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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sohnevaterungo
Eingestellt am 28. 05. 2007 17:29


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Walther
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Frank W.: Sohnevaterungo


„Heute kommt HĂ€nschen!“, freut sich Frank W. bereits beim Aufwachen. Der Sohn, der Vater, das Wochenende: feste Zeit, beste Zeit. Festzeit!

Seit er geschieden ist, haben sich seine Freizeit und seine Ansprache noch weiter reduziert. Es erstaunt ihn, wie rasch man vereinsamt. Wenn die Frau den Mann am Rande des Wegs zurĂŒcklĂ€sst, nimmt sie die sozialen Kontakte mit. So ist es ihm auch ergangen. Er lechzt nach Begegnung und nach NĂ€he. HĂ€nschen ist alles, was geblieben ist. Statt in der Zeit davor teilen sich die Monate nicht mehr durch ca. vier Wochenenden, „wo der Vater mit dem Sohne um die HĂ€user zog“. Alle vierzehn Tage kommt HĂ€nschen jetzt am Freitag um 6 Uhr abends. Oder Frank W. holt ihn. Die Worte, die er mit Edith, seiner geschiedenen Frau, wechselt, sind wenige. Was soll man sich nach diesem Desaster auch sagen.

Nachdem er ohne Arbeit ist, kann der Freitag ruhig angegangen werden. Bewerbungen schreiben, aufrĂ€umen, saugen, das Kinderzimmer vorbereiten, HĂ€nschen das Lieblingsessen einkaufen. Geschiedene Eltern sind permanent im Wettbewerb um die Kindesliebe. Die Mutter ist im Vorteil. Sie gewinnt meistens, aber ein bisschen verwöhnen darf man doch. Auch wenn Edith immer wieder sagt, er solle ihm nicht zuviel Zucker in den Hintern blasen. Wenigstens das KinderglĂŒck im Gesicht sehen, wenn schon sonst nicht wirklich viel GlĂŒckserlebnis ĂŒbrig geblieben ist.

Am SpĂ€tnachmittag steigt schließlich die Vorfreude, und er fĂŒhlt sich fast wie als Primaner vor der MathematikprĂŒfung: die HĂ€nde leicht feucht, der Mund leicht trocken, im Magen ein dumpfer Druck. Nervös rennt er in der Wohnung durch die Gegend, seltsam planlos, unruhig immer wieder auf das Ziffernblatt des Schweizer Chronometers schauend, den er sich zum Geburtstag gegönnt hatte.

Endlich ist so weit, und er setzt er sich ins Auto und weiß am Ende gar nicht mehr vor lauter Spintisieren und Vorstellen und TrĂ€umen, wie er bei Edith angekommen ist, vor dem vertrauten Einfamilienhaus in der vertrauten Straße. Es gibt ihm immer wieder einen Stich, diese Ansicht des Verlusts, der gemeinsamen Niederlage. Und zugleich macht sein Herz einen Luftsprung, als er seinen Sohn sieht, der schon winkt und freudig erregt fast auf den Beinen dabei herumhĂŒpft.

Edith, die vertraute Gestalt, deren Gesichtslinie er immer wieder bewundern muss; wie er sie noch immer liebt und vermisst. Der Trennungsschmerz ist so viel grĂ¶ĂŸer als der Zorn, er ist fast körperlich. Frank W. hĂ€lt an und schluckt trocken. Tief durchatmend öffnet er die FahrzeugtĂŒr und steigt aus.

HĂ€nschen stĂŒrmt zu ihm und wirft sich in seine Arme, kaum dass er sich aufrichten konnte. Die Umarmung will beinahe ewig wĂ€hren. Dann, eine TrĂ€ne hat sich in den Augenwinkel stibitzt, sieht er auf und sagt: „Hallo, Edith. Siehst gut aus. Geht’s gut?“, so fragt er, will keine Antwort hören und hört sie doch. „Guten Tag, dass Du einmal pĂŒnktlich bist.“ Edith weiß noch nicht, dass er freigestellt wurde. Es gibt sich wenig Rede zwischen Menschen, die sich getrennt haben. Jeder trĂ€gt seinen Teil nun alleine. Jeder will nur noch die gute Seite zeigen. Auch da ist ein Wettbewerb, ein elender, aber selbst wenn man das weiß und durchschaut, entziehen kann sich keiner. Wer sich und einander verliert, dem bleibt nur noch das Gesicht, die Fassade.

Frank W. lĂ€chelt. „Ja, heute bin ich pĂŒnktlich. Lass es gut sein. Wir wollen es nicht schlimmer machen, als es fĂŒr Hans sowieso schon ist.“ Er nimmt die vorbereitete Tasche und sagt: „Komm, mein Großer, wir mĂŒssen.“ Und: „Auf Wiedersehen, ich bringe ihn dann Sonntagabend. Wann wĂ€re es Dir recht?“ „Nicht nach sieben. Er muss Montag frĂŒh raus, Du weißt ja, die Schule. Mach’s gut, mein Sohn!“, sagt sie, nimmt Hans in den Arm, gibt ihm einen Kuss auf die Stirn und wendet sich ein wenig zu betont schwungvoll ab, um zurĂŒck zum Haus zu gehen.

