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Leselupe.de > Erzählungen
Sparmann und die neue Mitarbeiterin
Eingestellt am 19. 12. 2017 11:17


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Penelopeia
Autorenanwärter
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Es ist das Jahr 2035. Sparmann, der kaufmännische Leiter des Seniorenheims "Born des ewigen Lebens", denkt nach über die Gründe für die zunehmende Einführung von Robotertechnik. Er stellt fest: Die Frage, wie denn Roboter idealerweise beschaffen sein sollten, ist merkwürdigerweise gar nicht so leicht zu beantworten.
Stattdessen stĂĽrzt ihn eine hinreiĂźend aussehende neue Mitarbeiterin in tiefe Zweifel und Unsicherheit.




Gelegentlich zeigte sich auf Sparmanns Gesicht der Anflug eines Lächelns. Meist passierte das, wenn er am Schreibtisch saß und auf die Quartalszahlen schaute. Die wirtschaftlichen Eckdaten seines Unternehmens waren nicht die schlechtesten. Dank seiner vorsichtigen Art des Wirtschaftens und vorausschauender Investitionen in Abwasseraufbereitung, Müllrecycling, Lebensmittelbeschaffungs-, Medikamenten-, Strom-, Heizungskosten, dank seines geschickten Umgangs mit den Behörden, der Berufsgenossenschaft, der Gewerkschaft, dem Personal und sonstigen Störfaktoren für einen geregelten, gewinnorientierten Betriebsablauf, gewannen die schwarzen Zahlen unterm Strich an Erträglichkeit, um nicht von Stärke oder Größe zu reden.
Das Lächeln verging ihm allerdings gründlich, bedachte er den wesentlichen Negativposten: nicht die Personalkosten waren das, sondern die Kosten für die Reparatur und Instandhaltung seiner Robos!
Dabei waren er, die meisten Pflegekräfte und auch die Bewohner der Einrichtung anfangs von der neuen Technik begeistert, um nicht von euphorischen Zuständen zu sprechen: Mit den etwa kindsgroßen Helfern der ersten Robotergeneration, die vor fünf Jahren Einzug in den pflege- und betreuungsintensiven Alltag seiner Seniorenresidenz hielten, keimten die schönsten Hoffnungen auf. Beim Personal natürlich die Hoffnung auf Entlastung von körperlich anstrengenden Routinearbeiten wie Heben, Drehen, Umbetten der schwer Pflegebedürftigen; bei den Therapeuten die Hoffnung, anstrengende Therapien an die neuen, angeblich äußerst lernfähigen Helfer abgeben zu können.Die Bewohner der Seniorenresidenz erwarteten neue, interessante, lebendige Gesellschafter, Erzähler, Entertainer; Zuhörer für ihre komplizierten, oft schwer verständlichen Lebensgeschichten, die sonst keiner mehr hören mochte.
Sparmann selbst hoffte auf einen Spareffekt allgemein: er könnte, sollten sich die Robos bewähren, unter Umständen Personal reduzieren; seine Einrichtung würde noch effektiver und kostengünstiger arbeiten…
Aber alle Hoffnungen trogen.
Die erste Generation war zwar solide gebaut, besaß Kraft und Ausdauer, hörte präzise auf Befehle, führte sie willfährig aus. Doch es mangelte den Robos an einem ganz wesentlich: Sie besaßen kein Gespür für die Verhältnismäßigkeit von Wünschen, Befehlen, Anweisungen, von der Mehrdeutigkeit bestimmter Wendungen ganz zu schweigen. Erhielt zum Beispiel ein Robo von einem Pfleger die einfache und unmissverständliche Aufforderung per Zuruf, einen bettlägerigen Insassen zu drehen, um ein Wundliegen zu vermeiden, und wandte sich der Befehlsgeber im nächsten Moment schon dem nächsten Fall zu, ohne seine Worte durch entsprechend eindeutige modale Zusätze narren- bzw. robotersicher befestigt zu haben, konnte es passieren, dass es der Robo, mit Befehl und Fall sich selbst überlassen, nicht bei einer Drehung beließ, sondern sein Opfer nun wie den Braten am Spieß fortlaufend drehte und wendete.
