Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92249
Momentan online:
430 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sonia und Bertolt
Eingestellt am 12. 12. 2001 20:19


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
The Girl Who...
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

Werke: 29
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Das Fenster, auf das einer der wei├čen V├Âgel zuflog, war leicht ge├Âffnet, um den Sommer herein und den Geschmack der Vergangenheit herauszulassen. Es lag im dritten Stock einer Reihe von Wohnh├Ąusern, die sich am Rand des Stadtkerns befanden und schaute hinab auf eine Reihe von B├Ąumen, die einen Schatten auf die zwischen den H├Ąuserreihen liegende Stra├če warfen. Autos fuhren dar├╝ber durch diese Schatten.
Menschen liefen vorbei durch diese Schatten. Die Kronen der B├Ąume jedoch waren in Sonnenlicht getaucht und vom Fensters aus f├╝hlte man sich wie auf einer Bergspitze oder in einem Flugzeug ├╝ber den Wolken. Auf der anderen Seite der Stra├če brachen weitere gebirgige Wohnhausreihen durch das belaubte
Hindernis und r├Ąkelten sich im Sonnenlicht. Von diesem leicht ge├Âffneten Fenster schaute Sonia hinunter, st├╝tzte ihre nackten Arme auf der rissigen Farbe der Fensterbank ab und betrachtete vertr├Ąumt die vorbeischlendernden Menschen.

Von der H├Âhe des dritten Stocks aus beobachtete sie die Maxim Gorkis, Kuprins, Bloks, Sologubs, Remizovs, Averchenkos, Tchornys, Kuzmins, Bunins... und all die anderen, dort unten umherlaufend wie kleine Ameisen. Sie pfiff ein paar zuf├Ąllige Takte und schloss dann ihre Augen, um ihre Lider von der Sommerluft w├Ąrmen zu lassen. Der kleine wei├če Vogel auf dem Fenstersims ahmte diese chaotische Melodie f├╝r einen Moment nach, bevor er mit den Fl├╝geln schlug und sich erneut in die Luft schwang. Sonia
sah, wie er hoch zum Himmel hinaufstieg um sich dann von den Sch├╝ben der Sommerluft tragen zu lassen. Die Leute am Boden schauten noch immer nach Ameisen aus.

Sie drehte den R├╝cken zum Fenster. Mit dem Gef├╝hl der W├Ąrme auf ihrer nackten Haut musterte sie das winzige Schlafzimmer und orientierte sich zum ersten Mal seit sie hierher gekommen war. Im Dunkeln war ihr die rote Tapete lila erschienen, das kleine Zimmer schien ger├Ąumig, das Durcheinander als Jugendstildekoration. Sie schaute auf die beiden Weingl├Ąser, eins leer, eins halbvoll und fragte sich,
welches ihres war. Ihre Hand glitt durch das schwarze Haar, nachtschwarz fast bis auf die lila Str├Ąhnen. Das Zimmer roch nach Alkohol, nach Alkohol und Schwei├č. Ihr fiel auf, wie clich├ęehaft der Raum war, voll von "der Morgen danach"-Atmosph├Ąre, wie sehr er sich nach ausgetauschten Telefonnummern anf├╝hlte. Zerstreute Kleidungsst├╝cke, zerw├╝hlte Bettlaken, ein abgestellter Wecker. Und zwei nackte K├Ârper. Sie dachte daran, sich wieder ins Bett zu legen, wei├če Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen. Sich selbst in einer romantischen Mordszene verewigen. Der versch├╝ttete Rotwein auf dem Bettlaken sah aus wie Blut.

