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Leselupe.de > Humor und Satire
Sonntag morgens bei Freitag
Eingestellt am 21. 07. 2010 15:28


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Gerd Geiser
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2006

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Die B√§ckerei Freitag ist das einzige Gesch√§ft im Ort. Damit ist Freitag auch die einzige B√§ckerei, ein Umstand, der den zahlreichen unverfr√ľhst√ľckten Kunden Sonntag vormittags ein geh√∂rig Ma√ü an Geduld abverlangt. Denn aus wirtschaftlichen Erw√§gungen befriedigt bei Freitag auch sonntags nie mehr als eine B√§ckereifachverk√§uferin gleichzeitig die W√ľnsche der Kundschaft.

Heute habe ich Gl√ľck. Die Schlange vor mir besteht nur aus einer √§lteren abgebrezelten Dame, die ihre Nachtcreme mit ihrem Gesicht zu Freitag getragen hat. Nun muss man wissen, dass Freitag als Unternehmer die Zeichen der Zeit erkannt hat, was seinen Ausdruck in der Umgestaltung der B√§ckerei zu einem Back-Shop findet. So bekommt man hier neuerdings nicht nur den obligatorischen Coffee to go, auch Joghurt und Zwieback to go finden sich im Angebot. Ebenso liegen die Welt und die Bildzeitung aus, auch diese to go. Mit seinen 3 Angestelltinnen auf 400 EUR Basis ist Freitag der gr√∂√üte Br√∂tchengeber hier im Dorf.

Ich entscheide mich f√ľr die Bild am Sonntag, w√§hrend die √§ltere Dame an den Voraussetzungen ihres noch ausstehenden sonnt√§glichen Fr√ľhst√ľcks arbeitet.

"Ich hätte gerne 4 Dreikornbrötchen."
"Die Dreikornbrötchen sind ausgegangen. Wir hätten noch Vierkornbrötchen."
"Gut, dann nehme ich 3 Vierkornbrötchen. - Was meinen Sie? Kommt das hin?"
"Schwer zu sagen. Ich w√ľrde Ihnen die Mehrkornbr√∂tchen empfehlen. Da brauchen Sie sich nicht festzulegen."
"Ja, dann geben Sie mir 2 bis 5 Mehrkornbrötchen."
"Gerne. M√∂chten Sie sonst noch etwas? Ich frage nur wegen der Gr√∂√üe der T√ľte."

F√ľr Bremen hat es nur zu einem Unentschieden gereicht.

"Was sind das denn da?"
"Das sind Dinkelaale von gestern. Die k√∂nnte ich Ihnen zum halben Preis √ľberlassen."
"Sind die auch mit Mehrkorn gebacken?"
"Die sind mehr mit Dinkelschrot gebacken."
"Da könnten Sie mir eigentlich die doppelte Menge mitgeben."
"2x alt wie 1x frisch von Sonnabend."
"Mein Mann isst gerne mal eine Flachsemmel."
"Mein Mann auch."
"Haben Sie die da?"
"Die backen wir nur montags, mittwochs und freitags. Dienstags, donnerstags und sonnabends bieten wir sie zum Aktionspreis an. Heute ist Sonntag."

Die Bundesliga Tabelle kann ich jetzt auswendig.

"Ich sehe gerade, ich habe meinen Brötchenpass vergessen."
"Das macht nichts. Ich stempel Ihnen den Kassenbeleg ab. Dann können Sie den Einkauf das nächste Mal auf Ihrer Karte nachtragen lassen."

In Tansania hat eine Frau F√ľnflinge bekommen. Ich wundere mich, dass immer genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt. Die Kirchenglocke ist 3x kurz zu h√∂ren. Der Laib Christi wird verteilt. Wenn ich mich beeile, k√∂nnte ich den gr√∂√üten Hunger schon mal stillen.

"Haben Sie auch Okonomiyakis?"
"Die gehen bei uns nicht."
"Im Urlaub haben wir uns manchmal Minikreutenbollen geholt."
"Die sind unseren Korinthenbrötchen sehr ähnlich. Wenn Sie wollen..."
"Bitte."