Frank und Hans W. steigen in den Wagen. HĂ€nschen winkt strahlend der Mutter zu, diese grĂŒĂŸt mit einem KĂŒsschen zurĂŒck. Das KĂŒsschen freut den einen der beiden und trifft den anderen tief: Verletzungen und SehnsĂŒchte sind GefĂŒhle, die nach Trennungen zu einer unentwirrbaren Gemengelage sich vermischen. Nichts Vergleichbares hat Frank W. je davor gespĂŒrt. Vielleicht die Trauer nach dem Tod des Bruders, ja, die hoffnungslose Trauer, die kommt dieser Aufwallung am nĂ€chsten.

Als sie in der Wohnung ankommen, stĂŒrzt Hans in das Zimmer und sieht den Schmuselöwen, den der Vater damals vom ihm mitbekommen hat, „damit etwas von mir immer bei Dir ist, weißt Du!“, hat der Sohn damals gesagt. Wer war da der Erwachsene, schoss Frank in jenem Moment durch den Kopf. Hans stĂŒrzt sich auf das Bett, wo der Löwe liegt, und herzt diesen. Frank W. muss ein aufkommendes Schluchzen unterdrĂŒcken.

Beim Abendessen sagt Hans: „Du, Daddy, ich muss mit Dir reden.“ Er spricht das Daddy immer mit einem weichen „A“ aus. Es ist das Wort, bei dem es Frank immer wie ein Schauer den RĂŒcken hinunterlĂ€uft, weil er sich fragt, ob und womit er diese rĂŒckhaltlose Liebe und dieses Kosewort verdient hat. „Was ist, Großer?“ fragt er und wuschelt durch das Haar von Hans, wie das nur ein Vater bei seinem Sohn tut. Es gibt eben Dinge, die nur MĂ€nner können, und das wissen schon kleine MĂ€nner, und große vergessen das selten. Dazu gehört dieses kameradschaftliche Haarwuscheln. SpĂ€ter werden andere Dinge hinzukommen.

„Mama geht wieder abends weg!“ beklagt sich sein Sohn. „ Sie geht mit einem Mann aus.“ Frank W. sieht vor sich auf den Teller. Was soll ich jetzt nur sagen, denkt er. Ein Kloß in seinem Hals entsteht. „Ich will das nicht!“ sagt Hans bestimmt, „ich habe schon einen Vater.“ Der Kloß ist immer noch da. „Du sagst gar nichts!“ beschwert der Sohn sich.

Frank W. blickt auf. „Das ist ein ernstes Thema, mein Großer! Und die Antwort ist so schwer, weil ich Partei bin.“ Er schluckt. „Aber ich will Deiner Frage nicht ausweichen.“ Er steht auf, beginnt abzurĂ€umen. „Lass uns Ordnung machen, und dann sprechen wir darĂŒber. Von Mann zu Mann, nicht von Vater zu Sohn.“ Er holt sich ein Weizenbier und HĂ€nschen ein Mezzomix. Dann setzen sie sich ins Wohnzimmer an den Couchtisch. „Weißt Du, Mama und Papa haben sich auseinander gelebt, sie sind jetzt geschieden, also kein Paar mehr. Deine Mutter ist eine junge und attraktive Frau, die BedĂŒrfnis nach Liebe hat. Dein Vater kann ihr diese nicht mehr geben. Trotzdem bleiben wir immer Deine Eltern. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass Du mich als Deinen Vater verlierst.“

„Warum ist das so kompliziert, muss das immer so sein? Sind alle Erwachsenen so?“ fragt Hans, und Frank weiß nicht, was er darauf antworten soll. „Wenn sich zwei Menschen nicht mehr lieben, sich nichts mehr zu sagen haben, kann es ein, dass die Ehe nicht mehr repariert werden kann. Das ist dann wie bei einem Auto, das nach einem Unfall so kaputt ist, dass man es nur noch auf den Schrottplatz geben kann.“, bemĂŒht sich der Vater um eine nachvollziehbare ErklĂ€rung.

„Schau, HĂ€nschen, wir beide, Mama und Papa, wir lieben Dich immer noch wie frĂŒher. Nur Deine Mama liebt Deinen Vater nicht mehr, und das kann man nicht herbeizwingen. Liebe kommt und geht wie die Freundschaft. Mit Maik hast Du auch gerade so einen Ärger, dass ihr nicht mehr Freunde seid, obwohl ihr ĂŒber Jahre nebeneinander gesessen habt.“ Hans schaut seinen Vater an. „Also ist das wie mit Maik und mir bei Euch.“ Frank W. nickt, fast erleichtert. „Ja, so Ă€hnlich. Du wirst das bald selbst erleben, wie das ist mit der Liebe. Sie kommt ĂŒber einen, sie kann nicht herbei befohlen werden, auch wenn man das noch so wĂŒnschte.“ Und weiß Gott, wie ich es wĂŒnschte, denkt er bei sich und sagt es nicht.

