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Leselupe.de > Humor und Satire
Spiderman
Eingestellt am 01. 10. 2004 15:58


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Tapir
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Registriert: Nov 2003

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Womit soll ein Mann sich heute Respekt verschaffen? Das Geld kommt aus dem Automaten, die Frauen haben FĂŒhrerscheine - manche fahren sogar Motorrad - und die Kinder bedienen den Computer besser als man selbst. Es ist schwierig geworden, zu beweisen, was fĂŒr ein Kerl in einem steckt. Also muß man die wenigen Gelegenheiten, die sich dazu bieten, konsequent nutzen.
Wie jetzt, wenn die kĂ€ltere Jahreszeit kommt. Da passiert es oft, daß ich plötzlich meine Frau in heller Panik meinen Namen rufen höre - oder eines der Kinder stĂ¶ĂŸt erst einen Schreckensschrei aus und ruft dann so laut es kann: "Papa!". Jeder andere wĂŒrde wohl alles stehen und liegen lassen. WĂŒrde vom nackten Entsetzen der Stimmen alarmiert - auf einen fĂŒrchterlichen Anblick vorbereitet - in Richtung des Rufs stĂŒrmen. Jeder andere – aber ich nicht! Denn ich weiß, daß dann meine Stunde gekommen ist.
Ich antworte nicht sofort, sondern gehe ĂŒberlegen lĂ€chelnd in die KĂŒche und bewaffne mich. Aus dem HĂ€ngeschrank hole ich ein Glas - am besten sind ehemalige SenfglĂ€ser - und pflĂŒcke mir im Korridor eine Postkarte von der Pinnwand.
"Wo bleibst du denn?", schallt es mir in heller Aufregung entgegen.
"Bin schon unterwegs", antworte ich leicht genervt. Es macht mir Spaß, sie ein bißchen zappeln zu lassen.
Der Schrei kam diesmal von oben. Also gehe ich - Glas und Postkarte in der Hand - die Treppe hinauf und werde von zwei sich Ă€ngstlich an die Wand drĂŒckenden Kindern erwartet. Meine Frau steht zwar schĂŒtzend vor ihnen, ist aber auch nur noch in der Lage, ihren Arm zu heben, um mit dem Zeigefinger auf die Ursache des Schreckens zu deuten.
Mein Blick fÀllt auf eine schwarze Spinne, die regungslos - wahrscheinlich erstarrt von den spitzen Schreien - im Winkel zwischen Wand und Decke sitzt. Ein recht stattliches Exemplar, aber kein Vergleich zu denen, die ich schon aus unserer Badewanne geholt habe.
Ich weiß, was ich tun muß. Denn ich bin bei uns der „Spiderman“, der die Spinnen nicht nur beseitigt, sondern sich auch todesmutig alleine in den Keller zu den GetrĂ€nkekĂ€sten traut, in die Garage zu den GartengerĂ€ten und der sogar mit der Hand in die Gummistiefel faßt, die dort seit Monaten unbenutzt herumstehen.
"Stuhl!" sage ich.
Der knappe, prĂ€zise Befehl reicht völlig aus - sofort flitzt jemand los, mir einen Stuhl zu besorgen. Ich steige auf, fixiere die Spinne mit meinem Blick und setze dann entschlossenen das Glas mit der Öffnung genau ĂŒber das Untier - begleitet von einem mĂŒhsam unterdrĂŒckten Schreckenslaut meiner Zuschauer. Plötzlich merkt die Spinne, was gespielt wird. In dem Augenblick, in dem das Glas die Wand berĂŒhrt, erwacht sie aus ihrer verharrenden Pose und lĂ€uft hektisch hin und her - die GlaswĂ€nde entlang, auf den Boden des Glases und wieder zurĂŒck. Langsam schiebe ich die Postkarte unter das Glas, nehme dann beides von der Wand und prĂ€sentiere meinem staunendem Publikum, das sich erst zögerlich, dann aber doch neugierig nĂ€hert, meine TrophĂ€e.
Man schwankt offenbar zwischen Bewunderung fĂŒr meine Unerschrockenheit und Ekel vor dem immer noch herumzappelnden Monster. Ich steige vom Stuhl und gehe mit der Spinne im Glas die Treppe hinunter zur EingangstĂŒr. Langsam weicht die Spannung. Erleichterung macht sich breit.
"Öffnen!"
Bereitwillig wird die HaustĂŒr geöffnet. Ich trete nach draußen, nehme die Postkarte vom Glas und schleudere das Untier zurĂŒck in die Natur.
„Bis zum nĂ€chsten Mal,“ flĂŒstere ich ihm hinterher. Denn - wenn mich Farbe, GrĂ¶ĂŸe und die Zeichnung des Panzers nicht getĂ€uscht haben - hatte ich mit dieser hier schon mindestens drei Mal das VergnĂŒgen.
Ich töte die Spinnen nicht. Denn, ganz im Vertrauen: ich habe einen Deal mit ihnen. Ich lasse ihnen die Chance, auf irgendeinem Weg wieder ins Haus zu kommen - dafĂŒr helfen sie mir bei der Demonstration meiner Unersetzlichkeit.
Ich liebe diese Jahreszeit!

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