Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92277
Momentan online:
470 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Specht
Eingestellt am 20. 02. 2004 14:42


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Udogi-Sela

HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: May 2003

Werke: 61
Kommentare: 560
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Udogi-Sela eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Eine Menge Leute kamen zu deiner Beerdigung: Verwandtschaft, Junge, Alte, MĂ€dchen, Frauen, Freunde, Neugierige, es sollen sogar Polizisten in Zivil dabei gewesen sein.

Du warst bekannt wie ein bunter Hund, unberechenbar, fĂŒr jeden Spaß zu haben und unstet wie der Wind.

Du liebtest das gleiche MÀdchen wie ich, und nachdem ich mit ihr Schluss gemacht hatte, gehörte sie dir.

Ich traf dich oft nach Feierabend auf dem Nachhauseweg, und jedes Mal sprangen wir auf ein Bier in die nÀchste Kneipe.

Manchmal stiegst du in die Bahn und fuhrst, natĂŒrlich ohne Fahrkarte, wohin dich die RĂ€der trugen, bis man dich rauswarf an irgendeinem Fleckchen in Deutschland oder Frankreich.

Man fand dich auf jedem Fest, so auch an jenem September-Wochenende auf dem Mittelmoselweinfest in Bernkastel-Kues, die Sonne hatte tagsĂŒber noch ihre ganze Kraft, doch die Vorboten des Herbstes schlichen sich auf der Weinstrasse am Abend unter die Kleidung der Zecher.

Wir begegneten uns an diesem sonnigen Samstagnachmittag auf der Weinstrasse, wo sich Weinstand an Weinstand reiht, jeder der StÀnde preist den Wein eines Ortes der Mittelmosel an; Menschen davor, lachend, singend, fröhlich lÀrmend.
Du warst bester Dinge, gut gelaunt und voller PlĂ€ne. Der Wein hatte seine Wirkung in dir entfaltet, du machtest Scherze und wir stießen unter dem lichten Schatten der BĂ€ume unsere GlĂ€ser an.
Ich hatte wie immer meine Gitarre dabei, und bat dich, Deine Unterschrift darauf zu setzen. Auf die Vorderseite schriebst du mit einem Kugelschreiber Deinen Namen, unter dem Dich jeder kannte: „Specht“.
„Ja, ich werde ganz berĂŒhmt“, sagtest du, „dann kriegt mein Autogramm hier sogar noch einen besonderen Wert!“ In Deinem Blick lagen Schalk und Ernsthaftigkeit ganz dicht nebeneinander. „Bald wird alle Welt von mir sprechen!“
Wir lachten, du zogst weiter, eine Rauchfahne aus Cannabis wehte hinter dir her.

Ich verließ die Weinstrasse, spazierte unter dem tiefblauen Himmel im Sonnenlicht ĂŒber die MoselbrĂŒcke, hin zum Rummelplatz, trank hier und dort ein Glas Wein, dann zog es mich zur Weinstrasse zurĂŒck.

Ich hatte die BrĂŒcke fast wieder ĂŒberquert, ihr Bogen glich einem kleinen HĂŒgel, den ich ansteigen und wieder hinuntergehen musste, als ich auf der linken Seite, teils auf der Fahrbahn, teils auf dem BĂŒrgersteig ein BĂŒndel liegen sah, nein, etwas gestaltĂ€hnliches, das mit einer bunten Decke zugedeckt war. An der Kante des BĂŒrgersteigs, in der flachen Vertiefung fĂŒr den Abfluss des Regenwassers, sickerte als handbreites Rinnsal dunkelrotes Blut unter dem Stoff hervor, dem Eingang der Stadt entgegen. Eine Handvoll Menschen stand dabei, ratlos, Entsetzen im Blick, auf Hilfe wartend.
Ich ging vorbei, ein lÀhmendes Erschrecken breitete sich in mir aus, ein Absturz aus fröhlichen Höhen in schwarze, unbekannte Tiefen, ohne mir dessen in diesem Moment wirklich bewusst zu sein.

