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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Sonnenaufgang
Eingestellt am 16. 08. 2003 00:16


Autor
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Immanuel Gollum
Hobbydichter
Registriert: Aug 2003

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Nachricht von der Person E. an I.G. :


Briefausschnitte Vincent van Gogh
Ausschnitt eines Briefs Vincents an Theo im Juli 1880 worin V. Stellung bezieht zu den Vorw├╝rfen seiner Familie er sei ein Nichtstuer
...
Denn es gibt Nichtstuer und Nichtstuer, von denen der eine das Gegenteil des anderen ist. Es gibt Nichtstuer aus Faulheit und Charakterschw├Ąche, aus niedriger Veranlagung - du kannst, wenn du meinst, mich f├╝r so einen halten. Dann gibt es den anderen Nichtstuer, den Nichtstuer wider Willen, der innerlich von einem heftigen Wunsch nach T├Ątigkeit verzehrt wird, der nichts tut, weil es ihm v├Âllig unm├Âglich ist, etwas zu tun, weil er wie in einem Gef├Ąngnis sitzt, weil er nicht hat, was er braucht, um produktiv zu sein, weil es sein Missgeschick so gef├╝gt hat, dass es mit ihm so weit gekommen ist; ein solcher Mensch
wei├č manchmal selbst nicht, was er tun k├Ânnte, aber er f├╝hlt es instinktiv: Ich bin doch zu irgend etwas gut, ich habe eine Daseinsberechtigung! Ich wei├č, dass ich ein ganz anderer Mensch sein k├Ânnte! Wozu k├Ânnte ich nur taugen, wozu k├Ânnte ich dienen! Es ist etwas in mir, was ist es nur!




Antwort von I.G. an E. :


