An der Rezeption wurde ich von einem Ă€lteren weiblichen Wesen grundlos bissig empfangen und von oben bis unten gemustert. Warum tat sie das? Ich versuchte ihre Gedanken zu ergrĂŒnden: Was muss das fĂŒr ein Mann sein, der am heiligen Sonntag alleine anreist. Mit dem stimmt doch was nicht. Der ist nicht echt. Seine Frau hat den Kerl mit Sicherheit rausgeschmissen. Geschieht ihm recht, wer weiß, was das fĂŒr ein Hallodri ist.

Sie drĂŒckte mir ohne ein LĂ€cheln den ZimmerschlĂŒssel in die Hand und erklĂ€rte, ich könne, wenn ich wolle, einen Aufzug benutzen, mein Zimmer lĂ€ge im 3. Stock. In dieser Bemerkung lag schon die pure Bosheit! Das konnte hier ja heiter werden.

Über zwei lange muffige Flure erreichte ich das Flurende des 3. Stocks. Es war nicht nur rĂ€umlich das letzte Zimmer auf dem langen Flur, nein, es war wirklich auch das Letzte, was ich in diesem Zimmer 324 zu sehen bekam.
Die gesamte Einrichtung des Einzelzimmers bestand aus Möbeln der spÀten 60er. Ein schwarzer Minifernseher aus den 80ern mit einer unglaublich miesen Akustik hatte man links oben an die Wand geklatscht. Vom Bett aus war Fernsehen nur sitzend oder in rechter Seitenlage möglich. Der Pilot war mit Isolierband geflickt.
Die Toilette war so eng, dass ich beim Sitzen die Duschtrennwand öffnen musste, um mein Knie beugen zu können. Ich versichere: Ich bin 1,77 Meter groß und nicht ĂŒbergewichtig.
Ein total vergammelter Teppich war mit Flecken jeder Art ĂŒbersĂ€t. Der Balkon gab mir den Rest. Die Fliesen waren herausgebrochen und am GelĂ€nder war die Farbe auf der gesamten LĂ€nge abgeplatzt. Dies alles bekam ich einschließlich FrĂŒhstĂŒck fĂŒr 62,00 Euro geboten.
„Ankommen und sich gleich wie zu Hause fĂŒhlen“, so steht’s im Prospekt. Toll! Sollte ich schreien? Sollte ich zur Rezeption laufen und den Hoteldrachen zur Sau machen?
Tief durchatmen.
Der virtuelle Rundgang zeigte mir doch im Internet ein respektables Doppelzimmer. Doch als Single durfte ich im allerletzten, verlotterten Einzelzimmer nÀchtigen! Musste ich das hinnehmen? Eine Frechheit, eine Zumutung war das.

Das Haus war voll belegt und ein anderes Hotel war weit und breit nicht verfĂŒgbar. Ich beschloss trotzdem meinen Unmut in Worte zu fassen, rannte zur Rezeption und beschwerte mich dort gut vernehmbar. Ich erhielt als Erwiderung ein laxes Axelzucken, sie hĂ€tten kein anderes Zimmer frei, und als krönende Zugabe erhielt ich das freundliche Angebot, ich könne ja, wenn ich wolle, das Hotel wieder verlassen.

Ich sah mich im Geiste schon im Auto pennen. Wortlos drehte ich mich um und warf das Handtuch. Mit fĂŒnf Pils an der Hotelbar versuchte ich diese entwĂŒrdigende Heimsuchung zu vergessen.

Mittlerweile quÀlte mich der Hunger und ich beschloss, im Restaurant des Hauses zu speisen.
Ein Kellner im schwarzen Anzug fragte mich zynisch, mit wie viel Personen ich zu speisen wĂŒnsche. Als ich ihm aufreizend nĂ€selnd erklĂ€rte, dass ich allein mein Dinner einnehmen wĂŒrde, bekam ich einen besonderen Tisch angewiesen, natĂŒrlich den besten im Saal. Der war, wie sollte es auch anders sein, zwischen KĂŒche, Toilette und Garderobe platziert. Immerhin ein Zweiertisch. Ich fragte, ob er mich verscheißern wolle und verlangte lautstark einen anderen. Den bekam ich auch – einen Sechsertisch mitten im Speisesaal, voll auf dem PrĂ€sentierteller.
„In Ruhe anspruchsvoll genießen“, hieß es im Prospekt.
Ich fragte den Ober, ob er mir nicht noch einen grĂ¶ĂŸeren Tisch anbieten wolle. Er zuckte nur mit den Schultern, es tĂ€te ihm leid, die anderen Tische seien bereits reserviert. Ich setze mich widerwillig und enttĂ€uscht an den riesigen Familientisch. Das hatte der Mistkerl absichtlich arrangiert, da war ich mir sicher!
Ich fĂŒhlte mich von allen Seiten beobachtet und studierte mehr verlegen als gezielt die Wein- Speise- und Dessertkarte. Dann bestellte ich nach fĂŒnf Minuten einen GĂ€nsebraten mit KlĂ¶ĂŸen, Bratapfel und Rotkohl. Dazu ein Viertel Burgunder.
Die Wartezeit bis zum Servieren erschien mir wie eine Ewigkeit. Wohin sollte ich arme Socke aus lauter Verlegenheit hinpeilen. Von ĂŒberall wurde ich angegafft. Sollte ich die Kellnerinnen oder die Ober in ein GesprĂ€ch verwickeln oder mir bis zum Auftragen die Tageszeitung reichen lassen?