Noch schwieriger wurde es bei paradoxen Wendungen, die in Sätzen steckten wie „Die Gesundheit des Patienten liegt uns am Herzen“, ein Satz übrigens, den Sparmann bei der Begrüßung neuer Bewohner seiner Einrichtung gern verwendete; da scannten die Robos doch tatsächlich mit ihren Glotzglubschaugenkameras seinen Herzbereich ab, dass er förmlich ihre Infrarotsensoren auf seiner Haut spürte!
Völlig überfordert waren die Robos der ersten Generation mit Metonymien: Äußerte ein Heimbewohner den Wunsch, ein Glas zu trinken, schafften die Dämlacke doch prompt ein Glas herbei, zerrieben es mit ihren rotierenden Stahlfingern zu Staub, mischten den in einer kleinen Schüssel mit Wasser und reichten das Ergebnis dem Veräußerer des Wunsches…
Auch die Therapeuten waren nach kurzer Zeit frustriert über die neuen Helfer, die ihnen zwar bereitwillig körperlich schwere Tätigkeiten wie Ganzkörpermassagen oder öde wie Qigong abnahmen, dabei aber für einen Eklat nach dem anderen sorgten: Mal massierten sie die Patienten mit übermäßigem Druck wund, mal dehnten sie die Meditation vom Morgen bis zur Nachtruhe…
Als Entertainer waren die Produkte der ersten Robogeneration ebenfalls nicht gut zu gebrauchen: sie konnten zwar fröhliche und traurige Lieder singen, tanzen, ellenlange Gedichte rezitieren, schwierige Kreuzworträtsel lösen und dergleichen mehr, das aber ohne jede Rücksicht auf den jeweiligen Gemütszustand ihrer menschlichen Partner. War da gerade jemand tieftraurig, hatte vielleicht einen Todesfall in der Familie oder die Diagnose baldigen eigenen Todes soeben erhalten, passte es einfach nicht, wenn ein Robo sich ins Zimmer stellte, alle Schmettergesänge aus dem letzten Volksmusikstadel zum Besten gab und dazu einen Schuhplattler tanzte.
Die Folge der meist gefühllos-mechanischen Befehlsausführung war eine erhebliche Steigerung der Aggressivität aller Beteiligten: die Pfleger und Therapeuten begannen, die allzu Willfährigen zu schubsen, zu boxen und mit den Füßen zu stoßen; die Heiminsassen, oft alte, kranke und schwache Menschen, zeigten plötzlich Verhaltensweisen, die man solchen Alters- und Verfallsstufen an sich abspricht: ganz gleich, ob im Rollstuhl sitzend, im Bett liegend oder noch zu Fuß und selbstständig, stachen sie unvorbereitet und mit irrem Blick, als sei der Leibhaftige in sie gefahren, mit Messern und Gabeln auf die Gehäuse der kleinen Helfer ein, zündelten mit Feuerzeugen an den Sensoren, spritzten mit Wasser dahin, wo sie die Hauptprozessoren vermuteten.
Entsprechend hoch waren die Schäden an den Robos. Sparmann schickte die eingedellten, genässten, angekokelten Robos zum Lieferanten zurück; weil die Reparaturen oft lange dauerten, stellte er schließlich eigene Reparateure ein.
Sein Versuch, die Robos überhaupt loszuwerden, stieß auf heftige Gegenwehr bei der Zentrale, unter deren Ägide seine Einrichtung stand: dort argumentierte man, Robos seien die Zukunft im Alten- und Pflegebereich, die Konkurrenz setze ja auch mit Erfolg die neue Technik ein, man könne sich dem Trend nicht entziehen usw. Außerdem: man fördere ja wohl auch den Einsatz der neuen Helfer mit Zuschüssen von 90 % der Betriebskosten, dafür könne er die kleinen Startschwierigkeiten tolerieren; vermutlich hatte die Einkaufsabteilung des Gesundheitskonzerns, zu dem eine stattliche Anzahl von Pflegeheimen, Seniorenresidenzen, Krankenhäusern gehörte, einen Knebelvertrag mit einem Großproduzenten für Robotertechnik abgeschlossen, Sparmann war sich fast sicher, dass die sich hatten schmieren lassen.
Seine Beschwerden wurden eiskalt von der Konzernzentrale abgeschmettert, ja, ihm wurde sogar gedroht, man werde den Vertrag lösen und sich aus der Einrichtung zurückziehen, dann könne er sehen, wie er über die Runden käme!
Sparmann fĂĽgte sich in sein Schicksal und betete jeden Abend beim Zubettgehen fĂĽr eine baldige Verbesserung der gefĂĽhllosen Robotertechnik.

