Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5457
Themen:   92618
Momentan online:
310 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spaziergang
Eingestellt am 27. 12. 2017 09:40


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ariane Winter-Schieszl
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2016

Werke: 10
Kommentare: 7
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ariane Winter-Schieszl eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Laura stöbert im Kellerregal, sie weiß sie hat das Paketband hier rein gelegt. Wo ist es bloß? Sie schiebt die Blumentöpfe bei Seite. Auf einmal fĂ€llt ihr ein großes, mit rotem Leinenstoff bezogenes, Buch in die HĂ€nde. Es ist vollgestopft mit Bildern, Postkarten und kleinen Notizzetteln, so dass die Seiten schon offen stehen. Einige Seiten sind lose und nur notdĂŒrftig wieder eingelegt. Es ist vollkommen eingestaubt. Laura blĂ€st den Staub vom Umschlag, die Staubwolke verteilt sich im Raum und bringt Laura zum Niesen. Zum Vorschein kommt ein, in goldenen Buchstaben, geprĂ€gter Schriftzug „Fotos“. Komisch, welche Fotos könnten denn hier drin sein? Sie war immer der Meinung, dass alle Fotos in der großen Kiste im Wohnzimmerschrank liegen. Laura schlĂ€gt das schwere Album auf. Auf der ersten Seite liegt ein Baby in einer Wiege und schlĂ€ft. Darunter steht in der klaren und schönen Handschrift ihrer Mutter „Laura – 2 Wochen alt. Das schönste Geschenk der Welt.“ Dieses Album ist Laura ganz unbekannt. Sie blĂ€tterte weiter. Es folgen Babybilder, Kleinkinderfotos. Laura im Kindergarten wie sie auf der Schaukel sitzt, Laura im Planschbecken auf einer Wiese. Laura mit Opa und Oma im Zoo. Als sie die nĂ€chste Seite aufschlĂ€gt, bekommt ihr Herz einen heftigen Stich, Laura hĂ€lt die Luft an. Das Foto zeigt Laura und ihren Vater. Sie sitzen auf einer Bank im Wald, das GrĂŒn der BĂ€ume umrahmt die beiden. Der Arm ihres Vaters ist liebevoll um ihre Schulter gelegt. Beide strahlen um die Wette. Die Sonne scheint ihnen in die glĂŒcklichen Gesichter. Laura fĂ€llt auf, wie Ă€hnlich sie doch ihrem Vater sieht. Darunter ist zu lesen „Laura und Papa 1988“. Laura merkt, wie ihr die TrĂ€nen in die Augen steigen, bis ein TrĂ€nenschleier ihr die Sicht nimmt. Sie kann sich noch gut an diesen einen Ausflug erinnern. Es ist einer der Letzten, den sie als Familie machen, bevor alles den Bach runter geht. Bevor sich ihre Eltern scheiden lassen und die Multiple Sklerose aus ihrem Vater ein Wrack macht. Ihre Gedanken schweifen in die Vergangenheit.

