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Leselupe.de > Kurzprosa
Sinnestäuschung
Eingestellt am 10. 12. 2001 22:37


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rabi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2001

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Sinnestäuschung

Ich bin als Zeuge vor Gericht geladen. In einem Mordprozeß. Von meiner Aussage könnte es abhängen, ob der Beschuldigte verurteilt wird und die nächsten fünfzehn Jahre hinter Gittern verbringen muss, oder ob der Prozeß mit einem Freispruch endet. Ich soll also sagen, wie es gewesen ist. Nein, das kann ich nicht. Nicht, dass ich es nicht will. Natürlich will ich helfen, die Wahrheit zu finden. Seit gestern kann ich es aber nicht mehr. Dabei war ich mir so sicher, wie es sich abgespielt hat. Ich wusste, was ich dem hohen Gericht sagen würde. Bis gestern.

Bis mir bewusst wurde, dass das, was ich sehe, nicht die Wirklichkeit ist. Es ist die Einbildung. Ich saß in einer rieseigen Halle, mit mir einige hundert andere Menschen. Ein Dutzend Leute wurde wahllos aus dem Publikum ausgewählt, auf die Bühne zu gehen. Sich dann auf Stühle zu setzen, welche auf einem Podest standen. Diese zwölf Leute erhielten jeder eine Taschenlampe, mit der sie dem Publikum zuwinkten. Nun fiel von oben eine Plane über das Podest. Aber durch diese Plane hindurch konnte man noch das Leuchten der sich hin- und herbewegenden Taschenlampen sehen. Alsdann wurde das Podest mit den zwölf taschenlampen schwenkenden Menschen von einem Kran nach oben gezogen, so dass es nunmehr frei in Raume schwebte, über den Köpfen der Zuschauer in den ersten Reihen.
Dann plötzlich gab es einen Blitz, einen Knall, die Plane flog weg, und auf dem Podest waren nur noch zwölf leere Stühle... Die Menschen waren verschwunden... Einfach weg...
Erstaunen bei den Zuschauern. Nein, kein Entsetzen. Es war ja nur eine Show.
Der Lichtkegel fuhr hoch auf die Tribüne, etwa fünfzig, sechzig Meter von der Bühne entfernt. Und da standen sie: die zwölf Leute aus dem Publikum, und schwenkten weiterhin ihre Taschenlampen...

Ich saß ziemlich weit vorne, konnte also alles genau erkennen. Und ich habe die Sache so geschildert, wie ich sie gesehen habe. Nun gut, es war die Show von David Copperfield. Der Meister hat das so inszeniert, hat mit Absicht die Leute getäuscht. Aber vor Gericht hätte ich geschworen: „Ich habe GESEHEN, dass ein Dutzend Menschen im Bruchteil einer Sekunde von der Bühne fünfzig Meter weit auf die Tribüne gebeamt wurden...“

Nein, das gestern war eine Show. Doch der Prozess ist Realität. Hier geht es um Wahrheitsfindung. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Was werde ich dem Richter sagen? Was habe ich denn eigentlich gesehen?? Und was habe ich mir hinterher zusammengereimt, damit es passt?

Es war ja dunkel. Und in dem Fenster im ersten Stock brannte Licht. Und dann war da diese Gestalt. Die immer so hektisch vor dem Fenster hin- und herlief. Lange schwarze Haare. Und dann eine zweite Person. Groß, kräftig. Und dann flog da die Vase durchs Zimmer. Und danach war Ruhe. Nichts tat sich mehr. Ich blieb vielleicht noch fünf Minuten stehen, blickte auf die Uhr. Es war genau viertel nach zehn Uhr abends. Ja, und dann ging ich weiter.

Vier Tage später las ich es dann in der Zeitung. Der Mord an dieser Frau. Ja, genau in besagter Wohnung. Sie wurde von einer schwarzen Vase am Kopf getroffen, stand da. Ich meldete mich dann bei der Polizei. Konnte ja auch den Tag und die Uhrzeit genau angeben. Der Arzt hatte den Todeszeitpunkt nur recht vage bestimmen können.

Als ich das Foto des Angeklagten in der Zeitung sah, wusste ich sofort: Das war der Mann, den ich in der Wohnung gesehen hatte. Dann die Vase, die durchs Zimmer flog und die Frau tötete. Es passte perfekt!!! Aber was hatte ich denn wirklich gesehen? Überhaupt sehen können auf die Entfernung? Die Sache mit der Vase habe ich doch erst aus der Zeitung erfahren. Es konnte genauso gut ein Kissen sein, das durch Zimmer flog. Und dass sich danach nichts mehr tat. Na, dann haben sich die beiden eben nach der Kissenschlacht ins Schlafzimmer verzogen... Und der Mann? Hatte ich ihn überhaupt gesehen? Oder war das nur ein Schatten? Hatte ich mir die Person dazu nur eingebildet? Im Fenster stand doch auch noch die Yucca-Palme, die den Blick aufs Zimmer versperrte.

Was soll ich dem Gericht sagen? Und wie wird meine Aussage dann ausgelegt? Könnte sie am Ende gar einen Unschuldigen belasten? Gesehen habe ich... ich versuche mich zu konzentrieren ...eigentlich nur die Frau, die da immer so hektisch hin und her rannte. Und die Uhrzeit, ja die stimmt auch. Aber der Gegenstand? Wenn das nun ein Vogel war, der vor dem Fenster herflog. In der Dunkelheit kann man das doch gar nicht ausmachen. Vor dem Fenster? Im Zimmer? Schwarze Vase? Großer Vogel? Ja, da bewegte sich irgend etwas Dunkles schnell in waagerechter Richtung. Genau das habe ich gesehen. Mehr nicht. Und danach tat sich am Fenster nichts mehr. Das weiß ich auch ganz genau.

Ja, so werde ich es dem Richter sagen.

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rabi

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eira
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

Werke: 4
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Eine sehr nachdenkliche Geschichte, die mich gefesselt hat. Wie oft kommen wir in Situationen, wo wir uns die "Wahrheit" zurechtbiegen, damit es passt - für uns.
Danke Rabi

Herzlichst Eira

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Zauberfrau
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Oct 2001

Werke: 40
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Ich kenne das auch, zweifeln an sich selbst,
ob das was gesagt oder getan wurde auch wirklich
gesagt oder getan wurde.
Das Zweifeln, ob es denn richtig ist, den Weg, den man gehen sollte, auch zu gehen.
In deiner Geschichte spiegelt sich wunderbar der Kampf der Person mit dem, was sie gesehen hat und das Hadern, ob es wirklich so war, oder vielleicht doch nicht....

Eine tolle, nachdenklich machende Geschichte!
Gefällt mir!

lg Zauberfrau
__________________
Wenn der Himmel einen Menschen liebt, dann läßt er ihm einen Freund begegnen.

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