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Leselupe.de > Science Fiction
Sonnentau
Eingestellt am 30. 10. 2004 18:15


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
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Dies ist Teil 4 eines Mini-Zyklus. Teil eins: „Weltempf├Ąnger“, Teil zwei: „Die Infektion“, Teil drei: „Truck“, Teil f├╝nf folgt.





Sonnentau
„Absolut m├Ârderisch, ich sage es Ihnen!“
„Aber nein, nicht doch! Sie ist doch so sch├Ân!“
„Genau das ist ihre Masche! So Sch├Ątzchen, wo stellen wir dich am besten hin? Hier erst einmal?“
Jolina r├╝ckte eine leere Vase beiseite, w├Ąhrend Frau Seifahrt den Blumentopf auf die Anrichte stellte.
„Woher haben Sie sie?“
„Von einem Bekannten. Irgendwo in Schleswig-Holstein. Ahrdorf hei├čt das, glaube ich. Der Z├╝chter wohnt bei ihm in der Nachbarschaft. Ach und noch was: In der Erde werden Sie so einen Schleim oder Schwamm bemerken. Blo├č nicht entfernen! Das geh├Ârt so. Das ist ein Pilz, der der Pflanze bei der Ern├Ąhrung hilft. Ein Symbiont oder so ├Ąhnlich, wie mein Bekannter das nannte.“
„Wollen Sie noch einen Kaffee?“
Nein, leider nicht m├Âglich. Unglaublicher Zeitdruck, wissen Sie? Mein Bekannter hat mir noch was ausgedruckt. Zur richtigen Pflege. Ich bringe es Ihnen nachher vorbei!“
Nachdem sich Jolina von ihrer Nachbarin verabschiedet und die Appartementt├╝r hinter ihr geschlossen hatte, ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und betrachtete das Gew├Ąchs auf der Anrichte. Es machte sich sehr gut.
Sie erhob sich, schritt auf die Blume zu und ber├╝hrte die Bl├╝ten sacht mit der Fingerspitze. Die St├Ąngel, auf denen die rosa Bl├╝tenbl├Ątter sa├čen, waren eigent├╝mlich schlank. Je l├Ąnger sie die Pflanze betrachtete, umso st├Ąrker wurde ihre Aufmerksamkeit auf die k├╝rzeren Bl├Ątter gelenkt, die fast wie behaarte Raupen wirkten. An diesen haarigen Ausw├╝chsen hingen glitzernde K├╝gelchen. Die Fangwerkzeuge.
F├╝r einen Moment ├╝berlegte sie sich, ob sie die Pflanze im B├╝ro aufstellen sollte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Die Luft dort war nicht die beste. Sehr trocken. Ihr fiel wieder ein, dass Bernhard mit seinem Antrag durchgekommen war, sich ins Nebenzimmer umsetzen zu lassen. Bernhard, das Ungeheuer. Dachte, er k├Ânne ein wenig mit ihr herumspielen, sie fallen lassen, wenn er die Lust verlor, und sich dann ins Nebenzimmer verkr├╝meln. Die Sache war f├╝r ihn in der Sekunde erledigt, in der er sie nicht mehr sehen musste.
Sie sp├╝rte, wie die Wut wieder diesen brausenden Druck hinter den Schl├Ąfen erzeugte und ihr die Tr├Ąnen in die Augen trieb. Mit einem Seufzer machte sie sich auf ins Badezimmer und musterte sich im Spiegel. Ihre Augen sahen ziemlich schlimm aus. Aber nur in diesem Moment, dachte sie trotzig. So schlecht waren sie sonst nicht. Gro├č und braun, lange Wimpern. Sie wusste, dass den M├Ąnnern ihre Augen immer gefallen hatten. Passten sehr gut zu ihrem straffen schwarzen Haar. Und die Figur – sie war jetzt f├╝nfundvierzig. Es gab haufenweise Zwanzigj├Ąhrige, die sie um ihren flachen Bauch beneideten. Aber das war es wohl – Bauch hin, Bauch her, f├╝nfundvierzig war eben nicht zwanzig.
„H├Âr auf mit dem Quark!“, fauchte sie. „Sonst kommst du heute ├╝berhaupt nicht mehr aus dem Heulen raus!“ Sie presste sich die Wattepads noch einmal gegen die geschlossenen Augen und warf sie ins WC-Becken.
Zur├╝ck im Wohnzimmer betrachtete noch einmal den Sonnentau. Eines der Raupenbl├Ątter war umklappt. Zwischen den beiden Flanken, auf Bauch- und R├╝ckenseite von den klebrigen K├╝gelchen gehalten, steckte eine Fliege, deren Beine nur noch schlaff in der Luft kreisten.
„Sieh an! Du bist ziemlich flei├čig!“

