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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spätes Glück
Eingestellt am 23. 01. 2016 20:32


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HannaHummel
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2016

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„Was soll mit den ganzen Sachen passieren, Mutter?“ fragte Sabine und zeigt mit dem ausgestreckten Daumen der rechten Hand auf das Kistenchaos hinter sich. „Es müsste durchgesehen werden, da sind bestimmt noch brauchbare Dinge bei. Einiges ist noch von Tante Grete. Ich hab die Kartons, glaube ich, nie richtig durchgesehen. Stell sie doch bitte unten in den Wintergarten und wir schauen gemeinsam nach, was drin ist.“
Sabine schleppte Kiste für Kiste nach unten.
„Alles, was Müll ist, kommt hier hinein!“ wies Margot ihre Tochter an. „Papiermüll dorthin, Bücher in die Klappbox, die gehen in den öffentlichen Bücherschrank. Und alles, was noch gut ist, aber keiner von uns will, kommt erstmal auf den Tisch. Die verschenken wir. Die Sachen die ich behalten will, kommen in die grünen Kisten! Alles was du möchtest kann in die roten Kisten! Auch von den Möbeln kannst du nehmen was du willst. Der Rest kann stehen bleiben. Das übernehmen dann die Käufer des Hauses. Sind junge Leute, die haben noch nicht sehr viel. Und ich brauch ja nicht sehr viel mitnehmen, ist ja alles vorhanden!“
Resolut nahm sie sich die erste Kiste vor und hatte sie im Handumdrehen aussortiert. Zeitschriften, Bücher und Kataloge wanderten auf den Papierstapel. Margot hielt eine Tageszeitung hoch „Dass es die noch gibt?“ staunte sie. „Da ist die Heiratsanzeige deiner Schulfreundin Marion drin! Weißt du noch? Sie hat damals diesen Von und Zu geheiratet. Mit riesigem Pom Pom, Sektempfang, Kutsche, Liveband und so. Na ja, genutzt hat es nichts, die Ehe hielt nur 3 Jahre. Jedenfalls kann die Zeitung weg.“ In hohem Bogen flog die Zeitung auf den Papierstapel und die Kramerei in den Kartons ging weiter.
„Oh ist die süß!“ rief Sabine und förderte eine Spieluhr zu Tage. Sie suchte und fand den Schlüssel zum Aufziehen an der Unterseite. „Oh die stand bei Tante Grete in der Bibliothek! Wenn du willst, kannst du sie haben! Ich hebe nur ein paar Fotos auf und ihre Bibel.“ Die Stapel wuchsen langsam, denn in jeder Kiste fanden sich Erinnerungen. Sabine und Margot erinnerten sich gemeinsam an Sabines Kindergartenzeit als sie die alte Bastelmappe fanden. Jede Kiste wurde gründlich durchgesehen und entschieden, was mit den Dingen geschehen sollte. Sabine beschied, dass alle Erinnerungen an ihre Kindheit in eine Kiste passen mussten, also musste vieles aussortiert werden. Die Entscheidung fiel schwer, aber Sabines Einzimmerwohnung bot nicht genügend Platz für alles.
Margot griff sich die nächste Kiste. Plötzlich hielt sie inne. Nach einigen Augenblicken hob sie vorsichtig ein etwa 15 cm großes Brautpaar aus der Kiste. „Schau mal, von unserer Torte zur goldenen Hochzeit. Du hast das damals so schon organisiert und es war so schön!“, schwärmte Margot. „Wir haben bis 2 Uhr gefeiert. Weißt du noch, wie Onkel Herbert gesungen hat? Gott war das grausam. War sein letztes Familienfest, “ Margot schluckte. „ Drei Monate später war er tot.“ „Jetzt werd nicht sentimental, du konntest ihn doch gar nicht leiden. Was ist denn noch in der Kiste!“ forderte Sabine. Margot förderte Fotos und Urlaubsratgeber zu Tage, Sabines ersten Strampler, ihre eigenen Hochzeitsschuhe und ihr Hochzeitstäschchen. „ Na, denen hat die Zeit nicht besonders gut getan:“ hielt Margot die vergilbten Schuhe hoch und warf sie dann in die Müllkiste. „Nein! Das hatte ich ja ganz vergessen. Schau mal den Strauß, hat mir dein Vater mal auf dem Rummelplatz geschossen. Fast zwei Stunden und ein kleines Vermögen hat er verschossen, aber es hat sich gelohnt. Neun Plastikrosen! Scheußlich, aber damals war ich total glücklich!“ Auch die Rosen wanderten in den Müll. In den nächsten Stunden sortierten Margot und Sabine Erinnerungen an Margots Hochzeit, Sabines Kindheit und Mitbringsel verschiedener Reisen der letzten Jahrzehnte.
„Die Fotoalben lege bitte zur Seite, die nehme ich auf alle Fälle mit!“, sagte Margot und reichte ihrer Tochter zwei dünne Alben. Der Stapel auf dem Tisch wuchs langsam an.
