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Leselupe.de > Kurzprosa
Sonntagnachmittag
Eingestellt am 14. 12. 2010 23:04


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ThomasStefan
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Sonntagnachmittag



Ich ĂŒberlege hin und her. Was hĂ€tte Herbert besser gefallen? Schließlich nehme ich Vergißmeinicht.

Den Weg danach kenne ich genau, bin ihn oft genug gelaufen. FrĂŒher gingen wir ihn gemeinsam, die Eltern besuchen. Durch das schmiedeeiserne Tor, an der Andachtshalle vorbei, den Weg hinunter bis zur Wasserstelle. Doch heute gehe ich weiter nach rechts, vorbei an dem kitschigem Engel aus Stein, der mit verklĂ€rten Blick mir die Richtung weist, zu Herbert.
Da stehe ich wieder, mit meinen BlĂŒmchen, der kleinen Schippe und einer Giesskanne, in der das abgestandene Wasser schwappt. Ich packe die Vergißmeinicht aus dem Zeitungspapier und gehe in die Hocke. Die Zeitung lege ich wie immer aufs Grab, als Unterlage fĂŒr die Knie. Alles andere ginge mir noch mehr auf den RĂŒcken.

„Vor einem Mann kniet man nicht, niemals!“, hat meine Mutter immer gesagt.

Ich habe genau fĂŒnf PflĂ€nzchen gekauft. Das bin ich mit den Kindern. Ach ja, umgezogen sind wir auch fĂŒnf mal. Die Bundeswehr nimmt keine RĂŒcksicht, aber das haben wir vorher gewusst. Mit einem Mal kam der Krebs, und wie brutal er unser Leben dann verĂ€nderte, war unvorstellbar. Herbert hat tapfer jede Therapie mitgemacht, um uns Hoffnung zu geben. Alles vergeblich, und er hat es gewusst. Ich habe es ihm angesehen.

„Dieser Mann ist nichts fĂŒr Dich. Die beim MilitĂ€r mĂŒssen stĂ€ndig umherziehen, wie die Nomaden. Und dann der Alkohol, das sind alles Trinker, Du wist schon sehen!“ Wieder höre ich meine Mutter.

Die fĂŒnf Löcher, die ich inzwischen gebuddelt habe, nehmen die Pflanzen gut auf. Ich drĂŒcke sie fest hinein, kratze mit der Schippe von den Seiten Erde hinzu, festige alles. Jetzt das Wasser. ZufĂ€llig genau das Richtige fĂŒr Herbert. Der mochte doch ĂŒberhaupt keinen Alkohol! FĂŒr seine Kameraden beim Bund war es kein Problem.

„Du hĂ€ttest `was Besseres verdient als Herbert. Stefan, der wĂ€r doch der Richtige gewesen, der hat die Praxis seines Vaters ĂŒbernommen. Oder Gerhard, den sieht man stĂ€ndig in der Zeitung, der hat es bis nach Berlin ins Parlament geschafft.“

Die LebensbĂ€umchen mĂŒssen wieder beschnitten werden, die NebengrĂ€ber sollen nicht erreicht werden. Das können unsere Söhne demnĂ€chst machen. Seinen Platz richtig ausfĂŒllen, sich behaupten. Dabei die eigenen Grenzen erkennen und akzeptieren, so war er. Mutter hat es nie verstanden.

„Dieser Mann wird Dich eines Tages verlassen, das spĂŒre ich, und ich sage Dir voraus: Du wirst ihm keine TrĂ€ne nachweinen!“ Es klingt mir in den Ohren, und tut wieder weh.

StĂ€ndig zupfe ich welke BlĂ€tter von Grab. Ich will noch nicht gehen. Ja, Herbert, Du hast mich tatsĂ€chlich verlassen, viel zu frĂŒh und gegen meinen Willen. Wieder kĂ€mpfe ich gegen die TrĂ€nen an. Und dennoch - ich bin gerne hier, bei Dir.

