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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Son of a Preacherman
Eingestellt am 16. 08. 2003 15:16


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Lorenz
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2003

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Drau├čen kam langsam die Sonne durch. Die d├╝steren Wolken machten ihr Platz. Es war windig, die B├Ąume rauschten. Das neue Windspiel auf dem Balkon tanzte leicht und t├Ânte aus seinen f├╝nf R├Âhren. Ich sa├č am Rechner und sah meine Dateien durch, auf der Suche nach einem Ansatz f├╝r das Projekt mit Julian. Die Stereoanlage lief. Es kam: „The only one, who can ever reach me, was the son of a preacher-man". Ich drehte lauter. Nummer Acht. Dieses Lied ber├╝hrte etwas Tiefes in mir. Aber was? Nur zu gerne w├╝rde ich es wissen.

Nach dieser Musik konnte man tanzen. Die Hand hob ich von der Maus und begann mit den Fingern zu schnipsen. Auf dem Drehstuhl kreisten meine H├╝ften, die F├╝├če hoben sich zum Rhythmus. Als die Posaunen, oder waren es Trompeten, einsetzten kreisten dazu die Schultern und die Augen schlossen sich. Die offenen Handfl├Ąchen trommelten auf dem Tisch. Ich tanzte im Sitzen. Oder tanzte es mich?

Ich hatte die selbstgebrannte CD, die ich von Micha vor l├Ąngerer Zeit geschenkt bekommen hatte, eingelegt. Er hatte sie selbst zusammengestellt und als Weihnachtsgeschenk an seine Freunde verschickt. Auf seiner Hochzeit letztes Jahr hatten sie dies Lied zweimal gespielt. Ich erinnerte mich, dass ich dort danach ekstatisch getanzt hatte. Nicht nur nach diesem einen, aber dies war mir gut in Erinnerung geblieben. Der Schwei├č war mir damals in B├Ąchen heruntergerannt. Auf der Toilette hatte ich mein T-Shirt unter dem Hemd ausgezogen und mich damit abgetrocknet. Dann hatte ich mein Hemd auf der blo├čen Haut getragen und weiter getanzt.

An dem CD-Player programmierte ich immer wieder Nummer Acht ein und dr├╝ckte auf Play. Auf dem Cover sah ich nach „son of a preacher" von pulp fiction. War das nicht ein Film?

Abgesehen von der Musik, war etwas an dem Text, an der Story, die ich immer noch nicht so richtig verstanden hatte, das mich ber├╝hrte. Ich versuchte mich auf die sch├Âne, warme Stimme der S├Ąngerin zu konzentrieren und den Text zu erfassen. Es fiel mir schwer, nicht sofort wieder zu beginnen zu tanzen: „The only boy who can ever teach me was the son of a preacher man...oh, yes he was... when he start sweet talkin to me...he come into me, everything is allright...learnin from each others knowin, look and see how much we growin...the only one, who can ever reach me, was the son of a preacher-man". Einiges verstand ich nicht ganz. Mein Englisch war nicht das Beste, mu├čte ich mal wieder feststellen. Aber im Moment nicht zu ├Ąndern. Egal, ich begann wieder auf meinem Drehstuhl zu tanzen.

Die Musik nahm mich mit, entf├╝hrte mich, tanzte mich. Nahm mich mit in eine andere Welt, an einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Ich war der Sohn des Predigers... mir folgte eine junge Frau auf den Hinterhof in eine abgelegene Ecke, lie├č sich k├╝ssen, k├╝├čte mich... mir sah diese junge Frau in die Augen und ich ihr...wir liebten uns auf einem weiten, sonnen├╝berfluteten Weizenfeld, das in voller Bl├╝te stand. Unsere Haut war hei├č geworden in der Sonne, alles war hei├č...sie lauschte mir, wenn ich ihr von Gott erz├Ąhlte oder was ich daf├╝r hielt und sie erz├Ąhlte mir ihre Geschichten...ich kitzelte sie mit dem Strohhalm. Wir balgten uns auf dem Feld und lachten...Oh, es waren sonnige Zeiten. Ich glaube unsere Seelen hatten sich damals ber├╝hrt. Wie eine Naturgewalt war es ├╝ber uns hereingebrochen. Es schien keine Fragen zu geben. Es war alles klar. Wenn das nicht wahre Liebe gewesen war... Doch unsere Liebe war geheim, verborgen. Niemand au├čer uns wu├čte etwas davon, als w├Ąre sie verboten gewesen.... Die Musik endete.