Meine Schwester kam mir entgegen und fragte: „Hast du das gesehen? Weißt du wer das ist? Das ist der ‚Specht’, der ist ĂŒberfahren worden, grade eben. ‚Specht’ wollte wohl entgegenkommenden Leuten auf dem BĂŒrgersteig ausweichen, ist dabei mit einem Fuß auf die Fahrbahn getreten und hat nicht auf den vorbeifahrenden LKW geachtet. Dann muss er gestolpert sein, er fiel hin und sein Kopf geriet unter die RĂ€der des AnhĂ€ngers. Der HĂ€nger war beladen mit Bimssteinen. Der LKW-Fahrer hat nichts bemerkt und ist einfach weitergefahren.“

Ich traf Freunde, Bekannte, alle nur mit einem Thema beschÀftigt.
„Bald wird alle Welt von mir sprechen!“ hattest du gesagt.

Ich bin nicht zu deiner Beerdigung gegangen, doch es soll ein kleines Fest gewesen sein. Ein Fest fĂŒr einen verrĂŒckten, ungewöhnlichen, vertrĂ€umten, spleenigen und lebenslustigen Menschen, veranstaltet von deinen gleichgesinnten Freunden, gegen den Unmut und gegen die Trauer deiner Eltern, Verwandten.

Menschen wie dich streifen unser Leben und hinterlassen Spuren, unverwechselbar und prÀgend. Und leben nach ihrem Tod in uns fort.

Ich denke hin und wieder an dich, sehe dich vor mir: strahlend, lachend, guter Dinge.

Nein, du bist nicht tot.
__________________
Dieses ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel. (Kafka)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An Udogi-Sela

Eine traurige Erfahrung, die der Tagebuch Schreibende hier festhĂ€lt. FĂŒr sich, aber auch fĂŒr mich lesenswert und nachdenklich stimmend.

Das dies gelang, liegt am Stil, den ich gut finde. Sachlich, schnörkellos, und doch spĂŒrt man die Sympathie fĂŒr diesen Specht, den Außenseiter. Den bunten Vogel, der sich nicht einreihen lĂ€sst. Und so gesehen, ist sein Tod, wie sein Leben war.

Der Text gefĂ€llt mir vom Inhalt wie auch von der AusfĂŒhrung her. Zwei Bemerkungen:

Wir lachten, du zogst weiter, eine Rauchfahne nach Cannabis duftend wehte hinter dir her.

Rauchfahne und duftend scheint mir nicht so recht zusammen zu passen.

Menschen wie dich streifen unser Leben und hinterlassen Spuren, unverwechselbar und prÀgend. Und leben nach ihrem Tod fort, wÀhrend manche Lebende im Hier und Jetzt bereits schon lÀngst gestorben sind.

Wie wÀrs, wenn du den Leser Letzteres schlussfolgern lÀsst?

Lotte Werther

Bearbeiten/Löschen    


Udogi-Sela

HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: May 2003

Werke: 61
Kommentare: 560
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Udogi-Sela eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Danke,

Lotte fĂŒr Deinen Kommentar.
Deine VorschlÀge habe ich gleich umgesetzt.

Die Geschichte ist nicht erfunden, sondern genau so passiert.

Herzliche GrĂŒĂŸe
Udo

__________________
Dieses ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel. (Kafka)

Bearbeiten/Löschen    


Lord-Barde
AutorenanwÀrter
Registriert: Jan 2004

Werke: 36
Kommentare: 258
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lord-Barde eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
...Jup...

dieses ist glaubhaft, Syre Udogi-Sela.
Schicksalswege werden uns immer fremd bleiben.
Immer wieder fassungslos können wir nur staunen,
dass uns wirklich passiert, was wir oft nur
in reisserischen Romanen vermuten.
Gute Geschichte
der Lord-Barde
__________________
Mensch werden ist eine Kunst (Novalis)

Bearbeiten/Löschen    


heike von glockenklang
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

Werke: 207
Kommentare: 2337
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um heike von glockenklang eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

du hast die geschichte auf sehr sympatische weise erzÀhlt.wÀhrend des lesens sah ich dein gesicht vor mir..
heike
__________________
Wenn das Leben dir einen Kinnhaken gibt, kĂŒhle dein Kinn und lass dich auf deinem Weg nicht beirren.
H Keuper-g /13.07.06

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!