*


„Und du? Glaubst du, dass man M├Ąnner wirklich braucht? Ich meine – so, dass sie sich in deinem Leben so richtig breit machen m├╝ssen?“
Jolina hatte die Zeitschrift neben sich auf das Sofapolster gelegt und schaute zur Pflanze hin.
„Es gibt doch auch sonst viele Dinge, von denen man erst denkt, dass man ohne sie nicht leben kann, und pl├Âtzlich geht es dann doch ganz einfach. Schlie├člich kann man kann sich ja auch das Rauchen abgew├Âhnen. Und das Trinken. Oder das Zu-viel-Essen. Erst tut’s ein bisschen weh, und dann lebt es sich ganz unkompliziert!“
Ich rede mit meiner Pflanze, dachte sie. Fr├╝her hatte sie sich ├╝ber Frauen lustig gemacht, die sich mit ihren Katzen unterhielten. Was w├Ąre das N├Ąchste? Ein nettes Pl├Ąuschchen mit der Waschmaschine?
Sie erhob sich und schritt auf die Pflanze zu. Um den Topf herum lagen mehrere toten Fliegen.
„Ich dachte, du w├╝rdest sie essen. Oder macht du es einfach nur aus Spa├č?“
Eines der kugeltragenden Bl├Ątter kr├╝mmte sich nach oben. Diese Reaktion war so unmittelbar auf ihre Frage gefolgt, dass es wie eine Antwort wirkte. Jolina fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das dichte Haar.
„Himmelherrgott! Reicht es nicht, dass ich zickig werde?“ Wie unter Schmerzen presste sie die Augenlider zusammen. „Wieso muss ich denn auch gleich noch den Verstand verlieren?“
So erschreckend der Gedanke auch war, so faszinierend war die Reaktion der Pflanze gewesen. Sie biss sich auf die Fingerkn├Âchel. Sollte sie wirklich weitermachen? Sie z├Âgerte und schaute zur T├╝r, als ob sie sich beobachtet f├╝hlte. Na ja, muss ja niemand davon erfahren, was ich hier so mache, sagte sie sich schlie├člich.
„Also, noch mal: Kannst du mich wirklich verstehen?“
Ein anderes Blatt kr├╝mmte sich.
F├╝r ein paar Sekunden traute sich Jolina nicht, sich zu bewegen. Wie eine ferne D├╝nung drang das Brausen des Stra├čenverkehrs durch die ge├Âffneten Fenster ins Wohnzimmer.
„Und jetzt? Verstehst du mich jetzt auch?“
Eine weitere Blattspitze wanderte nach oben, w├Ąhrend sich das vorherige Blatt langsam wieder entrollte.
„Gut, gut! Das ist richtig gut!“
Sie deutete ein H├Ąndeklatschen an, ohne dass sich ihre Handfl├Ąchen ber├╝hrten, wobei sie gieksend ein Lachen unterdr├╝ckte. Wahrscheinlich war sie wirklich wahnsinnig geworden – aber es fing an, ihr Spa├č zu machen.
„Wir machen das so: Ich stelle dir Fragen, die du mit ja oder nein beantworten kannst. Ja ist einmal Blattknicken, nein zweimal. Warte! Ist doch ein wenig zu kompliziert, oder? Okay, du antwortest einfach immer nur mit ja! Verstanden?“
Eines der Bl├Ątter reagierte.
„Mit wem sprichst du denn sonst so? Nein, Moment, falsch gefragt! Also: Sprichst du nur mit mir?“
Ja.
Die Antwort gefiel ihr nicht. Sieht doch irgendwie nach so einer Art Beziehungswahn aus, dachte sie. Aber dann kam ihr eine neue Idee.
„Kannst du meine Gedanken lesen?“
Keine Reaktion. Was sie mit Genugtuung aufnahm. Wie ungebremster Irrsinn wirkte das jedenfalls nicht. Aber warum sollte sie ihre neue Gespr├Ąchspartnerin eigentlich nicht gleich selber fragen?
„Bin ich verr├╝ckt?“
Nichts.
Jolina l├Ąchelte.
„M├Âchtest du jetzt Pause machen?“
Die Pflanze antwortete.

