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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spiegelzeichen
Eingestellt am 04. 01. 2003 12:51


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para_dalis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2002

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sPiEgeLzEicHeN
.

Ich zeichnete heute morgen Spiegel.

Ich atmete den Geruch der vergangenen Liebesnacht auf meiner Haut, in meinem Haar und auf meinen Lippen.

Und ich war glĂŒcklich, endlich erwacht zu sein.
Denn in meinen TrÀumen verfolgte ich einen Mörder, fasste ihn und er erzÀhlte mir, wie er sein Opfer tötete.
Der Mörder aus meinen TrĂ€umen, ja, glauben Sie es ruhig, ich trĂ€umte es wirklich, war ein winziges MĂ€nnchen, mager, die Rippen hervorstechend und sein Bauch wie nach innen gestĂŒlpt. Seine Haut war faltig, er hatte einen kleinen, alten Kopf. Er war nur halb so groß wie sein Opfer, welches er auf eine besonders gemeine Art und Weise erledigte. Sein Opfer war eine Frau, die an der Perversion einer, seiner oralen Befriedigung erstickte. Sie wehrte sich nicht, als er sie tötete. Sie wehrte sich nicht. Sie hĂ€tte nach ihm greifen und ihn verletzen können, sie hĂ€tte ihre ZĂ€hne in sein orales Fleisch schlagen können. Sie wehrte sich nicht. Ich verstand nicht, wieso sie sich nicht wehrte. Sie war doppelt so groß wie er. Er war mager, sie krĂ€ftig. Sie wehrte sich nicht.
Man fand ihre Leiche in einem TĂŒmpel. Mit offenem Mund. Alle jagten den Mörder, ich fasste ihn. Ich versteckte ihn in meinem Haus. Ich verriegelte die TĂŒr und verhĂ€ngte alle Fenster. Ich wollte in Erfahrung bringen, ich wollte genau wissen, ich wollte nachvollziehen können, ich wollte den Mord erleben, den der Mörder seinem Opfer angetan hatte. Eine weitere Person, ich weiß nicht mehr, meine Freundin? Mein Freund? durfte neben der Liegestatt sitzen, worauf ich den Mörder bettete. Diese andere Person sollte Zeugin sein, sollte das Geschehen mit verfolgen. Durch die Hetzjagd war der Mörder geschwĂ€cht. Ein kleines MĂ€nnchen, halb so groß, halb so stark wie sein Opfer. Er begann zu erzĂ€hlen. Er erzĂ€hlte, er raubte dem Opfer das Bewusstsein. Das Bewusstsein des Opfers weilte wĂ€hrend der Tat nicht im Körper des Opfers. Die Augen des Opfers weit geöffnet und ohne den Willen sich zu wehren. Tötete der Mörder sein Opfer. Fragen Sie mich nicht. Bitte fragen Sie mich nicht, wieso das Opfer bei Bewusstsein war. Und doch auch wieder nicht. Das Opfer erlebte, wie es getötet wurde. Und ließ es geschehen. Und wehrte sich nicht.
Es war ein Hohlraum, in dem der Mörder seine orale Lust zu befriedigen suchte.
Ein Hohlraum, mit ZÀhnen ausgestattet. ZÀhne, die sich nicht in das orale Fleisch des Mörders schlugen. Ein Hohlraum.
Kein Hirn. Keine Empfindungen. Keine ZĂ€hne. Keine Kraft.
Der Mörder sah sein Opfer und erkannte die Möglichkeit. Er setzte das Bewusstsein, die Empfindungen, das Denken außer Kraft. Er stahl wĂ€hrend seiner grausigen Tat die Seele seines Opfers. Es war ein Leichtes fĂŒr ihn, sein Opfer zu ersticken.
Es wehrte sich nicht.
Es hatte kein Bewusstsein.
Es hatte keinen Willen.
Es hatte keine Kraft.
Es hatte kein Hirn.
Es hatte
NICHTS.
Es öffnete seinen Mund und ließ die grausige Tat geschehen. Ich hörte die Schilderung des Mörders. Ich hörte seine Worte. Ich sah dieses kleine MĂ€nnchen wortlos an. Ich sah die hervorstechenden Rippen unter seinem Synthetikpullover. Ich sah den nach innen gezogenen Bauch. Ich sah dĂŒnne Beinchen auf der Liegestatt. Ich wĂŒrde das Sofa wegwerfen. Ich wĂŒrde das Haus abbrennen. Ich wĂŒrde ihn töten. Ich schlug ohne Bewusstsein in sein hageres Gesicht. Ich schlug ohne Bewusstsein in seinen Magen. Ich schlug ohne Bewusstsein auf sein orales Fleisch. Ich schlug und schlug und schlug. Er war ohne Bewusstsein. Er war tot.
Kennen Sie das GefĂŒhl, etwas unwiderrufliches, unwiederbringliches getan zu haben? Etwas getan zu haben, was nicht zu verhindern gewesen wĂ€re? Etwas getan zu haben, ohne Reue zu empfinden? Ich empfand keine Reue. Der Mörder war er. Er tötete das Opfer. Er raubte dem Opfer das Bewusstsein, machte es hilflos und schwach.
Ich lauschte seinen Worten. Und tötete ihn bei vollem Bewusstsein.
Dann erwachte ich, betrat das Bad meines Freundes und malte Spiegelzeichen.