Die zweite Generation kam wie versprochen. Es traf zu, dass die Technik eine andere war. Die neue Entwicklung war tatsächlich lernfähig, intelligent und sogar einfühlsam. Doch leider – wurde auch diese Generation von Robos zu einer Belastung für die gesamte Einrichtung.
Sicher war eine gewisse Orientierung der Programmierer auf menschliche Verhaltensweisen die Grundvoraussetzung für die Erzielung empathischer Fähigkeiten ihrer Produkte, mithin also unumgänglich. Nur folgten aus den einprogrammierten menschlichen Verhaltensweisen wohl auch jene unangenehmen Tendenzen, die man ja von Menschen kennt: die Robos der zweiten Generation führten anfangs die Befehle willig aus; leisteten Hilfe bei der Pflege, den Therapien, der Unterhaltung und Ablenkung; sie hörten zu und weg, drängten sich nicht auf und wiederholten sich nicht, schienen sogar die Doppel- oder Mehrdeutigkeit vieler Redewendungen zu begreifen. Beklagte sich ein schwer kranker Bewohner der Einrichtung über Ärzte und Pfleger, diese würden ihm etwa keinen reinen Wein einschenken, versuchte der Pflegerobo nicht mehr, diesem Wunsch unmittelbar nachzukommen, wie es die Robos der ersten Generation noch taten. Nein, ein Robo der zweiten Generation erkannte sehr wohl die verklausulierte Wendung vom „reinen Wein“ als Synonym für „Wahrheit“ und suchte in den Tiefen seines Speichers nach dieser. Meist hatte er bestimmte Wahrheiten zum Verlauf der Krankheit, zur Restlebenserwartung, zu den Komplikationen, Schmerzen, aus heilungs- oder abrechnungstechnischen Gründen geplanten Behandlungen des Patienten usw., in sehr kurzer Zeit gefunden, und präsentierte sie prompt, mit viel Gefühl…
Das Problem der neuen Robo-Generation war das einprogrammierte Verhalten zu schonendem Umgang mit sich selbst. War das ein Gag der Programmierer? Eine Vorgabe der Konstrukteure oder Materialprüfer zwecks Erzielung einer langen Einsatzdauer? Sparmann fand keine Antwort. Fakt war jedenfalls, dass die Robos der zweiten Generation ihre Intelligenz und ausgeprägte Lernfähigkeit offenbar vor allem dazu nutzten, zunehmend langsamer und trägerzu werden; sie begannen, die Pausen auszudehnen, um sich nach einigen Wochen sogar ganz zu verdrücken! Wurde ein Robo dringend benötigt, musste das Pflegepersonal oft lange suchen, in den Toiletten, der Wäschekammer, dem Frauenruheraum… Zur Rede gestellt, was ein Robo wohl in einer Toilette oder einem Frauenruheraum verloren habe, stellten sich die Dinger bockig, taten, als sei es mit ihrer Intelligenz und Lernfähigkeit plötzlich nicht sehr weit her.
Die Krone war fĂĽr Sparmann erreicht, als er zwei der Robos im Garten traf: Sie hockten auf einer Bank, gut versteckt hinter einer dicken Linde, rauchten TĂĽtchen und tranken dazu Billig-Bier aus BĂĽchsen.
NatĂĽrlich war auch sein zweiter Versuch, diese Sorte von Robos loszuwerden, zum Scheitern verurteilt. Was blieb, das waren die Argumente der uneinsichtigen Konzernzentrale zum technischen Fortschritt, den allgemeinen Trends im Pflegebereich, den Kosteneinsparungen gegenĂĽber lebenden Angestellten. So blieben auch die Robos der zweiten Generation in Sparmanns Seniorenresidenz, wurden immer fauler und egoistischer und von fast allen als Belastung empfunden.