*


Am n├Ąchsten Morgen hatte sie sich f├╝r den grauen Rock und den schwarzen Pulli entschieden. Nicht, dass ihr wirklich nach so viel Unauff├Ąlligkeit war, im Gegenteil: Sie f├╝hlte sich gro├čartig. Aber gerade deshalb hatte sie das Bed├╝rfnis, sich ein wenig zu tarnen. Sie sp├╝rte, dass es noch zu fr├╝h war, die Welt von ihrer Ver├Ąnderung wissen zu lassen.
Sie sa├č im gr├Â├čeren der beiden B├╝ros der Kreditorenbuchhaltung. Zwei Vierertischgruppen, die durch Gondeln mit Gummib├Ąumen voneinander getrennt waren. Jolina schob die Rechnung f├╝r den B├╝robedarf mit dem Unterarm an den Rand der Schreibtischunterlage und fixierte die Pflanzen. Ob es auch mit ihnen funktionieren w├╝rde? Vielleicht reichten ihre Gaben noch viel weiter, als sie sich jetzt noch vorstellen konnte?
Bernhard trat aus dem Nachbarraum, schob seine massige Figur an ihrem Schreibtisch vorbei und steuerte in den Kopierraum. Ein paar Sekunden sp├Ąter h├Ârte sie durch die angelehnte T├╝r, wie das Ger├Ąt unter emsigem Klappern Kopie um Kopie ausspie. Darin mischten sich hektisches Knopfdr├╝cken und Bernhards Bassstimme, die die Maschine mit unverst├Ąndlichen Fl├╝chen belegte. Die T├╝r wurde aufgerissen.
„Welches Genie hat denn auf f├╝nfzig Kopien gestellt und dann nicht zur├╝ckgesetzt?“
„Ich glaube, Jolina war zuletzt daran!“, h├Ârte sie Annegrets Stimme in ihrem R├╝cken.
„Na, gro├čartig. Hat ja auch heute zum ersten Mal einen Kopierer gesehen!“
Annegret kicherte. Jolina sp├╝rte, wie sich das Blut in ihre Wangen dr├Ąngte. Da war keine Funke von Humor in seiner Bemerkung gewesen, nur Verachtung. Sie zog die Rechnung wieder in die Schreibtischmitte und tat so, als konzentrierte sie sich darauf.
Was sollte sie tun? Aufspringen, vor seinem Schreibtisch in Positur gehen und ihm erkl├Ąren, dass er – der gewaltige Bernhard – in Wahrheit nichts weiter darstellte als einen feigen, selbstgerechten Spie├čer, w├Ąhrend sie mit Pflanzen sprechen konnte? Es erschreckte sie, wie nah sie daran war, es tats├Ąchlich zu tun. Sie hob den Blick und starrte auf die Gummib├Ąume. „Halt den Mund, Jolina!“, befahl sie sich. Sie wurde regelrecht w├╝tend auf die Gew├Ąchse.
Wie sollte es denn ├╝berhaupt m├Âglich sein, dass jemand mit Pflanzen sprechen konnte? Wo hatten die denn ihre Ohren? Oder ihr Gehirn? Sie war in schlechter Verfassung. Nur weil ihre Zimmerpflanze komische Kr├Ąmpfe hatte, glaubte sie, ├╝bernat├╝rliche Kr├Ąfte zu besitzen. H├Âchste Zeit, ein paar G├Ąnge zur├╝ckzuschalten. Sich klar zu machen, wer sie wirklich war. Sie war eine Verlassene. Sie hatte Wahnvorstellungen. Sie begann, Pflanzen zu hassen. Eigentlich war sie komplett am Ende. Sie war tot.