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Ofterdingen
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Hallo ThomasStefan,

Wer deinen Nick liest, wird annehmen, dass du ein Mann bist, und vermuten, dass auch der Ich-ErzĂ€hler des Textes mĂ€nnlich ist. Ach, wieder eine Schwulengeschichte, dachte ich also. Ein schwules Paar, das vier Kinder adoptiert hat. SollÂŽs ja geben. Mich wunderte nur, dass die Mutter, obwohl sie sonst so viel rumquakt, sich nicht an der HomosexualitĂ€t ihres Sohnes stört, sondern ihm nur einen Partner gewĂŒnscht hĂ€tte, der `etwas BesseresÂŽ ist: Stefan, vermutlich Anwalt, Arzt oder Zahnarzt, oder Gerhard, vermutlich Politiker (genau weiß man das nicht) - offenbar auch sie beide schwul.

Immerhin zog ich auch die weniger wahrscheinliche Variante in Betracht, dass ein mÀnnlicher Autor einen weiblichen Ich-ErzÀhler auftreten lÀsst. Ich suchte nach Denk- und Verhaltensweisen, die typisch weiblich sind, fand aber ehrlich gesagt keine.

Man erfĂ€hrt ĂŒberhaupt nicht sehr viel aus dem Text, außer, dass der Partner des Ich-ErzĂ€hlers nach diversen Therapien an Krebs gestorben ist, dass er bei der Bundeswehr war, fĂŒnfmal den Wohnort wechselte und von seinen Mitsoldaten akzeptiert wurde, obwohl er nicht trank. Was hier erzĂ€hlt wird, dĂŒrfte auf Zehntausende von Krebspatienten und Berufssoldaten zutreffen: Der Partner bleibt irgendwie gesichtslos. Ähnliches kann man vom Ich-ErzĂ€hler sagen, von dem nur berichtet wird, dass er/sie mit fĂŒnf Vergissmeinnicht-Pflanzen zum Grab des Partners geht, um diese Blumen einzupflanzen, dort ĂŒber den Schnitt von LebensbĂ€umchen nachdenkt, vier Kinder hat und eine Mutter, die sich stĂ€ndig in sein/ihr Leben einmischt, und dass er/sie um den gestorbenen Partner trauert.

Was fehlt, ist die Herausarbeitung von CharakterzĂŒgen oder Situationsmerkmalen, die individuell, einzigartig sind und den Leser zum Weiterlesen reizen. Jeder Mensch hat etwas Eigenes, und gerade das kann ihn fĂŒr andere interessant machen; man muss solche ganz persönlichen Eigenheiten aber finden (durch genaue Beobachtung von Menschen) und sie so darstellen, dass sie den Leser berĂŒhren. Offenbar ist dir das nicht gelungen, sonst hĂ€ttest du bisher wohl mehr Beachtung gefunden.

Ich wĂŒnsche dir fĂŒr das nĂ€chste Mal viel GlĂŒck. Vielleicht wĂ€re es auch gut, wenn du dann deine Figuren in eine Handlung verwickelst, wo sie kĂ€mpfen, Entscheidungen treffen und innere Konflikte austragen mĂŒssen.

LG,

Ofterdingen



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Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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sekers
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Hallo ThomasStefan,

Wer deinen Nick liest, wird annehmen, dass du ein Mann bist. Ich vermute, dass der Ich-ErzĂ€hler des Textes eine Frau ist. Ach, wieder keine Schwulengeschichte, dachte ich also (ein bisschen enttĂ€uscht). Ein schwules Paar, das vier Kinder adoptiert hat, das wĂ€re echt eine individuelle, ja einzigartige Geschichte. SollÂŽs ja geben. Mich wunderte nur, dass die Mutter, obwohl sie sonst so viel rumquakt, nicht schon die HomosexualitĂ€t ihres Sohnes gefördert hatte, ihm einen Partner gewĂŒnscht hĂ€tte, der `etwas BesseresÂŽ ist: Stefan, vermutlich Anwalt, Arzt oder Zahnarzt, oder Gerhard, vermutlich Politiker (genau weiß man das nicht) - und sie beide schwul.

Immerhin zog ich auch die viel wahrscheinlichere Variante in Betracht, dass ein mÀnnlicher Autor einen mÀnnlichen Ich-ErzÀhler auftreten lÀsst. Ich suchte nach Denk- und Verhaltensweisen, die typisch mÀnnlich sind, fand aber ehrlich gesagt keine (was dann eh wieder stimmig mit meiner ersten Annahme war).