„Oh und das Poesiealbum auch!“ „Hey, das kenn ich ja gar nicht, lass mal sehen!“ Sabine schnappte sich das kleine Buch und blätterte darin. „Ein Häuschen aus Rosen, aus Veilchen die Tür, ein Herz voller Liebe, das wünsch ich dir! Deine Heidi! Oh das ist schön. Sag mal ist es DIE Heidi?“ „Ja, ist es. Wir kennen uns eben schon ewig. Schau mal nach, da hat auch der Vater von Marianne eingeschrieben. Er hat dazu Rosen gezeichnet, alle waren neidisch.“ Sabine blätterte weiter und fand die gewünschte Seite. „Das ist wirklich hübsch. Und diese kleinen Herzchen, sag mal, war Robert verliebt in dich?“ Margot wurde rot. „Na ja, ein bisschen schon, wir sind damals ein paar Mal zusammen ausgegangen. Er war der erste Junge, der mich geküsst hat. Wer weiß, vielleicht wäre damals etwas Festes draus geworden, wenn er nicht die Schule gewechselt hätte. Er war echt süß und er konnte nicht nur gut zeichnen. Er war sehr aufmerksam, hat immer meine Tasche getragen. Und er war ein traumhafter Tänzer.“ Margot verlor sich in Schwärmereien.
„Das klingt ja nach einem Traummann! War es sehr schwierig für dich, als er zurückkam und eine Frau mitbrachte?“ „Na ja, es war schon komisch, aber ich war ja auch verheiratet. Und seine Luise war eine liebe Frau, wir haben uns von Anfang an gut verstanden und sie wurde eine meiner besten Freundinnen. Als sie damals tödlich verunglückte, hat es mich aus der Bahn geworfen. Dabei hätte ich für Robert und Heidrun da sein müssen. Stattdessen hat Robert mich wieder zurück ins Leben geholt. Und auch als dein Vater starb, war er für mich da. Das Porträt deines Vaters hat er mir zu seinem ersten Todestag geschenkt.“ Margots Stimme hatte einen warmen weichen Klang bekommen. „Es tut gut, zu wissen, dass er immer für dich da ist, Mama. Ich muss ja bald zurück nach Hamburg.“ Sabine streichelte Margots Arm und wandte sich wieder den Kisten zu.
„Es ist kühl geworden, lass uns morgen weitermachen. Ich lad dich zum Essen ein! Soll ich was bestellen oder willst du in der Stadt essen.?“, fragte Margot während sie die Fotoalben ins Haus trug.
„Bestellen!“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Ich geh jetzt duschen und dann will ich im Schlafanzug essen! Danach Zähneputzen und ins Bett fallen. Alles andere ist mir heute zu anstrengend!“
Beim Essen entlockte Sabine ihrer Mutter noch mehr Einzelheiten aus ihrer Jugendzeit. Sie geriet ins Schwärmen und entspannte sich dabei sichtlich. Sabine, die Robert seit Kindertagen kannte, sah ihn in einem ganz anderen Licht. „Oft sind wir zu dritt oder zu viert tanzen gegangen, Heide war damals oft mit von der Partie, auch ihr Bruder Theo war ab und zu dabei. Die Beiden waren manchmal wie ein altes Ehepaar. Einerseits verstanden sie sich wortlos, andererseits stritten sie sich über Kleinigkeiten und sprachen dann tagelang kein Wort miteinander. Und trotzdem sind sie mitgekommen. Mein Gott, war das manchmal grotesk. Wir haben schon immer gesagt, dass die beiden nie heiraten würden!“ „Aber ab und zu trifft sich Theo mit Frauen! Hat er mir selbst erzählt! Und Heide hat doch jetzt wohl ihr Glück gefunden, oder zweifelst du daran?“ Sabine schaute ihre Mutter fragend an.
„Nein, nein! Gott, ich kenn Heide in- und auswendig. Das passt schon, da bin ich sicher! Robert sieht das übrigens auch so. Er meint ja, er hätte es schon lange gemerkt, nur Heidi und ich waren etwas schwerer von Begriff!“ seufzte Margot. „Warum habt ihr aber auch so lange gebraucht? Versteh ich nicht.“ „Früher war sie meine einzige beste Freundin, damals galt gleichgeschlechtliche Zuneigung als krank, abartig und pervers. Ich konnte meine Gefühle einfach nicht einordnen! Und dann war ich verheiratet! Alle sagten, dass ist richtig so und freuten sich für uns. Ich habe deinen Vater immer respektiert und nichts vermisst. Erst letztes Jahr ist uns klar geworden, dass wir zueinander gehören! Es ist nicht das körperliche, eher so ein totales Kennen des anderen. Ich will einfach, dass sie glücklich ist. Und ich glaube, dass sie mich auch glücklich machen wird. Ihr jungen Leute habt es viel einfacher, heute sind Schwule und Lesben akzeptiert und anerkannt. Wäre das damals schon so gewesen, wer weiß, vielleicht würde es dich dann jetzt nicht geben!“

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