Sparmann hatte die Hoffnung fast aufgegeben, durch Robos echte Hilfen zu erhalten und wirklich Kosten zu sparen. Da wurde die dritte Generation der kĂĽnstlichen Helfer mit viel Tam-tam angekĂĽndigt. Diese neue, letzte, modernste und menschlichste Robo-Generation sollte einen Quantensprung in der Pflege der Heiminsassen bringen, die Verantwortlichen in der Konzernzentrale quollen ĂĽber vor Lobeshymnen. Doch: sie hielten sich bedeckt mit dem Liefertermin und der genauen Beschreibung. Angedeutet wurde nur: die dritte Generation solle sich so gut wie nicht mehr unterscheiden von sonstigen Mitarbeitern, also von Mitarbeitern aus echtem Fleisch und Blut.
Natürlich sah sich Sparmann, dem die Neuerungen während einer Informationsveranstaltung in der Konzernzentrale offeriert wurden,zu der spontanen Frage veranlasst, warum man denn nicht gleich echte Menschen einstelle. Die amüsierten Blicke der ganzen Runde, der versammelten Leiter der anderen Einrichtungen, des Vorstandes, der Geschäftsführung und einiger ausgewählter Pressevertreter, ließen ihn indes genauso spontan die kosmisch einsame Dimension von Dämlichkeit begreifen, in die er sich mit seiner Frage begeben hatte: Natürlich gab es einen Grund, einen sehr handfesten, nicht echte Menschen als Pflegekräfte, Therapeuten, Betreuer, Servicepersonal, Ärzte, Operateure einzustellen, sondern intelligente, lernfähige, empathisch begabte Maschinen: die Kosten. Es war wie eh und je. Entscheidend blieb die Ökonomie. Wie konnte ihm diese einfache Tatsache aus der übersichtlichen Runde seiner Grundkenntnisse entgleiten?!
Ein künstliches Geschöpf war immer noch billiger als eine echte Menschenkraft; sie besaß mittlerweile wieder steuerliche Vorteile, war im Einsatz unproblematischer und konnte leichter neu konditioniert werden; nicht zuletzt gab es für gesicherte zehn Jahre ab Produktionsstart Ersatzteile. Derart viele Vorteile zeichneten keinen Menschen aus!

Wenn Sparmann über der Frage grübelte, wie eigentlich die idealen Robos für seine Einrichtung beschaffen sein sollten – diverse Fragebögen schickte die Konzernzentrale alle naslang – fand er seltsamer- und erstaunlicherweise keine passende Antwort: Konnte es wahr sein, dass er, der sonst immer genaue Vorstellungen von allem hatte – von der Beschaffenheit eines Gebäudes, von der Qualifikation seiner Mitarbeiter, von den Farbtönen ihrer Strümpfe, von den erlaubten und den verbotenen Dialekten –, auf eine solch einfache Frage keine Antwort wusste?
Ja, soviel er auch stocherte in den Tiefen seiner Wunschvorstellungen: Er fand keine Antwort. Sollten Robos kleiner sein als Menschen, gleich groß, größer? Sollten sie wie Maschinen aussehen oder wie Menschen? Vor allem: sollten sie weniger, das Gleiche oder mehr als Menschen können?