...Dunkle Wolken zogen ├╝ber das Weizenfeld. Ich sah nur noch den Abdruck von uns im niedergedr├╝ckten Getreide. Es war etwas geschehen damals. Ich wei├č nicht was. Wir durften uns nicht lieben. Es schmerzt sehr. Ja, sie war es, die Frau, die ich geliebt habe....
Es tat so unertr├Ąglich weh, es drohte meine Brust zu zerrei├čen, mich zu zersprengen. Warum nur um Gottes Willen? Mit Wehmut im Herz wandte ich meinen Blick auf den Balkon. Die Sonne stand auf den zwei Chrysanthemen auf der Br├╝stung und den zwei Klappst├╝hlen. Sie leuchteten in strahlendem Gelb. Hastig hob ich meinen schwer gewordenen Arm und dr├╝ckte auf Play. Ich mu├čte dieses Lied h├Âren und wenn es das letzte w├Ąre...

Die Boxen t├Ânten den „son of a preacher", die B├Ąume rauschten, das Windspiel klang, die Kirchenglocken l├Ąuteten zw├Âlf, der Zug fuhr vorbei, die Bienen summten in den Blumen, die Waschmaschine schleuderte im Bad, ich tanzte auf dem Stuhl. Achtmal das Lied Nummer Acht. - Vierundsechzig Felder. Auf jedem doppelt so viele Weizenk├Ârner, wie auf dem davor. Ich badete in meinem unerme├člichen Getreidespeicher...

Ich war reich geworden mit meinem Tanz auf dem Stuhl vor meinem Rechner.

Diese Frau ist ├Ąlter geworden, reifer. Ihre Stimme sch├Âner. Ich h├Âre ihre Sehnsucht. Sie erinnert sich an mich, wie sonst k├Ânnte sie dieses Lied singen. Sie lebt. Ich werde sie wiederfinden, ich habe etwas zu sagen. Heute bin ich der Prediger. Ihren Duft rieche ich in meiner Jacke. Mit ihr werde ich ein neues Lied singen.

Ich schmunzelte und dachte auch bei dunklen Wolken scheint die Sonne. Nur ist sie nicht zu sehen. Durstig trank ich einen kalten, bitteren, gr├╝nen Tee und machte mich auf den Weg...


__________________
"Ich f├╝hle, also bin ich..."

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Joneda
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2002

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Hallo Lorenz,

Super, gef├Ąllt mir total gut.
Ich mu├čte so lachen, frag mich nicht warum ;-)
Liebe Gr├╝├če
Joneda
__________________
Das Leben ist voller Wunder.

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Lorenz
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2003

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Freut mich Joneda,

dass der Text dich zum Lachen brachte... Das ist doch eine der Hauptmotivationen beim Schreiben. Anderen Gef├╝hle vermitteln...erzeugen...

Munterbleiben, weiterschreiben.

Bis dahin buen camino... Lorenz
__________________
"Ich f├╝hle, also bin ich..."

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Inu
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

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Hallo Lorenz

Beim ersten und einzigen Durchlesen hat mich Dein Text tief ber├╝hrt. Nicht nur, dass er sehr gut geschrieben ist, er bringt tats├Ąchlich die Stimmung her├╝ber, die auch mich manchmal bef├Ąllt, wenn ich eine alte, f├╝r mein Leben wichtige Melodie nach langer Zeit wieder h├Âre und sie dann immer und immer wieder spielen muss und in tiefe Wehmut falle. Ich kenne dieses Gef├╝hl der seelischen Euphorie und gleichzeitigen Traurigkeit sehr gut. Und es ist ganz schwer in Worten auszudr├╝cken. Ob der Ausl├Âser nun "preacherman" ist ( mir geschah das vor kurzem bei: "are you going to Scarborough fair"), ob Dein Protagonist auf seinem Computerstuhl innerlich tanzt ( das ist gut nachvollziehbar) es ist immer dieses unsagbar erhebende Gef├╝hl beim H├Âren solcher Erinnerungs - Songs, (wenn man gerade in der richtigen, aufnahmebereiten Stimmung ist!)Es ist ja nicht nur Text und Melodie. Es kommen die ganze Atmosph├Ąre, die Stimmen, das Licht, sogar die Ger├╝che von damals mit der Melodie zur├╝ck. Ich denke, ich empfinde wie Du, aber es w├Ąre mir nicht gelungen, es so gut auszudr├╝cken. Von mir bekommst Du ein gro├čes Lob.

