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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Soldatenliebe
Eingestellt am 08. 03. 2011 10:30


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Arno Abendschön
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(Vorbemerkung f√ľr mitlesende Schlapph√ľte: Das Folgende hat sich vor mehr als drei√üig Jahren zugetragen.)

Als es den Kalten Krieg noch gab, waren Hunderttausende amerikanischer Soldaten in der alten BRD stationiert. Wie die Natur so spielt, befanden sich stets auch Tausende von Homosexuellen unter ihnen. Diese waren unerw√ľnscht. Man suchte sie herauszufiltern und aus der Truppe zu entfernen. F√ľr das Ausspionieren war der eigene milit√§rische Geheimdienst zust√§ndig.

In Frankfurt verkehrten diese GIs sehr zahlreich in verschiedenen Bars im Stadtzentrum. Ich erinnere mich an eine nahe der Konstablerwache, in der sie zeitweise beinahe die Hälfte des Publikums ausmachten. Die Atmosphäre war locker und verriet nichts von Existenzängsten. Deutsche und amerikanische Gäste lachten, redeten und tranken miteinander.

Larry (Name geändert) war einer der ersten Amerikaner, die ich in Berlin näher kennen lernte. Er war neunzehn, neu bei der Army und neu in Berlin. Er kam aus einem kleinen Nest in Ohio, wirkte gutartig und noch etwas kindlich. Er hasste alle großen Städte, ihren Schmutz, die Verwahrlosung, das Verbrechen. Er war nur einmal bei mir, dann redete ich ab und zu mit ihm, wenn wir uns zufällig trafen.

Um diese Zeit nahm die Zahl der GIs in meinem Stammlokal stark zu. Die meisten von ihnen haben keine Spuren in meinem Ged√§chtnis hinterlassen. Ich erinnere mich an einen kleinen Texaner. Er sah putzig aus, ungef√§hr so wie die gemalten Knaben auf der Titelseite der H√∂rzu fr√ľher. Ganze N√§chte verbrachte er in der Bar, friedlich in einer Ecke sitzend, schauend, d√∂send. Manchmal schlief er gegen Morgen ein, wie auf einem Schulausflug, der zu lange dauert.

Roy (Name ge√§ndert) geh√∂rte nicht zu dieser Gruppe, er war auch bedeutend √§lter. Er bewegte sich privat fast nur unter Deutschen, sprach perfekt Deutsch, wenn auch mit leichtem Akzent, und lie√ü sich sogar mit einem deutschen Vornamen anreden. Bei einem seiner seltenen Barbesuche hatte ich ihn kennen gelernt. Eine mehrmonatige Beziehung schloss sich an. Roy sagte: "Larry und die anderen, die sind sehr unvorsichtig. Der Dienst beobachtet sie, und wenn er genug auf der Liste hat, werden sie zur√ľckgeschickt."

War Roy Soldat? Er trug nie Uniform, doch benutzte er den amerikanischen Militärsonderzug, wenn er von Berlin nach Frankfurt fuhr. Dort war er seit langem zu Hause und erst neuerdings beruflich meistens in Berlin. Hier war er bei einem Freund untergekommen. Ich fragte nie, was er genau mache. Vielleicht war es ein dem Militär zugeordneter Dienst.

Roy √ľbernachtete ab und zu bei mir. Er benutzte einmal morgens meinen Nassrasierer und brachte sich, darin unge√ľbt, √ľble Schnittwunden bei. Er fluchte: "Im B√ľro denken sie nat√ľrlich, ich w√§r in eine Schl√§gerei geraten. Die halten mich da f√ľr ziemlich rough." Und er konnte doch so zartf√ľhlend sein ... Wir sprachen auch √ľber Musik. Im Gegensatz zu mir liebte er Verdi und Puccini. Diese Musik habe ihm fr√ľher √ľber schwere Entt√§uschungen hinweggeholfen.

Bald darauf wurden auf einen Schlag etwa zwanzig Berliner GIs wegen Homosexualität aus der Army ausgestoßen. Einigen ersparte man die unehrenhafte Entlassung, sie durften selbst um ihr Ausscheiden bitten. Unter diesen war Larry.

An einem Samstagmorgen verlie√üen wir meine Wohnung in der Keithstra√üe. Roy wollte uns am Wedding eines seiner deftigen mittelwestlichen Fr√ľhst√ľcke zubereiten. Bei Fontane wohnt Effi Briest in der Keithstra√üe, von den alten H√§usern haben nur wenige den letzten Krieg √ľberstanden. Ich lebte in einem der nicht allzu bemerkenswerten neuen Appartementh√§user. Wir traten vor die Haust√ľr. In diesem Augenblick wurden wir samt Hausfassade fotografiert. Der gut gekleidete Mann mittleren Alters auf der anderen Stra√üenseite stieg unmittelbar danach in seinen Wagen und fuhr weg.

Am Vorabend war Roy auf einer Party in der amerikanischen Kolonie gewesen. Als wir jetzt die Siegessäule in seinem Wagen umrundeten, sagte er: "Sie können es gar nicht herausgefunden haben ... Ich bin von der Party so verschlungene Wege zu dir gefahren. Eigentlich unmöglich."

Dann musste er einige Wochen in einem milit√§rischen Trainingslager verbringen. Ich h√∂rte lange nichts von ihm, sehr lange nicht. Er rief einmal aus Frankfurt an und schlug kein Treffen vor. Ich bem√ľhte mich, ihn zu vergessen.

Jahre sp√§ter sollte ich ihn noch einmal sehen, in einer gro√üen Disco. Das damalige Discofieber lie√ü mich kalt, ich beobachtete vom Rand der Tanzfl√§che aus die Derwische. Manche von ihnen schnupften Drogen oder warfen sich Pillen ein, w√§hrend sie sich verbogen. Auf einmal war einer von diesen neben mir, k√ľsste mich und entfernte sich, schon wieder tanzend, rasch von mir. Es war Roy, er lachte mir nun von weitem zu. Er schien etwas ausdr√ľcken zu wollen - nur was? Dann h√∂rte er auf zu tanzen und ging mit anderen fort. Als sie an mir vorbeikamen, sah er noch einmal her√ľber und l√§chelte jetzt verlegen. Er sah aus, als wolle er mir sagen: Was willst du machen, das Leben ist ein Spiel. - Ja, Roy, nur kein sehr am√ľsantes.

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Ofterdingen
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2009

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Hallo Arno,

Wie au√üer dir z.B. Dominik K. l√§ngst erfahren musste, sind Schwulen-Geschichten in diesem Forum nicht allzu popul√§r. Da ich Hetero bin, sind auch mir andere Genres deutlich lieber, aber deinen Text finde ich nicht schlecht: Du kannst Deutsch, gliederst deinen Stoff √ľbersichtlich, vermeidest Schwulst und Sentimentalit√§ten und verschonst einen mit aufdringlichen Details. Statt des wiederholten "(Name ge√§ndert)" w√ľrde ich jedoch lieber in der Vorbemerkung erw√§hnen, dass du die Namen ge√§ndert hast.

Gruß,

Ofterdingen
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Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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