Als ich dann meinen Mut zusammennahm und furchtlos meine Augen durch den Speisesaal wandern ließ, glotzten mich mindestens zwanzig fragende Augen an. Sofort drehte ich bei und starrte hilflos auf die weiße Tischdecke.
Meine Phantasie beflĂŒgelte mich völlig unerwartet, ich ahnte die Hirngespinste der GĂ€ste: der Mann ist entweder geschieden, schwul oder Witwer. Er hat nicht mal einen Freund oder eine Freundin, mit der er den Sonntagabend verbringen konnte. Was muss das nur fĂŒr ein Trottel oder Fiesling sein!

Mein Selbstbewusstsein ist normalerweise gut ausgeprÀgt, hier jedoch wurde es strapaziert und versagte kurzzeitig. Nach ein paar Minuten fing ich mich und beschloss, dieser stierenden Herausforderung eindrucksvoll zu begegnen. Ich entwickelte augenblicklich ein spielerisches Interesse, die Gedanken hinter jedem eingefangenen Blick zu erforschen.

Ich stieß hier unmissverstĂ€ndlich auf einige bösartige Blicke, wenigstens deutete ich sie so. Als sich aber der strafende Strahl meiner Augen bis in ihre schwarzen Seelen brannte, fĂŒhlten sie sich ertappt und wichen meinem Blick verschĂ€mt aus.
Links am Fenster saßen zwei Ă€ltere Damen und lĂ€chelten mir freundlich zu. Warum? Kannten die meine missliche Lage hier am Katzentisch? Sie hatten mit Sicherheit als Singles meine Situation zigmal durchlitten. Ich lĂ€chelte dankbar zurĂŒck.
Ein Ehepaar in meiner direkten Blickrichtung prostete mir sogar einmal höflich zu, so, als wollten sie mir Mut machen. Ich hob etwas zaghaft mein Glas und nickte ihnen zu.

Der Ober war um Wiedergutmachung bemĂŒht und fragte, ob ich am Essen etwas zu beanstanden hĂ€tte. Nein, hatte ich nicht. Es schmeckte mir vorzĂŒglich. Ich hielt einen kleinen, versöhnlichen Plausch ĂŒber die Herkunft der FlattermĂ€nner und dankte fĂŒr die liebenswĂŒrdige Anfrage.

Plötzlich fĂŒhlte ich mich in dieser vermeintlich feindseligen Gemeinschaft viel wohler. Es mag auch ein wenig am Alkohol gelegen haben. Ich ging auf Distanz zu mir selbst und fragte mich, warum ich in negativen Momenten auch meine Mitmenschen ablehnend beurteilte. Diese Selbsterkenntnis wirkte befreiend, meine GesichtszĂŒge entkrampften sich mehr und mehr und ich bestellte noch ein Glas Rotwein.

Am nĂ€chsten Morgen hatte ich das VergnĂŒgen, beim Hotelier höchstpersönlich meine Rechnung zu begleichen. Ich teilte ihm mit, dass ich eine Augenkrankheit durch das Fernsehen auf dem Minibildschirm und eine Knieverletzung durch die enge Toilette erlitten hĂ€tte. Mit Sicherheit wĂŒrde mir jedes Gericht Schmerzensgeld zusprechen. Das Zimmer wĂ€re absolut ĂŒberteuert und selbst fĂŒr hartgesottene und an Hotelkummer gewöhnte Singles eine Zumuung. Ich wĂŒrde sein Hotel im Internet entsprechend bewerten und gern weiterempfehlen, drehte mich um und verließ grinsend die gastliche Herberge.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
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Die Szene am Tisch erinnert an Mr. Bean, der alleine speist und alle wollen dann sein Essen probieren...zum GlĂŒck ist es hier nicht so weit gekommen....
Du hÀttest das Ganze noch lustiger gestalten können - oder eben noch bissiger als Satire.
Trotzdem gern gelesen!

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