Man erfĂ€hrt ĂŒberhaupt einiges aus dem Text, dass der Partner des Ich-ErzĂ€hlers nach diversen Therapien an Krebs gestorben ist, dass er bei der Bundeswehr war, fĂŒnfmal den Wohnort wechselte und von seinen Mitsoldaten akzeptiert wurde, obwohl er nicht trank. Was hier erzĂ€hlt wird, könnte auf manche Krebspatienten und Berufssoldaten zutreffen, auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist. Der Partner bleibt irgendwie gesichtslos. Ähnliches kann man vom Ich-ErzĂ€hler nicht sagen. Von dem wird berichtet, dass er/sie mit fĂŒnf Vergissmeinnicht-Pflanzen zum Grab des Partners geht, um diese Blumen einzupflanzen, dort ĂŒber den Schnitt von LebensbĂ€umchen nachdenkt, vier Kinder hat und eine Mutter, die sich stĂ€ndig in sein/ihr Leben einmischt, und dass er/sie um den gestorbenen Partner trauert. Die Geschichte endet, dass trotz Trauer und gegen den Willen Verlassen worden sein die ErzĂ€hlerin gerne "hier - bei Dir" ist.

Hier hast Du in einer speziellen Situations einen Charakterzug herausgearbeitet, der individuell stimmig fĂŒr die erzĂ€hlende Person ist: Flucht in die Phantasie. Vielleicht ist der Charakterzug nicht einzigartig, aber er könnte den Leser zum Weiterdenken reizen: der könnte sich fragen, mache ich das etwa auch so? Drifte ich bisweilen in eine Phantasiewelt ab? Jeder Mensch hat etwas Eigenes, und gerade das macht ihn fĂŒr andere interessant; man muss solche ganz persönlichen Eigenheiten finden (durch genaue Beobachtung von Menschen) und sie so darstellen, dass sie den Leser berĂŒhren - indem Sie doch wieder das Gleiche, nicht-Individuelle darstellen. Offenbar ist dir das gelungen. Auch wenn der Text wohl ein bisschen mehr Beachtung verdient hĂ€tte.

Ich wĂŒnsche dir fĂŒr das nĂ€chste Mal nix, weil ich wĂŒnsche nie anderen etwas. aber ich wĂŒnsche mir etwas: Ich könnte mir auch gut Texte von Dir vorstellen,wo du dann deine Figuren in eine Handlung verwickelst, wo sie kĂ€mpfen, Entscheidungen treffen und innere Konflikte austragen mĂŒssen.

Liebe GrĂŒĂŸe

G. - oft guter Dinge

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ThomasStefan
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Hallo Sekers/Ofterdingen!
ZunĂ€chst vielen Dank fĂŒr deine ehrliche, ausfĂŒhrliche Kritik. Damit kann ich was anfangen.
Dass dieser Text nicht gezĂŒndet hat, habe ich natĂŒrlich auch bemerkt.
Dass der ErĂ€hler ein Schwuler sein könnte und keine Frau, darauf bin ich nun wirklich nicht gekommen. Obwohl das Problem des mĂ€nnlichen Autors (der ich bin), der in die Gestalt einer Frau als Ich-ErzĂ€hlerin schlĂŒpft, mir durchaus bekannt ist. Erst kĂŒrzlich habe ich einen anderen Autor auf diese mögliche Irritation hingewiesen - und es bei mir selbst nicht bemerkt. Na ja, das Unkraut im eigenen Garten ĂŒbersieht man leicht.
Schade, dass meine Vorstellung von diesem Ablauf auf dem Friedhof keinen Wiederhall findet, muss ich akzeptieren. Ich werde nochmal nachdenken, ob das Ganze noch zu retten ist.
Vielen Dank, beste GrĂŒĂŸe, Thomas

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Ofterdingen
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Lieber ThomasStefan,

Schön, dass du mich von sekers unterscheidest. Jener hat "eine Versuch in Ironie, der in UnverstÀndlichkeit endete" gemacht. Ich dagegen mag Menschen, die ein gewisses Niveau haben und zum Beispiel auch Deutsch können.

Gruß,

Ofterdingen

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