Die Schlange hinter mir reicht jetzt bis zur Fahrschule Francke. Die rote Fahne wird an den jeweils Letzten weiter gegeben, damit es nicht zu einem Auffahrunfall kommt. Ich ertappe mich dabei, dass ich anfange mir dabei zuzusehen, wie ich die √§ltere Dame in Gedanken auspeitsche. Mein Handy klingelt, es ist meine Frau. Sie l√§sst mir durch meinen Sohn ausrichten, das Mittagessen st√ľnde im Kochbuch. Sie sei auf dem Weg zu ihrer Mutter.

"Haben Sie sonst noch einen Wunsch?"
"Ich glaube, das ist erst mal alles."

Die Kasse klemmt.

"Entschuldigen Sie. Ich h√§tte nur gerne 4 Ofenfrische. Das hei√üt, 2 w√ľrden auch reichen. Das Geld habe ich passend."
"Kein Problem."

Na bitte. geht doch.
























__________________
Es ist schon alles gesagt. Nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

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Bernd
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Registriert: Aug 2000

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Ich habe etwas gestöbert und dieses schöne Werk gefunden.
Ich stamme aus Haselbach, dort war ein kleiner Dorfkonsum, als ich Kind war. Es gab mehrere solche Geschäfte, aber darum geht es erstmal nicht.

Ich bekam immer ein Bonbon.
Aber auch darum geht es nicht, auch nicht um die halbe Wiener beim Fleischer.

Es geht um das Einkaufen und den Verfall der Kultur.

1957 und in einigen darauffolgenden Jahren dauerte (fast) jedes Einkaufsgespräch 15 Minuten.
Mindestens.
Und dabei ging es um alles, was der Protagonist der Geschichte in der Zeitung las, nur auf das Dorf bezogen.

Es war ein gesellschaftlicher Treffpunkt.

Als ich in Dresden wohnte, ging das Einkaufen schneller.
Es war auf das Einkaufen konzentriert.

Heute geht es so schnell, dass ich jedesmal eine Krise bekomme.

Bei Aldi ist die Ablage so klein, dass Haufen entstehen.

Einige - ich auch - zahlen meist mit Scheckkarte.
Bei mir geht es deutlich schneller.

Oder ich habe eben einen 50-Euro-Schein in der Hand: "Hätten Sie vielleicht noch 35 Cent?" - dann geht das Suchen los.

Ein Freund von mir meint, er hasse Scheckkarten, weil man da so lange warten m√ľsse.

Ich habe es ausgemessen: Im Durchschnitt gehen sie mindestens bei REWE schneller.

Aber das ist kein Dorfbäcker.

Normalerweise hat der geöffnet: gar nicht mehr.
Höchstens ein Bäckerwagen.

Aber ich wohne ja in Dresden und da gibt es die Hinter-Läden (Back Shops).

Der Text erweckt Erinnerungen, die noch vielschichtiger sind, als er.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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Ironbiber
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Eine tolle Geschichte

Kompliment!

Was mich etwas stört ist der Leerzeilenabsatz am Ende.
Wenn das kein Stilmittel von dir ist (kann wohl kaum sein), wäre es sinnvoll noch mal reinzugehen und die leere Luft zu entfernen.

Gruß vom Ironbiber, dem Ordnungsfanatiker
__________________

"Der liebe Gott h√§tte l√§ngst wieder eine Sintflut geschickt, wenn die erste was gen√ľtzt h√§tte." (Willy Reichert)

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orlando
Guest
Registriert: Not Yet

Ihr Lieben,
dies k√∂stliche St√ľckchen gibt es √ľbrigens auch bei youtube, vom Meister selbst mit todernster Miene vorgetragen:

Hier klicken

oder anlässlich der Verleihung des bayrischen Kleinkunstpreises.

Gerd Geiser schildert den schr√∂cklichen Einkaufsalltag auf dem Dorfe und dessen meist m√§nnliche Leidtragende. - Denn selbst um die Auswahl der T√ľte ("Wie viele Br√∂tchen sollen es denn werden?") kann sich ein ausf√ľhrliches Gespr√§ch der Damenwelt entspinnen, besonders dann, wenn Mehrkorn und Dinkel "aus" sind, also die kleine T√ľte vollkommen gelangt h√§tte!

Jedenfalls, gern mitgelitten und gelacht:
Hoffentlich gibt es bald wieder etwas Neues!

Herzliche Gr√ľ√üe
orlando

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