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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spargel-Tarzan
Eingestellt am 01. 05. 2001 12:19


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Karl Reichert
BlĂŒmchendichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 37
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Spargel-Tarzan


Angezogen tritt Brunner vor den, mit Tieckholz gefassten, Jugendstil-Spiegel, im Flur, und sieht einen Mann im besten Alter, der mit selbstverliebten LĂ€cheln, mit der rechten Hand ĂŒber seinen wohlgeformten Kopf streichelt, einen leichten Ausfallschritt zur Seite wagt, kurz verharrt und sich ins Profil dreht. Dieses Konterfei hat nichts, aber auch gar nichts, mit der Person von gestern zu tun.
Von Kopf bis Fuß, ein Guss – perfekt gestylt.
Genau in diesem Augenblick schlĂ€gt die Standuhr im Wohnzimmer sieben mal – er ist soeben FĂŒnfzig geworden. WehmĂŒtig erinnert sich Brunner, dass er zur Einschulung von seiner Mutter den schweren Silberlöffel, mit der Gravur der exakten Geburtszeit – er weiß es noch wie heute, es ist Punkt 19 Uhr gewesen - geschenkt bekommen hatte. Familientradition eben, in einem vornehmen Hause.
Ein fragender Blick bricht sich in der Spiegelung seiner Selbst: Seine, von kabilaren VerĂ€stelungen reich verzierte, Vita, lockt ihn in eine unbeschwerte Zeit, in der alles ganz einfach, richtig oder falsch, war, wo es weder Zweifel noch Hindernisse, sondern nur die bullige Kraft der ungezĂŒgelten Energie gab. Erfahrungen waren noch auf direkten Weg zu haben. Keine lauen Kompromisse, kein so wohl als auch, sondern nur: Ich will! Die Peitsche der Gnadenlosigkeit traf jeden, der widersprach, und sei es auch nur in Gedanken. Im Auge des Tigers regredierte der Mensch zur Beute. Die pubertierende Zeit der Adoleszenz war fĂŒr immer passĂš.
Der letzte Glockenschlag verhallt, und Brunner ist wieder voll da. Das soll er sein? Vor ihm steht ein Kosmopolit in einem maßgeschneiderten Armani-Anzug, mit grĂŒn-gelb-flureszierendem Seidenglanz-Muster, erdfarbenem T-Shirt, einem klassischen kurzen Trenchcoat, ohne GĂŒrtel und eleganten, pechschwarzen, italienischen Wildlederschuhen, Marke: Gallzio Torresi. Die polierte Glatze ist aber das „Highlight“ seiner PersönlichkeitsverĂ€nderung, sie soll unverwechselbare Patina ausstrahlen. Die schĂŒtteren Haare waren doch nur noch Fassade, sollten den bröckelnden Putz zusammenhalten. Mann muss dazu stehen, Basta!
Mit sich und der Welt wieder im reinen, macht er auf dem Absatz kehrt, prĂŒfte noch, ob er auch alles eingesteckt hat, zieht die HaustĂŒr, im Gehen, hinter sich zu und tĂ€nzelt den Treppenabsatz hinunter, aber der Halb-Drehwurm scheint kein Ende zu nehmen, eine Windung und noch eine und keiner ist da, der ihn bewundert.
Brunner hatte gehofft, wenigstens der rassigen Schaller ĂŒber den Weg zu laufen, die ihn bisher nie bemerkte, weil er, jedenfalls bis jetzt, immer glaubte, er sei zu unscheinbar. Warum kann sie nicht einfach aus der TĂŒr treten, Brunner einen winzigen Augenblick zu lange ansehen, sich lasziv durchs schwarzglĂ€nzende Haar streichen, dabei nach hinten werfen und ihren betörenden Augenaufschlag einsetzen und frivol schnurren: „Wow, Herr Brunner, alle Achtung!“
Da kommt schon die letzte Rechtswendung, dann der Absatz, und schon steht er auf den Steinfließen, die jede Woche, peinlich genau, von der jugoslawischen Hauswartsfrau, gewienert werden. EnttĂ€uscht sieht er zum verschnörkelten Stuck der Einganghalle, aus der GrĂŒnderzeit, hoch. In diesem Moment öffnet sich zögerlich, die schwere EingangtĂŒr, und die verhutzelte Frau Berger windet sich durch den halb geöffneten Spalt. Nachdem sie die TĂŒr mit beiden HĂ€nden zu schließen sucht, zögert sie, dreht sich um und blickt stumpf in Richtung Brunner und verharrt, so, als ob sie nicht glauben könne, was sie sieht. „Abend, Frau Berger, noch das Tanzbein geschwungen?“ Eröffnet Brunner, als erster, die Unterhaltung. Wieder stutzt sie, neigt den Kopf ein wenig zur Seite: „Sind Sie’s, Herr Brunner?“ – „Ja, warum fragen Sie denn?“ „Ihre Schritte sind so anders, ich hab‘ sie gar nicht erkannt!“ Antwortet die blinde Frau. Brunner grinst sich eins, und sagt, im Vorbeigehen: „Schönen Abend noch!“ Hat aber schon die TĂŒr in der Hand, und denkt sich seinen Teil.
Draußen ist es bitter kalt – Winter. Mit raschen Schritten ĂŒberquert er die kleine Stichstraße und zieht dabei seinen Trench enger an den Körper. Bis zum Restaurant hat er zwar eine gute Viertelstunde zu laufen, doch er hat keine Lust auf Bus oder Taxi. – Selbst ist der Mann.
Die Sache mit den Frauen liegt Brunner arg im Magen. Er hat es die ganzen Jahre nicht geschafft, eine normale Beziehung aufzubauen. Ist er inzwischen beziehungsunfĂ€hig? Auf jeden Fall steht das Problem: Frauen, ganz oben auf seiner neuen Liste und er muss es lösen. Man muss sich nur genau umsehen: Jeder Depp hat eine Beziehung. Gut, der Ă€ußere Schein trĂŒgt, und er mag sich gar nicht vorstellen, was da so alles passiert. Aber er hat es schlichtweg satt, wie ein hungriger Wolf in einem Revier zu wildern, wo vorher eine Treibjagd veranstaltet wurde. Fette Beute machen anscheinend nur die anderen.
So in Gedanken hĂ€tte er fast die Ampel ĂŒbersehen, die ihn noch abhĂ€lt, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Er zieht die kalte Luft durch die Nase ein und wartet ungeduldig, dass sie endlich auf grĂŒn umschaltet.
Da wird es rechts neben ihm ganz unvermittelt heiß, so, als ob man die Klappe eines Bollerofens offengelassen hĂ€tte und zu dicht dran steht. Brunner dreht den Kopf leicht zur Seite und erstarrt zur EissĂ€ule. Neben ihm steht, ganz cool, ein kleinwĂŒchsiger, nur mit einer schwarzweiß-gescheckten, kurzen Fellhose und kurzĂ€rmliger, offener Jacke bekleideter, barfĂŒĂŸiger Mann. Brunner kommt von diesem Anblick nicht los, starrt rĂŒber, glotzt ganz unverhohlen: Spargel-Tarzan steht ruhig da, verzieht nur die Mundwinkel und presst ein: „Willst’ de haben?“ heraus, zeigt auf seine Felljacke und geht ganz gelassen ĂŒber die Straße.















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