*


Tot, Gott sei Dank. Dass da etwas auf dem Teppich lag, hatte sie erkannt, als sie das Wohnzimmer betrat. Dass es sich um eine Maus handelte, wurde ihr klar, als sie zwei Schritte darauf zu gemacht hatte. Sie lag direkt unter dem Sonnentau. Mit Handfeger, Schaufel und zweimal Klosp├╝len schaffte Jolina das Problem aus der Welt.
Sie stemmte die F├Ąuste in die H├╝ften und musterte die Pflanze mit missbilligender Miene.
„Das warst du!“
Eines der Bl├Ątter begann, die Spitze nach oben zu recken, bis sie umklappte und auf dem hinteren Abschnitt des Blattes zu Liegen kam. Jolina schlug die Hand vors Gesicht und wandte ihr Gesicht f├╝r einen kurzen Moment ab.
„Oh, nein! Damit h├Ârst du sofort auf, du Mistst├╝ck. Du willst doch blo├č meine schlechte Verfassung ausnutzen, du ...“
Sie nahm einen h├Ârbaren Atemzug durch die Nase.
„Na gut! Eine Chance gebe ich dir noch!“ Vor allem, weil ich im Moment sonst niemanden zum Reden habe, wie sie sich im Stillen eingestand.
„Es geht mir nicht gut! Wegen Bernhard.“ Gedankenverloren streichelte sie die St├Ąngel mit dem R├╝cken des Zeigefingers.
„Wir waren eine ganze Zeit zusammen. Ich war seine ... na, ja ... seine Geliebte halt. Er hat eine f├╝rchterlich neurotische Frau, Erika. Was f├╝r ein Besen! Es ist mir ein R├Ątsel, warum sie sich nicht schon l├Ąngst getrennt haben. Gewohnheitstiere, schreckliche Gewohnheitstiere!“
Mittlerweile war sie dazu ├╝bergegangen, mit beiden H├Ąnden an den Bl├╝ten zu spielen. Als sie den Blick auf das Innere des Blumentopfs richtete, fiel ihr auf, dass der Schleim ziemlich stark zugenommen und die Erde komplett bedeckt hatte. Teilweise reichte er bis an den oberen Rand des Blumentopfs. Die eigenartige Substanz bestand aus milchigen, reiskorngro├čen Bl├Ąschen, in denen winzige blaue Kristalle zu schwimmen schienen.
„Wei├čt du, dass er einen wahnsinnig kurzen Kopf hat? Nacken und Hinterkopf komplett auf einer Linie. Und dann diese Riesennase! Eigentlich sieht er aus wie eine dieser Statuen auf den Osterinseln.“
Ihr Blick senkte sich, sie zog die H├Ąnde zur├╝ck. „Nein, ich sage nicht die Wahrheit. Diese Nase, dieses unglaubliche Kinn – das hat mich schon unheimlich fasziniert!“
Bitterkeit fiel auf ihre Z├╝ge.
„Aber die Art, wie er mich abserviert hat, das war ... nicht sch├Ân! Kannst du das verstehen?“
Eines der Bl├Ątter gab die Antwort.
„Ich wollte, es w├Ąre anders. Aber ich kann das nicht auf sich beruhen lassen. Los, sag die Wahrheit! Du f├Ąngst Fliegen, du bringst M├Ąuse um, du hast mich eingefangen! Du hast wirklich Macht, ja?“
Ja.
Ihre Brust hob sich.
„Woher kommst du? Nein, anders! Kommst du aus unserer Welt?“
Keine Reaktion. Jolina sch├╝ttelte den Kopf.
„Ach Unsinn! Was spielt das eigentlich f├╝r eine Rolle? Willst du mir trotzdem helfen?“
Ja.
„Und hast du Interesse an einen richtig gro├čen Fang? Ungef├Ąhr eine Million Mal schwerer als eine Fliege und mit gro├čer Nase?“
Diesmal antworteten zwei Bl├Ątter gleichzeitig. Jolina fing an zu lachen. Obwohl es eigentlich gar nicht sie selber war, die da lachte. Eher war sie eine Zuschauerin. Was da lachte, war ein bislang unbekannter, fremdartiger Teil ihrer selbst. Ein Teil, den sie nicht unbedingt n├Ąher kennen lernen wollte. Aber diesmal lie├č sie ihn gew├Ąhren. Sie lachte weiter.