Ich habe es so verstanden (verstehen wollen) dass Dich der Song an eine l├Ąndliche, sommerliche Gegend, an das Zusammensein mit einem wirklichen, geliebten M├Ądchen im Kornfeld erinnert, deshalb verstehe ich den Schluss nicht ganz, worin pl├Âtzlich die S├Ąngerin so eine gro├če Rolle spielt.
Ja, der Schluss! Die beiden letzten Abschnitte ├╝berzeugen mich nicht ganz. Da wird pl├Âtzlich zu viel gedacht, auch :

quote:
Diese Frau ist ├Ąlter geworden, reifer. Ihre Stimme sch├Âner.
Geht es jetzt pl├Âtzlich um die S├Ąngerin? Meine Euphorie bleibt irgendwo da auf der Strecke... und dann der bittere gr├╝ne Tee? muss es bitterer gr├╝ner Tee sein? Und wohin macht sich der Protagonist auf den Weg? Ich w├╝rde mit:
quote:
Ich war reich geworden mit meinem Tanz auf dem Stuhl vor meinem Rechner
oder vielleicht allgemeiner: vor meinem Computer? aufh├Âren, diesen letzten Satz sozusagen als Schlussstein nehmen.

Das ist nur meine ganz pers├Ânliche Meinung.

Nochmal: es scheint mir ein gelungener Text, der mich auf Anhieb fasziniert hat.

Liebe Gr├╝├če
Inu

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Lorenz
Autorenanw├Ąrter
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Es ist kein ausschlie├člich innerer Tanz...

...ganz im Gegenteil er ist sehr ├Ą├╝├čerlich, nur halt auf einem Drehstuhl sitzend...

Gr├╝├č Dich Inu,

Vielen Dank f├╝r die lange Antwort. Freut mich dass dieser Text dir gef├Ąllt. Ich glaube es ist einer meiner auf Anhieb mitrei├čendsten, ich habe ihn komplett spontan in einem Rutsch geschrieben, w├Ąhrend ich auf dem Drehstuhl tanzte und diese Musik h├Ârte, also direkt aus dem Gef├╝hl...

Vielleicht sind die zwei letzten Abs├Ątze ├╝berfl├╝ssig..., kann sein. Die S├Ąngerin f├Ąllt zusammen mit der Frau aus dem Kornfeld. Es ist die Frau von damals ihre Stimme, nicht die der S├Ąngerin, sie ist nur die Tr├Ągerin der Botschaft...Jaip, und es wird trocken in meiner Kehle, diese Sehnsucht...

Munterbleiben, weiterschreiben...buen camino...Lorenz

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Lorenz
Autorenanw├Ąrter
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Das freut mich sehr...

...dass diese Geschichte von mir solchen Anklang findet.
Ich sage jetzt nicht, dass sie, wie ich glaube, eine meiner
besten ist, sonst lest ihr die anderen nicht mehr...
Auch nehme ich es mal als Kompliment, dass mir soeben von der Maschine hier der Titel "Autor und Mensch" verliehen wurde.

Allen vielen Dank f├╝r die gute Bewertung...

Buen camino w├╝nscht... Lorenz
__________________
"Ich f├╝hle, also bin ich..."

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Prima

Ich finde den text sehr gelungen. Obwohl er in der ersten H├Ąlfte keine fesselnde Handlung hat, ist er dennoch so fl├╝ssig geschrieben, da├č es einen richtig fesselt. Ich f├╝r meinen Teil hate den Song im Ohr und sah auch die wogenden Weizenfelder vor mir.
Wirklich gut
tschau
Tim

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