Spiegelzeichen.


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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

grausig irgendwie.

also, was mir aufgefallen ist, dass die zeiten ein bisschen durcheinanderkommen. das, was der mörder erzÀhlt, was er mit seinem opfer gemacht hat, gehört in die gute alte vorvergangenheit.
ja, und der geruch der liebesnacht, vermischt mit dem geruch des todes, der schreckt mich schon ab. und dass da nach dem traum die distanzierung davon nur stattfindet, indem er spiegel malt. ein bisschen kommt es so rĂŒber, als hĂ€tte man das recht, mörder zu töten.

und mit dem begriff "orales fleisch" fĂŒr den schwanz, da kann ich auch nix anfangen.

trotz all dieser kritik ist es dir gelungen, zu fesseln, wenn auch auf eine sehr abstoßende art.

die kaffeehausintellektuelle

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para_dalis
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@Barbara

...wer ohne SĂŒnde ist, der werfe den ersten Stein...

Weißt Du,
man kann natĂŒrlich alles "auseinanderpflĂŒcken".
Man kann natĂŒrlich auf genaue Regeln achten.
Man kann
aber
man muss nicht.

Und mir kam es auf die Emotionen an,
auf ein "Fesseln des Lesers".
Auch bin ich der Ansicht,
ein wenig Fantasie kann ruhig jeder Leser selbst entwickeln.
Was könnte beispielsweise im Spiegel zu sehen sein?
Danke fĂŒr Deinen Kommentar.
Gruß
Heike

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Zefira
???
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Ich finde es durchaus fesselnd - vieleicht weil ich solche TrÀume auch öfter mal habe. Trotzdem stört mich der Widerspruch

>Ich wĂŒrde das Haus abbrennen. Ich wĂŒrde ihn töten. Ich schlug ohne Bewusstsein in sein hageres Gesicht. Ich schlug ohne Bewusstsein in seinen Magen.<
usw. und dann unmittelbar darauf
>Ich lauschte seinen Worten. Und tötete ihn bei vollem Bewusstsein. <

Ein Ă€hnlich unklarer Umgang mit dem Begriff "Bewußtsein" findet sich auch schon weiter oben, als der Mörder den Mord schildert. NatĂŒrlich will und kann der Text nicht logisch sein, aber ich empfinde derart ins Auge springende Diskrepanzen als störend. Es scheint, als ob der Schreiberin hier einfach die treffenden Worte gefehlt haben.

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Andrea
???
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Du arbeitest sehr stark und sehr gut mit Wiederholungen, so daß sich die Gedanken beim Lesen richtig einfressen. Das ist sehr geschickt – und zwar auf sprachlicher Ebene. Aber ich will es jetzt nicht „auseinanderpflĂŒcken“, denn das magst du ja anscheinend nicht.. Trotzdem eine (auch oder gerade sprachlich) gute Arbeit.
Übrigens schließe ich mich Zefira an. Der Widerspruch mit und ohne Bewußtsein ist störend.

__________________
Andrea Rohmert

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para_dalis
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@Andrea

Nein Nein! Nicht falsch verstehen. Konstruktive Kritik muss natĂŒrlich sein. Und der Widerspruch... FĂŒr mich war es beim Schreiben keiner. Ich trĂ€umte so und hatte nur den Wunsch, es auf die Tastatur und von da auf den Monitor zu bringen. Es los zu werden. Mich davon zu befreien.
;o)
Gruß
Heike

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