*


„Ich kenne deinen Dienstplan. Du hast um sechzehn Uhr Schluss. Also?“
W├Ąhrend Jolina mit der einen Hand das Handy ans Ohr hielt, winkte sie mit der anderen die Kellnerin heran.
„Ich wei├č nicht, ob das so eine gute Idee ist. Was versprichst du dir davon?“
Obwohl die Verbindung nicht sehr gut war, h├Ârte sie aus diesen Worten sehr klar heraus, wie unangenehm es Bernhard war, wie sehr er sich wand.
„Weil ich das, was zwischen uns war, nicht so einfach abhaken kann. Keine Angst! Ich werde dir keine Szene machen. Nur reden. Komm einfach nachher vorbei! Wenn ich dann noch nicht zu Haus bin, kannst du dir den Wohnungsschl├╝ssel bei Frau Seifahrt abholen. So wie fr├╝her! Ich hoffe, du erinnerst dich noch?“
„Tut mir Leid, Jolina. Aber ... das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil ... ach was! Ich muss jetzt Schluss machen. Wir sehen uns morgen im B├╝ro!“
Die Verbindung wurde unterbrochen. F├╝r mehrere Sekunden starrte Jolina mit gefurchter Stirn aufs Handy, bevor sie es in ihrer Handtasche verschwinden lie├č.
Nachdem sie das Caf├ę verlassen hatte, flanierte sie f├╝r eine Weile ├╝ber die Einkaufsmeile. Obwohl sie sich kaum auf die Schaufensterscheiben konzentrieren konnte, tat es ihr gut, sich vom Strom der Passanten lenken zu lassen, ohne sich selber ├╝ber ihre Schritte Gedanken machen zu m├╝ssen.
Er war so widerlich. Und er hatte nicht den geringsten Zugang zu den Gef├╝hlen anderer. Und trotzdem: Dass er nicht kommen wollte, k├Ânnte ein Zeichen daf├╝r gewesen sein, dass ihn irgendein Instinkt vor einer drohenden Gefahr warnte – wie bei einem schlauen Tier. Ein schlaues Tier, genau. Nichts anderes war er.
Irgendwie bereitete ihr der Gedanke, nach Haus zu gehen, Unbehagen. Als ob sie sich vor dem Tadel der Pflanze f├╝rchtete, die sie mittlerweile Sonny nannte.
Als sie auf ihre Armbanduhr schaute, stellte sie ├╝berrascht fest, dass sie ├╝ber anderthalb Stunden durch die Stra├čen geschlafwandelt sein musste.
Sie steuerte das n├Ąchste Caf├ę an und bestellte einen Yogi-Tee. Einen weiteren Kaffee w├╝rde sie nicht mehr vertragen. Sie zog das Handy aus der Handtasche. „Du bist vielleicht ein schlaues Tier, aber ich bin eine verdammt geduldige J├Ągerin!“, dachte sie.
Sie bemerkte, dass sie das Ger├Ąt abgeschaltet hatte. Als sie es wieder anstellte, erschien auf dem Display die Meldung, dass zwei Nachrichten auf ihrer Mail-Box hinterlegt waren. Voller Anspannung presste sie das Ger├Ąt an ihre Ohrmuschel. Eine sehr vertraute Stimme meldete sich.
„Hallo, Jolina. Ich bin’s, Bernhard. Ich habe mir einfach freigenommen. Bin jetzt in deiner Wohnung. Sch├Ânes Pfl├Ąnzchen, das du da hast. Tut mir Leid wegen vorhin.“ Der Wechsel in seiner Stimmlage versetzte ihr einen Stich in die Brust. „Ich war ... ich war einfach nur feige. Mein Gott, wenn du w├╝sstest, wie es in mir aussieht. Mit Erika geht nichts mehr. Gar nichts. Ich glaube, sie will mich nur noch fertig machen. Wei├čt du eigentlich, dass ich Tag und Nacht an dich denke? Nein! Woher solltest du? So, wie ich dich behandelt habe? Ich hab mich von dir wegsetzen lassen, weil ich deinen Anblick nicht mehr ertragen konnte, deine Sch├Ânheit! Aber das hat ├╝berhaupt nichts gebracht, ich ...“
Die Aufzeichnung brach ab. Hastig huschten ihre Finger ├╝ber die Tastatur, bis die zweite Nachricht startete. Immer noch Bernhards Stimme.
„Komm schnell, Jolina. Wir fangen einfach noch einmal von vorn an! Ich bin in deiner Wohnung. So wie fr├╝her. Aber du bist nicht da! Ich f├╝hle mich verdammt einsam. Meine Lippen ber├╝hren das kalte Plastik des Telefonh├Ârers, aber sie wollen nur deine Lippen, nur deine, nur deine!“ Das Handy entglitt ihren zitternden H├Ąnden.