Sparmann schob die Beantwortung der schwierigen Frage einstweilen zur Seite und versuchte sich zu konzentrieren, indem er eine offenbar damit im Zusammenhang stehende grundsätzliche Frage aufwarf: Was, verdammt nochmal, trieb den Menschen eigentlich dazu, Roboter zu bauen? Brauchte er einen willigen Sklaven, der seine Arbeit erledigte? Dazu bedurfte es doch eigentlich keiner großartigen konstruktiven Anstrengungen, keines intensiven Einsatzes von Halbleitern, seltenen Erden, teuren Metallen, giftigen Chemikalien: Eine billige menschliche Arbeitskraft war immer verfügbar, man musste sie sich nur kommen lassen aus der dritten, vierten Welt. Arbeitsübernahme oder –ausführung als Grund schied also aus.
Eine zweite Möglichkeit: der Mensch bastelte sich Roboter, weil ihm langweilig war. Aber auch diese Erklärung blieb fadenscheinig. Wer hatte schon einen Menschen erlebt, dem nach einer gewissen Zeit nicht langweilig wurde mit seinem Haushalts- oder Liebesroboter, oder – wenn er Geld und Macht besaß – einem Roboterpark, einem Roboterharem, einem Robosoldatenheer?
Eine dritte Erklärung war auch nicht gerade überzeugend: Der Mensch baute und verbesserte laufend Roboter, weil diese Fähigkeiten besitzen sollten, die seine überstiegen. Sollten die das wirklich? Kaum vorstellbar, dass sich ein Schachspieler wohl fühlt, wenn ihm sein Robogegner keine Chance lässt; desgleichen, wenn ein Robodichter besser und schneller die Dokusoaps verfertigt als der gelernte Drehbuchschreiber; wie fühlte sich ein Boxer, der von einem Roboter besiegt wurde – nein: dieser Grund war erst recht keiner, der die menschlichen Motive für die ewige Sucht nach dem Golem, dem Cyborg, dem künstlichen Menschen erklärte.
Nach intensivem Nachdenken fiel Sparmann dann doch ein Grund für des Menschen verhängnisvolles Bedürfnis nach künstlichen neuen Geschöpfen ein. Ein einfacher und einleuchtender Grund, tatsächlich: Abscheu vor sich selbst. Der Mensch bastelte, schraubte, designte so hingerissen und selbstvergessen-versessen, getrieben von einem tiefen Minderwertigkeitskomplex, an diesen Dingern herum, weil er sich selbst nicht mochte, von sich ablenken wollte und etwas Besseres meinte schaffen zu müssen.

Einer der größten Trugschlüsse überhaupt, ganz klar. Ein wahnwitziges Ziel, eine gefährliche Utopie.Denn – und das schien ihm die Quintessenz seiner Denkarbeit –: der Mensch war auf unerreichbare Art gut und schlecht zugleich! Diesen Spagat würde eine Nachbildung nie schaffen, er war sich sicher. Entweder wäre das künstliche Geschöpf besser – siehe die Schach- und Soapcomputer –, oder schlechter, siehe die Schwierigkeiten der Robos der ersten Generation mit mehrdeutigen Begriffen, die Schwierigkeiten der zweiten Generation mit ihrer lernfähigen Software und dem sich zwangsläufig ergebenen Schongang, der Faulheit, den Lastern… In jedem Fall nervten die Dinger.
Überhaupt: der Überdruss des Menschen an sich selbst, sein ewiges und fortwährend sich vertiefendes Beleidigtsein, sein kosmologisches, biologisches, psychologisches Gekränktsein, weil er nicht für immer im Mittelpunkt stand, weil er von gewissen Tieren abstammte, weil er nicht Herr seiner unterbewussten Hirnprozesse war, weil er zunehmend immer weniger auf die Reihe brachte, obwohl er immer länger lebte; weil er Kriege anzettelte, Revolutionen, Hungersnöte; weil er die Pole zum Schmelzen brachte und die Meere zum Steigen… Gewiss war dieser Überdruss auch der Grund für das seltsame Verhalten der weiblichen Spezies: Die froren mit zwanzig ihre Eier ein und ließen sie befruchten mit fünfzig, um das Embryo auch noch von einer fremden Frau auszutragen… Wie wenig musste man von sich halten, um zu solchem Verhalten zu finden, wie blöde musste man sich finden, wie vollständig angepisst von sich sein…
An dieser Stelle seiner Grübeleien sprangen seine Gedanken, sie taten einen großen Sprung von den menschenähnlichen Kunstgeschöpfen, für deren Produktion keine oder nur höchst triviale Gründe zu finden waren, zu einem Ereignis, das momentan die Welt bewegte: Astronauten waren unterwegs zum Mars. Auch da stellte sich Frage: Warum bloß? Für neue wissenschaftliche Erkenntnisse? Ja, für welche denn? Um den Mars zu kolonisieren? Verwegene Utopie, völlig absurd: dem Mars eine Atmosphäre schaffen, einen Wald, ein Meer, Lindenbäume, die sich im Wind wiegen… Nie und nimmer würde das gelingen.
Was war dann der Grund, dass die Astronauten sogar auf den Rückflug verzichteten, weil der Treibstoff nach dem Hinflug einfach alle sein würde? Sie hatten die schönste, wenn nicht die einzige Erde im ganzen Weltall, und trotzdem mussten sie hinaus in die eisigen und hitzigen Weiten des Alls, mussten staubige, erstorbene Planeten erobern, ihre Gesteinsbohrer in die unbekannte Tiefen wuchten, Proben nehmen, um festzustellen: kein Leben, keine Mikrobe, keine Made, kein Wurm; keine Wiese, kein Fluss, kein Lindenbaum mit Brunnen davor… Die Astronauten, die verrücktesten unter den Menschen, flogen vor sich und ihrem Heimatschiff davon, die Deppen! Es verhielt sich ähnlich wie mit den Robos: alles Versuche, von den eigenen schlechten Gefühlen abzulenken, was ja eigentlich, hier auf der Erde, ein Leichtes war, man brauchte sich nur eine Flasche Wein nehmen, sich auf den Balkon setzen, auf den Fluss sehen…

