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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Something to die for..
Eingestellt am 03. 02. 2009 08:29


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zandalee
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Registriert: Feb 2009

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Something to die for..

Es ist Tag neun meiner persönlichen Zeitrechnung und ich treibe seit ĂŒber einer Stunde im Wasser. Morgen frĂŒh habe ich einen Termin im Krankenhaus. Zehn Tage sind das Limit, dann leiten sie die Geburt kĂŒnstlich ein. Doch momentan sieht es so aus, als hĂ€tte sich mein kleiner Untermieter doch noch entschieden freiwillig das Feld zu rĂ€umen. Vor ein paar Stunden haben die Wehen eingesetzt und nun liege ich in der viel zu engen Badewanne und notiere akribisch genau die AbstĂ€nde zwischen den Schmerzwellen. Die SchwimmhĂ€ute, die sich langsam zwischen meinen Fingern bilden sind zwar ungewohnt, aber praktisch um warmes Wasser auf die große runde Insel vor mir zu schaufeln. Auch wenn ich hier drin zum Fisch mutiere, so kann ich doch wenigstens sicher sein, dass die Wehen echt sind. Endlich! Nur noch sieben Minuten Abstand. Ich hieve mich mĂŒhsam aus dem Wasser und rufe ein Taxi. Der Fahrer muss auf dem Weg mehrmals anhalten, weil die Schmerzen im ruckelnden Auto unertrĂ€glich werden. Er wird von Mal zu mal blasser und sieht wahrscheinlich eine der zahlreichen Filmszenen vor sich, in denen beherzte Taxifahrer kreischende SĂ€uglinge zur Welt bringen. Gibt es spezielle Geburtshilferatgeber fĂŒr Taxifahrer?

Im Krankenhaus stellt die Hebamme fest, dass mein Muttermund verschlossen ist wie eine Auster. Sie schickt mich kurzerhand zwei Stunden schlafen. Schlafen? Trotz Schmerzmittel beiße ich bei jeder Wehe in das Kissen um meine Bettnachbarin nicht zu wecken. Nach endlosen siebentausendzweihundert Sekunden geht es endlich los. Ich bekomme den berĂŒchtigten Einlauf und mir wird schwarz vor Augen. Eine Schwester spurtet herbei, hilft mir auf die nĂ€chstbeste Liege und hĂ€ngt mich an einen Tropf um meinen Kreislauf zu stabilisieren. Im Geiste verabschiede ich mich von der geplanten Wassergeburt. Die Hebamme stellt fest, dass mein Muttermund sich immer noch stur weigert auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Dabei habe ich mir die letzten zehn Samstagvormittage mit Nadeln im Knie um die Ohren geschlagen, weil sich durch die Akupunktur angeblich der Muttermund schneller öffnet. Ein neuer Schlauch wird angeschlossen und wehenverstĂ€rkendes Mittel tropft in meine Vene. Die Schmerzen werden auch tatsĂ€chlich stĂ€rker. Nur leider ist das der einzige Effekt. Inzwischen ist es mir vollkommen egal wie und wo ich mein Kind bekomme, Hauptsache es ist bald vorbei. Mir wird klar, warum trotz der vielen Alternativen immer noch ĂŒber achtzig Prozent der Kinder ganz profan im Bett zur Welt kommen. Plötzlich kommt Unruhe auf. Die Herztöne meines Babys werden schlechter. Die Hebamme quetscht das Rohr eines Trichters durch meinen störrischen Muttermund, sticht die Fruchtblase auf und entnimmt dem armen Wurm Blut am Kopf. Wie gut, dass ich nicht sehen kann, was sie da tut. Zum GlĂŒck ist alles in Ordnung. Der Kleine möchte endlich hinaus, stĂ¶ĂŸt aber mit dem Kopf gegen den Muttermund wie gegen eine Mauer. Kein Wunder, dass sein Herzschlag ein bisschen aus dem Takt kommt. Mittlerweile bin ich am Ende meiner Kraft. Eigentlich wollte ich die Geburt ohne Narkose durchstehen – im Wasser. Jetzt liege ich hier auf dem Trockenen und jammere nach einer Peridural-AnĂ€sthesie.

Mein Muttermund hat mittlerweile beschlossen, dem Kleinen und mir nicht lĂ€nger das Leben schwer zu machen und weitet sich. Jetzt kann der AnĂ€sthesist wenigstens die PDA an der WirbelsĂ€ule legen. Das heißt er könnte, wenn ich so könnte wie er das gerne hĂ€tte. Ungeduldig herrscht er mich an, ich solle endlich einen richtigen Buckel machen, damit der Narkoseschlauch nicht stĂ€ndig herausrutscht. Leichter gesagt als getan mit einem Bauch von der GrĂ¶ĂŸe eines Pezziballs. Im Geiste lasse ich den Arzt mit einem riesigen KĂŒrbis unter dem Kittel GĂ€nseblĂŒmchen pflĂŒcken.
„Hopp, hopp, noch ein bisschen tiefer Herr Doktor!“

Es folgen zwei weitgehend schmerzfreie Stunden und ein leichter Asthmaanfall. Dann setzten endlich die Presswehen ein. Schade nur, dass die PDA nicht mehr wirkt. Ich fluche und schreie: „ Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr!“
Die Wut gibt mir die Kraft zum pressen. Dammschnitt, Dammriss – ich merke nichts davon. Ich will es nur noch zu Ende bringen - egal wie.

Dann endlich ist es geschafft. Die Hebamme fragt mich, ob ich HimbeerblĂ€ttertee getrunken habe, weil ich so viel Blut verliere. Nein, natĂŒrlich nicht, schließlich habe ich einen Haufen BĂŒcher zum Thema Geburt gelesen. Die zustĂ€ndige Ärztin kommt und verbringt die nĂ€chste Stunde damit, mir eine kunstvolle Zickzack-Naht zu verpassen. Ich merke es kaum, denn ich habe meinen Sohn gesehen. Im Gegensatz zu anderen rot-verknitterten Babys ist er glatt, rosig und wunderschön. Ich kann nicht glauben, dass so etwas Wundervolles in meinem Bauch herangewachsen ist. Eigentlich kenne ich diesen kleinen Menschen noch gar nicht und doch ist er von der ersten Minute an das Wichtigste in meinem Leben. Ich halte ihn im Arm und denke an eine Textzeile der Weilheimer Band „the Notwist“: „.. something to die for..“

Es ist der 16. August 2000 und ich weiß, dass ich nie mehr nach dem Sinn des Lebens fragen werde.


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