*


Ein gro├čer Mann in Lederjacke, der ihr den R├╝cken zugedreht hatte, stie├č ihr den Ellenbogen gegen die Brust. Das Gedr├Ąnge im Bus war so intensiv, dass sie bef├╝rchtete, es bei der n├Ąchsten Station nicht bis zum Ausgang zu schaffen.
Was hatte sie denn ├╝berhaupt gedacht, was Sonny mit ihm machen w├╝rde? Ungef├Ąhr das wie mit der Maus? Dann hatte sie ein Problem, das sich nicht so einfach mit Handfeger und Schaufel beseitigen lie├č. Nein, das war es nicht. Eher hatte sie irgendwie in die Richtung gedacht, dass Sonny ihm einen Nasenst├╝ber verpassen w├╝rde. Ja, tats├Ąchlich, gestand sie sich ein, nachdem sie noch eine Weile nachgegr├╝belt hatte. Das muss es gewesen sein. Eine Pflanze, die ihren Ex ausknockt. Was f├╝r eine grandiose Idee! Das k├╝mmerliche Erzeugnis einer komplett Durchgedrehten. Sie war schon wieder tot.
Als sie sp├╝rte, dass der Bus langsamer wurde, zw├Ąngte sie sich mit zusammengepressten Lippen an den Leibern der Passanten vorbei und sprang ins Freie.
Sie trug einen eigenen Schl├╝sselbund bei sich, Bernhard hatte sich nur das Ersatzpaar geben lassen. Trotzdem w├╝rde sie die T├╝r nicht selber aufschlie├čen. Sie w├╝rde klingeln. Dann machte er die T├╝r auf und ... und? Und wenn nicht? Sie fand keinen Weg, an diesen Punkt vorbeizudenken.
Sie erreichte den Hauseingang ihres Wohnblocks. Durch die T├╝r steuerte sie auf den Fahrstuhl zu, aber dann wurde ihr klar, dass sie Enge jetzt nicht ertragen k├Ânnte. Au├čerdem musste sie irgendwo hin mit ihrer Nervosit├Ąt. Also ├╝ber die Treppe rauf in den dritten Stock.
„H├Ârt er meine Schritte, h├Ârt er wirklich meine Schritte?“, h├Ąmmerte es in ihrem Kopf, w├Ąhrend ihre Sohlen ├╝ber die nackten Granitstufen wischten.
Sie war da. Ihr Finger presste den Klingelkopf. Ein langes, altmodisches Bimmeln. „Und wenn nicht?“ Noch ein Bimmeln. Ihr Herz wollte nicht ruhiger werden.
Die T├╝r wurde ge├Âffnet. Bernhard l├Ąchelte ihr entgegen. Sie trat in die Wohnung und schaute ihn mit gro├čen Augen an. F├╝r einen Moment hatte sie das ungeheure Bed├╝rfnis, ihn zu umarmen, aber sie z├Âgerte. Stattdessen deutete sie auf das mit einer roten Schleife geschm├╝ckte Pr├Ąsent, das auf dem Sofa lag.
„Blumen!“
„Blumen, ja!“
„Willst du sie mir nicht geben?“
Ein r├Ątselhafter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, als m├╝sse er angestrengt nachdenken.
„Geben? Ja, ja. Nat├╝rlich.“