Drau├čen fuhr ein gro├čer Lastwagen vorbei. Das Ger├Ąusch klang wie ein tief gestrichener Ton auf einem Kontrabass. Auf seiner Ladefl├Ąche klapperten leere Flaschen wie die Tasten eines Konzertfl├╝gels. Die raschelnden Bl├Ątter ergaben dazu eine s├╝├če Percussioneinlage, und der leichte Wind l├╝mmelte sich ├╝ber dem ganzen St├╝ck. Die Musik erhob sich in ein kurzes Crescendo, lie├č genauso schnell wieder nach und die alles umgebende Stille setze wieder ein. Ihre Gedanken stiegen im Zimmer auf und ab wie kleine Papierv├Âgel die ├╝ber dem schlafenden Geliebten kreisten, darauf wartend, dass er erwachte, sie aus der Luft pfl├╝ckte, auseinander faltete und die Verse lies, die nur f├╝r ihn allein bestimmt waren. Wie er so dalag, total in sein Bettlaken eingewickelt. Genauso eingewickelt wie die Gedanken in seinem Kopf, verschlossen
hinter Tr├Ąumen und Phantasien. Sie weigerten sich, sich zu offenbaren, sich ins Bild einzuf├╝gen und zusammen mit ihren Papierv├Âgeln umher zu schweben, weigerten sich davor, die Grenzen seines Kopfes zu ├╝berschreiten. Sie fragte sich warum sie ihn nicht sch├Ąlen konnte, ihn nicht dazu bringen konnte, ein K├Ârnchen Wahrheit zu sprechen, oder wenigstens ein wenig Klarheit von ihm zu bekommen. Warum gab es einen Unterschied zwischen ihm und ihr? Sie wusste es nicht, aber nahm an, dass es so war.

Wann immer er sich weigerte, sich ihr zu ├Âffnen, wann immer er nichts mehr zu sagen hatte, wollte sie es so sehr von ihm h├Âren, dass sie sich dazu in der Lage f├╝hlte, seine Brust aufzurei├čen und ihr Ohr an sein schlagendes Herz zu pressen. Er lief weiterhin von ihr fort, und sie w├╝nschte sich sie k├Ânne seine Riesenschritte unterbrechen damit er in ihre Arme fiel. Immer wenn er an die Decke starrte w├╝nschte sie
sich, sie k├Ânne sich selbst an der Gipsdecke kreuzigen damit er statt dessen in ihre Augen starrte. Es gab N├Ąchte, da w├╝nschte sie sich, eine winzige Kreatur zu sein die durch sein Ohr wanderte w├Ąhrend er schlief, und die ganze Nacht mit seinen Gedanken tanzte. Es gab wenige Augenblicke, in denen es ihr wenigstens ein bisschen gelang, ihn dazu zu bringen, hinter dem von ihm selbst vernagelten Bretterzaun
hervorzukommen. Immer wenn er sich aus seinem Gef├Ąngnis heraus grub, versp├╝rte sie Augenblicke die der Verz├╝ckung tausender Engel glichen.

Es gab Abende, an denen sie beide im Bett sa├čen und lasen, sie russische Theaterst├╝cke, er Gedichte von B├ędard. Er konnte aber nicht leise lesen und so legte die ihre Trag├Âdie weg und h├Ârte zu, wie seine Stimme sang. Er hatte eine so sch├Âne Stimme, aber es war ihm nicht bewusst, dass oft die Worte die er las ihren Gedanken ├╝ber ihn sehr ├Ąhnelten. Ihre Sorge ├╝ber seine inselartigen Gedanken waren tintenverkleckste Offenbarungen in den vom ihm laut gelesenen Worten. Manchmal glaubte sie aber auch, er parodierte einfach seine Unf├Ąhigkeit, ihr gegen├╝ber Gef├╝hle zu zeigen. Dann wieder fragte sie sich, ob er vielleicht diese Parodie als eine Art Hand nutze, die sich nach ihr ausstreckte.

Sonia ging langsam zum Bett her├╝ber und k├╝sste ihren Liebsten auf den Mund. Ein leichtes Ausatmen schien wie eine Antwort, doch noch verblieb er in seiner Traumwelt. Sie setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, schlug ihre Beine ├╝bereinander und ├╝berlegte, ob sie ihn wecken sollte. ├ťberlegte, was sie wohl heute zusammen machen w├╝rden. ├ťberlegte, ob sie abends zusammen ausgehen w├╝rden. Eins der
Gef├╝hle, das um sie herum durch die Atmosph├Ąre geschwebt war, landete neben ihrem Fu├č. Sie schaute hinunter auf die in eine Origamitaube gefaltete Regung, hob sie auf und entfaltete ihre Fl├╝gel zwischen ihren Fingern, passte genau darauf auf, blo├č keine der Federn zu zerrei├čen. Nach einer Ewigkeit des Entfaltens hielt sie ein kleines beschriftetes St├╝ck Papier in ihrer Hand. Dann beugte sie sich ├╝ber ihren
Geliebten und fl├╝sterte ihm etwas ins Ohr. Er drehte sich um und k├╝sste sie sanft, dann blitzten seine Augen auf und er war hellwach, obwohl er doch so fest geschlafen hatte. Sie musste grinsen und k├╝sste ihn wieder.

