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Leselupe.de > Feste Formen
Sonett mit vorgehaltenem Spiegel
Eingestellt am 02. 09. 2011 10:24


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Walther
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Sonett mit vorgehaltenem Spiegel


Ich rate mir, mich nicht im Spiegel zu betrachten:
Dort könnt ich sehen, was ich gar nicht sehen will.
Ich schweige mich beim Kämmen an, sag nichts, bin still
Und m√ľhe mich vergeblich ab, nicht zu beachten,

Was mir brutal ins Auge springt: die neuen Falten,
Die Tränensäcke und das viele Weiß im Bart.
Der Bube, der dort starrt, der war mal jung und smart.
Jetzt kann er, flucht er, bald nicht mehr das Wasser halten.

Ich dusche mich schon heiß, der Spiegel soll beschlagen,
Damit, wenn ich den Bauch forsch in die Hose zwing,
Mir die Erkenntnis sich vernebelt und die Fragen,

Warum ich, nicht mehr jung, die gro√üen Spr√ľche schwing,
Vertagt, bis ich sie doch nicht mehr vertagen kann:
Erwachsen sein wär an der Zeit. Man stirbt als Mann.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 02. 09. 2011 10:24

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Label
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Lieber Walther

kann ich gar nicht verstehen, warum dein Sonett so wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.

Mir gefällt wie dein LyrI etwas weiß, es nicht wissen will und dann trotzdem hinsieht.
Eine gehörige Portion Ironie liebevoll verpackt.

Ein paar Vorschläge hätte ich:


Ich dusche mich nur heiß, den Spiegel soll's beschlagen,
Damit, wenn ich den Bauch stramm in die Hose zwing,
Mir die Erkenntnis sich vernebelt und die Fragen,


So kl√§nge es meines Erachtens etwas fl√ľssiger, speziell Sich die Erkenntnis selbst enthebt und rasch die Fragen klingt ein bisserl umst√§ndlich.

Liebe Gr√ľ√üe
Label






__________________
sie lasen soeben die buchstabenfolge, zensiert nur von eigener meinung

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Walther
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Hallo label,

danke, da√ü Du mein "Alterwerk" vor dem Absturz bewahrt hast (wenigstens einstweilen). Ich habe Deinen 3. √Ąnderungsvorschlag √ľbernommen, den Rest m√∂chte ich belassen, wie ich den Text geschrieben hatte, weil der Text besser zu meinen Absichten pa√üt und sich auch schlanker lesen l√§sst, wie er jetzt dasteht.

Danke f√ľr Deinen tollen Formulierungsvorschlag Nr. 3. Dieser ist viel besser als meine Variante!

LG W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Bernd
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Lieber Walter, das Sonnett ist in mehrerlei Hinsicht interessant, besonders in der Form, die eine Klitterung verschiedenster Versformen enthält.

quote:
Ich rate mir, mich nicht im Spiegel zu betrachten:
Dort könnt ich sehen, was ich gar nicht sehen will.

"Normale" jambische Verse mit sechs Hebungen.

quote:
Ich schweige mich beim Kämmen an, sag nichts, bin still
Und m√ľhe mich vergeblich ab, nicht zu beachten,

Dasselbe, aber mit einer √Ąnderung der Z√§suren.
"Nicht zu beachten" wird normalerweise nicht ohne Objekt verwendet. "Etwas nicht zu beachten". So bleibt eine grammatische Bindung offen und es entsteht ein unbehagliches Gef√ľhl.


quote:
Was mir brutal ins Auge springt: die neuen Falten,
Die Tränensäcke und das viele Weiß im Bart.
Der Bube, der dort starrt, der war mal jung und smart.
Jetzt kann er, flucht er, bald nicht mehr das Wasser halten.

Eine "normale" Strophe, ohne grammatische Kunstgriffe, wie in der ersten.

quote:
Ich dusche mich schon heiß, der Spiegel soll beschlagen,

Plötzlich ein Vers im Alexandriner-Maß, mit Mittelzäsur.
quote:
Damit, wenn ich den Bauch forsch in die Hose zwing,
Mir die Erkenntnis sich vernebelt und die Fragen,
Kein Alexandriner mehr.
Daf√ľr ist die Kongruenz gest√∂rt: die Erkenntnis vernebelt sich. (korrekt) Die Fragen vernebelt sich. (grammatisch falsch)

quote:
Warum ich, nicht mehr jung, die gro√üen Spr√ľche schwing,
Wieder ein Wechsel, kein Alexandriner mehr, wie in der Vergleichsstrophe.
quote:
Vertagt, bis ich sie doch nicht mehr vertagen kann:
Erwachsen sein wär an der Zeit. Man stirbt als Mann.

Der Abschluss ist "normal".

Fast jeder Vers hat andere Zäsuren, das macht das Gedicht unruhig, "zittrig", spiegelt das Alter in der Form wieder.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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Walther
Routinierter Autor
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Lb. Bernd,

danke f√ľr Deinen langen Eintrag. Das Gedicht ist eigentlich f√ľr den Vortrag gedacht, und Du hast den sprachlichen Finessen erfolgreich nachgesp√ľrt, die ich eingebaut hatte. Eigentlich ist das Sonett ja eine "ernste" Gedichtform, das Thema allerdings und die Sprache sind eher ironisch-humoristisch ausgelegt.

Nun lebt der Vortrag, wie ich meine, durchaus von solchen "Widerspr√ľchen", die sich beim Deklamieren in Wohlgefallen aufl√∂sen, weil entsprechend pr√§sentiert an der einen oder anderen Stelle ja Lacher generiert werden sollen. Besonders passend ist da der sechshebige Jambus, wie ihn Gryphius in seinen Barocksonetten gebraucht hat, weil er, wegen der L√§nge des Verses, eben diese Varianz in den Z√§suren, die einen lebendigen Vortrag bef√∂rdert, zul√§√üt.

Danke sehr f√ľr Deine lange Besprechung, die ich wahrscheinlich gar nicht wirklich verdient, aber mit Freude und fast ein wenig Besch√§mung gelesen habe, g√§be es doch sicherlich viele andere Werke in der Lupe, die eine solche Betrachtung vielleicht eher verdient h√§tten. Aber vielleicht bin ich nur zu selbstkritisch in diesem Fall.

Danke, daß Du uns in Forum "Feste Formen" begleitest!

LG W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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