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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sonnenanbeterin
Eingestellt am 02. 03. 2004 09:05


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Valentine
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2004

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Sonnenanbeterin

Mit einem Ruck riss sie den Spiegel von der Wand. Er zerschellte direkt neben seinem Kopf.
Sie b├╝ckte sich und blitzte ihn aus dunklen Augen an. Langsam ging sie auf ihn zu, eine Scherbe wie ein Messer in der rechten Hand, scheinbar bereit, zuzustechen. Die Splitter auf dem Boden, die winzigen Scherben, die glitzerten wie Diamanten, in denen sie sich tausendfach spiegelte, nahm sie nicht wahr unter ihren F├╝├čen. Sie sp├╝rte nur, wie Wut durch ihren ganzen K├Ârper str├Âmte und ihr fast den Atem raubte.
Noch einen Schritt. Wie um sich zu sch├╝tzen, hob er die Hand, doch er wich zur├╝ck, so weit, bis er mit dem R├╝cken an das Fenster stie├č. Sie lachte ihn aus und taumelte dabei. F├╝r einen kurzen Moment sah es so aus, als verliere sie das Gleichgewicht und fiele vorn├╝ber, aber sie fing sich. Er schluckte und merkte, wie er zu zittern begann. Er sa├č in der Falle, einer Falle, die er sich selber gestellt hatte. Dabei war er doch nur noch einmal gekommen, um sich zu erkl├Ąren, um sich und sein Verhalten zu erkl├Ąren.
Sie aber wollte keine Erkl├Ąrungen, sie hatte genug geh├Ârt. Geh├Ârt und gelesen. „Meine Sonnenanbeterin“, die Worte hatten sich tief in ihr Herz gebrannt wie ein flammender Pfeil, „ein Abschied ist immer auch ein bisschen wie sterben...“. Traurigsch├Âne Worte, die sie beim Lesen einer Liebestrag├Âdie sicher sehr ber├╝hrt h├Ątten. Gestern allerdings, als sie seinen Brief in den H├Ąnden hielt, hatte sie nicht einmal weitergelesen, sondern das bl├╝tenreine B├╝ttenpapier sogleich zerkn├╝llt und wie einen hei├čen Feuerball weggeworfen.
Jetzt sah er auf, direkt in ihre Augen, die ihn aufzuspie├čen schienen. Pl├Âtzlich lie├č sie die erhobene Hand sinken und die Scherbe fiel wie in Zeitlupe zu Boden. Sie schaute hinterher und betrachtete das Mosaik aus Glas, bevor sie ihren Blick wieder auf ihn richtete.
„Raus“, zischte sie durch die Z├Ąhne, „raus“.
Er machte einen Schritt auf sie zu, doch als sie sofort wieder zum Boden griff, lie├č er es sein. Es knackte hier und da, als er mit schweren Schritten aus dem Zimmer ging und es knallte, als die Haust├╝r hinter ihm zuschlug. Sie sackte zusammen und f├╝hlte, wie sich die Scherben wie kleine Nadeln in ihre nackten Beine bohrten.
Es wurde warm. Fasziniert beobachtete sie die kleinen, roten Rinnsale, die sich ihren Weg durch die unz├Ąhligen Minispiegel bahnten. Wie durch einen Schleier sah sie, wie mehrere es bis zu dem zusammengekn├╝llten Blatt Papier schafften, das immer noch wie ein Schneeball vor ihr auf dem wei├čen Teppich lag, der nun aussah, als sei er mit Adern ├╝bers├Ąt. „Meine Sonnenanbeterin“ stand darauf. Man konnte es nicht mehr lesen, aber sie wusste es ja auch so. „Meine Sonnenanbeterin“, so hatte er sie i m m e r genannt. Warum also h├Ątte es diesmal anders sein sollen?
Sie erhob sich und wollte nach dem Kn├Ąuel greifen, doch bevor sie es erreichte, wurde ihr schwarz vor Augen. Sie knickte ein und kippte vorn├╝ber, mitten in die gr├Â├čte Scherbe des zerbrochenen Spiegels. Es knackte.
Abschied ist immer ein bisschen wie sterben.

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"War das nicht typisch? Kaum ging es um Frauen oder etwas Weibliches, schon war das Lexikon so nichts sagend wie ein Mondkrater. Ob irgendein M├Ąnnerverein die Lexika zensierte?" (Jostein Gaarder, Sophies Welt)

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