„Was soll ich jetzt tun?“ will Hans wissen. „Mach es Deiner Mutter nicht zu schwer, das Leben muss weitergehen. Und wir beide, Hans, bleiben zusammen, immer, was auch geschieht, versprochen.“ Er steht auf und nimmt seinen Sohn in den Arm.

Frank W. sagt beinah leichthin diese großen Worte und wĂ€re dessen gerne sich genauso sicher, wie seine Stimme hoffentlich klingt. Wenn er seinen Sohn auch noch verlöre, gĂ€be es nichts mehr, das ihn noch zusammen hielte. Und das schwarze Loch ist schrecklich nah. Und es verschlĂ€nge ihn so gern. Nie war das absolute Nichts prĂ€senter als just jetzt, als er seinen Sohn in den Arm nimmt, um ihn fest an sich zu drĂŒcken. Wer gibt hier wem nun Sicherheit, das ist das Letzte, was Frank W. heute denkt, bevor er einschlĂ€ft, spĂ€t, nach vielem sich Hin- und Herwenden. Wer braucht hier wen am Nötigsten.


Das Gedicht zu dieser Geschichte: Hier klicken
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Walther
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hallo Walther,

Text und Gedicht bilden wirklich eine Einheit, das Gedicht beschreibt in Kurzform das, was du im Text ausfĂŒhrlich darstellst. In meinen Augen eine wichtige Geschichte, weil endlich jemand die GefĂŒhle der MĂ€nner nach dem Verlust der Familie beschreibt. EinfĂŒhlsam, aber nicht ĂŒberzogen geschrieben, deswegen gefĂ€llt mir der Text besonders gut. Du verzichtest auf falsches Pathos. Über eine Stelle bin ich gestolpert: "Wer war da der Erwachsene, schoss..." Muss es nicht schießt heißen?
Nun sei so lieb und puzzle mir noch die Überschrift auseinander, ich lese daraus: Vater hungert ohne Sohn, wĂ€re ein sehr treffender Titel,aber bin ich da auf dem richtigen Weg?

lieber Gruß
maerchenhexe
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Walther
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Hallo MĂ€rchenhexe,

danke fĂŒr Deine einfĂŒhlsamen Hinweise.

In der Tat ging es beim Schreiben darum, aus MĂ€nnersicht dem Mann jene Dimension zu geben, die bei ihm so gerne vermißt wird, weil er gerne als solcher mit dem Ausdruck von GefĂŒhl ein Problem hat. Die Damenwelt tauscht sich von Kindesbeinen darĂŒber aus, die Herren mĂŒssen meistens ein gewisses Alter erreichen, bis sie meinen, sich zu sich und ihren GefĂŒhlen bekennen zu können.

MĂ€nner sind nicht per se hart, eher sind es die Frauen in ihrer Handlungskonsequenz.

Zum Hinweis mit der aus Deiner Sicht falschen Zeit beim Satz

quote:
Wer war da der Erwachsene, schoss Frank in diesem Moment durch den Kopf.
In der Tat ist er unscharf formuliert. So wÀre es wohl richtiger:
quote:
Wer war da der Erwachsene, schoss Frank in jenem Moment durch den Kopf.
Denn diese Bemerkung bezog sich auf die eigentliche Trennung, als der Sohn dem Vater das Schmusetier mitgab: "Kindesmund tut Wahrheit kund."

Zu der Formulierung "Sohnevaterungo": Das ist eine altdeutsche Verballhornung und meint "Vater und Sohn". Das hat sich in meiner Familie so eingeschlichen fĂŒr die Beschreibung, wenn Vater und Sohn etwas unternehmen. Wenn ich mich nicht irre, ist das sogar ein Literaturzitat, ich werde mal nachfragen bei der Quelle des Wissens, welche bei meiner Mutter liegt, was solche Sachen angeht, und das dann separat berichten.

Liebe GrĂŒĂŸe aus dem Gebiet des Dauerregens

W.
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maerchenhexe
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hallo Walther,

" in jenem Moment" schafft eindeutig die nötige Klarheit. Deinen Titel betreffend kann ich nur sagen: in dieser Verballhornung steckt dann aber richtig Leben und Spielraum fĂŒr die Phantasie des Lesers, denn die verwendeten Buchstaben bilden tatsĂ€chlich auch den Satz, den ich daraus phantasiert habe. Ein zusĂ€tzlicher Aha- Effekt fĂŒr mich. WĂ€re nett, zu hören, was deine Mutter sagt.

lieber Gruß

maerchenhexe
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