Bertolt g├Ąhnte. Seine Augen starrten an die Zimmerdecke. Manchmal zog er in Gedanken Muster durch die Rillen des Stucks und stellte sich vor, die Decke w├Ąre ein neues, weites Sonnensystem und dass er der einzige Astronaut sei, der die verschiedenen Sternzeichen auf Karten verzeichnen k├Ânne. Daf├╝r, dass er Sonia seit vier Wochen kannte, wusste er sehr wenig ├╝ber sie. Er wusste, sie mochte Filme mit Untertiteln, Kartoffelp├╝ree, sie schlief meistens mit dem R├╝cken zu ihm, musste lachen, wenn er ihre Brust ber├╝hrte
und sprach manchmal Russisch am Morgen, wenn sie noch m├╝de war. Bertolt konnte kein Russisch. Sie hatten sich an der F├Ąhrstation getroffen, wo er an einem kalten Morgen sa├č und eine Zigarette rauchte. Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern, warum er da sa├č. Eigentlich rauchte er gar nicht.

Er hatte seine Tasche in der einen Hand, und seine Fahrkarte nach Russland in der anderen. Dann hielt er an, um Sonia den Weg zu erkl├Ąren. Nachdem sie zwei Tage in seinem Bett, den umliegenden Kneipen und den diversen Kinos der Stadt verbracht hatten, fiel ihm auf, dass er nie die F├Ąhre nach Russland betreten hatte. Au├čerdem hatte er vergessen, was er eigentlich in Russland wollte. Aber er wusste, dass sie die
einzige Frau war mit der er f├╝r den Rest seines Lebens zusammensein wollte.

Die Sonne goss eine Aura um Sonia, ein wei├čes Leuchten um ihren leicht gebr├Ąunten K├Ârper. Sie l├Ąchelte wieder und stand dann auf, die Lichtstrahlen durchbrachen die Barriere, blendeten ihn, zerborsten an der Wand und durchfluteten das Zimmer. Als er wieder aufsah, sah er Sonias Gedanken durch den Raum schweben, jeden Morgen beobachtete er sie, meistens war er so damit besch├Ąftigt, ihre Gedanken zu betrachten, dass er verga├č, selbst welche im Raum zu verteilen. Meistens lag er da wie ein Baby, dass die Bewegungen des Mobiles unter der Zimmerdecke verfolgt. Ihm war klar, dass er mehr von seinen eigenen Gef├╝hlen dazusteuern sollte, aber so sehr er es auch versuchte, er konnte es nicht.

Bertolt setzte sich auf und sah Sonia an. Sie schauten sich beide an. Er l├Ąchelte, sie l├Ąchelte. Sie hob eine Augenbraue, er legte den Kopf in den Nacken und lie├č den Blick zur Decke gleiten bevor er ihn wieder auf sie richtete.

"Bertolt..."
"...Sonia."
"Bist du jemals zuvor verliebt gewesen?"
"Ich glaube nicht, kann mich nicht erinnern."
"Wie meinst du das, du kannst dich nicht erinnern?"
"Na ja, vor Ewigkeiten war ich mal in ein M├Ądchen verliebt... aber ich habe sie l├Ąngst vergessen."
"Aber wie konntest du sie vergessen?"
"Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren..." Er fl├╝sterte sich die Worte eher selbst zu.
"Ich liebe dich..."
"Ich liebe dich auch."

Sie schauten sich f├╝r eine Weile an, Bertolt f├╝hlte sich befangen, Sonia unbehaglich. Sie fragte sich immer noch, welches ihr Glas war, das halbvolle oder das leere. Bertolt lehnte sich zur├╝ck und starrte an die Decke, Sterne z├Ąhlend. Sonia sch├╝ttelte ihr schwarzes Haar mit den lila Str├Ąhnen und seufzte. Ihre Hand ber├╝hrte sein Knie, aber er wich zur├╝ck. Als er die Augen wieder schloss, stand sie auf, schaute sich im Zimmer um, ├╝berlegte, was sie heute machen wollte und pfiff eine falsche Melodie. Sie hob ihre H├Ąnde und tat, als dirigiere sie ein Orchester. Sie dachte an Russland, ber├╝hrte den abgebrochenen Fingernagel an ihrer Hand und hatte f├╝r einen Augenblick ihre Zweifel. Sie sah, wie ihre Gef├╝hle noch immer ziellos um sie schwebten und ├╝berlegte, ob ihr Geld f├╝r Fr├╝hst├╝ck reichen w├╝rde. Sonia liebte Bertolt.