Ja E. , es war wohl schon immer so mit uns Menschen und unseren Lastern und
Leiden, auch der alte Vincent hats gesp├╝rt...
Manchmal frage ich mich, wie die Welt denn vor 200 Jahren ausgesehen haben mag....Sie muss ganz anders gewesen sein, der Himmel k├Ânnte gr├╝n gewesen sein, so viel anders, so stark anders, und auch die Menschen so anders im Denken und Handeln....aber immer und immer auch genauso, sie kauten an den selben Dingen mit anderem Anstrich, die ganze Welt ist eine ├äusserung von ein paar wenigen Gesetzen, die Alles hervorbringen...ich hab mir in der Bretagne die Natur angesehen, es ist Alles aus dem selben Samen gewachsen, das Blatt eines Baumes ist wie eine Muschel ist wie die Formen die das Wasser in den Sand sp├╝lt, ├╝berall steckt der selbe Geist dahinter, so unterschiedlich die Dinge auch aussehen...
Vincent unter seinem gr├╝nen Himmel f├╝hlte sich so, wie sich ein junger Mensch,
mit dem nicht alles verloren ist, wohl einmal f├╝hlen muss, auch unter seinem gr├╝nen Himmel, er f├╝hlte es in Gr├╝n, und auch meine Katze f├╝hlt es, vielleicht in Rosa...
Tr├Âste dich, E. , den Anderen geht es auch irgendwie so...den Erwachsenen, die sich so verdammt sicher und wissend geben, und du siehst ihnen an, wie all ihr Leben nur eine d├╝nne Kruste ├╝ber dem Nichts ist....viele Menschen sind auf Sand gebaut, E. , und man sieht es, weil sie so krumm und schief sind, und schubst man sie ein wenig rieselt der Sand schon weg und sie fallen fallen fallen bis sie sich wieder ein wenig Sand unter die F├╝├če werfen und sich gerettet f├╝hlen...
Heute merkte ich, dass der Tod ja ├╝berall lauert, hinter jeder Ecke, er ist oft nur eine Handbewegung entfernt, einen Dreh am Lenkrad, einen Schritt nach vorne...
Ich stand barfu├č auf unserem Hausdach, direkt an der Kante, vielleicht 8 Meter, und erforschte meine Gef├╝hle, und die Sonne ging tiefer, der Untergang einmal wieder bombastisch, ich wei├č nicht ob du es kennst, wie jede Minute das Licht wechselt, das auf allen Dingen liegt, wie die Wolkenschwaden, -fetzen, -gebirge ├╝ber den Himmel st├╝rzen, aufgeschwemmte Fl├Ąchen sich ├╝bereinander verschieben, lodernd ausgefranst, in gewaltiger Fl├Ąche gl├╝hend, rot, rosa, unbeschreiblich, das Blau im Kontrast wird kitschig pastellfarben, nur noch zu ├╝bertreffen durch die vom Meer aufsteigenden Farben eines Sonnenaufgangs an der See, bei Wind und leichten Wolken, das Schauspiel beginnt ewige Zeiten vor dem Aufgang selbst, Wolkenschwingen die vom Ozean heranwehen und nacheinander ├╝ber die Sonnenglut ziehen, hinter sich riesige Formationen aus kleinen Einzelwolken f├╝hrend, in regelm├Ą├čiger Art und trotzdem jede anders, lohend, brennend in weissestem Weiss in das tiefste Blau dar├╝ber, die Strahlen der Sonne stehen wie unermessliche Quader kranzf├Ârmig um die Sonne zwischen den Wolkenschwingen heraus, reichen bis zum Boden, stehen als r├Ąumliche Gebilde in der kochenden Atmosph├Ąre, die Sonne, ein Ball aus Licht, doch man kann direkt hineinblicken, er scheint alles, alles von sich wegzutreiben, die Wolken, die Luft, das Licht, er scheint f├╝r sich allein ein Gott zu sein, das B├Âse flieht vor ihm, und dann auch das Gute, und er steht v├Âllig allein der Welt gegen├╝ber, die nur durch ihn Licht und Gestalt und Dasein bekommt, die sein ungeteiltes Wesen in feinster Auffaserung ihm gegen├╝berstehend preist, und dort gegen├╝ber der Sonne steigen aus der See namenlose Farben auf, wortlose, schon unwirkliche Farben, aber dies ist die reinste Wirklichkeit, so ist sie, unm├Ą├čig reich an Allem und f├╝llend f├╝r jede Seele......jede Malerei ist nur ein hilfloser Versuch einer Kopie der Farben dieser Natur und Erde, denn sie sind aus reinem Licht geschaffen.

Ich erlebte am Atlantik diesen Sonnenaufgang, wie es keinen Zweiten geben kann, wir waren zu viert, die Pilze hatten unsere Augen und Seelen weit aufgerissen...und heute Mittag holte ich mir dieses Gl├╝ck ein wenig zur├╝ck, und stand, wie ich sagte, auf dem Dach an der Kante und sah den Untergang an, der nur eine Ahnung des Aufgangs bietet, ich hatte die H├Ąnde gefaltet und sagte mir wieder und wieder:

Wer weiss was er tut, hat keine Angst.
Ich habe keine Angst, denn ich weiss was ich tue.

Und ich sah an meinen F├╝├čen vorbei herab, und ich wusste was ich tat,und ich hatte keine Angst mehr, und ├╝ber mir begl├╝hte schon wieder eine rot-orangene Wolkenwand Alles, und ich h├Ârte M├╝tter zetern aus der Ferne und M├Ąnner schwatzen und Kinder greinen.


E. , in meinem Leben und in mir ist nicht alles in Ordnung. aber ich habe das Gef├╝hl, nicht auf Sand zu stehen. Sondern auf Licht.


__________________
Die gro├čen Autoren dieser Welt w├╝rden in ihren Gr├Ąbern rotieren, wenn sie w├╝├čten, was die "Literaten", jene Aasgeier, die zu schwach sind, selbst Beute zu machen, ├╝ber ihre Werke zu wissen glauben.

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