Es war ein wunderbarer Tag im Mai. Die Sonne stand schon weit oben am azurblauen FrĂŒhlingshimmel und schickte ihre wĂ€rmenden Strahlen zur Erde. Sie waren alle frĂŒh aufgestanden um auf der schwĂ€bische Alb wandern zu gehen. Als sie aus dem Auto stiegen war die Luft, im Wald, noch klar und ein wenig frisch. Es stand noch kein anderes Auto auf dem Parkplatz. Die BĂ€ume leuchteten in einem herrlichen GrĂŒn. Auf den BlĂ€ttern lagen Tautropfen, in denen sich das frĂŒhe Licht brach und sie zum Glitzern brachte. Die durchdringende Stille wurde durch das laute Klopfen eines Spechts unterbrochen. Die hellen Sonnenstrahlen blitzten durch die BlĂ€tter und verhießen einen Tag, an dem alles möglich war. Laura konnte sich noch daran erinnern, dass sie die Hand ihres Vaters nahm. Es waren große kraftvolle HĂ€nde, mit langen schmalen Fingern, die ihre kleine Hand fest umschlossen, die Sicherheit und Liebe versprachen. „Bist du bereit?“ Ihr Vater blickte sie durch seine Brille an. „Ja klar!“ Laura strahlte. Der erste Teil der Wanderung ging durch den Wald, immer bergauf. Es roch nach nassem Laub und Erde. Unter ihren FĂŒĂŸen knirschten kleine Steine. Irgendwann hielt ihr Vater an, er blickte suchend auf den Boden. Laura fragte: „Papa, was suchst Du?“ „Wir suchen uns jetzt Wanderstöcke!“ Sie gingen ins Unterholz und suchten nach geeigneten Ästen, es durften nicht irgendwelche Äste sein. Die Äste sollten ein bisschen dicker, lĂ€nger und möglichst gerade sein, so dass sie den Namen „Wanderstock“ auch verdienten. Nach einer Weile hatten sie zwei prachtvolle Exemplare gefunden. Laura konnte sich noch an den dicken Stock erinnern. Ihr Vater musste ihn ein wenig kĂŒrzte, weil er doch zu lang fĂŒr das kleine MĂ€dchen war. Er trat erst mit einem seiner großen FĂŒĂŸe auf das eine Ende und bog den Stock dann um, so dass ein Teil abbrach. Dann holte er sein „Schweizer Taschenmesser“ raus. Dieses Messer begleitete ihn, Zeit seines Lebens, ĂŒberall hin. Er sagte einmal „Wenn ich das Messer dabei habe, kann mir nichts passieren. Alles was ich brauche ist dort drin.“ Sie setzten sich auf einen umgefallenen Baumstamm am Wegrand und ihr Vater schnitzte ein großes „L“ in die Rinde. Feierlich ĂŒbergab er ihn Laura. „So, dass ist jetzt dein eigener Wanderstock.“ Laura konnte sich noch gut erinnern, wie stolz sie damals auf diesen Stock war. Sie setzten ihren Weg fort. Als sie den Berg erklommen hatten, hörte der Wald auf und die schier unendliche Weite der Alblandschaft tat sich vor ihnen auf. Die Sonne brannte nun stĂ€rker am hellblauen Himmel. Vor Ihnen lagen Felder in GrĂŒntönen, im leichten Wind wiegten sich die noch unreifen Ähren der Weizenfelder. Dazwischen schlĂ€ngelte sich der Wanderweg im hellen Beige. Am Horizont begrenzte eine HĂŒgelkette ihr Sichtfeld. Das Ziel war ein Gasthaus, das Lauras Eltern noch von frĂŒher kannten. Der Weg fĂŒhrte an großen Wiesen vorbei, auf denen schon die ersten Wildblumen standen. Laura und ihre Mutter pflĂŒckten einen großen Strauß, der anschließend im Wanderrucksack verstaut wurde. Laura konnte sich an das Essen nicht mehr erinnern. Aber sie wusste noch, dass sie auf dem RĂŒckweg an einem Spielplatz vorbei kamen. Dort war auch das Foto entstanden. Sie kletterte auf den KlettergerĂŒsten herum, wĂ€hrend ihr Vater daneben stand und mit liebevollem Blick kontrollierte, dass nichts passierte. Ihre Mutter schubste sie auf der Schaukel an. Die Luft roch nach Sonne und feuchter Erde. Schmetterlinge und Bienen flogen durch die Luft. Es gab keinen Streit, alle waren zufrieden und hatten Spaß. Die Gesundheit ihres Vaters spielte mit. Es hĂ€tte nie enden sollen. Auf dem RĂŒckweg war Laura so mĂŒde, dass ihr Vater sie auf seine Schultern setzte. Es war großartig die Welt von hoch oben zu sehen, wohl beschĂŒtzt und geliebt.

Laura blickt von dem Fotoalbum auf. Die Gewissheit, dass nicht alles in ihrer Kindheit schlecht gewesen ist, durchströmt sie. HinterlĂ€sst Ruhe. Sie wischt sich mit dem HandrĂŒcken die TrĂ€nen, die ihre Wangen hinablaufen, fort. Dann steht sie auf und trĂ€gt, mit einem GefĂŒhl von innerem Frieden, das Album zu den Anderen in den Wohnzimmerschrank.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!