Obwohl Sparmann nun den einzig wahren Grund für die ewige Roboterbastelei, den Marsflug, das Versenken fruchtbarer Eizellen in tiefgekühlten Stickstoffbehältern und den ganzen Rest der zivilisatorischen Aktivitäten erkannt zu haben glaubte, war er nicht völlig frustriert. Und das hing mit der neuen Mitarbeiterin zusammen. Maria fiel im sofort ins Auge, am ersten Tag schon war er fasziniert von ihrem Lächeln, ihrer Mimik, den hohen Wangenknochen, den festen Brüsten; hingerissen schaute er ihr hinterher, konnte seine Blicke kaum von ihrem Rücken, ihrem Hinterteil lösen.

Kurz: er war verwirrt. Doppelt verwirrt sogar. Weil – er sich nicht sicher war. In seinem Kopf kreiselten die Ankündigungen der Konzernleitung: Man wolle alsbald, so war es in der Zentrale – inmitten eines einlullenden Wohlfühl-Ambientes und kurz vor musikalisch umrahmtem kalten Büffet, freien Getränken und den wie zufälligen Berührungen leichtbekleideter weiblicher Bedienungskräfte – kommuniziert worden, man wolle in Kürze die neue, die dritte Robogeneration in den Pflege- und Heilbetrieb der Seniorenresidenzen und Krankenhäuser des Konzerns einführen. Keiner würde diesmal einen Grund finden, sich zu beschweren. Denn – keiner würde die Einführung überhaupt mitbekommen!
Wenn Sparmann scharf nachdachte, konnte das doch nur heißen: die neue Generation war nicht erkennbar! Die individuell designten Serienprodukte würden sich von den sonstigen Menschenkräften nicht sicht- und fühlbar unterscheiden, sie hätten die gleichen oder mindestens ähnliche Fähigkeiten wie der gelernte Kranken- und Gesundheitspfleger, sähen ähnlich mittelmäßig, hübsch-doof oder uninteressant aus wie fast alle Mitarbeiter seines Stabes, sie hätten die gleichen Interessen und Vorlieben – bunte Zeitschriften, Medien, Tanz, Sex, Karriere… Sie würden die gleichen Fehler machen und sich dafür genauso verlogen entschuldigen wie alle bisher. Ja, nur so konnte das sein.
Daraus folgte: man konnte nicht mehr sichergehen, wer einem ins Haus geschickt wurde. War Maria nun ein Mensch oder tatsächlich ein Cyborg, ein Robo der neuesten Generation?
Er musste es herausfinden.