Und Bertolt liebte Sonia. Er ├Âffnete die Augen und ├╝berlegte, ob er noch was zum anziehen hatte. Er dachte an sich als kleinen Jungen, versuchte sich an die Strophe eines Gedichts zu erinnern und betrachte Sonia, wie sie sich aus dem Fenster lehnte.

Er drehte sich auf die Seite und hatte f├╝r einen Augenblick seine Zweifel. Er wollte mit ihr schwimmen gehen. Er ├╝berlegte, was er sagen sollte. Er wollte durch ihre Augen hindurch schauen. Er ├╝berlegte, ob er genug Geld hatte, um f├╝r sie beide Fr├╝hstuck zu kaufen.

"Sollen wir an den Strand gehen? Es ist ein sch├Âner Tag..." fragte Bertolt pl├Âtzlich.
"K├Ânnen wir da fr├╝hst├╝cken?"
"Warum nicht?"
"Kann ich am Strand Muscheln sammeln?"
"Bekomme ich einen Kuss?"
"Hmmm, na ja... ich glaube schon."
Sonia ging zu ihm her├╝ber. Sie l├Ąchelte. Er setzte sich auf und streckte eine Hand nach ihr aus. Sie k├╝ssten sich.
"Sollten wir uns nicht anziehen?" fragte Bertolt.
"Gute Idee. Kann ich mir von dir ein Paar Str├╝mpfe ausleihen?"
"Wenn ich noch ein sauberes Paar habe..."

Pl├Âtzlich wurde Sonia klar, warum Bertolts Gedanken nicht herumschwebten wie ihre. Sie konnten es gar nicht. Sie waren keine V├Âgel, sondern eher Fische und schwammen in seinem Inneren. Sie waren wie Seepferdchen oder Delphine, aber wahrscheinlich nicht wie Aale oder Wale. Auf jeden Fall konnten sie nicht fliegen wie ihre V├Âgel. Sie konnten nicht einfach aus ihm herauskommen und um sie schweben. Aber das hie├č nicht, dass sie sie nicht sehen konnte. Sie musste ihm einfach mehr in die Augen sehen, ihn von nun an besser beobachten. Sie fragte sich, ob, wenn sie seine Gef├╝hle einfach aus ihm herauszog, sie sich hin und her drehten wie Fische auf dem Trockenen, und dann verendeten. Sie entschied sich daf├╝r, es erst gar nicht zu versuchen und l├Ąchelte sich selbst im Spiegel an w├Ąhrend sie sich anzog. Einer ihrer
Papiervogelgedanken glitt an Bertolts Auge vorbei, er beobachtete wie er erst n├Ąher kam und dann mit ausgestreckten Fl├╝geln wieder aus seiner Sichtweite verschwand. F├╝r einen Moment trank der Vogel aus dem Wasser seines Blicks, die Fische sahen ihm dabei zu und der kleine Vogel schaute mit einem naiven Interesse zur├╝ck. Wieder schien die Sonne in das Zimmer und versetzte die Szene mit allen Spektren ihres Lichts. Sonia beugte sich vor und k├╝sste Bertolt auf die Schulter, der den Kopf zur Seite drehte und mit gehobener Augenbraue l├Ąchelte. Dann zogen sie sich weiter an. Bertolt hatte sogar zwei Paar saubere
Str├╝mpfe gefunden.

Als das Paar die kleine Wohnung verlie├č, blieb das Fenster ge├Âffnet um die frische Sommerluft hereinzulassen. Als sie auf die Stra├če hinaustraten, sahen auch sie von diesem Fenster im dritten Stock aus wie kleine Ameisen.
__________________
He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hallo girl,

wenn du die paar fehlerchen ausmerzt, ist das eine wundervolle, ja geradezu lyrische geschichte. recht erbaulich und erfreulich. kurzum - gef├Ąllt mir ausgezeichnet. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!