Sie lachte auf. Eine Spur von Verzweiflung mischte sich darin.
„Nein, nein, du hast Recht! Vielleicht sollten wir mit Blumen erst einmal warten. Wie geht es dir?“
„Oh, mir geht es jetzt wieder gro├čartig!“ Er l├Ąchelte immer noch. Aber es wirkte nicht spontan, sondern eher so, als wartete er auf etwas.
Sie schaute zum Sonnentau.
„Und hier? Hier ist nichts passiert?“
„Nein.“ Seine Stimme klang dunkel und rauchig. Fast ein wenig verschlafen. „Sollte denn etwas passiert sein?“
Sie schritt aufs Sofa zu, schob die Blumen beiseite und lie├č sich auf die Polster fallen.
„Diese Pflanze da! Ob du es glaubst oder nicht – Ich hatte Angst, dass sie dir etwas antun k├Ânnte. Verr├╝ckt, nicht wahr?“
„Antun? Mir?“ Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand.
„Wie k├Ânnte sie mir etwas antun?“
„Das frage ich mich jetzt allerdings auch.“
Seine m├Ąchtige Hand strich ├╝ber ihre Wange.
„Nichts ist passiert. Gar nichts. Mach dir keine Sorgen. Deine Gedanken gehen immer in diese panische Richtung. Du brauchst einfach nur etwas mehr Mut! Die Dinge sind auf dem richtigen Weg.“
Er schlang seine massigen Arme um sie und zog sie zu sich heran. Ein pl├Âtzlicher Impuls, der direkt aus ihrem Unbewussten abgefeuert worden war, befahl ihr, die Augen ge├Âffnet zu halten. Zuerst schaute sie auf seinen Nacken, lie├č ihre Blicke dann aber weiter nach oben wandern. Von den Ohrl├Ąppchen tropfte ein milchiger Schleim, der aus kleinen Bl├Ąschen bestand, die winzige blaue Kristalle umh├╝llten.
„Wir fangen ganz von vorne an, Jolina. Und diesmal wird alles anders!“




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jon
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Solide, aberÔÇŽ

Schade, das hat nicht ganz die Dichte der beiden vorigen Teile und war auch irgendwie voraussehbar. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, man m├╝sste das Hoch und Tief der Figur Jolina noch ein bisschen st├Ąrker zeichnen, die "Rhythmus├Ąnderungen" zwischen ÔÇ×AlltagÔÇť, "Konzentration und Staunen beim Pflanzengespr├Ąch" und den "Wut/Traueranf├Ąllen" ÔÇô so dass etwas mehr innere Stuktur in den Erz├Ąhlbogen kommtÔÇŽ (oh man! versteht jemand, was ich damit sagen will?)

PS: Was ist eigentlich mit dem "was ├╝ber die richtige Pflege", das Frau Seifahrt noch vorbeibringen wollte?
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dal├Ąsst (Klaus Klages)

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