Schon am zweiten Tag trat er bei der morgendlichen Dienstbesprechung dichter an Maria heran als je an einen seiner Mitarbeiter. Maria schlug die Augen nieder, atmete schwer. In Sparmann Nase stieg ein unglaublicher Duft, ein betörendes Gemisch aus Chanel, teurer Hautcreme, Weichspüler, imprägnierter Mikrofaser und Achselschweiß.
Worauf er zu schwitzen begann. Er hatte den Eindruck, Schleusen wären plötzlich geöffnet worden und fluteten seine Achselhöhlen, seinen Nacken, die Stirn, die Zwischenräume seiner Haarwurzeln…
Er schloss die Augen, träumte eine Sekunde in den Himmeln, die ihm der Geruchsmix eröffnete, riss sich selbst mitleidlos aus den göttlichen Gefilden heraus und die Augen auf, drückte den Rücken durch und wandte sich ab. Schritt mit steifen Beinen zurück zu seinem Schreibtisch, ließ sich in den Polstersessel fallen und schnaufte.
Die Truppe schaute belustigt. War ihr Chef in den Wechseljahren? Es hatte den Anschein.
Trotz der eindeutig menschlichen und sonstigen textil- und waschtechnisch bedingten Ausdünstungen der neuen Mitarbeiterin blieb Sparmann skeptisch: Wenn die Konstrukteure mittlerweile soweit waren, die Gesichtszüge, den Gang, die Haut, ja: alles Äußerliche und die Lernfähigkeit, Intelligenz, Charakterzüge sowieso auf menschenegalitäre Art zu gestalten, warum sollten sie nicht fähig sein, den Geruchsmix eines menschlichen Durchschnittsmitarbeiters überzeugend zu synthetisieren?
Nein, der Test war nicht aussagekräftig. Er musste nach anderen Methoden suchen. Nur welche?
Zeitweise fiel ihm Kowalski ein, der dicke Alte, der sich seinen Vortrag brav und scheinheilig angehört hatte, um anschließend mit einem Messer nach ihm zu stechen. Klar, den quälten ähnliche Gedanken! Kowalski wollte wissen, ob er, Sparmann, ein Mensch war aus Fleisch und Blut oder doch nur eine elende Maschinen-Kreatur, geschaffen von hinterhältigen Roboterkonstrukteuren aus dem Geiste des tiefsten Gekränktseins, der Langeweile, des Überdrusses an der eigenen Art. Doch so einfach war es nicht: Ein Stich in den Leib der schönen Maria und – sie wäre entweder verletzt oder gar dahin, oder es gäbe Drahtbruch, Platinensalat und mithin einen Alarm in der Zentrale. Die Dinger waren ja alle vernetzt!

Sparmann zwang sich in den nächsten Tagen zu innerer und äußerer Beherrschung, wobei seine Gedanken um die Frage nach dem wahren Wesen Marias nicht zur Ruhe kommen wollten. Zu vermeiden war auf jeden Fall – Aufsehen erwecken.
Er blieb förmlich-freundlich. Las zu den morgendlichen Einweisungen vom Schreibtisch aus ellenlange Texte aus den großartig-unterhaltsamen Schriften von Berufsgenossenschaft, Marburger Bund, Deutschem Verein für Pflegeberufe, Gewerkschaft der Pflegeberufe, Bundesverband der Hygieneinspektoren, Gewerkschaft der Servicekräfte usw. vor; beobachtete dabei unauffällig die Gesichtszüge der neuen Mitarbeiterin.
Er bestimmte, dass Maria sich bei Problemen und Fragen in der ersten Zeit direkt an ihn zu wenden habe.
Dem fragend-anklagenden Blick des Pflegedienstleiters, Herrn Sorge, wich er aus, ließ sich aber zumindest zu einer Erklärung herab: Die Neue solle schneller als bisherige Kräfte in die Abläufe eingeführt werden, daher übernehme er die Einweisung und Kontrolle für die erste Zeit. Dabei dachte er sich seinen Teil: Sorge, du arme Sau. Lebst in einer festen Beziehung. Bist, glaube ich, seit Jahrzehnten verheiratet. Ich dagegen, ich habe die letzte feste Frau längst eingespart. Bin halt ein Sparmann, durch und durch. Ein Sparwunder. Ha-ha. Du aber, du Ehekrüppel, möchtest beides: feste Frau und lockere Beziehung. Mal hier, mal da durchs Bett. Denkste, du Opfer. Was ich kann, steht dir nicht zu. Ha-ha.
Pflegedienstleiter Sorge zog einen Flunsch und ab. Sparmann warf ihm einen mitleidig-verächtlichen Blick gleich einem Wurfspießhinterher: wenn Blicke Speere wären, hätte der arme Sorge, diese „Sorgensau“, wie ihn Sparmann heimlich titulierte, auf der Stelle durchlöchert zu Boden sinken müssen…

Tagsüber mühte er sich um weitere Puzzleteilchen zur Verortung der neuen corporis figura incognita: Ging Maria in die Kantine? Was aß sie vornehmlich? Benötigte sie eine Toilette? Wurde sie mittags müde? Rauchte sie?

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